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Autor: Eva Treu
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Titel: Der Schlüssel
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aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 124–128
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[124]

Der Schlüssel.

Eine nächtliche Geschichte von Eva Treu. Mit Illustrationen von G. Mühlberg.
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„Nein!“ sagte Mutter.

Sie sagte es gleichsam mit drei Ausrufungszeichen und mit einer Entschiedenheit, zu der sich ihre Sanftmut nur in ganz seltenen Fällen aufraffte.

„Nein, Fritz, das schlage dir nur gleich aus dem Sinn; damit fangen wir gar nicht erst an. Nachher willst du ihn immer haben, das kennt man schon. Ein für allemal – nein!“

„Aber es ist ja doch nur ausnahmsweise,“ sagte Fritz, mein Bruder, mit der Miene eines unschuldig Verfolgten.

„Nein! – denn erstens könntest du ihn verlieren und jemand könnte ihn finden, und dann wären wir Gott weiß was für Zufälligkeiten ausgesetzt. Denke, du ziehst ihn, ohne es zu merken, mit dem Taschentuch aus der Tasche, ein schlechter Mensch geht hinter dir her, hebt ihn auf, verfolgt dich bis in deine Wohnung – da sind wir ihm ja doch rettungslos preisgegeben!“

„Aber Mutter, wer wird doch gleich auf etwas so Unwahrscheinliches verfallen!“

„Und zweitens,“ fuhr Mutter fort, als wenn sie gar nicht unterbrochen worden wäre, „zweitens wünsche ich nicht, daß du dir das späte Nachhausekommen angewöhnst. Abgesehen von den Unzuträglichkeiten für dich selbst, bist du unser einziger männlicher Schutz, und ich wünsche, daß du abends und nachts zu Hause bist.“

Unter anderen Umständen wäre der „einzige männliche Schutz“ meinem noch sehr jugendlichen Bruder möglicherweise schmeichelhaft gewesen. Wie die Sache aber lag, machte er durchaus keinen Eindruck auf ihn. Und als Mutter jetzt unseren Hausthürschlüssel, denn um diesen handelte es sich, vom Schlüsselbrett nahm, ihn in die Tasche steckte und mit etwas geröteten Wangen das Zimmer verließ, da blieb Fritz außerordentlich verdrießlich bei mir, die ich mit meinem Zeichenbrett am Fenster saß, zurück.

Wir waren erst vor einem Monat aus unserem weltentlegenen Kleinstädtchen nach Dresden gezogen, Mutter, Fritz und ich, und der sehr große Wechsel in der Umgebung war uns allen noch etwas verwirrend, ja in mancher Weise beängstigend. Mutter wäre überhaupt am liebsten geblieben, wo sie war, da aber meines Bruders’ ganz entschiedene Begabung für Malerei für ihn eine Uebersiedelung in eine Kunststadt nötig machte und auch ich lebhaft wünschte, mein bescheideneres, aber doch auch ganz hübsches Zeichentalent auszubilden, so hatte sie es nicht über sich gewinnen können, uns allein in die wilde Welt hinausflattern zu lassen, sondern hatte ihren behaglichen Haushalt daheim bei uns aufgelöst und war opfermütig mit uns nach Dresden übergesiedelt.

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Fritz, mit der überlegenen Energie männlichen Geistes ausgerüstet, fand sich verhältnismäßig schnell zurecht, und auch ich’ gewann der schönen Stadt mit ihren mancherlei immer wechselnden Interessen und den Unterrichtsstunden an der Kunstgewerbeschule schnell Geschmack ab, aber unser Mütterchen fühlte sich zunächst noch ganz unglücklich in der neuen Umgebung. Ueberall sah sie sich und uns nach ihrer Meinung von den Gefahren der Großstadt umringt, jeder fremde Mensch, der an die Flurthür kam, versetzte sie in Aufregung. Die meisten hatten nach ihrer Beschreibung immer verdächtig ausgesehen, so, als wollten sie die Gelegenheit zum Einbrechen ausspioniere, und hätten wir ein Dienstmädchen gehabt, so würde Mutter mir wohl nie erlaubt haben, allein in die Gewerbeschule zu gehen, sondern das Mädchen hätte mich stets begleiten müssen. Zum Glück hatten wir aber bloß eine Aufwartefrau, die unsere Wohnung des Morgens reinigte und dann ihrer Wege ging. Bis jetzt war unsere Mutter immer die vertrauensvollste Seele von der Welt gewesen – die große Stadt hatte das Gift des Argwohns in ihr gutes Herz gegossen.

Heute nun war der Krieg um den Schlüssel ganz unverhofft entbrannt, weil Fritz, der bis dahin immer rechtzeitig um zehn Uhr zu Hause gewesen war, erklärt hatte, heute etwas länger fortbleiben zu wollen, da er eine Zusammenkunft mit mehreren Freunden verabredet hätte. Mutter aber gab vorläufig weder den Flurthürschlüssel, noch den Hausschlüssel aus der Hand. Sie behauptete, kein Auge zuthun zu können, so lange auch nur ein einziger ihrer Schlüssel sich außerhalb des Hauses befände.

Um Zehn pflegte sie zu Bett zu gehen, dann schlossen wir die Flurthür ab und legten die Kette vor. Um halb Elf wurde die Hausthür von den Bewohnern des Parterres abgeschlossen denn einen Portier pflegte es damals in Dresdener Häusern noch nicht zu geben. Ich weiß nicht, ob es jetzt damit anders ist.

„Es ist ja doch einfach lächerlich“, sagte Fritz, mit majestätischen Schritten, die Hände in den Taschen, im Wohnzimmer auf- und abgehend, „einfach lächerlich! Wie kann denn ein erwachsener Mensch jeden Abend nur Zehn zu Hause sein, Milly?“

„Bis Elf hat Mutter dir ja heute Urlaub gegeben, Fritz, wir sitzen dann auf, bis du kommst.“

„Ach ja, bis Elf!“ sagte Fritz mit wegwerfendem Hohn. „Du, Milly, die Wahrheit zu sagen, es liegt mir ja gar nicht viel daran, eine Stunde länger auszubleiben, aber so etwas ist doch Ehrensache! Die anderen hänseln mich ja, wenn sie merken, wie ich am Gängelband geführt werde. Mit neunzehn Jahren ist man doch wirklich kein Kind mehr!“

„Nein, da gehört man schon mehr zu den älteren Herren,“ sagte ich ernst, immer weiter zeichnend.

„Und kurz und gut – Mutter geht ja doch zu Bett, sie ist um Zehn ja immer todmüde – du wirst natürlich allein bis Elf auf mich warten. Sollte es dann vielleicht eine Viertelstunde später werden, so fürchte, bitte, nicht gleich, daß man mich totgetreten hat. Solltest du aber doch solche Sorgen nicht unterdrücken können, so behalte sie, bitte, für dich und melde sie Mutter nicht!“

„Nun, auf eine Viertelstunde soll es mir nicht ankommen.“

„Du weißt, meine Uhr geht immer nach, es ist kein Verlaß auf sie. Wird es also eine halbe Stunde später, so räuspere ich mich auf der Straße unter dem Fenster. Ich denke, das wird man hier oben hören können? „Ich denke wohl. Wir können ja nachher einmal Probe machen.“

Fritz nickte. „Also, wie gesagt, wird es eine kleine Stunde später, so räuspere ich mich und du kommst recht leise herunter und schließest die Hausthür auf. Wozu sollen wir Mutter erst wecken? Das hat ja keinen Zweck. Sie bedarf des Schlafes.“

„Nein, das würde keinen Zweck haben,“ stimmte ich bei, „und die Viertelstunde will ich schon auf dich warten, Friedel. Sieh nur zu, daß die Uhr nicht gar zu sehr nachgeht“.

[125] Fritz lachte, brummte etwas von „unberechenbar“ und verschwand aus dem Zimmer. Dann öffnete er die Thür wieder, um in Hut und Ueberzieher Adieu zu sagen. Ich hörte ihn die Flurthür hinter sich zuziehen und die Treppe hinuntergehen.

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Gleich darauf räusperte sich unten auf der Straße dicht unter dem Fenster etwas, es war merkwürdig gut zu hören, obschon wir im zweiten Stock wohnten. Ich öffnete das Fenster ein wenig und nickte hinaus.

„Sehr gut, Fritz! Vollständig laut genug! Dann machte ich das Fenster wieder zu und setzte mich an mein Zeichenbrett zurück, um die letzten hellen Minuten des trüben Februartages noch auszunutzen.

Mein Bruder Friedel und ich, wir waren immer prächtig miteinander ausgekommen. Er war nur ein Jahr älter als ich, und da wir Frauenzimmer ja bekanntlich das zweifelhafte Glück haben, früher für erwachsen zu gelten als gleichaltrige männliche Wesen, so hatte mir das immer ein gewisses Uebergewicht über ihn verliehen, während ich doch zugleich seiner entschieden größeren Begabung mich willig unterordnete. Es stand felsenfest bei mir, daß einmal etwas ganz Großes aus ihm werden würde, und im Grunde meines Herzens war ich viel stolzer auf ihn, als er ahnte.

Augenblicklich freilich stand er nicht gerade in einer sehr liebenswürdigen Entwicklungsperiode, in derjenigen nämlich, wo jede Anspielung darauf, daß er weniger als fünfzig Jahre zählte, von ihm für eine tödliche Beleidigung angesehen wurde, eine Auffassung, für welche Mutter, die in ihm immer noch ihren „großen Jungen“ sah, leider ein beklagenswert geringes Verständnis zeigte, was mitunter beiderseits verstimmte.

Als Mutter mit uns nach Dresden zog, hatte sie es sich durchaus nicht so gedacht, daß Fritz seine eigenen Wege gehen sollte – keineswegs! nicht im mindesten!

Heute jedoch war er uns nun einmal entronnen. Mutter fand das Zugeständnis, er dürfe bis elf Uhr fortbleiben, eigentlich ein wenig gewagt, und als ich nach dem Abendessen den Tisch abgeräumt hatte, setzte sie sich mit der offenbaren Absicht in ihrem Lehnstuhl zurecht, ihren schwärmenden Aeltesten zu erwarten.

Kurz nach Zehn lehnte sie sich ein wenig zurück, um die Augen einen Augenblick zuzumachen, wie sie sagte. Sie schlief nicht – bewahre! Mutter schlief nie, unter keinen Bedingungen und Umständen, wenn sie nicht in ihrem Bette lag – nie! Mit ihren fünfundvierzig Jahren hätte sie sich ja schämen müssen, auf einem Stuhl einzuschlafen! Nein, sie saß nun, wie gesagt, und machte die Augen ein bißchen zu; aber als plötzlich unsere Wanduhr mit zwei lauten, hellen Schlägen halb Elf angab, da fuhr sie doch in die Höhe, als wären die Augen recht fest „zu“gewesen.

Sie wickelte ihr Strickzeug zusammen und sagte, sich erhebend. „Er wird ja nun gleich kommen, Milly. Eigentlich ist es ja Unsinn, daß wir beide aufbleiben. Ich schließe also die Flurthür ab und gehe in mein Zimmer; ich habe da noch allerlei zu thun. Natürlich schlafe ich nicht, bis er im Hause ist. Kommt er, so gehe recht leise hinunter und schließe auf!“

„Ach, Mütterchen, in den anderen Etagen sind sie gewiß alle noch wach, gar so leise brauche ich wohl nicht zu sein; bleiben will ich aber gern, ich bin noch kein bißchen müde.“

Wir sagten aus darauf Gute Nacht und Mutter ging fort.

„Der kommt sobald noch nicht,“ dachte ich, als sich die Thür hinter ihr geschlossen hatte, „auf halb Zwölf muß ich wohl gefaßt sein. Gut, daß Mutter jedenfalls schon in fünf Minuten fest schläft!“ Und damit schüttete ich noch ein paar Schaufeln voll Kohlen in den Ofen, holte mir ein interessantes Buch, kauerte mich in Mutters Lehnstuhl zusammen und rückte die Lampe nahe zu mir heran.

Das Buch war wirklich sehr spannend. Mit der ganzen brennenden Lesegier meiner achtzehn Jahre schlug ich Blatt um Blatt um – viele Blätter nacheinander, in fast atemloser Spannung, „ob sie sich kriegen würden“. Einmal schien es so, dann zerschlug und verwickelte sich alles, nun wieder schien sich die Sache zu klären – ach, und nun war ich bis zum letzten Kapitel gekommen, den ganzen Band hatte ich durchrast bis auf dieses eine Schlußkapitel.

„Wenn bloß jetzt Fritz nicht kommt,“ dachte ich, das Buch mit einem tiefen Atemzuge einen Augenblick zurückschiebend und mit heißen Augen um mich sehend. „Gott, wie spät ist es denn? Er muß ja nun wirklich gleich da sein.“ Und ich sah auf das Zifferblatt der Uhr.

„Zwanzig Minuten nach Zwölf! Unmöglich! Und er ist noch nicht da?“ Ein gräßlicher Gedanke kam mir. Wie, wenn er nun dagewesen war und sich unten geräuspert hatte, ohne daß ich in meinem Leseeifer es hörte? Wenn er etwa jetzt unter dem Fenster auf der Straße stand und auf mich wartete? Es war so bitter kalt.

Ich eilte ans Fenster, öffnete es leise ein wenig und blickte hinaus. Nein, nichts. Die Straßenbeleuchtung war nicht gerade brillant, aber doch durchaus hell genug, daß ich eine untenstehende Gestalt hätte bemerken müssen. Nichts – gar nichts! Seine Uhr war wohl eben stark unberechenbar.

Ich kehrte zu meinem Buch zurück und machte mich an das letzte Kapitel. Aber ich hatte keine rechte Ruhe dabei, sondern horchte zwischen dem Lesen immer nach der Straße hin, ob ich nicht ein Räuspern vernähme. Doch alles blieb still.

Ich klappte mein Buch zu – sie hatten sich „gekriegt“ – reckte mich und gähnte.

„Dreiviertel auf Eins! – ach, mich dünkt, er könnte nun wohl kommen! Dies artet wirklich schon mehr in Rücksichtslosigkeit aus. – Zehn Minuten vor Eins! Das ist ja unausstehlich! Bin ich denn dazu da, die ganze Nacht seinetwegen aufzubleiben? Fünf Minuten vor Eins! So, wenn er jetzt nicht bald kommt, gehe ich zu Bett, da mag er dann sehen, wo er bleibt!“ dachte ich erbittert.

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Eins! – nein, geradezu mich ins Bett zu verfügen, das ging doch wohl nicht, das brachte ich nicht über mein liebevolles Schwestergemüt, aber meine Vorbereitungen treffen, das konnte ich ja immerhin. Da mein Schlafkämmerchen an das Wohnzimmer stieß, machte das gar keine Schwierigkeiten. Die Haare wenigstens [126] konnte ich mir auskämmen und aufwickeln, denn ich trug kurze, krause Locke um den ganzen Kopf, die ich abends auf Papilloten zu wickeln pflegte.

Möglichst leise holte ich mir also meine Kämme und Bürsten herbei, entledigte mich meines Kleides, warf meinen großen Frisiermantel aus Flanell über, setzte mich dicht an den Ofen, denn es wurde inzwischen empfindlich kalt im Zimmer, und begann mein Haar zu bürsten. Daß mich Friedel im Frisiermantel mit aufgewickelten Locken sehen würde, genierte mich wenig. Das war schon mitunter geschehen, und er war ja durchaus kein „fremder“ junger Herr.

Zwanzig Minuten nach Eins! Ich war halb fertig mit meiner nächtlichen Frisur. Die eine Seite meines Haares war schon kunstvoll aufgewickelt, die andere hing als dicke, lose Mähne um meinen Kopf. Da hörte ich ganz deutlich – viel zu deutlich sogar, es wäre gar nicht so laut nötig gewesen – ein scharfes Räuspern unter dem Fester. Also endlich! Na, Dem wollte ich morgen aber ordentlich die Wahrheit sagen, das stand fest!

Ich ging an das Fenster, öffnete einen Spalt und guckte hinunter. Richtig, da stand er und sah erwartungsvoll zu mir herauf.

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„Bist du es, Friedel?“ fragte ich leise.

„Jawohl!“

„Paß auf, ich werfe dir den Schlüssel hinunter. Kannst du ihn wohl fangen?“

„Ja.“

„Schließ also selber auf und denke daran, daß du ihn nicht stecken läßt! Bringe ihn ja mit herauf!“

„Wird besorgt!“

„Und ziehe unten die Stiefel aus, Friedel, daß Mutter dich nicht hört.“

„Schön!“

Ich öffnete also das Fenster etwas weiter und warf den Schlüssel hinaus. Ich hörte, wie er unten klirrend auf das Trottoir schlug, und sah, wie Fritz sich nach ihm bückte, zog mich zurück, nahm die Lampe und ging an die Flurthür, die ich von innen aufschloß und aufkettete. Die Lampe hoch erhoben haltend, damit Fritz auf der Treppe auch sehen könne, stand ich dann vor der offenen Thür.

Nun drehte sich der Schlüssel unten im Schloß, jetzt noch einmal. Dann dauerte es ein Weilchen. Fritz entledigte sich offenbar seiner Stiefel, und nun schlich es die Treppe herauf. Ich hielt meine Lampe höher.

Eine Treppe – zwei Treppen – nun war er oben.

„Du bist mir –“ der Rechte! wollte ich empört flüstern aber ich brach jäh ab. Aus dem Dunkel der Treppe tauchte, hell von meiner Lampe bestrahlt, erst ein gewaltiger Helm mit Federbusch auf, darunter ein junges Gesicht mit keck aufgedrehtem Schnurrbart und schwarzen Augen, dann eine vollständige Ritterrüstung, in der ein langer Mensch steckte – ein gänzlich Unbekannter, offenbar im Maskenanzuge.

Ich hatte Geistesgegenwart genug, nicht zu schreien aber mit einem einzigen schnellen Schritt hinter die Flurthür flüchten und in demselben Augenblick, eingedenk meiner fragwürdigen Gewandung, die Lampe, die ich in der Hand trug, ausblasen, war eins!

Noch sah ich, wie der lange Mensch sich tief, tief vor mir verbeugte, hörte noch, wie er sagte. „Ich danke ganz ergebenst! – dann umfing mich Finsternis und Schweigen – Gott sei Dank, wenigstens hinter der geschlossenen Thür!

Da stand ich nun im Dunkeln und drückte die Hand gegen das Herz, welches entsetzlich klopfte. Ich hatte wirklich einen unerhörten Schreck bekommen.

Als ich mich über ein Weilchen besonnen hatte, wurde mir die ganze verzweifelte Sachlage erst recht klar.

Der Unbekannte hatte ja meine Schlüssel mitgenommen! Unseren Hausthürschlüssel, den viel umstrittenen, von Mutter mit Argusaugen gehüteten, mir mit feierlichen Ermahnungen anvertrauten mit dem ich dem treulosen, heimkehrenden Fritz die Thür öffnen sollte – den hatte der lange Ritter mitgenommen!

Eine kleine Hoffnung blieb noch: Vielleicht hatte er ihn im Thürschloß stecken lassen. Ich zündete meine Lampe wieder an, vervollständigte meinen Anzug ein wenig und schlich dann auf Socken die beiden Treppen hinunter bis zur Hausthür.

Nichts! –

Ja, nun war guter Rat teuer. Wiederhaben mußte ich den Schlüssel, das stand fest. Fritz mußte eingelassen werden, und nie hätte ich gewagt, Mutter wieder vor Augen zu treten, wenn ich nicht den geheiligten Schlüssel in ihre Hände zurücklegen konnte. Ich würde ihr Vertrauen in meine Zuverlässigkeit für immer verscherzen!

Wo aber war der lange Ritter?

In meiner Verblüffung und in der Dunkelheit hatte ich durchaus nicht darauf geachtet, ob er die Treppe wieder hinunter, oder ob er noch weiter hinauf gestiegen war, und da er folgsam meinem Gebot, auf Strümpfen ging, hatte ich auch keinen Schritt mehr gehört. Nicht die leiseste Ahnung hatte ich, wohin er geraten sein möchte, zumal da wir von den übrigen Bewohnern des großen Hauses noch sehr wenig wußten. In welches Stockwerk ein junger Herr gehören möchte, war mir ganz unklar.

Ja, da half nun nichts: ich mußte anfragen. Zaghaft drückte ich auf die Glocke der Parterrewohnung. Drinnen war natürlich längst alles dunkel und still. Es war ja mitten in der Nacht, und es dauerte eine ganze Weile, bis endlich innerhalb der Thür ein schlurfender Schritt laut wurde, dann öffnete sich die Thür zwei Finger breit, ein Lichtstrahl fiel heraus, und jemand fragte, offenbar sehr erbost: „Was wollen Sie?“

„Ach, bitte, entschuldigen Sie, ist hier vielleicht eben ein junger Mann im Ritterkostüm eingetreten? Ich hielt ihn für meinen Bruder, und er hat unsere –“

„Nein!“ scholl es wütend zurück. Die Thür klappte zu, und der schlurfende Schritt entfernte sich.

Es folgte also der zweite Akt. Ich schellte an der ersten Etage.. Hier dauerte es noch ein wenig länger, bis sich endlich ein strubbeliger Dienstmädchenkopf mit ganz verschlafenen Augen aus der Thür herausstreckte.

„Brennt’s denn?“

„Ach nein – entschuldigen Sie, – hier ist wohl nicht ein junger Herr eben hineingegangen? Vor fünf Minuten. Ich habe ihm aus Versehen unseren Schlüssel zugeworfen, den muß ich doch –“

„Gott bewahre!“ sagte das Mädchen in einem Tone, als hätte ich eine ungeheure Beleidigung vorgebracht. „Bei uns wohnt kein junger Herr. Meine Gnädige hat die Etage allein. Und zu schnappte die Thür.

Ach so, richtig, ja, hier wohnte ja die junge, vornehm aussehende Witwe mit den allerliebsten Kindern, die sah freilich nicht danach aus, als wenn der Jüngling mit dem offenbar entliehenen Maskengewande ein Verwandter von ihr sein könnte. Es blieb also nur noch die dritte Etage, denn irgendwo mußte ja der Fremdling wohnen, das war doch klar! Wie ein Einbrecher hatte er gar nicht ausgesehen, so viel Menschenkenntnis traute ich mir schon zu.

An unserer Thür schlich ich auf Fußspitze leise vorbei. O, wie segnete ich Mutters gesunden Schlaf!

Nun war ich oben. Tief aufatmend drückte ich wieder auf die Glocke. Jetzt endlich mußte meine Mühe doch belohnt werden.

Zu meiner Verwunderung öffnete sich die Thür gleich und eine kleine, dicke, freundliche Frau kam heraus, in der Nachtjacke und Nachthaube zwar, aber sonst noch völlig angekleidet.

„Herr Jeses – das Fräulein von unten! Es ist Sie doch niemand krank bei Ihnen, Fräuleinchen?“

„Nein,“ sagte ich schüchtern, aber ich habe eben aus Versehen einem fremde, jungen Herrn im Maskenkostüm, den ich [127] für meinen Bruder hielt, unseren Hausschlüssel gegeben, den muß ich ganz notwendig haben, der Herr muß jedenfalls hier zu Ihnen hineingegangen sein.“

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„Nä, mein kutestes Fräuleinchen nä – da sind Sie irre. Wir sind hier noch auf, mein Mann ist Sie ja nämlich Schneider, und da giebt es in dieser Zeit viel zu thun. Aber zu uns ist niemand hereingekommen, das kann ich Sie ganz genau sagen!“

Mir traten die Thränen in die Augen. Was sollte ich beginnen, wenn der Mensch sich vielleicht irgendwo im Hause versteckt hatte? Gräßliche Bilder tauchten in meiner Phantasie auf.

„Es wohnt Sie aber unterm Dach noch ein junger Maler, der ist heute auf der Maskerade gewesen. Ich weiß es, mein Mann hat ihm was geändert an seinem Anzug. Der wird es wohl gewesen sein, Fräuleinchen.

„O ja gewiß, der ist es – aber da kann ich doch nicht fragen,“ fügte ich kleinlaut hinzu.

„Nein, Fräulein, da haben Sie recht, das können Sie nicht. Doch mein Mann wird Sie schon so freundlich sein. August!“ rief sie in die Wohnung hinein, und sofort erschien ein schmächtiges, erstauntes und höfliches Schneiderlein, den Fingerhut am Finger, die Nadel noch in der Hand.

Ueber die Sachlage verständigt, erklärte er sich sofort bereit, die Anfrage für mich zu übernehmen. Die kleine runde Frau und ich folgten ihm in vorsichtiger Entfernung, als er die Treppe zum Hängeboden, denn dort befand sich die Kammer des Malers, hinaufstieg.

Oben klopfte er.

„Was giebt’s denn?“ hörten wir eine schlaftrunkene Stimme.

„Hören Sie, mein Kutester, haben Sie sich vielleicht eben von einer jungen Dame die Hausthür aufschließen lassen?“

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„Gott, – ja!“ sagte die Stimme, „ich wußte mir wahrhaftig nicht zu helfen. Meinen Schlüssel hatte ich vergessen, und das Fräulein war so überaus gütig, mir ihren aus dem Fenster zuzuwerfen, als ich mich unten räusperte, um irgendwen herbeizulocken. Er war wohl nicht gerade für mich bestimmt, aber ich mußte doch nun einmal hinein!“

„Jawohl, das ist Sie ja ganz schön,“ sagte der Schneider, „aber das Fräulein hat den Schlüssel nicht wieder bekommen. Reichen Sie mir den gefälligst ’mal heraus!

„Was? Schlüssel nicht wieder bekommen?“- In dem Ton spricht nur tief gekränkte Unschuld. „Aber ich habe ihn dem gnädigen Fräulein doch zu Füßen gelegt!“

Und so verhielt es sich. Als wir alle Drei bis zu unserer Thür herabschlichen und den Flur beleuchteten, da lag mein Schlüssel still und friedlich unmittelbar vor der Schwelle. Der Ritter hatte, als er seine galante tiefe Verbeugung machte, ihn dorthin gelegt.

Nun, jedenfalls hatte ich ihn wieder. Ich dankte den freundlichen Hausgenossen bestens für ihren Beistand und drückte meinen Schlüssel ans Herz. Dann eilte ich vor allen Dingen an das Fenster, öffnete es und guckte hinaus, ob Friedel etwa unten stände, denn es war inzwischen zwei Uhr geworden.

Richtig, da stand er, sich wütend räuspernd und ungeduldig in der Kälte von einem Fuß auf den andern tretend. „Bist du es, Friedel?“ „Ja, natürlich!“ „Wirklich?“ „Ja doch!“

„Bist du es auch ganz gewiß?“ „Ja, wer sollte denn wohl sonst so dumm sein, hier unten zu stehen bei der Kälte? So wirf doch den Schlüssel herunter! Meinst du, mich friert nicht?“

„Nein,“ sagte ich, das Fenster zumachend, „ich komme selbst.“ Und hinunter schlich ich wieder meine zwei Treppen und schloß selber auf. Diesmal hatte ich den echten Fritz erwischt.

„Zieh doch die Schuhe aus, Friedel!“

„Dummes Zeug!“ sagte mein Bruder großartig, schlich aber trotzdem so leise wie er nur konnte. Gottlob, er konnte noch leise schleichen, er war sicher auf den Füßen, trotz der späten Stunde!

„Warum ließest du mich eigentlich so lange warten?“ fragte er oben verdrießlich.

„Nein, du, erst komme ich mit meiner Frage. Warum ließest du mich so lange warten?

„Ach, das kam so, du weißt ja, meine Uhr! das Ding geht so schauderhaft nach.“ – „Gute Nacht!“ sagte Friedel, nahm mir meine Lampe, welche ich für mich angezündet hatte, aus der Hand und verschwand in sein Schlafgemach.

Am nächsten Morgen zeigte es sich, daß Mutter das ganze nächtliche Abenteuer gesund und fest verschlafen hatte. Ich fühlte dafür in meinem Gemüt eine aufrichtige Dankbarkeit. Als ich aber mittags aus der Gewerbeschule kam und eben den Tisch deckte, schellte es an der Thür. Mutter, die in der Küche war, ging hin und öffnete.

„Ich wollte mir erlauben, den Damen meine Aufwartung zu machen und mich wegen der nächtlichen Störung, die ich gestern verursacht habe, noch einmal zu entschuldigen“ sagte eine junge männliche Stimme.

„Nächtliche Störung?“ fragte Mutter befremdet, „bitte –“ sie zögerte – „bitte, treten Sie doch näher! Nächtliche Störung, sagten Sie? Aber davon weiß ich ja gar nichts! – Milly!“ Ich kam herbei, verlegen, rot bis an das heute schön ordentlich frisierte Haar, und wenn Wünsche irgend welchen Erfolg hätten, so hätte der ritterliche Jüngling in diesem Augenblick irgendwo sein müssen, wo scharfe Gewürze wachsen. Uebrigens war er bei Tage und ohne die scheußliche Ritterrüstung ein recht hübscher Mensch, reichlich lang allerdings, aber doch recht hübsch, es ließ sich nicht leugnen.

„Nächtliche Störung? wiederholte Mutter, nachdem der junge Maler seinen Namen genannt hatte. „Bitte, nehmen Sie doch Platz, Herr Baumann, das müssen Sie mir noch näher erklären!

Und nun kam alles heraus. Ich übergehe das zunächst folgende – genug, es kam alles ans Tageslicht, und der [128] Unglücksmensch in seiner Harmlosigkeit und seinem Eifer, sich zu entschuldigen, merkte nicht einmal, wie Mutters Gesicht länger und länger wurde. Ja, so tappig sind die Männer manchmal!

Und doch, einen Funken von Verständnis zeigte er zuletzt noch. Als Mutter ziemlich aufgeregt fragte. „Ja, aber wann war denn das alles? Ich habe mich um zehn Uhr schlafen gelegt – ich hoffe doch, Milly, Fritz kam zur rechten Zeit nach Hause? – da antwortete er nach einem schnellen Blick auf mich. „Ganz genau weiß ich die Zeit nicht. Ich denke mir aber, es wird so um Elf herum gewesen sein!“

Das habe ich ihm nicht vergessen.

Nach diesem ersten, unglücklichen Besuch ist er nämlich noch recht häufig unser Gast gewesen. Fritz befreundete sich mit ihm, Mutter gewöhnte sich an ihn – und ich verliebte mich mit der Zeit sogar ein wenig in ihn, obschon er vorläufig noch nichts war und gar nichts hatte als einen wundervollen Humor, ein flottes Talent, ein Paar treu blickender Augen und ein gutes Herz. Auch er – doch genug!

Ich bitte aber dringend, daß diese letzten Anspielungen ganz unter uns bleiben, denn ein Brautpaar sind wir schließlich doch nicht geworden. Ich glaube, er wohnt noch immer in einer Dachkammer.