Der Zigeuner und der Teufel

Textdaten
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Autor: Fr. Richter
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Titel: Der Zigeuner und der Teufel
Untertitel:
aus: Lithauische Märchen II, in: Zeitschrift für Volkskunde, 1. Jahrgang, S. 192–193
Herausgeber: Edmund Veckenstedt
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Alfred Dörffel
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google-USA*, Commons
Kurzbeschreibung:
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3. Der Zigeuner und der Teufel.

In einem grossen tiefen See hielt sich der Teufel auf; viele Menschen waren ihm bereits zum Opfer gefallen. Der König des Landes sorgte um das Leben seiner Unterthanen und sann vergeblich auf Mittel, den Teufel aus dem See zu vertreiben. Endlich liess er bekannt machen, dass derjenige, welcher dies fertig bringe, bei ihm in dem Königsschlosse wohnen und täglich mit ihm speisen solle. Nun versuchte zwar mancher sein Heil, den Teufel zu beschwören, allein dieser kümmerte sich um solches Thun und Treiben nicht, sondern hielt sich nach wie vor im See auf und forderte ein Opfer nach dem andern.

Da liess sich eines Tages ein Zigeuner bei dem König melden und erklärte diesem, er sei bereit, es mit dem Teufel aufzunehmen. „Gut“, erwiderte der König, „wenn du das fertig bringst, so werde ich mein Wort halten.“ Der König hoffte aber, der Zigeuner werde kein Glück haben, denn angenehm war ihm der Gedanke nicht, täglich einen Zigeuner am Tisch zu sehen.

Der Zigeuner machte sich auf, führte sein kleines Pferd am Zaume hinter sich her, bis er zum See kam, dann legte er sich an den Rand desselben in das hohe Gras und wartete auf den Teufel. Dieser stieg auch bald aus dem See auf und warf sich auf den Zigeuner, um ihn zu fressen. „Gemach, mein Lieber“, sagte aber der Zigeuner mit der grössten Seelenruhe, „so schnell geht das nicht; erst wollen wir einmal unsere Kräfte versuchen. Wenn ich unterliege, so magst du mich fressen, wenn du mir aber nicht gewachsen bist, so verlässt du diesen See und hältst dich fortan wo anders auf.“

Der Teufel ging auf den Vorschlag ein. „Nun gut“, sagte der Zigeuner, „so trage mein Pferd zwischen den Beinen dreimal um den See herum.“ Das war eine schwierige Aufgabe für den Teufel, welcher niemals jemand hatte reiten sehen. Mühselig schleppte er sich, das Pferd zwischen den Beinen, um den See herum, dann aber hatte er genug und forderte den Zigeuner auf, es besser zu machen. Dieser bestieg sein Pferd und trabte dreimal lustig um den See herum. Der Teufel staunte über das, was er gesehen hatte, und forderte den Zigeuner auf, in seine Dienste zu treten. Der Zigeuner nahm das Anerbieten an und beide machten sich auf, da der Teufel nun doch einmal den See verlassen musste, in die Hölle hinabzufahren.

Hier sann der Teufel darauf, wie er den Zigeuner fange, denn er ärgerte sich nicht wenig, dass er diesem unterlegen war. Endlich fiel ihm [193] etwas ein, was der Zigeuner nach seiner Ansicht gewiss nicht leisten könnte. Laut aber sprach er: „Hole mir drei Fass Wasser aus dem See, aber du musst alle drei Fass mit einem Male bringen.“ „Wenn es weiter nichts ist“, sagte der Zigeuner, „das ist für mich eine Kleinigkeit.“ Aber bei sich dachte er, „Alle Wetter, das ist eine hässliche Geschichte.“ Doch bald wusste er sich zu helfen. Er begann mit aller Ruhe Stricke zu drehen. „Was machst du denn da“ fragte der Teufel. „Ich drehe Stricke, damit ich gleich den ganzen See herbeiziehen kann. Dann brauchst du nicht die drei Fässer und hast stets so viel Wasser, als du dir nur wünschen kannst.“ „Lieber, das lass nur bleiben“, sagte der Teufel, „meine Kinder sind blind, sie könnten in das Wasser geraten und darin ertrinken.“ Am andern Tage kam der Teufel wieder zu dem Zigeuner und sagte diesem: „Hole mir drei Eichen aus dem nächsten Walde.“ „Sogleich“, antwortete der Zigeuner, und wieder machte er sich daran, Stricke zu drehen. „Was treibst du da?“ fragte der Teufel. „Ich drehe mir nur Stricke,“ erwiderte der Zigeuner, „was soll ich mich erst mit drei Eichen schleppen, ich will lieber gleich den ganzen Wald herbeiziehen.“ „Nein, nein“, sagte der Teufel, „das lass lieber bleiben, meine Kinder sind blind, sie könnten über die Eichen fallen und sich das Genick brechen.“ Dem Teufel war die Sache mit dem Zigeuner nicht geheuer. Er wollte ihm lieber den Lohn geben und ziehen lassen, als noch länger den gefährlichen Knecht in der Hölle zu haben. „Gut“, sagte der Zigeuner, „aber bevor du mir den Lohn giebst, lass mir eine gute Suppe kochen, ich bin nun schon so lange bei dir und du hast mir auch nicht einen Löffel Suppe gereicht. Aber lass nicht zu wenig kochen.“

Der Teufel liess einen ganzen Kessel voll Suppe kochen und dem Zigeuner bringen. Dieser hatte aber heimlich ein Loch gegraben und sich darauf gesetzt. Er setzte den Kessel an die Lippen und schlürfte behaglich die Suppe, sobald aber der Teufel den Rücken gewandt hatte, goss er die Suppe in das Loch und schrie: „Was ist das? Der Kessel ist leer, noch nicht einmal an Suppe giebt es hier soviel als man begehrt. Lass nur mehr kochen.“ Und richtig, die Teufel mussten drei Kessel Suppe kochen, welche der Zigeuner alsobald verschwinden liess.

Nun wurde aber der Teufel ungeduldig, noch immer solchen Gast in der Hölle zu haben. „Gut“, sagte der Zigeuner, „ich gehe schon, aber du musst mich selbst auf die Oberwelt bringen.“ Dem Teufel blieb nichts übrig, als den gewünschten Dienst zu leisten.

Der Zigeuner ging darauf zum König. Dieser hatte keine Neigung, den Zigeuner als täglichen Tischgast bei sich zu sehen und bot ihm eine grosse Abfindungssumme an, welche der Zigeuner auch nahm. Allein bald reute es den König, sein Wort nicht gehalten zu haben, da doch der Zigeuner das Land von der Anwesenheit des Teufels befreit hatte. Er befahl, dass man den Zigeuner wieder herbeihole, liess demselben das Geld und behielt ihn bei sich. Der Zigeuner aber hatte es fortan besser als der König selbst, denn er hatte keine Sorge, wohnte im Schlosse, ass an der königlichen Tafel und hatte so viel Geld, dass er gar nicht damit fertig wurde, soviel er auch ausgab.