Der alte und der junge Napoleon

Textdaten
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Titel: Der alte und der junge Napoleon
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aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 340–341
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[340] Der alte und der junge Napoleon. Das rasche Aufsteigen des napoleon’schen Glückssterns hat verschiedenerlei Schriften hervorgerufen, welche das frühere Leben des gegenwärtigen Kaisers der Franzosen bis in seine zarteste Kindheit zurück zum Gegenstande haben. Der Verfasser der Briefe aus London erzählt so unter Anderm als Augenzeuge die Scene, wie der große Kaiser nach der ersten Abdankung zu seiner geliebten Stieftochter Hortense, der Mutter Ludwig Napoleon’s kam, um ihr und seinem kleinen Neffen Lebewohl zu sagen. Man konnte den Knaben kaum von dem geliebten Oheim trennen. Er klammerte sich an ihn an, weinte bitterlich und schrie in einem fort: er wolle gehen und mit Kanonen gegen die Feinde des Oheims ziehen. „Der Kaiser,“ heißt es in unserer Quelle weiter, „schien traurig und nachdenklich, obgleich seine Stimme, wie gewöhnlich, rasch und scharf accentuirt war. Ich hörte mit der größten Aufmerksamkeit auf Alles, was er mir sagte; da sah ich mich zufällig um und gewahrte, daß die Thüre, durch welche der Kaiser gekommen, offen gebliehen war. Ich machte einen Schritt, um sie zu schließen, als ich plötzlich ein Kind ins Zimmer schlüpfen und dem Kaiser sich nähern sah. Es war ein reizender Knabe von 7 bis 8 Jahren, mit blonden Haaren und blauen ausdrucksvollen Augen. Sein Gesicht trug den Ausdruck des Schmerzgefühls, sein ganzes Benehmen verrieth eine heftige Gemüthsbewegung, die er zu verbergen suchte. Als sich das Kind dem Kaiser genähert hatte, kniete es vor ihn hin, legte sein Haupt auf seine Kniee und weinte bitterlich. Was ist Dir, Ludwig? sagte der Kaiser mit einer Stimme, welche deutlich anzeigte, daß diese Unterbrechung ihm ungelegen kam – was kommst Du hierher und was weinst Du? Sire, antwortete der Kleine, meine Gouvernante sagte mir so eben, daß Sie in den Krieg ziehen und abreisen werden. Oh, gehen Sie nicht fort, gehen Sie nicht fort! Aber weshalb willst Du, daß ich nicht fortgehe, entgegnete der Kaiser mit sanfterer Stimme, warum willst Du nicht, daß ich fortgehe, mein Kind? Mit diesen Worten nahm der Kaiser den Kopf seines Lieblings in die Hand und streichelte seine Haare. Es ist nicht das erste Mal, sprach er weiter, daß ich in den Krieg ziehe – warum betrübst Du Dich? fürchte Nichts, ich werde bald wieder zurückkommen. Oh, sagte der Knabe immer weinend, ach mein lieber Onkel, ich weine, weil diese bösen Alliirten Sie tödten wollen; ach lassen Sie mich mitziehen, mein Onkel! Der Kaiser antwortete nicht; die Liebe des Kindes bewegte ihn im Innersten. Er nahm den Knaben zwischen seine Kniee, schloß ihn in seine Arme und drückte ihn heftig an sich. – Bewegt von dieser rührenden Scene verfiel ich in Gedanken, ich weiß selbst nicht mehr, in welche – nur so viel weiß ich, daß ich die Thorheit beging und von dem König von Rom sprach, der damals schon ein Gefangener Oesterreichs war. Ach! rief der Kaiser aus, wann werde ich ihn wiedersehen? Der Kaiser war tiefbewegt, denn er schien zu ahnen, daß eine grausame [341] und herzlose Politik, gegen welche er zeitlebens kämpfte, um an ihre Stelle die Gewalt des Genie’s als Herrscherin der Welt einzusetzen, ihn besiegen und sein Kind auf immer vom Vaterherzen reißen werde. Aber bald gewann seine Stimme wieder eine Festigkeit! er rief laut: Hortense, Hortense! und sagte zu der Herbeieilenden: führen Sie meinen Neffen hinweg, und weisen Sie seine Gouvernante zurecht, daß sie nicht durch unbesonnene Rede die Empfindsamkeit dieses Knaben erregt. Er liebkosete noch einmal den Prinzen, suchte ihn durch sanfte Worte wieder zu beruhigen, und gab ihn dann seiner Mutter zurück. Als er sah, wie sehr ich ergriffen war, sagte er zu mir: umarmen Sie ihn – er hat ein gutes Herz und eine schöne Seele. Während ich den Knaben mit Küssen und Thränen bedeckte, fügte der Kaiser die denkwürdigen Worte hinzu: Ja, mein Lieber – er wird vielleicht die Hoffnung meines Geschlechts sein!

In wie weit der hier geschilderten Scene Glauben beizumessen ist, bleibe dahingestellt; einiger bescheidener Zweifel kann man sich aber, ohne auch gerade ein neuer Thomas zu sein, doch nicht ganz erwehren.