Der Dresdener Todtentanz

Textdaten
Autor: Adolf Rosenberg
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Titel: Der Dresdener Todtentanz
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 163–166
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Der Dresdener Todtentanz.

Eine kunsthistorische Skizze..

Schon um die Wende des dreizehnten Jahrhunderts machte sich in Deutschland bekanntlich jene Gährung bemerkbar, welche die neuen politischen und religiösen Ideen verbreitete, die im Beginn des sechszehnten Gestalt und Leben gewinnen sollten. Mit dem vierzehnten Jahrhundert begann eine Epoche des Übergangs, eine Zeit der Auflösung und Verwirrung aller sittlichen Anschauungen. Die bis dahin für heilig und unverletzlich gehaltenen Autoritäten, Kaiser und Papst, Geistliche und Ritter, waren zum Gegenstände schnöder Angriffe geworden, und unter ihrem heftigen Anprall war manche morsch gewordene Institution in Trümmer gesunken. In Folge dessen nahm die Zügellosigkeit im niederen Volk überhand; Jeder wollte seinen Platz an der reichbesetzten Tafel einnehmen; Recht und Sitte wurden mit Füßen getreten, und die Befriedigung sinnlicher Leidenschaften galt als das höchste Ziel menschlichen Strebens. In diese Zeit der Rechtlosigkeit und des Sinnentaumels brach das Schreckgespenst des schwarzen Todes hinein, gleich als wollte es die entartete Menschheit an die Eitelkeit aller irdischen Genüsse mahnen, und hielt, Elend und Hungersnoth im Gefolge, seinen schauerlichen Triumphzug durch Deutschland und das übrige Europa. Zu wiederholtem Male kehrte die Pest das dreizehnte und das ganze vierzehnte Jahrhundert hindurch wieder, eine unablässige Mahnung für das geängstigte Volk, an die letzten Dinge zu denken, und was keine menschliche Autorität vermocht hätte, brachte der unheimliche Sieger zuwege: die Rückkehr zu Gott und zum Ewigen. In den Kirchen wurden die Bilder des Todes errichtet, welche den Sinn der Andächtigen beständig auf die Vergänglichkeit alles Irdischen hinlenkten und zur Buße mahnten. In die geistlichen Schauspiele und in die feierlichen Reigentänze, welche unter dem Schutze der Geistlichkeit in den Gotteshäusern aufgeführt wurden, trat der Tod ein und spielte neben den Engeln und Heiligen seine furchtbare Rolle. Man wird ihn bei dieser Gelegenheit als vermummte Gestalt dargestellt haben, ohne sich um eine strengere Charakteristik viel zu kümmern. Dagegen fiel der bildenden Kunst, die sich des Gegenstandes ebenfalls schon frühzeitig bemächtigte, die Aufgabe zu, eine Personification des Todes zu erfinden, und sie stellte ihn so dar, wie er dem Auge des Menschen erscheint, als verwesten Leichnam. Statt der Ursache mußte also die Wirkung, statt des Todes der Todte eintreten. Aus dem Todten wurde allmählich ein entfleischtes Gerippe und daraus im Laufe des sechszehnten Jahrhunderts der Knochenmann, der uns noch heute als das Symbol des Todes gilt.

Das Mittelalter begnügte sich aber nicht mit dem Tode als einer Person. Der Tod ist mannigfaltig, und so stellte sich die menschliche Phantasie ein ganzes Heer von Todtengerippen vor, die unablässig auf der Jagd sind, um ihre Opfer in blühender Lebenslust wie die Jäger das Wild zu überfallen.

In jenen kirchlichen Reigentänzen traten, diesen Anschauungen zufolge, die Tänzer paarweise auf, immer ein Todter und ein Lebender, und um Abwechslung in den Zug der Tanzenden zu bringen, und andererseits auch die demokratische Idee des alles nivellirenden Todes zu versinnlichen, waren unter den Partnern der Todtengerippe alle Stände von, Kaiser und Papst bis zum krüppelhaften Bettler vertreten. Die Kunst ergriff, wohl direct durch die Kirche dazu aufgefordert, diese dramatischen Schaustellungen und hielt sie zu noch eindringlicherer Mahnung an passenden Orten fest. Die Wände der Klöster als der Stätten stiller Beschaulichkeit [164] [165] [166] und in der Hand des durch Frömmigkeit ausgezeichneten Fürsten wäre dann der Rosenkranz ein charakteristisches Symbol, um so mehr, als Herzog Georg, ein entschiedener Gegner der Reformation, fest an den Bräuchen der alten Kirche hielt. Die Deutung ist sehr wahrscheinlich, da man sonst nicht wüßte, wie gerade der Kurfürst zu dein Rosenkranz käme. Mit geringerer Sicherheit ist die folgende Figur, der Graf, für Georg’s einzigen, an Geistesschwäche leidenden Sohn Friedrich, der 1539 starb, erklärt worden. Der geharnischte Ritter, der Edelmann, der Rathsherr, der Handwerker mit Schurzfell, Winkelmaß und Hacke, der Landsknecht mit der Hellebarde, der Bauer mit Dreschflegel und Schwert sind durch Tracht oder Attribute deutlich charakterisirt. In der Bewaffnung des Bauern wird man vielleicht eine Anspielung aus die Bauernkriege zu erkennen haben. Die lebhafte Handbewegung des lahmen Bettlers deutet darauf hin, daß der Tod ihm willkommen ist. Der blinde, von dem Knaben geführte Greis, welcher den Schluß des Zuges bildet, schwenkt dem erlösenden Tode sogar jubelnd den Hut entgegen. Zwischen diesen beiden Unglücklichen befinden sich noch vier Figuren: die Aebtissin eine Frau in vornehmer Tracht, welche man für die Herzogs - Gemahlin, Barbara, hält, eine Bäuerin mit einer Hocke auf dem Rücken, aus der zwei Gänse hervorgucken, eine Figur von besonders glücklicher Erfindung, und ein Kaufmann, den ein Geldsack als solchen charakterisirt. Der Knabe, dessen Kleidung der Restaurator des Werkes einen etwas wunderlichen Schnitt gegeben, streckt die Hand nach dem Geldsacke aus. Ein Knochenmann mit umgekehrter Sense, die wohl andeuten soll, daß er sein Werk gethan, beschließt den Zug.

Der gegenwärtige Zustand des Dresdener Todtentanzes erlaubt uns nicht, ein Antheil über die künstlerische Ausführung des Einzelnen zu fällen. Nur so viel läßt sich noch mit Sicherheit erkennen, daß sich der Schöpfer des Werkes auf eine lebendige und treffende Charakteristik sehr wohl verstand, und daß er sich in der Composition des Ganzen nicht allzu streng an die Ueberlieferung hielt. Es ist ihm gelungen, die Trockenheit der Allegorie glücklich zu vermeiden und aus seinem Todtentanze ein Bild von hohem kulturgeschichtlichem Werthe zu schaffen, das uns mit der Denkungsart und dem Leben seiner Zeit vertraut macht.

Adolf Rosenberg.