Textdaten
Autor: Johann Wolfgang von Goethe
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Müllerinn Verrath
Untertitel:
aus: Friedrich Schiller:
Musen-Almanach für das Jahr 1799, S. 116 – 119
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1799
Verlag: J. G. Cotta
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Tübingen
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: HAAB Weimar, Kopie auf Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[116]
Der Müllerinn Verrath.


     Woher der Freund so früh und schnelle
Da kaum der Tag im Osten graut?
Hat er sich in der Waldkapelle,
So kalt und frisch es ist, erbaut?

5
Es starret ihm der Bach entgegen,

Mag er mit Willen barfuß gehn?
Was flucht er seinen Morgensegen
Durch die beschneyten wilden Höhn?

     Ach! wohl, er kommt vom warmen Bette,

10
Wo er sich andern Spas versprach,

Und wenn er nicht den Mantel hätte,
Wie schrecklich wäre seine Schmach.
Es hat ihn jener Schalk betrogen
Und ihm den Bündel abgepackt,

15
Der arme Freund ist ausgezogen

Und fast wie Adam blos und nackt.

     Warum auch schlich er diese Wege
Nach einem frischen Aepfel Paar,

[117]

Das freylich schön im Mühlgehege

20
So wie im Paradiese war,

Er wird den Scherz nicht leicht erneuen,
Er druckte schnell sich aus dem Haus,
Und bricht auf einmal nun, im freyen,
In bittre laute Klagen aus.

25
     Ich las in ihren Feuerblicken

Nicht eine Silbe von Verrath,
Sie schien mit mir sich zu entzücken,
Und sann auf solche schwarze That!
Konnt ich in ihren Armen träumen

30
Wie meuchlerisch der Busen schlug?

Sie hieß den holden Amor säumen
Und günstig war er uns genug.

     Sich meiner Liebe zu erfreuen!
Der Nacht die nie ein Ende nahm!

35
Und erst die Mutter anzuschreyen

Nun eben als der Morgen kam!
Da drang ein Dutzend Anverwandten
Herein, ein wahrer Menschenstrom,
Da kamen Vettern, kuckten Tanten,

40
Da kam ein Bruder und ein Ohm.
[118]

     Das war ein Toben, war ein Wüthen!
Ein jeder schien ein andres Thier.
Sie forderten des Mädchens Blüthen,
Mit schrecklichem Geschrey von mir. –

45
Was dringt ihr alle, wie von Sinnen,

Auf den unschuld’gen Jüngling ein?
Denn solche Schätze zu gewinnen,
Da muß man viel behender seyn.

     Weiß Amor seinem schönen Spiele

50
Doch immer zeitig nachzugehn!

Er läßt fürwahr nicht in der Mühle
Die Blumen sechzehn Jahre stehn. –
Sie raubten nun das Kleiderbündel
Und wollten auch den Mantel noch.

55
Wie nur so viel verflucht Gesindel

Im engen Hause sich verkroch!

     Nun sprang ich auf und tobt und fluchte,
Gewiß durch alle durchzugehn,
Ich sah noch einmal die Verruchte

60
Und ach! sie war noch immer schön,

Sie alle wichen meinem Grimme,
Da flog noch manches wilde Wort,

[119]

Da macht’ ich mich, mit Donnerstimme,
Noch endlich aus der Höhle fort.

65
     Man soll euch Mädchen auf dem Lande

Wie Mädchen aus den Städten fliehn,
So lasset doch den Fraun von Stande
Die Lust die Diener auszuziehn!
Doch seyd ihr auch von den Geübten,

70
Und kennt ihr keine zarte Pflicht,

So ändert immer die Geliebten,
Doch sie verrathen müßt ihr nicht.

     So singt er in der Winterstunde
Wo nicht ein armes Hälmchen grünt.

75
Ich lache seiner tiefen Wunde,

Denn wirklich ist sie wohlverdient.
So geh es jedem der am Tage
Sein edles Liebchen frech betrügt,
Und Nachts, mit allzukühner Wage,

80
Zu Amors falscher Mühle kriecht.
GOETHE.