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Autor: B.
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Titel: Der Meistersinger von München
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 806–809
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Franz Nachbaur
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[806]
Der Meistersinger von München.


Daß die Genies vom Himmel fallen, ist ein Glaube, der früher alleinseligmachend war, in der Jetztzeit aber zu den völlig überwundenen Standpunkten gehört. „Wunderkinder“ und „phänomenale Erscheinungen“ begafft man nicht mehr mit ehrfurchtstummer Bewunderung, sondern betrachtet sie heutzutage mit mißtrauischem Kopfschütteln, und die in regelmäßigen Intervallen auftauchenden neuen „Sterne am Kunsthimmel“ werden von unseren kritischen Astronomen erst durch scharfe Ferngläser fixirt, um zu erkunden, ob ihr scheinbarer Glanz nicht etwa nur ein nebelhafter Flimmer ist, ob die „Sterne“ sich nicht am Ende als Irrlichter erweisen; und bei dieser Gelegenheit ist schon Mancher „aus den Wolken gefallen“. Es hat sich eben allgemein die Ueberzeugung befestigt, daß allein mit der „angeborenen Genialität“ recht wenig zu erreichen ist, und sehr treffend bemerkt Oskar von Redwitz in jenem an einen jungen Dichter gerichteten Brief, den die „Gartenlaube“ kürzlich veröffentlicht hat: „daß das Feuer des besten Talentes endlich erkalte, wenn nicht tüchtiges Holz des Lernens nachgelegt wird.“ Die gegenwärtige Kritik begnügt sich nicht mit den „goldenen Aepfeln“ einer hervorragenden Naturbegabung, sie verlangt auch die „silbernen Schalen“ einer kunstmäßigen planvollen Ausbildung. Unablässige Strebenskraft, ernsthafte Arbeit fordern wir heutzutage von Jedem: wir verlangen sie von den Helden der Weltbühne und verlangen sie von den Helden der Bühnenwelt, wir verlangen sie von dem Dichter, der durch die Töne der Sprache wirkt, und verlangen sie von dem Sänger, der durch die Sprache der Töne uns ergreift.

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Die Gartenlaube (1873) b 807.jpg

Franz Nachbaur.
Als Walter von Stolzing in der Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“.

Franz Nachbaur, der unzweifelhaft bedeutendste Wagnersänger der Gegenwart, zeigt uns in seiner Lebensentwickelung recht deutlich die segensvolle Macht solches ernsten Kunststrebens, wie wir es in obigen Zeilen gefordert haben. Steil und dornenvoll war der Weg, den Franz Nachbaur zurückzulegen hatte; beschwerliche Schicksalsfügungen drohten ihm oft jeden Fortschritt zu versperren; Schranken des Vorurtheils stemmten sich ihm einschüchternd entgegen, und verführerische Lebensaussichten wollten ihn später auf glattere Seitenpfade hinweglocken. Aber mit strenger und unverrückbarer Charakterfestigkeit verfolgte Nachbaur seine Bahn. Jedem Zugwind des Mißgeschicks hielt die Vestaflamme der Kunstbegeisterung Stand, die unauslöschlich in ihm [808] loderte, und mancher hochtrabende Musenjünger, der dem bescheiden Strebenden vorausgeeilt war, verlor sich später in virtuosenhaften Extratouren und Capriolen, während Nachbaur mit festem und sicherem Schritt auf dem Kunstpfade immer weiter vorschritt. Wenn man auch von ihm wie von keinem Zweiten sagen kann:

Ihm schenkte des Gesanges Gabe,
Der Lieder süßen Mund Apoll,

so darf man dennoch behaupten, daß er seine ungewöhnlichen Erfolge vielleicht weniger den seltenen, ihm verliehenen Naturgaben verdankt, als der künstlerischen Meisterschaft, Reife und maßvollen Berechnung, mit welcher er diese Gaben verwerthet. Ein Anderer mag das hohe C mit größerer Nonchalance heraustrillern und ein Dritter mit größerer Stimmgewalt sein „Zitt’re. Byzantia!“ in die erschrockene Welt posaunen. Niemand aber wird den Münchener Sänger an musikalischer Sattelfestigkeit, dramatischer Gestaltungsgabe und künstlerischer Verständnißinnigkeit überragen. Alle theatralischen Coulissenkniffe und Taschenspielerkünste verschmäht Nachbaur; keusch und innig schmiegt sich sein Gesang den Absichten des Componisten an, und nur dadurch gelingt es ihm, auf das Publicum eine so überwältigende Wirkung auszuüben und von der Kritik eine durch kein „Wenn“ und „Aber“ geschmälerte Anerkennung einzuernten.

Welche „Carrière“ der Künstler gemacht hat, beweisen recht deutlich zwei Theaterzettel, die vor uns liegen. Der eine ist aus dem Jahre 1856 und in dem französischen Provinzialstädtchen Colmar gedruckt, wo damals eine deutsche Künstlertruppe „mimte“. Ganz bescheidentlich, auf der letzten Zeile, finden wir in dem Personenverzeichniß der Oper – es war „Guillaume Tell“ von Rossini –:

Ein Fischer …… Mr. Nachbaur.

Der andere Zettel lautet nun freilich etwas anders „Leipziger Stadttheater, 25. Januar 1873. Mit aufgehobenem Abonnement: Achte Gastvorstellung des königliche bairischen Hof- und Kammersängers Franz Nachbaur aus München: Die Meistersinger von Nürnberg … Walter von Stolzing: Herr Nachbaur …“

Wohl mancher mag eine so rapide und glänzende Carrière mit neidischen Augen betrachten; aber nur Wenigen werden die Schwierigkeiten bekannt sein, welche der Sänger zu überwinden hatte, bevor er überhaupt erst in den sichern Hafen einer sorgenfreien Lebensstellung einlief.

Franz Nachbaur wurde am 25. März 1835 auf Schloß Gießen im württembergischen Oberamte Tettnang beim Bodensee geboren. Die musikalische Ausbildung, die ihm in seiner Jugend zu Theil wurde, war außerordentlich dürftig, und vor dem schläfrigen Publicum einer Dorfkirche mag zuerst seine Stimme ertönt sein. Im Jahre 1854 schickten ihn seine die Landwirthschaft betreibenden Eltern auf die Baugewerkschule nach Stuttgart, wo er neben dem Polytechnicum auch fleißig das Theater besuchte, und hier erwachte in ihm zuerst mit Allgewalt – wohl hauptsächlich durch den Einfluß Sontheim’s, der damals noch in vollster Jugendkraft stand – die Neigung zur Musik. Das Platen’sche Wort:

„Dem ergiebt die Kunst sich völlig, der sich völlig ihr ergiebt,“

schrieb sich Nachbaur damals in’s Herz, und keine Opfer, keine Mühseligkeiten scheute er, um sich Sängerberuf vorzubereiten. Selbst durch betrübende Mißerfolge ließ er sich nicht entmuthigen, und als sein Plan, am Stuttgarter Hoftheater eine Stelle als Chorist mit fünfzehn Gulden Monatsgage zu erlangen, an dem entscheidenden Machtwort des Chordirectors gescheitert war, nahm er den Wanderstab zur Hand, um mit leeren Taschen und vollem Herzen in die weite Welt hinauszupilgern.

1856 fand er ein Engagement beim Director Schumann in Basel mit einer Monatsgage von fünfzig Franken – heute verdient der Sänger an einem einzigen Abend das Dreißigfache. Mit der Schumann‘schen Truppe führte Nachbaur in Dürftigkeit und Kümmerniß ein elendes Wanderleben, bis der unternehmungslustige Director auf die unglückliche Idee kam, mit seiner ganzen Gesellschaft in Paris deutsche Opernvorstellungen zu geben, um dort natürlich nach kurzer Zeit – Bankerott zu machen.

Die armen Sänger sahen sich jetzt „auf’s Trockene gesetzt“: ohne Subsistenzmittel, ohne gewinnbringenden Wirkungskreis, mit keinem weiteren Vermögen als dem Metall in ihrer Stimme, auf das aber kein Leihhaus etwas borgen wollte! Es mußte ein Verzweiflungsschritt geschehen, um die Gesellschaft vor dem Armenhaus oder Spittel zu retten, und so wurde denn beschlossen, daß die vier jüngsten Choristen ein Quartett bilden, in den Bierhäusern Abends singen und die eingesammelten Sous unter die hungernde Gesellschaft vertheilen sollten. Nachbaur, als Jüngster, gehörte natürlich auch diesem Quartett an, und so war denn aus dem theaterbegeisterten Polytechniker, der mit heißblütigen Hoffnungen ausgezogen war, ein gottserbärmlicher Bänkelsänger geworden, der mit jedem Sou noch einige Grobheiten und mürrische Redensarten mit in Zahlung nehmen mußte.

Schon hatte der unglückliche junge Mann dieses Vagabundenleben einen Monat lang durchgemacht, schon drohte ihn der leichtherzige Jugendmuth zu verlassen, der ihn bisher allein in seinen kläglichen Tagen aufrecht erhalten hatte, als ihm ein glücklicher Zufall Befreiung und goldene Zukunftshoffnungen wieder zurückbrachte. In einem Kaffeehaus, wo er soeben mit seinen drei stimmtüchtigen Leidensgenossen concertirt hatte, erblickte ihn ein Herr, der ihn schon bei seinem ersten Engagement in Basel kennen und schätzen gelernt hatte. Es war der Banquier Alphons Passavant, der zuerst Nachbaur’s Stimmfond erkannte und sich durch den Naturalismus seiner Darstellungsweise nicht beirren ließ. Passavant nahm sich mit seltenem Edelmuth des strebsamen Sängers an, ließ ihm systematischen Gesangsunterricht ertheilen und schickte ihn zu Lamberti nach Mailand.

Es folgen jetzt zwei Jahre des ehernen Fleißes und des unermüdlichen Lerneifers. Als technisch vollendeter, wenn auch noch nicht hinreichend stimmkräftiger Sänger, kehrte Nachbaur 1859 aus Italien zurück und nahm ein Engagement am Hoftheater zu Hannover an. Doch schon 1860 verließ er diese Bühne, da sich ihm in Prag eine ungleich vortheilhaftere Stellung am Landestheater darbot. Hier gestaltete sich seine Lebensstellung immer freundlicher und glücklicher. In einem anregungsreichen, gesellig heiteren Kreise von Freunden, die sich Nachbaur nicht nur durch seine bestechende Kunstbegabung, sondern noch viel mehr durch seine herzgewinnende persönliche Liebenswürdigkeit erworben hatte, gewann der Sänger alle Jugendheiterkeit und quellende Lebensfrische wieder, die er in dem Mißgeschick der vorausgegangenen Jahre verloren hatte. Und vollends glücklich fühlte er sich, als er sich 1863 verheirathete und sich so ein frieden- und freudenvolles häusliches Asyl gründete. Es war dies keine von den heutzutage so oft vorkommenden Künstlerehen, die rasch geschlossen, rascher wieder gelöst werden, vielmehr legte Nachbaur durch sein Ehebündniß den Grundstein zu einem Familienglück, in welchem er, wie er selbst eingesteht, nach den berauschenden Triumphen in der großen Welt erst die wahre und volle Herzensbefriedigung findet.

Auch gesanglich vervollkommnete sich der Künstler in Prag immer mehr. Sein Spiel nahm an Feuer und Lebendigkeit zu; sein musikalisches Verständniß vertiefte und verfeinerte sich; seine Stimme gewann von Tag zu Tag an Schmelz, Biegsamkeit und Fülle, und als er am Schluß des Jahres 1863 ein Engagement am Darmstädter Hoftheater annahm, stand er bereits als ein meisterhafter, erfolggewisser Künstler da. Doch legte sich Nachbaur nicht auf das bequeme Polsterbett der Selbstzufriedenheit, unermüdlich studirte er weiter, und bereicherte durch solchen Riesenfleiß derart sein Repertoire, daß es gegenwärtig an siebzig große Opernrollen umfaßt.

Nach einigen glänzenden Gastspielen in Wien, Berlin und München nahm er 1867 ein lebenslängliches Engagement am Münchener Hoftheater an. Hier eroberte er sich mit einem Schlage die Herzen des Publicums und den Beifall der angesehensten musikalischen Autoritäten durch seine geradezu vollendete Wiedergabe der schwierigen Rolle, in welcher ihn unser heutiges Bild zeigt, der Rolle des „Walter von Stolzing“ in der damals neuen Oper von Richard Wagner: „Die Meistersinger von Nürnberg“. Alles wirkte hier zusammen, um das Publicum zu den begeisterungsvollsten Beifallsbezeigungen hinzureißen: die selbst in den klippenreichsten Passagen musikalisch tadelfreie Durchführung der Rolle, der bestrickende Zauber seiner in allen Registern gleichermaßen wohllautenden und sympathischen Stimme, die naturwüchsige Unmittelbarkeit und Unbefangenheit, Herzlichkeit und Wärme seiner Auffassung, seine überaus vortheilhafte Bühnenerscheinung, die edle Grazie seiner Bewegungen und endlich die siegesgewisse Ueberlegenheit und Ruhe seines Auftretens [809] Richard Wagner selbst, der bekanntlich sehr wählerisch und schwerbefriedigt ist und mit seinem Beifall kargt, umarmte nach der Vorstellung den Künstler in überströmendem Enthusiasmus vor den Augen aller Mitwirkenden, und der kunstsinnige König von Baiern würdigte von diesem Augenblick an den glücklichen Sänger seiner ganz besonderen Aufmerksamkeit und Gunst.

Nachbaur war jetzt endlich, nach tapferem und unverdrossenem Ringen, auf der lichtvollen Höhe des Künstlerthums und des Ruhmes angelangt. Durch mannigfaltige Gastspiele in Karlsruhe, Frankfurt, Dresden, Prag, Weimar, Königsberg, Riga, Leipzig etc. errang er sich immer neue Triumphe und ehrenvolle Auszeichnungen. Der König von Baiern und der König von Württemberg verliehen ihm hohe Orden; in Darmstadt und Weimar errang er sich die goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft, und als er von Leipzig aus, wo er bei seinem letzten Gastspiele einen wahren Enthusiasmus erregte, einen Ausflug nach Gotha machte und dort den Manrico im „Troubadour“ sang, war der Herzog Ernst so außerordentlich begeisterungsgehoben und entflammt, daß er den Künstler nach beendigter Vorstellung auf der Bühne beglückwünschte und mit dem Verdienstkreuze des Sächsisch-Ernestinischen Hausordens schmückte.

Die eigenartigen Vorzüge des Künstlers Nachbaur haben wir bereits mehrfach zu charakterisiren versucht. Erstaunlich ist noch besonders seine seltene Vielseitigkeit, da er in allen Operngattungen gleich ausgezeichnete und technisch vollendete Leistungen aufzuweisen hat: als „Lohengrin“, „Tannhäuser“, „Walter von Stolzing“, als „Raoul“, „Prophet“, „Robert der Teufel“, als „Arnold“ in Rossini’s „Tell“, als „George Brown“ (weiße Dame), als „Manrico“, als „Postillon von Lonjumeau“, als „Faust“ – überall ist er ein Anderer in Betreff der dramatischen Charakteristik und Derselbe in Betreff des künstlerisch ausgearbeiteten, wahren Meistergesanges.

B.