Der Teufel mit den drei goldenen Haaren (1819)

Textdaten
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Autor: Brüder Grimm
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Titel: Der Teufel mit den drei goldenen Haaren
Untertitel:
aus: Kinder- und Haus-Märchen Band 1, Große Ausgabe.
S. 148-155
Herausgeber:
Auflage: 2. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1819
Verlag: G. Reimer
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
seit 1812: KHM 29
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Begriffsklärung Andere Ausgaben unter diesem Titel siehe unter: Der Teufel mit den drei goldenen Haaren.


[148]
29.

Der Teufel mit den drei goldenen Haaren.

Es war eine arme Frau, die gebar ein Söhnlein, das hatte eine Glückshaut um, wie es zur Welt kam. Da ward ihm geweissagt, daß es im vierzehnten Jahr die Königstochter zur Frau haben würde. Es geschah aber, daß der König unerkannt nach wenig Tagen durch das Dorf kam und fragte, was es neues gäbe? „Ei, antworteten die Leute, es ist ein Kind mit einer Glückshaut geboren worden, das soll des Königs Tochter im vierzehnten Jahr zur Frau haben.“ Dem König gefiel das nicht, ging zu den armen Eltern und fragte, ob sie ihm das Kind nicht verkaufen wollten. Nein, sprachen sie; doch weil ihnen der fremde Mann so zusetzte und schweres Gold bot, sie aber kein Brot zu essen hatten, so willigten sie endlich ein und dachten, es ist ein Glückskind, dem kanns doch nicht fehlen.

Der König nahm das Kind, legte es in eine Schachtel und ritt dann mit ihm fort; als er aber zu einem tiefen Wasser kam, warf er es hinein und dachte, nun wird es nicht der Mann meiner Tochter werden. Die Schachtel schwamm fort und durch Gottes [149] Gnade geschah es, daß kein Tröpfchen Wasser hinein kam. Sie schwamm fort, bis zwei Meilen von des Königs Hauptstadt, da blieb sie bei einer Mühle an dem Wehr hängen. Ein Mahlbursche sah die Schachtel, nahm einen großen Hacken und zog sie herbei und weil sie so schwer war, meinte er, es läge Geld darin, aber als er sie aufmachte, lag ein kleiner, schöner Junge darin und frisch und lebendig. Die Müllersleute hatten keine Kinder, waren froh über das Gefundene und sprachen: „Gott hat es uns bescheert.“ Also pflegten sie es wohl und zogen es in allen Tugenden groß.

Als etwa dreizehn Jahre herum waren, kam der König zufällig in die Mühle und fragte die Müllersleute, ob das ihr Sohn wäre? „Nein, antworteten sie, der Mahlbursch hat ihn gefunden in einer Schachtel, die ans Wehr geschwommen ist.“ „Wie lang ist das schon geschehen?“ fragte der König weiter. „Vor etwa dreizehn Jahren.“ „Das ist ja recht schön, sprach der König, mein, kann mir der Jung nicht einen Brief an die Frau Königin forttragen? es wär mir ein großer Gefallen und ich will ihm zwei Goldstücke dafür geben.“ „Wie der Herr König gebietet“ sprach der Müller, der König aber, der wohl merkte, daß es das Glückskind war, schrieb einen Brief an die Königin, darin stand: „sobald dieser Knabe mit dem Schreiben angelangt ist, soll er getödtet und begraben werden, und alles soll geschehen sein, eh ich komme.“

Mit diesem Brief ging der Knabe fort, verirrte sich aber und kam Abends in einen großen Wald. Wie es ganz dunkel war, sah er darin ein Licht, auf das er zuging und das ihn zu einem kleinen Häuschen führte. Es war niemand darin, als eine alte [150] Frau, die erschrak, als sie ihn herein treten sah und sprach: „wo kommst du her und wo willst du hin?“ „Zu der Frau Königin, der soll ich einen Brief bringen, ich habe mich verirrt und wollte gern hier übernachten.“ „Du armer Junge, sprach die Frau, du bist hier in ein Räuberhaus gerathen, wenn sie heimkommen, bringen sie dich um.“ „Ich bin so müd, daß ich nicht weiter kann,“ antwortete er, legte den Brief auf den Tisch, dann streckte er sich auf eine Bank und schlief ein. Als die Räuber kamen und ihn sahen, fragten sie, was das für ein fremder Knabe wäre? „Aus Barmherzigkeit hab ich ihn geherbergt, sprach die Alte, er soll der Königin einen Brief bringen und hat sich verirrt.“ Die Räuber nahmen den Brief und brachen ihn auf und lasen darin, daß der Knabe sollte ermordet werden. Da zerriß ihn der Anführer und schrieb einen andern, darin stand, sobald der Knabe käm, sollt er mit der Königstochter vermählt werden. Sie ließen den Knaben schlafen bis zum andern Morgen, da gaben sie ihm den Brief und zeigten ihm den rechten Weg, auf dem er zur Königin gelangte. Als sie den Brief gelesen, ließ sie gleich die Hochzeit anstellen und weil das Glückskind schön war, nahm ihn das Königsfräulein gern zum Mann und sie lebten vergnügt miteinander.

Nach einiger Zeit kam der König wieder nach Haus und als er sah, daß die Weissagung erfüllt und das Glückskind mit seiner Tochter verheirathet war, erschrack er und sprach: „wie ist das zugegangen? was hab ich in den Brief geschrieben?“ „Lieber Mann, sagte die Königin, hier ist dein Brief, lies selber, was darin steht.“ Der König las und sah wohl, daß der Brief vertauscht [151] war und fragte den Jüngling, wie es mit dem Schreiben, das er ihm anvertraut, zugegangen wäre? „Ich weiß von nichts, antwortete er, es müßte in der Nacht geschehen sein, als ich geschlafen habe.“ Der König aber war zornig und sprach: „nein, so soll es nicht gehen, wer meine Tochter will haben, muß mir aus der Hölle drei goldne Haare von des Teufels Haupt holen; bringst du mir die, so sollst du meine Tochter behalten.“ „Die will ich schon holen,“ sprach das Glückskind! nahm Abschied von seiner Frau und zog fort.

Nun kam er vor eine große Stadt, da fragte ihn der Wächter vor dem Thor, was er für ein Gewerb verstehe und was er wisse? „Ich weiß alles,“ gab er zur Antwort. „So kannst du uns einen Gefallen thun und sagen, warum unser Marktbrunnen, der sonst Wein quoll, jetzt nicht einmal Wasser quillt; wir wollen dir zwei Esel mit Gold dafür geben.“ „Recht gern, antwortete er, wenn ich wiederkomme.“ Da ging er weiter und kam vor eine andere Stadt, deren Wächter fragte auch: „was für ein Gewerb verstehst du und was weißt du?“ „Ich weiß alles“ antwortete er. So kannst du uns einen Gefallen thun und sagen, warum ein Baum, der sonst goldne Aepfel trug, jetzt nicht einmal Blätter hervortreibt?“ „Recht gern, antwortete er, wann ich wiederkomme.“ Da ging er weiter und kam an ein groß Wasser, über das er hinüber mußte. Der Schiffmann fragte ihn: „was für ein Gewerb verstehst du und was weißt du?“ „Ich weiß alles“ antwortete er. „So kannst du mir einen Gefallen thun, sprach der Schiffmann und mir sagen, warum ich ewig fahren muß und [152] nicht abgelöst werde? ich will dirs vergüten.“ „Recht gern, antwortete er, wann ich wiederkomme.“

Als er nun über das Wasser gefahren war, kam er in die Hölle, da sahs schwarz und rusig aus; der Teufel war aber nicht zu Haus, nur seine Ellermutter, die saß in einem breiten Sorgenstuhl. „Was willst du?“ sprach sie. „Drei goldene Haare von des Teufels Kopf, antwortete er, sonst kann ich meine Frau nicht behalten.“ „Du jammerst mich, antwortete sie, wenn der Teufel kommt, so bringt er dich ums Leben, doch will ich sehen, was ich für dich thun kann.“ Da verwandelte sie ihn in eine Ameise und sprach: „kriech in meine Rockfalten, da bist du sicher.“ „Ja, sagte er, ich mögt auch gern wissen, warum ein Brunnen, der sonst Wein quoll, nicht mehr Wasser quillt, warum ein Baum der sonst goldne Aepfel trug, nicht einmal Laub treibt, und warum ein Schiffmann immer fahren muß, und nicht abgelöst wird.“ „Das sind drei schwere Fragen, sprach sie, aber sey still und hab acht, was der Teufel spricht, wann ich ihm die drei goldenen Haare ausziehe.“

Darnach nicht lange, als es Abend ward, kam der Teufel nach Haus. Er roch hin und her und sprach: „ich rieche, rieche Menschenfleisch, es ist nicht rein!“ Dann suchte er und guckte sich um, aber umsonst. Die Ellermutter schalt und sprach: „wirf mir nicht alles untereinander, ich habe eben erst gekehrt: sitz und iß dein Abendbrot, du hast immer Menschenfleisch in der Nase.“ Nun aß und trank der Teufel und hernach legte er der Ellermutter seinen Kopf in den Schoos und sagte, er wäre müd, sie [153] sollte ihn ein wenig lausen. Bald schlummerte er ein, blies und schnarchte; da faßte sie ein goldenes Haar und riß es aus und legte es neben sich. „Au weh! rief der Teufel, was ist das?“ „Ich hatte einen schweren Traum, sprach die Ellermutter, da hab ich dir in die Haare gefaßt.“ „Was träumte dir denn?“ „Mir träumte ein Marktbrunnen, der sonst Wein quoll, wäre versiegt, und wollte nicht einmal Wasser quellen; was ist wohl Schuld?“ „He! wenn sie’s wüßten! antwortete der Teufel, es sitzt eine Kröte unter einem Stein im Brunnen, die müssen sie tödten, dann wird er schon wieder anfangen zu fließen.“ Nun lauste ihn die Ellermutter wieder, bis er einschlief und schnarchte, daß die Fenster zitterten, da riß sie ihm das zweite Haar aus. „Hu! was machst du?“ schrie der Teufel zornig. „Sei nicht bös, sprach sie, ich habs im Traume gethan.“ „Was träumte dir denn?“ „Mir träumte, in einem Königreich ständ ein Obstbaum, der hatte sonst goldne Aepfel getragen, und wollte jetzt nicht einmal Laub treiben: was ist wohl Schuld?“ „He! wenn sie’s wüßten! antwortete der Teufel, an der Wurzel nagt eine Maus, wo sie die tödten, wird er schon wieder Goldäpfel tragen; nagt sie noch weiter, so verdorrt er. Aber laß mich mit deinen Träumen in Ruh und wenn du mich noch einmal weckst, so kriegst du eine Ohrfeige.“ Die Ellermutter lauste ihn wieder, bis er einschlief und schnarchte; dann faßte sie auch das dritte goldne Haar und riß es aus. Der Teufel fuhr in die Höhe und wollte übel wirthschaften, aber sie besänftigte ihn und sprach: „das sind böse Träume!“ – „Was träumte dir denn?“ – „Mir träumte von [154] einem Schiffmann, der fuhr immer hin und her und wurde gar nicht abgelöst: was ist wohl Schuld?“ „He! der Dummbart! antwortete der Teufel, wenn einer kommt und will überfahren, muß er ihm die Stange in die Hand geben, dann muß der fahren und er ist frei. Aber laus mich, daß ich wieder einschlafe.“ Nun ließ ihn die Ellermutter schlafen bis es Tag ward, da zog der Teufel fort. Als sie sicher war, holte sie die Ameise wieder aus der Rockfalte und machte ihn zu dem Menschen, der er gewesen war. Dann gab sie ihm die drei goldenen Haare und sprach: „hast du auch alles gehört und verstanden, was der Teufel gesagt hat?“ „Ja, antwortete er, ich wills auch wohl behalten.“ So ist dir geholfen, sprach sie, nun zieh deiner Wege.“

Also bedankte sich das Glückskind bei des Teufels Ellermutter, und verließ die Hölle. Als er zu dem Schiffmann kam, der ihn wieder überfahren mußte, wollte dieser die versprochene Antwort haben. „Fahr mich nur erst hinüber, sagte er, dann will ich dirs sagen.“ Und wie er aus dem Schiff gestiegen war, gab er ihm des Teufels Rath: „wenn einer wieder kommt, der will übergefahren seyn, so gieb ihm die Stange in die Hand und lauf davon.“ Da ging er weiter und kam zu der Stadt, worin der unfruchtbare Baum stand, und wo der Wächter auch Antwort haben wollte. Da sagte er ihm, wie er vom Teufel gehört hatte: „tödtet die Maus, die an seiner Wurzel nagt, so wird er wieder goldne Aepfel tragen.“ Da bedankte er sich und gab ihm zwei Esel mit Gold beladen, die mußten ihm nachfolgen. Nun kam er auch zuletzt wieder zu der Stadt, deren Brunnen [155] versiegt war, da wollte der Wächter auch die Antwort haben. Da sprach er, wie der Teufel gesprochen: „es sitzt eine Kröte unter einem Brunnenstein, die sucht und tödtet, so wird er wieder Wein geben.“ Er dankte ihm und gab ihm auch zwei Esel mit Gold beladen.

Nun langte das Glückskind daheim bei seiner Frau an, die sich herzlich freute, als sie ihn wiedersah und hörte, wie wohl ihm alles gelungen war. Dem König gab er die drei goldenen Haare des Teufels, so daß er nichts mehr gegen ihn einwenden konnte; und als dieser gar die vier Esel mit dem Golde sah, ward er ganz vergnügt und sprach: „ei, lieber Schwiegersohn, wo ist das viele Gold her; das sind gewaltige Schätze!“ „Bei einem Wasser, antwortete das Glückskind, hab ichs kriegt, und da ist es noch zu haben.“ „Kann ich mir davon auch holen?“ sprach der König, und war ganz begierig. „So viel ihr wollt, antwortete er, es ist ein Schiffmann auf dem Wasser, von dem laßt euch überfahren, drüben liegt das Gold wie Sand am Ufer.“ Da eilte der alte König hin und wie er an das Wasser kam, winkte er dem Schiffmann, der nahm ihn auf, wie er aber drüben aussteigen wollte, gab ihm der Schiffmann die Ruderstange in die Hand und sprang davon. Nun mußte der Alte fahren zur Strafe für seine Sünden. – „Fährt er wohl noch?“ „Was dann? es wird ihm niemand die Stange abgenommen haben!“