Der Aufstand in der Crivoscie und der Herzegowina

Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Aufstand in der Crivoscie und der Herzegowina
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 175–178
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[175]

Der Aufstand in der Crivoscie und der Herzegowina.

Als im Jahre 1814 die politische Karte von Europa nach dem Gutdünken der Diplomaten wieder einmal „für ewige Zeiten“ umgestaltet wurde, gelangte Oesterreich in den dauernden Besitz der Lande, welche heute den südlichen Theil Dalmatiens bilden und deren Bevölkerung sich im Laufe dieses Jahrhunderts jetzt bereits zum dritten Male gegen die österreichische Regierung auflehnt. Einst waren die Städte dieses Küstenstriches nicht unbedeutende Handelsplätze und Pflegestätten der Künste und Wissenschaften, welche sowohl der Uebermacht Venedigs zu trotzen wie auch den Einfällen der türkischen Horden bald mit Waffen, bald mit Goldmünzen erfolgreich zu begegnen wußten. Im Anfange dieses Jahrhunderts aber war ihr Wohlstand bereits untergraben, und selbst der Freistaat Ragusa hat in den Napoleonischen Kriegen seine Macht vollständig eingebüßt, da von den 360 Schiffen, über welche diese Handelsrepublik verfügte, 300 theils von den Engländern und Russen gekapert wurden, theils im Hafen verfaulten.

Auch unter Oesterreichs Herrschaft hat sich die Bedeutung dieses Küstenlandes nicht merklich gehoben, und man schrieb die geringe Entwickelungsfähigkeit des dortigen Handels und Wandels der ungünstigen politischen Lage Dalmatiens zu, welches, einen schmalen Streifen bildend, durch die Nachbarschaft der in volle Anarchie zerfallenden Türkei stark beeinträchtigt war. Darum wurde unter den Gründen, die Oesterreich zur Occupation von Bosnien und der Herzegowina veranlaßten, auch der Umstand angeführt, man müsse für Dalmatien ein Hinterland schaffen. Und in der That wird die Neubelebung des dalmatinischen Handels einen nicht zu unterschätzenden Erfolg des Vordringens von Oesterreich-Ungarn auf der Balkanhalbinsel bilden – vorausgesetzt, daß es der österreichischen Regierung gelingt, die verwilderten Stämme der occupirten Provinzen für die culturelle Arbeit zu gewinnen. Bis jetzt ist freilich von derartigen Erfolgen noch nichts zu spüren; Bosnien und die Herzegowina haben vielmehr Oesterreich gegen 300 Millionen Gulden gekostet, und die von dem Türkenjoche befreiten Südslaven danken Oesterreich für den ihnen gewährten Schutz mit Meuterei und Aufruhr.

Während wir diese Zeilen niederschreiben, soll von den österreichischen Regimentern auf den unwirthlichen Höhenzügen der Crivoscie und der Herzegowina ein Hauptschlag gegen die Insurgenten geführt werden, und mit pochenden Herzen sehen Tausende von deutschen Familien dem Ausgange des Kampfes entgegen; denn Tausende aus dem deutschen Volke setzen dort ihr Leben ein, auf gefahrvollen Gebirgspfaden von wildtobenden Schneestürmen nicht minder bedroht als von feindlichen Kugeln.

Eine kurze Beschreibung des Kriegsschauplatzes wird daher vielerorts den Lesern der „Gartenlaube“ ohne Zweifel willkommen sein, ebenso wie die beigefügte Karte, auf welcher die Betheiligten den gefahrvollen Wegen ihrer Söhne und Väter unschwer zu folgen vermögen, welche für Oesterreichs Ansehen und den Frieden Europas tapfer einstehen.

Am südlichen Ende der dalmatinischen Küste bildet das Meer eine vielzackige, von hohen Bergen umrahmte Bucht, die Bocche di Cattaro, welche den Schiffern als ein vortrefflicher Hafen wohlbekannt ist und den Touristen durch seltene Naturschönheit entzückt. Bald fallen hier steil und kahl die Felsenwände gegen den dunklen Wogengrund ab; bald prangt das Gestade im reichen Schmucke der Vegetation, der das Auge des Fremden um so mehr fesselt, als hier, neben den nordischen Bäumen, die Orangen und Citronen, die Dattelpalmen und die Cypressen, sowie Aloe und Granatbüsche gedeihen. In dem nordwestlichen Winkel dieser Bucht liegt der kleine Handelsplatz Risano, von dem aus man am leichtesten in das Insurrectionsgebiet gelangt. Fast unmittelbar hinter Risano verändert sich der Charakter von Land und Leuten wie mit einem Schlage. Die Weingärten und Obstpflanzungen werden, je mehr man gegen das Gebirge vordringt, immer seltener, und auch der Baumwuchs verschwindet bald, bis die Gegend ein karstartiges Hochplateau, die Crivoscie, bildet, welches, mit spärlichem Grase bedeckt, nur als Weideplatz benutzt werden kann.

Nach dieser Ebene, auf welcher im Jahre 1836 das Fort Dragali erbaut wurde, führt von der Küste nur ein elender Saumweg, der sich durch zahlreiche Engpässe und an gefährlichen Schluchten vorbei schlangenartig hinaufwindet. Von Straßen im europäischen Sinne des Wortes findet man in der Crivoscie nicht die geringste Spur. Dabei zeigt hier das Gebirge all die öden und trostlosen Eigenschaften des Karstes in so hohem Maße, daß eine wildere und rauhere Gebirgsgegend schwerlich irgendwo in Europa nachzuweisen wäre.

Während man ferner an der Küste auf Ueberreste alter Cultur stößt und einem lebhaften Handel und Wandel begegnet, findet man auf der Hochebene der Crivoscie einen Hirtenstamm, der, noch in halbwildem Zustande lebend, kein geschriebenes Gesetz anerkennt und an seinen alten überlieferten Vorrechten mit Zähigkeit festhält. Als die Türken die Völker der Balkanhalbinsel unter ihr Joch beugten, wußten die Crivoscianer, gleich ihren Brüdern in den Schwarzen Bergen, sich einen gewissen Grad von Unabhängigkeit zu sichern, da ihr Widerstand in der unwirthlichen Natur ihrer Heimath einen nicht zu unterschätzenden Bundesgenossen fand. Aber gerade durch diese unaufhörlichen Kämpfe mit ihren Grenznachbarn verwildert, haben diese Hirten bis auf den heutigen Tag die barbarischen Kriegsgebräuche ihrer Vorfahren beibehalten und pflegen, wie man erzählt, den gefallenen Feinden die Nasen abzuschneiden, um nach der Art der scalpirenden Indianer Siegestrophäen zu sammeln. Wie die Montenegriner es für eine Schande halten, ohne Waffen zu erscheinen, so betrachten auch die Crivoscianer Handschar und Flinte als unentbehrliche Costümstücke, und man sieht diese Söhne der Berge wohl darum verhältnißmäßig so selten in den nahen Küstenstädten Dalmatiens, weil sie vor dem Eintritt in dieselben ihre Waffen ablegen müssen. Ein erfahrener Kenner dieses Volksstammes beschließt eine Charakteristik desselben mit folgenden vielsagenden Worten:

„Wenn ein Schriftsteller die Crivoscie den ‚österreichischen Kaukasus‘ genannt hat, so können wir ihm bedingungsweise beipflichten, wenn aber Andere die Bewohner jenes Districtes mit den Rothhäuten des amerikanischen Westens verglichen haben, so müssen wir ihnen ohne allen Vorbehalt beistimmen.“

Auf sich allein angewiesen, würden die Crivoscianer schwerlich in der Lage sein, der österreichischen Regierung ernstere Verwickelungen zu bereiten; denn alle ihre Gemeinden zusammen zählen höchstens viertausend Seelen. Sobald aber in ihren Bergen die Schüsse knallen, werden durch ihr Echo die Stammesbrüder aus Montenegro und der Herzegowina aus dem dolce far niente aufgerüttelt, und sie erscheinen sofort schaarenweise, um an dem „Kriege“ theilzunehmen. Werden die Crivoscianer dagegen von den österreichischen Truppen zersprengt, so können sie ihrerseits sicher sein, daß sie in den benachbarten Schwarzen Bergen, in dem souverainen Fürstenthum Montenegro, allezeit die gastlichste Aufnahme und den Schutz vor „fremden Bajonetten“ finden.

Die Crivoscie bildete jedoch nur den Ausgangspunkt des gegenwärtigen Aufstandes, welcher sich in kurzer Zeit auch auf den südlichen Theil der im Jahre 1878 occupirten Länder, auf die Herzegowina, erstreckte.

Im Großen und Ganzen herrscht auch hier der Karstcharakter in der Bildung des Gebirges vor; auch in der Herzegowina finden wir überall Armuth an Wasser und Lebensmitteln, sowie zerklüfteten, unwegsamen Felsboden. Das ganze Land besitzt nur eine einzige leidliche Straße, die in dem Narentathale von Mostar nach Serajewo führt, während sonst nur elende Saumwege die Communication zwischen den einzelnen Ortschaften vermitteln. Unter

[176]

Karte des österreichischen Aufstandsgebiets.

[177] den herzegowinischen Festungen gilt Stolatz (vergl. unsere Abbildung) als die bedeutendste, da sie über der gleichnamigen Stadt auf einem hohen, schwer zugänglichen Felsen erbaut ist.

Die Gesammtbevölkerung der Herzegowina betrug nach der am 15. Juni 1879 vorgenommenen Volkszählung nur 187,710 Einwohner, wiewohl das Land Oberösterreich an Flächenumfang übertrifft. Allerdings finden wir in den Städten dieses Bezirkes nicht unbedeutende Anfänge eines industriellen Wirkens. So ist z. B. die wegen ihrer Marmorbrücke einst weiterhin bekannte Hauptstadt Mostar durch ihre Gerbereien in der Umgegend zur Berühmtheit gelangt, während Fotscha, ein an der montenegrinischen Grenze gelegener Ort, seit alten Zeiten den Sitz tüchtiger Waffenschmiede bildet, welche vortreffliche Damascenische Klingen, Handschars und Messer herstellen. Im Großen und Ganzen aber ist die Bevölkerung des Landes nicht gerade arbeitslustig und betreibt die Landwirthschaft in höchst primitiver Weise, indem sie z. B. den Boden mit einem hölzernen Pfluge aus Olims Zeiten beackert.

Festung Stolatz in der Herzegowina.
Nach einer Skizze von F. Weibel auf Holz gezeichnet von H. Heubner.

Wir brauchen wohl nicht besonders hervorzuheben, daß die Kriegsführung in einem solchen Lande mit den größten Schwierigkeiten verbunden ist; stehen doch, wie schon angedeutet, den vorrückenden Truppen nicht einmal fahrbare Straßen, geschweige denn Eisenbahnen, zur Verfügung, und so sieht sich der Soldat gezwungen, bei weiteren Expeditionen seinen Proviant im Tornister zu tragen. Aber dieser Kriegsschauplatz ist dem österreichischen Generalstab nicht unbekannt, und man darf hoffen, daß er die Erfahrung der Feldzüge von 1849 und 1869 in der Crivoscie und der Herzegowina benutzen und den Aufstand in verhältnißmäßig kurzer Zeit niederwerfen wird. Für die Beurtheilung der heutigen Kämpfe ist vor Allem die Geschichte der Insurrection in den Jahren 1869 und 1870 maßgebend.

Damals sollte die im Jahre 1868 in Oesterreich angenommene allgemeine Wehrpflicht auch in den süddalmatinischen Bezirken durchgeführt werden. Wiewohl die Regierung erklärte, daß die dortigen Wehrpflichtigen nur in einer zur Vertheidigung ihrer engeren Heimath bestimmten Landwehr dienen sollten, so weigerten sich die Cattareser dennoch, dem neuen Gesetze Folge zu leisten, und beriefen sich auf ein altes Privileg, auf Grund dessen sie nur zum Seedienst herangezogen werden dürften. Als trotz dieser Proteste und einer an den Kaiser gerichteten Petition die Regierung sich anschickte, die Rekrutirung durchzuführen, griffen die Crivoscianer zu den Waffen und überfielen am 7. October 1869 ein Truppendetachement, welches der Uebermacht weichen mußte.

Die in Folge dessen gegen Mitte October von dem österreichischen Heere vorgenommene Expedition gegen die Crivoscie scheiterte vollständig, und die Truppen mußten den Rückzug antreten, ohne ernstlich auf den Feind gestoßen zu sein, da auf der Hochebene eine furchtbare Bora das weitere Vordringen derselben unmöglich machte.

Hierdurch ermuthigt, rückten nun die Insurgenten vor, verstümmelten und tödteten alle österreichischen Marodeure, die ihnen in die Hände fielen, und erschienen am 23. October vor Cattaro, welches sie sogar auf kurze Zeit eingeschlossen hatten. Nachdem es schließlich den Truppen gelungen war, die Insurgenten von der Küste in das Gebirge zurückzudrängen und das Fort Dragali zu verproviantiren, wurden Winterquartiere bezogen, und General Graf Auersperg begann mit den Crivoscianern zu unterhandeln.

Mostar in der Herzegowina.
Nach einer Skizze von F. Weibel auf Holz gezeichnet von H. Heubner.

Am 17. December wurde inzwischen General von Rodich mit [178] geheimer Instruction nach Süddalmatien entsandt, und ihm gelang es schließlich, das Land zu beruhigen. Die Form aber, in welcher der sogenannte „Friede von Knezlaz“ geschlossen wurde, war für die österreichisch-ungarische Monarchie nichts weniger als rühmlich. General Rodich bewilligte den Insurgenten vollständige Amnestie und Beibehaltung ihrer Waffen, unter der Bedingung, daß sie dieselben auf kurze Zeit niederlegen und dem Kaiser sich formell ergeben sollten. Dieser Schlußact des blutigen Dramas, welcher am 11. Januar 1870 sich abspielte, war ein lächerliches Possenspiel. Einige Hundert Crivoscianer erschienen vor dem österreichischen General, übergaben ihm ihre Gewehre und erklärten, daß sie sich dem österreichischen Kaiser unterwürfen. In väterlichem Tone hielt hierauf der General eine Strafpredigt an die Ungehorsamen und gestattete ihnen, nachdem er sie mit Geld beschenkt hatte, die Büchsen zur eigenen Sicherheit wieder mitzunehmen.

Nun knallen diese Büchsen wieder gegen die kaiserlichen Truppen, und der Grund der Auflehnung ist dieselbe Einführung der Wehrpflicht. Die Wiener Regierung hat nämlich beschlossen, die Bevölkerung von Bosnien und der Herzegowina, die bis jetzt vom Militärdienst befreit war, zu diesem Dienste heranzuziehen und zunächst die Landwehrorganisation in dem Bezirke von Cattaro durchzuführen. In den Augen der Gebirgssöhne war diese Heranziehung zu den Pflichten, die sonst jeder Staatsbürger erfüllen muß, wiederum ein schmählicher Privilegienbruch, und die Nachricht empörte sie umsomehr, als die Verheißungen, welche Oesterreich bei der Besitzergreifung des Landes gemacht hatte, noch immer auf ihre Erfüllung warten lassen. Die mohammedanische Bevölkerung weigerte sich außerdem, einem christlichen Souverain den Eid der Treue zu Wasser und zu Lande zu leisten, und schloß sich der Insurrection an. Dazu kommt es noch, daß fremde Agenten schon seit längerer Zeit das Land gegen Oesterreich aufwühlen und die Bevölkerung für panslavistische Ziele zu gewinnen suchen, um wiederum das „Bischen Herzegowina“ zum Ausgangspunkte großer kriegerischer Verwickelung zu machen.

Die Crivoscianer und ihre Brüder aus der Herzegowina ließen sich vielleicht mit Guldennoten zum zweiten Male beschwichtigen; ein südslavischer Politiker hat wenigstens an die ungarische Regierung die naive Frage gerichtet, warum man denn die Bevölkerung der Herzegowina für seine Zwecke nicht kaufen wolle. Die Rüstungen, welche Oesterreich gemacht, deuten jedoch darauf hin, daß man diesmal in Wien nicht geneigt ist, die Komödie von Knezlaz zu wiederholen, sondern beschlossen hat, den Knoten mit dem Schwerte zu lösen, wie es das Ansehen und die Würde Oesterreichs erheischt.

Auf die Andrassy’sche Occupationspolitik, vor welcher einst die deutsche liberale Partei in Oesterreich die Lenker des Staates so nachdrücklich gewarnt hat, wirft freilich der gegenwärtige Aufstand ein grelles und unheimliches Licht.