Der erste Pürschgang

Textdaten
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Autor: Oskar von Riesenthal
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Titel: Der erste Pürschgang
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 392–394
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Der erste Pürschgang.

Von O. von Riesenthal.

Der Nordwest brauste von der See her über die Dünen, als wollte er jegliches Leben vom Strande wegfegen; er hatte offenbar seinen Aerger an drei Gestalten, welche im Küstensande dahinschritten und dem Sturme trotzten, er warf ihnen von Zeit zu Zeit einen so eindringlichen Sprühregen nach und die sich an den Dünen brechenden Wogen unterstützten seine Bosheit mit solchen Ladungen feuchten Dunstes, daß selbst die philosophische Anschauung unserer Wanderer: kein Regen dringe tiefer ein als bis auf die Haut, hinfällig zu werden schien, denn sie bogen in den einigermaßen schützenden Wald ein, und wenn dieser auch nicht der „schöne Wald“ sein mochte, „aufgebaut so hoch da droben“, sondern vielmehr ein recht ärmlicher, durch den Kampf mit den Elementargeistern arg heimgesuchter und verschobener Kiefernwald war, so gewährte er doch immerhin anerkennenswerthen Schutz; die drei Gestalten athmeten sichtlich auf und nahmen ein behaglicheres Tempo an.

Es waren zwei junge Waidmänner in dem köstlichen Alter, welches die Sorgen noch kaum kennt, und ein alter verwitterter Hund, der aber so selbstbewußt zwischen ihnen einherschritt, als zweifelte er keinen Augenblick an seiner Ebenbürtigkeit mit den neben ihm Gehenden.

„Wohin wollen wir eigentlich?“ fragte der Eine, indem er stehen blieb, „der Abend bricht herein, und wir haben drei Stunden nach Hause.“

„Nach der Pürschhütte!“ bedeutete der Andere, „wir trocknen uns dort und bleiben daselbst über Nacht. Ich wenigstens danke bestens, bei solchem Hundewetter in stockfinsterer Octobernacht ohne Noth durch den Wald zu tappen, wenn ich ein anderes Obdach haben kann, wir können dann morgen früh gleich weiter unser Heil auf den capitalen Vierzehner, den gewaltigen Burschen drüben im Rohrbruch, versuchen.“

So ging es denn rasch vorwärts, der Pürschhütte zu. Ordentlich melodisch kreischte nach einer Weile der Schlüssel im verrosteten Schloß, und war es auch nur Kiengeruch, der die Eintretenden empfing – er duftete ihnen sicher köstlicher als Ambra, denn er verhieß ihnen ein sicheres, schützendes Obdach gegen die Tücken des draußeu tobenden Boreas.

Die Pürschhütte war ausschließlich für das Forst- und Jagdpersonal des sehr ausgedehnten Reviers erbaut und bot die Bequemlichkeiten, welche dem Jünger Sylvan’s und Dianens nach rechtschaffenem Tagewerk genügen: ein Lager auf weichem, trockenem Moos, einen Herd, einige Decken, Pantoffeln, die nothwendigen Vorräthe an Kien, Holz, Speck, Rum, Zucker, die nöthigen Gläser, Kasserole, Teller, und was sonst dazu gehört, das irdische Jammerthal erträglich zu machen.

Lustig flackerte das Feuer, die alte Wetterfahne auf dem Dach kreischte förmlich vor Vergnügen über die unterbrochene Einsamkeit, und der alte Hund saß halb träumend da, behaglich die Nase dem Feuer entgegenstreckend, oder dem Duft des bratenden Specks – wußte er doch, daß ihm sein Antheil davon sicher war. Er war ein ausgezeichneter Schweißhund, der alte Söllmann, weit und breit in Ehren genannt und bekannt; er hätte auf einer Hunde-Ausstellung zwar wohl schwerlich den ersten Preis errungen, denn es fehlten ihm verschiedene Schönheitspoints, aber was zu leisten war, das leistete er; freilich wußte er das auch und ließ sich kein Titelchen von seinem Rechte nehmen; er hatte seinen herkömmlichen Platz am Feuer, die Decke, die dort am Nagel hing, gehörte ihm, und da verschiedene deutliche Blicke auf dieselbe und einige Drehungen im Kreise mit verdrießlichem Knurren nicht zum Ziele führten, so schritt er gravitätisch zu seinem Herrn und stieß ihn mit der Nase an.

„Was will der Alte?“ fragte dessen Begleiter.

„Ach, ich weiß schon,“ erwiderte dieser, „na, Alter, sei gut; ich dachte nicht gleich daran,“ begütigte er das Thier und breitete ihm die Decke an seinem Platze aus, auf welche sich der alte Hund befriedigt und tief aufathmend streckte.

Das einfache Mahl war verzehrt, und ein heißer Grog dampfte im Verein mit dem nicotianischen Kraut.

„Was musterst Du da an Deiner Büchsflinte?“ unterbrach der Eine das Schweigen, „sie ist ja nachgerade genug abgewischt, und knüpfen sich besondere Ereignisse an sie, so schieß’ los! Wir haben Zeit und Muße genug zu einer kleinen Geschichte, und waltet der Humor in ihr, dann desto besser, aber lüge nicht allzusehr!“

„Was mich jetzt in der Erinnerung beschäftigt, will ich Dir gern erzählen; an Münchhausen wird es Dich schwerlich erinnern, und den Humor magst Du selbst herausfinden! Also aufgepaßt! Diese Büchsflinte ist das erste Kugelgewehr, welches ich in die Hand bekam; mit ihr machte ich meinen ersten Pürschgang auf Hochwild, und der erste Schuß auf dasselbe ist es, weicher sich mir unvergeßlich eingeprägt hat. Du kannst Dir denken, wie das ausgezeichnet schöne Gewehr mich zu einem Schuß auf Wild reizte, nachdem ich mich auf der Scheibe genügend von seiner Vorzüglichkeit wie von meiner eigenen Geschicklichkeit überzeugt hatte; aber die Gelegenheit wollte und wollte nicht kommen, bis ich endlich die Erlaubniß erhielt, in dem Gräflich X’schen Thiergarten einen Hirsch oder Spießer zu schießen, der gerade gebraucht wurde; ich sollte mich beim Parkförster melden, um dessen Anweisungen nachzukommen.“

„Ein mäßiges Vergnügen solcher Pürschgang auf Parkwild, besonders in so kleinem Thiergarten! Das Wild ist in solchem zu vertraut.“

„Ganz richtig! Heute gehe ich auch nicht mehr nach solcher Beute aus, aber wie gesagt, der Jagdteufel hatte mich damals am Ohr, und ich suchte eiligst die Bekanntschaft des Parkförsters, um ihm mein Glück zu verkünden. Er hörte mich mit säuerlicher

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Die Gartenlaube (1882) b 393.jpg

Der Parkförster.
Originalzeichnung von O. Vollrath.

Miene an; ja es lag offenbar etwas Geringschätzendes in ihr, was mich hätte verletzen können, wenn mir eben nicht daran gelegen gewesen wäre, ihm die gute Laune thunlichst zu erhalten.

,So so, na, sehen Sie ’mal, also ein Stück Wild wollen Sie hier im Parke schießen?!‘ sagte der Parkförster, ,na ja – es ist ein geringer Hirsch oder Spießer abzuschießen; den können Sie genießen, ein paar Tage aber müssen Sie sich noch gedulden; denn jetzt gleich wird er nicht gebraucht und bei dem warmen Wetter kann er nicht aufbewahrt werden; ich werde Ihnen Ordre schicken; rüsten und stärken Sie sich inzwischen zu diesem Jagdzuge!‘ Sprach’s und verschwand.

Bald kam die Ordre, und ich stürmte hinaus; der Förster, hieß es, sei draußen im Parke; ich möchte ihm nur nachkommen, würde ihn schon finden. Ich weiß nicht, was mich wiederholt so verdroß; der Alte machte ja überhaupt, wie allgemein bekannt, wenig Umstände, aber diese Behandlung war mir denn doch über den Spaß, und übrigens, dachte ich, was geht mich der alte Sauertopf an? Ich habe die Erlaubniß von seiner Herrschaft, [394] nicht von ihm; was habe ich ihm nachzulaufen?! – sowie ich an Wild herankomme, schieße ich; er wird mich dann leichter finden, als ich ihn in diesem Buschwerke.

Ich pürschte also gleich quer durch und spähte umher, traf auch hier und da einige Stück Wild, aber keinen geringen Hirsch oder Spießer, doch endlich, dicht am Zaune – was steht da? – das muß ja ein Spießer sein; ich sah deutlich vor dem Gehörne die Kolben – er stand mir schräg von hinten und, wie es mir schien, neben einem Baumstumpf, mit dem er sich beschäftigte und den ich durch das Buschwerk nicht näher erkennen konnte. Soll ich? ‚Thue es nicht,‘ sagte zwar in mir eine Stimme – indessen, Zeit war nicht zu verlieren; mir fing das Herz an unruhig zu schlagen – ich zielte kurz und machte Dampf.

Freund – mir war, als erstarrte ich zur Bildsäule, kaum hat es geknallt, so nimmt mein Spießer einen tollen Satz, ich sehe noch ein anderes Stück Wild – ein Hund stimmt ein fürchterliches Wuthgeheul an, und an Stelle des Baumstumpfes sehe ich zwei kolossale Stiefel sich in die Luft strecken. Doch bald änderte sich die Scene; die Stiefel faßten Boden, und eine breite Gestalt, den Hund am Riemen, stürmte mit geballter Faust auf mich ein. Ich stand blaß und wortlos vor Schreck da – der Parkförster – denn das war der Heranstürmende – fuhr mich, kirschroth und sprachlos vor Wuth, heftig an:

‚Herr, Sie soll ja gleich ein Himmeldonnerwetter neun und neunzig Mal holen – was haben Sie hier auf mich zu schießen? Konnten Sie mich nicht sehen?‘

‚Nein!‘ erwiderte ich mit tonloser Stimme; ‚ich habe den Spießer deutlich erkannt, aber Sie für einen Baumstumpf gehalten, wie kann ich denken, daß Wild so vertraut neben dem Jäger steht? Nehmen Sie es nicht übel – es ist ja nach gut abgelaufen.‘

Der gutmüthig angelegte Alte ließ sich durch meine Leidensgestalt besänftigen, und ich hörte nun, daß das Wild, durch den Schuß erschreckt, ihn angerannt und der am Riemen heftig reißende Hund ihn zu Falle gebracht hatte; wir gingen an die Unglücksstätte zurück, wo wir die dicht über den Kopf des Spießers hinweg gesauste Kugel in der Planke fanden und der Alte sich überzeugte, daß nach Lage der Sache meine Unvorsichtigkeit, wenn auch nicht zu entschuldigen, so doch in Berücksichtigung meiner Jugend milder zu beurtheilen war.

‚Aber, wenn es erlaubt ist zu fragen, was that das Wild bei Ihnen, oder umgekehrt?‘

‚Na, ich fütterte es aus meiner Tasche, habe immer einige kleine Leckerbissen für meine bevorzugten Günstlinge bei mir, die ich dadurch ganz besonders vertraut mache; – armer Kaspar und meine Lise – die krieg’ ich für’s erste gar nicht wieder heran; sie werden noch lange diesen Schreck im Kopfe behalten.‘

Wir schritten weiter und fanden bald das gesuchte Wild; auch dieses kannte den Alten sehr gut und hatte Lust heranzukommen, machte wenigstens keine Anstalten zur Flucht.

‚Den Spießer da hinten können Sie schießen,‘ bedeutete mich der Alte.

‚Ich danke bestens für solche Jagd!‘

‚Warum denn?‘ fragte er überrascht.

‚Ebenso gut können Sie mir anbieten, einen Hammel aus irgend welcher Heerde zu schießen – ich finde kein Vergnügen daran!‘

Der Alte sah mich plötzlich mit anderen Augen an.

‚So, so,‘ meinte er; ‚in Ihnen steckt mehr Jägerblut, als ich glaubte; nun, ich werde Ihnen zu einem anderen Schusse verhelfen, aber, junger Herr, die Hand darauf: niemals auf etwas schießen, was man mitsammt seiner nächsten Umgebung nicht genau erkannt hat – es konnte anders kommen.‘

Ich hielt Wort und er auch.

Meine Frage, ob er das Wild abschösse, verneinte er kurz; nur im Nothfalle thäte er es; sonst hätte er immer Liebhaber dafür aus der nahen Residenz an der Hand, die dann mit einer Jagdausrüstung anrückten, als gälte es einem Bär; auch Damen betheiligten sich mitunter daran und suchten eine Ehre darin, in der Zeitung als schneidige Jägerinnen gefeiert und mit ‚Waidmannsheil‘ bedacht zu werden. So, Freund, das ist die Geschichte von meinem Pürschgang auf Hochwild. Du hast sie gehört – und nun gute Nacht, mein Junge!“

Die beiden müden Jägersleute in der Pürschhütte, die sich auf der weichen Pritsche in ihre Decken gehüllt hatten, wechselten nicht mehr viele Worte. Das Feuer auf dem Herde sank nieder; der alte Söllmann schnarchte, lang ausgestreckt, auf seinem Lager, und bald wurde es still in der Hütte – draußen aber brauste der Wind, schlug der Regen gegen die Scheiben und kreischte die alte Wetterfahne.