Der Portier vom Reichskanzlerpalais spricht

Textdaten
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Autor: Kurt Tucholsky
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Titel: Der Portier vom Reichskanzlerpalais spricht
Untertitel:
aus: Mit 5 PS Seite 27-29
Herausgeber:
Auflage: 10. – 14. Tausend
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1928
Verlag: Ernst Rowohlt
Drucker: Herrosé & Ziemsen
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Aus dem Zyklus:DORF BERLIN
Erstdruck in: Weltbühne, 25. März 1920
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Bild
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Bearbeitungsstand
fertig
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Der Portier vom Reichskanzlerpalais spricht

Ja, man hat ja so allerhand erlebt in der letzten Zeit. Früher – Gott! war diß jemietlich! Da kam wirklich mal hier und da Majestät zu Bethmann zum Frühstück, aber sonst [28] war alles still, janz still. Und wenn ick noch an den Pudel von ollen Bülow zurückdenke, denn wird mit janz schwummrig, und ick muß jleich ’n Schnaps trinken… Ja, früher… Also diß is nu vorbei. Schon in’n Krieg jing die Aufrejung los. Da kam eines Tages ein Mann her, das war der neue Reichskanzler Michaelis, der bekam so’n mächtigen Schreck bei seine Ernennung, daß er sich die janze Zeit nich davon erholen konnte… Und denn kam so’n alter Herr, der wackelte immer mit’n Kopp, und denn dachten die Leute, er sacht: Ja – und da machte Jeder, wat er wollte. Na, und denn kam Prinz Max von Baden – und denn jing der Klamauk los… Sehn Se ma, früher, da stand ick morjens um neune auf, und denn fegten die Frauen det Jächtchen und den Flur, und ick sah mir das alles mit an, und wenn nicht jrade een Besucher kam, den ick anschnauzen mußte – denn jing es mir soweit janz gut. Aber nu? Also am neunten November – det weeß ick noch wie heute – da kamen auf einem Male Autos anjesaust, und denn kamen solche Kerls hier rin, die guckten an die Decke, fühlten sich mächtig unbehaglich, und ick sachte: „Zu wen wünschen Sie?“ sachte ick. Aber die sachten: „Nu regieren wir!“ Und ick jing denn janz ruhig in meine Portierklause und dachte: Immer regiert ihr man! Ihr werdet det schonst über kriejen! Und denn regierten die. Und einmal, einmal, da stand Liebknecht vor die Türe und hielt eine große Rede – und ick dachte schon, nu kommt der mir hier ooch noch rin – aber dann schrien se alle „Hoch!“ und „Nieder!“, und denn war es ja wieder jut. Na – und eines Morgens – ick sahre noch zu meine Olle: „Du,“ sahre ick, „mir is heute so merkwürdig“ – da kam denn so’n Herr an, so einer mit’n Bart und ’n Jesicht wie’n Bureauvorsteher – der sachte: „Morgen! Ich bin hier nu Reichskanzler!“ Na, ick jing denn janz ruhig in meine Klause und dachte: Mach man! Diß wird [29] dir bald über werden! – und denn jing det so ’ne janze Weile. So fein wie früher war es ja nu nich. Die feinen Leute, die noch so manchmal so von früher herkamen, die lachten mir denn immer so vertraut an, so, als wollten sie sahren: Was? Wir zwei Beede haben doch schon bessere Tage gesehn! Aber ick sachte janischt und stand mit meine Olle auf den Boden der gegebenen Tatsachen. Na – und neulich, am dreizehnten März – ick sahre noch zu meine Olle: „Du,“ sahre ick, „jib mir mal ’n Kümmel – mir is heute so komisch“ – da kloppt et janz frühmorgens zu nachtschlafende Zeit an mein Guckfenster, und draußen steht ’n Herr – und lacht und sagt: „Nu regieren wir hier!“ Na, ick jing denn janz still in meine Klause und dachte: Macht man! Diß wird euch bald über werden! Und richtig: das wurde sie auch. Erst liefen ja hier mächtig ville Offiziere rum, mit Monokel, und Ludendorff kam auch, und ick riß die Knochen zusammen und jrüßte ihm, und er winkte jnädig ab – und denn rejierten sie da. Aber wie das so is: eines Morgens – da waren sie weg – und zwei Stunden später – da kloppt et an meine Türe, und da stand der Herr von früher und sachte: „Morgen! Morgen!“ sacht er. „Ja – nu rejieren wir hier!“ Und ick jing janz still in meine Klause… Und jeden Morgen, wenn ick uffstehe un meine Olle sich die Zeppe uffstecken tut, denn die hat se, denn steh ick ans Fenster und gucke so uff die leere Wilhelmstraße, wo die Spatzen in die Pferdeäppel picken, und denn denk ick mir so: Wer kommt nu –?