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Textdaten
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Autor: Ludwig Ganghofer
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Titel: Der „kleine Hahn“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 397–400
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Der „kleine Hahn“.

Von Ludwig Ganghofer.

Er ist der ausgesprochene Liebling aller Jäger, die ihn kennen, jagen und hegen, sei es im Laub- oder Föhrenwald der deutschen Mittelgebirge, sei es im Moorland der Ebene, oder in den wirr verwachsenen Latschendickungen der Berge. Aber nicht nur die Jäger haben dem kleinen „schnackerlfidelen“ Birkhahn ihr Herz geschenkt, er ist auch, besonders im Hochland, die heiße Sehnsucht so manch eines halbwüchsigen Burschen, dem der erste Bart auf der Lippe sproßt, und auch noch so manch eines alten Hallotri, dem schon das erste „Schneeberl“ aufs Haar gefallen. Der Wunsch, das selbsterbeutete „krummbe Federl“ auf’s Hütlein stecken zu können, hat schon so manch einem, der um keinen Hirsch oder Gemsbock zum Wilddieb geworden wäre, die Büchse zu einer heimlichen Pirsch in die Faust gedrückt. Freilich hat solch ein lustiger Auszug zum „Hoh’salz“ auch oft schon ein trauriges Ende gefunden, bei dem es nicht mehr um ein „Federl“ ging, sondern um Tod und Leben – und wenn dann die Schleier der Morgendämmerung über den beschneiten Graten zerflossen und die Frühlingssonne warm und goldig emportauchte über die Zinnen der Berge, leuchtete sie nieder auf einen kalten Mann, welcher still gebettet lag im rot gefärbten Schnee.

Nach solch einem Morgen haben wohl die Hähne des Reviers, in dem die Tragödie sich abgespielt, eine Zeit lang Ruhe vor unberufenen Schützen. Aber das Grauen, welches die blutgetränkte Stätte umwittert, hält selten länger an als bis zur nächsten Balz. Und wer das Leben, den Charakter und das „roglige“ Blut unserer Bergler kennt, wird ihre nimmerstille Sehnsucht nach dem „Hoh’ mit’n krummb’n Federl“ auch begreifen. Der einsiedlerische, scheu im dunklen Tann versteckte Auerhahn steht bei weitem tiefer in ihrer Wertschätzung; tausend „Schnaderhüpfeln“ und „G’stanzln“ aber wurden schon dem lustigen Spielhahn gesungen, diesem flinken, unermüdlichen Frühlingsfänger und kampflustigen Don Juan, in welchem der junge, rauflustige und leichtlebige Bergler gleichsam ein Ebenbild seiner selbst erblickt. Und der Tanz, den er am meisten liebt, der Schuhplattler – er ist nichts anderes als eine ländlich sittliche Nachahmung der Spielhahnbalz und ihres drollig fidelen Minnewerbens. Diese Aehnlichkeit ist auch dem Volk der Berge klar bewußt, denn wenn ein gewandter Tänzer bald schnackelt und stampft, daß Boden und Fenster zittern, bald wieder lautlos schleifenden Schrittes die mit fliegenden Röcken sich wirbelnde Tänzerin umkreist und dabei die Arme nach rückwärts streckt, wie der balzende Hahn seine zitternden Schwingen trägt – so singen ihm wohl die Zuschauer das rühmende „Gstanzl“.

„Der draht si und plattelt,
Wie’s koaner net ko’,
Und rodelt und grugelt
Und blast wie r ’a Hoh’!

Was Wunder, daß zu solchem Tanz auch das „krummbe Federl“ aufs Hütl gehört – und wär’s nur deshalb, daß der jauchzende Tänzer, wenn er zum letzten Geigenton sein Dirndl hochauf „geschwungen“ hat, im übermütigen Vollgefühl seiner Kraft das Hütlein drehen und mit rauflustiger Herausforderung die gebogene Feder nach vorne stellen kann, wie einen zum „Hackln“ gekrümmten Finger!

„Von Königssee bis Garmisch’ nauf
Is grad a so a Trumm,
Und hon i a krummbs Federl auf,
So stößt ma’s koaner um!“

Daß solch ein vielumsungenes „Federl“ sich nicht beim Krämer um ein paar Nickel kaufen läßt, das ist wohl selbstverständlich! Es muß im kalten Schnee mit heißer Mühe [398] verdient werden, sei es auf erlaubter Jagd oder auf verbotenen Wegen! Die Strapazen, die in den Bergen mit der Spielhahnjagd verbunden sind, schrecken solch einen wetterharten, federsüchtigen Burschen nicht ab, und im übrigen wird ihm die Sache manchmal gar leicht gemacht, besonders, die sich mit dem Abschuß der Auerhähne begnügen und den schwer zu jagenden Spielhahn großmütig ihrem Personal überlassen. Da bleiben in den ersten Maienwochen, wenn der Auerhahn schon seine letzten Lieder schnackelt und der Spielhahn seinen Liebesreigen just beginnt, die Balzplätze des kleinen Hahnes oft tagelang ohne Aussicht denn ein verspäteter „Gawlier“ ist in der Jagdhütte eingerückt und nimmt das Personal in Anspruch.

Wenn dann der Jäger eines Morgens, früh um vier Uhr, seinen Herrn hinauslotst durch den steilen, finsteren Bergwald, lauscht er wohl in Sorg’ und Freude dem Grugeln eines Spielhahns, welcher hoch auf einem fernen Schneegrat balzt, und klopfenden Herzens genießt er die Weidmannsluft voraus, die ihm nach wenigen Tagen dort oben blühen wird. Es dämmert kaum – da rollt von jenem fernen Grat der verschwommene Hall eines Schusses über die Berge hin, und der Spielhahn schweigt. Dem Jäger giebt’s „an völligen Riß“ – aber weil er seinem Herrn den ohnehin schon halb vergrämten Auerhahn nicht verderben darf, verbeißt er seine Wut und flucht nur innerlich. „Himmelkreuzteufi no’ amal! Jetzt hat ma richti oaner den Hoh’ davo’, so a Lump, so a gottvermaledeiter!“

Ein paar Minuten später, wenn der schlecht angeplänkelte Auerhahn davongeritten ist, macht der Jäger freilich ohne „Schanierer“ seinem Aerger Luft. „No also! Jetzt hob’n ma alle zwoa an Schmarren! Jetzt is der Auerhoh’ verpatzt, und der Spielhoh’ is aa beim Deufi! Himmikreuzdivi …“ Das Ende dieses ellenlangen Fluches verliert sich zwischen den knirschenden Zähnen.

Der „Gawlier“, der noch immer mit verdutzten Augen den leeren Ast betrachtet, auf dem der Auerhahn gesessen, hat nur für die erste Hälfte dieses doppelte Jägerschmerzes das richtige Verständnis. Wenn er nur seinen Auerhahn hätte! Was geht ihn der Spielhahn selbes Jägers an! Man bleibt ja gerade in gutem Einvernehmen mit der Gemeinde, wenn man zuweilen die Augen ein bißchen zudrückt und einem Vetter des Bürgermeisters das krumme Federchen vergönnt. Der Jäger freilich denkt anders vom Wert eines Spielhahns – und wenn er am nächsten Sonntag beim Kirchgang unter den hundert Bauernhüten den einen entdeckt, der mit der frischen „Schaar“ geschmückt ist, dann blitzen seine Augen bei dem stillen Gelöbnis. „Wart, Brüderl! Wir zwoa wachsen z’samm mitanand! Für alles kummt a zahlende Zeit!“ Dieser Augenblick hat eine Feindschaft auf Leben und Tod erweckt – und über Jahr und Tag wird der Schnee wieder blühen – rot! Und um ein „Federl“! Das mag wohl traurig sein, aber es ist nun einmal so! Und wer es ändern will, muß ein anderes Volk in die Berge setzen!

Der richtige, leidenschaftliche Spielhahnjäger muß im Hochland geboren sein. Wohl schickt auch die Stadt aus ihrer echt grünen Weidmannsgilde tüchtige und ausdauernde Hahnenjäger in die Berge, im übrigen aber ist es manch einem „banlwoach’n“ (schwachknochigen) städtlerischen Jagdherrn gar nicht zu verdenken, wenn er vom Spielhahn der Berge redet wie der Fuchs von den sauren Trauben. Wohl kommt es auch in den Bergen vor, daß ein Spielhahn auf niedrig gelegenem Almfeld oder sonst an bequemer Stelle balzt, die von der nahen Jagdhütte aus mit einem gemächlichen Morgenspaziergang zu erreichen ist, der Jagdgast kriecht unter den vom Jäger erbauten Latschenschirm, wickelt sich in seinen Pelz, und kaum ist der Hahn im Morgengrau herangestrichen – paff! – bevor er sein erstes Liedlein noch ausgesungen hat, liegt er schon verendet auf dem Schnee oder empfiehlt sich mit Hinterlassung von ein paar abgeschossenen Federchen.

Aber diese „kammod’n Platzln“ gehören zu den Seltenheiten. Für gewöhnlich liebt der Spielhahn hochgelegene, selten von einem Menschenfuß betretene Grate, auf denen Mitte Mai die Latschen noch unter metertiefem Schnee versunken liegen. Keine Almhütte weit und breit, kein Jagdhaus in der Nähe. Da heißt es, lange vor Mitternacht aufbrechen, und nach einer schönen Wanderung durch den schlummerstillen Thalwald und unter funkelnden Sternen, bei deren Schein das lichte Maigrün der jungen Buchenblätter kaum als mattes Grau zu erkennen ist, beginnt durch wachsenden Schnee ein mühseliger Anstieg. Nach solchem Schneemarsch steckt der Körper in den Kleidern, als wäre er just aus einem Dampfbad gekommen. So kauert man hinter einem Felsblock, in einem spärlich deckenden Latschenbusch oder gar nur in einem Schneeloch, wehrlos angeblasen vom schneidenden Morgenwind. Da hilft kein Aufstülpen des Rockkragens, kein „Halstüechl“ und Wettermantel – kaum daß ein ausgiebiger Schluck doppeltgebrannten Enzians oder sonst eines scharfen Tropfens, der „g’hörig einhoazt wia Buech’nscheiter,“ die Unbehaglichkeit dieses ersten „dämpfigen“ Viertlstündl’s mildert, welches schadlos nur von einer wetterharten, robust gesunden Natur überstanden wird. Schauer um Schauer rüttelt den Leib, und schon nach wenigen Minuten eröffnet ein erster „Niasez’r“ das obligate „Falzkatharl“. Aber da klingt von irgendwo die schüchterne Stimmprobe eines erwachenden Hahnes – dem Jäger wird heiß, und Mühsal und Kälte sind vergessen.

Der Himmel lichtet sich, zwischen ziehenden Wolken leuchten in weiter Ferne gelbe Streifen auf, blaugrauer Schimmer zittert über allem Schnee, ein Teil der Wände liegt noch im Schatten der Nacht, mit pechschwarzen Wäldern, doch auf einzelnen Gipfeln, welche gegen Osten blicken, beginnen schon die Ferner ihr reines Weiß aus der weichenden Dämmerung hervorzulösen.

Ein leises Sausen huscht durch die graue Luft – und plötzlich gewahrt der Jäger, etwa hundert Schritte unterhalb seines Schlupfwinkels, auf dem weiße Schnee einen schwarzen Fleck. Es ist der Hahn, der auf dem Balzplatz eingefallen. Kaum noch erkenntlich steht der Vogel eine Weile regungslos, dann streckt er den Hals und äugt mit scheuer Vorsicht nach allen Seiten. Sobald er sich sicher glaubt, beginnt er sein Minnelied mit dem „Blasen“: Tschju-huischschd, tschiu-huischschd! Erst klingt es nur halblaut und schüchtern als wäre sein Mißtrauen noch nicht völlig beschwichtigt, oder als wollte er vorerst nur seine Stimme probieren. Nach einigen Minuten beginnt er hitziger zu werden; er bläßt und bläßt und führt dabei absonderliche Tänze auf – bald streckt er den Schnabel starr auf den Schnee und steht ein paar Sekunden wie hypnotisiert, bald wieder springt er mit schlagenden Schwingen hoch empor oder flattert unter rüttelndem Zischen mehrere Schritte weit bergan. Es ist Rasse und Leidenschaft in diesem Spiel – aber Leidenschaft, die nicht blind macht. Auch der hitzigste Hahn verliert nicht seine vorsichtige Scheu, immer wieder sichert und äugt er während des Blasens nach allen Seiten, und es währt geraume Weile, bis er, völlig sorglos, den eigentlichen Minnegesang beginnt, das „Rodeln“ oder „Grugeln“. Das ist ein Lied, das sich mit sprachlichen Lauten nicht wiedergeben läßt – es erinnert in manchen Tönen an das Ruksen und Gurren eines Taubers, doch klingt es lauter, mannigfacher und energischer, wohl auch melodiöser. Daß der balzende Spielhahn einen veritablen Walzer sänge, wie ein begeisterter Jagdschriftsteller behauptete, ist freilich poetische Uebertreibung. Aber ein bißchen Wahrheit steckt dennoch in dieser Behauptung. Ich konnte im Grugeln einzelner Spielhähne – besonders, wenn sie auf Bäumen sangen, und häufiger noch bei der ruhigen Herbstbalze – immerhin einen gleichmäßig wiederkehrenden Rhythmus unterscheiden, der sich musikalisch etwa folgendermaßen darstellen ließe.

Doch bei der Bodenbalz im Frühling, in der ersten Hitze seines Minneliedes, ist der Hahn zu toll und ungestüm in seinem Sangeseifer, um sich an strenge Kunstform zu halten und „nach Noten“ zu singen. Da hat jede Strophe seines Liedes anderen Laut und andere Melodie. Dazu schreitet er und dreht sich im Kreis, flattert und springt, unterbricht sein Rodeln und Blasen mit so drollig wirkenden Tönen und führt dabei Bewegungen von so drastischer Komik aus, daß es den Jäger in seinem Versteck oft Mühe kostet, ein lautes Auflachen zu unterdrücken.

Das sind köstliche Minuten für den echten Weidmann, der seine beste Freude an der Beobachtung des sangberauschten Hahnes findet und durch kein „Hahnenfieber“ sich verleiten läßt, einen voreiligen Schuß zu thun. Noch ist es auch nicht licht genug, um sicher zu zielen, und noch steht der Hahn zu weit. Doch er [399] nähert sich mit jedem Blasen und Grugeln, Schritt um Schritt – und bald wird es Zeit sein, die Büchse zu heben.

Da saust es wieder in der Luft und jählings, ohne daß der Jäger ihn kommen sah, steht ein zweiter Hahn auf dem Schnee. Einige Sekunden betrachten sich die beiden Rivalen so erstaunt, als hätte noch keiner von ihnen seinesgleichen gesehen. Dann aber heben sie ein Blasen und Springen an, ein Tanzen und Gaukeln, immer heißer und erregter – und plötzlich fahren sie mit gesträubtem Gefieder aufeinander los. Ein Kampf beginnt, daß die Federn umherfliegen. In der Hitze des Gefechtes überkollern sich die beiden Streiter und springen wieder auf, Flügelschläge und Schnabelhiebe werden ausgeteilt, sie schnellen sich Brust an Brust in die Hohe wie ein einziger Knäuel, der Stärkere bekommt seinen Gegner mit dem Schnabel zu fassen, zerrt ihn im Kreis und drückt ihn nieder auf den Schnee – und das ist ein so ergötzlicher Anblick, daß der Jäger völlig seiner Büchse vergißt. Kommt es ihm endlich zum Bewußtsein, daß sich hier mit einem Schuße zwei Hähne erbeuten ließen – so ist es bereits zu spät! Der schwächere Hahn ist abgekämpft und hat mit sausendem Flug das Weite und seine Rettung gesucht.

Stolz und befriedigt puddelt der Platzhahn das zerzauste Gefieder; nun beginnt mit langgestrecktem Hals eine Siegeshymne zu blasen. Da hört er Antwort und äugt betroffen umher. Ist der Besiegte zurückgekehrt, um einen neuen Kampf zu versuchen?

„Dschju – huischschd!“ So zischt es aus dem Versteck des Jägers, welcher, das Blasen des schwächeren Hahnes nachahmend, den vom Gefecht noch erregten Sieger in neue Hitze bringen und näher locken will.

„Dschju – huischschd!“ Laut blasend springt der getäuschte Hahn hochauf, und, getrieben von Siegeszorn und Eifersucht, flattert er gleich um ein Dutzend Schritte näher. Da kracht der Schuß – und während das Echo hinrollt über die vom ersten Sonnenstrahl vergoldeten Ferner, hebt auf gerötetem Schnee der verstummte Sänger noch ein letztes Mal die Schwingen: Sie sind gebrochen und tragen ihn nicht mehr! –

Doch nicht immer liegt der Hahn, wenn der Schuß gefallen – und streicht er mit dem Aufgebot seiner letzten Kräfte krank davon, so ist er gewöhnlich verloren und deckt für Fuchs und Marder die Tafel. Auch gelingt es dem Jäger nicht immer, den Balzplatz so glücklich zu erraten wie es hier geschildert wurde. Der lebhafte Spielhahn hat unstetes Blut in seinen Adern, und wenn er auch zu Beginn seiner Sangeszeit den einmal gewählten Balzplatz leidlich einhält, so wird er doch unpünktlicher mit jedem neuen Morgen. Und diese „leichtsinnige Schlamperei“ kostet den Jäger so manch’ einen nutzlosen Anstieg durch Schnee und Latschen. So erinnere ich mich eines alten Hahnes, der vor Jahren auf einem steilen Latschengrat des Kleinen Watzmann balzte. Es war ein Prachtkerl von seltener Größe und Schönheit, dessen weitausgelegte „Schaar“, als ich sie erst einmal durch das Glas gesehen hatte, mich ganz versessen machte auf ihren Gewinn. Den Hahn, den mußte ich haben! Doch saß ich hoch oben auf dem Grat, wo der Hahn am verstrichenen Morgen gesungen hatte, so balzte er ein paar hundert Schritte tiefer, ohne sich „anblasen“ und locken zu lassen – und saß ich am nächsten Morgen unten, so sang er droben. Siebzehnmal, einen Tag um den anderen, bin ich ihm zuliebe gegangen. Bekommen hab’ ich ihn nicht – statt des Hahnes aber bekam ich ein „Reißen“, das bis in den heißen Sommer hinein nicht mehr aus meinen Knochen weichen wollte.

Hat man den Balzplatz nicht auf Schußweite erraten so bietet ein Versuch, den rodelnden Spielhahn anzupirschen, nur schwache Hoffnung auf Erfolg. Der kleine Hahn ist auch im tollsten Liebesreigen noch vorsichtig und aufmerksam – „wie der Haftlmacher“, sagt ein Volkswort – und balzt zumeist auf kahlem Schneefleck, der dem anschleichenden Jäger nicht die geringste Deckung bietet. Sind aber einzelne Deckungen vorhanden, so ist das Schleichen durch die wirr verwachsenen Latschenbüsche, das „Bauchschlangeln“ durch den aufgeweichten Maienschnee und das lautlose Kriechen über Geröll und kleine, überhängende Wände gar „a hoaklige Sach“, die ihr Nisi – ihr „Wenn und aber“ hat! Eher noch gelingt es bei der „Sonnenbalze“, einen Hahn, der den Balzplatz schon verlassen hat und lustig im Wipfel einer Zirbel rodelt, bis auf einen ungewissen Kugelschuß anzupirschen. Da wird dann lang und haargenau gezielt. Der Schuß kracht, der Spielhahn purzelt, hoch, während der Jäger jauchzend sein Hütlein schwingt, breitet der Hahn mitten im Sturz die Flügel und segelt flink und gesund davon – auf Nimmerwiedersehen – die zu kurz gegangene Kugel hat den Wipfelzweig getroffen und der so jählings seines gemütlichen Sitzes beraubte Hahn hat nur für einen Augenblick das Gleichgewicht verloren. Unter der Zirbe findet der Jäger den abgeschossenen Zweig, betrachtet ihn kopfschüttelnd und brummt mit langem Gesicht. „Auf dem is er g’sessen, ja!“

Leichter als in den Bergen macht sich die Pirsche auf den balzenden Spielhahn im Mittelgebirge und in der Ebene. Natürlich denk’ ich dabei nicht an das Moos und Moorlaub, dessen Tümpel, Pfützen und Schlammbecken dem Jäger die Pirsche ebenso gründlich verleiden wie die Latschen und Wände im Hochgebirge. Aber in Birkenschlägen mit trockenem Boden oder in reich mit kleinen Flößen durchsetzten Föhrenbeständen ist die Pirsche auf den rodelnden Spielhahn manchmal eine nicht allzu schwere Mühe – doch nicht, weil der Hahn der Ebene etwa weniger scheu und vorsichtig oder mit minder scharfen Organen ausgestattet wäre als der Berghahn, sondern nur, weil die Pirsche eben durch das minder beschwerliche Terrain erleichtert wird und weil in der Ebene ein Waldgebiet vom Umkreis einer Stunde oft reicher mit balzenden Hähnen besetzt ist als ein zehn Meilen langer Bergzug im Hochgebirge.

Ich hatte an der böhmischen Grenze durch einige Jahre ein Hahnenrevier in Pacht, wo in dem verwahrlosten Kiefernwald einer einzigen Gemeinde zur guten Balzzeit gegen zweihundert Hähne sangen. Da saß ich eines schönen Aprilmorgens schon eine Stunde vor Anbruch der Dämmerung in dem auf freiem Felde errichteten Schirm. Von all den zerstreuten Feldgehölzen kamen die Hähne herbeigestrichen und begannen, noch in halber Finsternis, rings um den Schirm her ihren fröhlichen Balzgesang. Ehe der Tag noch recht zu grauen anfing, konnte ich nach dem Gehör etwa fünfzehn balzende Hähne zählen. Doch immer neue Sänger versammelte sich auf dem Balzplatz, und schließlich tönte um den Schirm her ein so wirres Konzert von Blasen und Gerodel, daß ich nicht mehr wußte, wohin ich horchen sollte. Zuerst, als es zu dämmern begann, konnte ich durch den Ausguck meines Schirmes nur ein undeutliches Durcheinanderhuschen grauer und schwarzer Schatten gewahren. Doch als es heller wurde – welch’ ein prächtiger Anblick war das! In Schußnähe vor mir, auf einem kaum zwanzig Schritte breiten Acker, zählte ich siebzehn Hähne, ungerechnet die Jungen welche hinter meinem Rücken ihre munteren Spektakel trieben. Die einen balzten phlegmatisch und unter gemütlichem Schreiten, andere wieder kollerten wie toll, rauften und sprangen meterhoch von den Schollen auf – es war ein so lustiges Schauspiel, daß ich mit dem Schuß von Minute zu Minute zögerte. Während des Balzens rückte die ganze Gesellschaft immer näher gegen den Schirm – und plötzlich stand ein Hahn, der von der Seite gekommen, dicht vor meinen Füßen. Ich muß wohl bei seinem Anblick eine unvorsichtige Bewegung gemacht haben, denn mit zischendem Laut streckte er den Kragen und äugte starr in das Gezweig des Schirmes, im gleichen Augenblick verstummten all die anderen Hähne und standen regungslos, überall sah ich hochgestreckte Köpfe mit rotflammenden „Rosen“ über den kleinen, funkelnden Augen – und ich selbst war durch die Erstarrung, welche die Sängerschar befallen hatte, einige Sekunden wie hypnotisiert. Als ich endlich, tief aufatmend, einen Versuch machte, das Gewehr zu heben, kam plötzlich Leben in diese Versteinerung, mit Rauschen und Sausen stoben alle Hähne auf einen Schlag davon, und lautloses Schweigen lag um den verödeten Schirm her. Aber diese Stille währte nicht lange. Schon nach wenigen Minuten kam wieder ein Hahn dem Balzplatz zugestrichen um diesen Fürwitz mit dem Leben zu büßen, und ein Viertelstündlein später leisteten ihm zwei Kameraden Gesellschaft bei seinem stillen, schmerzlosen Schuß. Dann ging er einem nahen Gehölze zu, wo mich der Jäger erwartete, und nun begann die Pirsche im Wald, auf dessen Blößen die zerstreuten Hähne ihren Huldinnen das Morgenständchen sangen. Nach einer Stunde hatte ich zwei weitere Hähne erbeutet und drei Fehlpirschen gemacht.

Gegen acht Uhr, als es im Walde still geworden war und die Sonne über die Wipfel stieg, kehrten wir auf die Felder [400] zurück, zu einer Art von Pirsche, auf welche mich die Beobachtung der Hähne und ihrer Gewohnheiten gebracht hatte. Vielleicht ist in ähnlichen Revieren diese Erfindung auch schon von anderen Jägern gemacht worden – sollte dies aber nicht der Fall sein, so stelle ich meine Erfindung, ohne dafür ein Patent zu nehmen, hiermit der gesamten Jägerei zur Verfügung. Doch will ich bekennen, daß ich selbst diese Art der Pirsche nicht als völlig weidmännisch betrachte, denn streng genommen sollte der Schuß nur auf den balzenden Spielhahn abgegeben werden. Aber in einem so reich besetzten Revier ist der im Interesse eines geregelten Bestandes nötige Hahnenabschuß auf der Balze allein unmöglich zu vollziehen

Ich hatte beobachtet, daß die Hähne, welche im Lauf des Vormittages auf den sonnbeschienenen Saatfeldern einfielen, stets die gleiche Flugrichtung gegen den zunächst liegenden Waldsaum nahmen, wenn sie von den arbeitenden Bauern aufgesprengt wurden und sich mit Vorliebe auf bestimmten, besonders hohen Bäumen einschwangen. Diese Beobachtung nützte ich auf folgende Weise; an einer Waldecke, von der sich ein weiter Ausblick über die Felder bot, legte ich mich mit dem Jäger auf den Ausguck. Gewahrten wir Hähne auf den Feldern, so ließen wir Gewehre und Stöcke zurück, machten einen weiten Umweg, und unauffällig über die Aecker hin und her bummelnd, gingen wir die Hähne langsam an. Näher als auf dreihundert Schritte ließen sie uns selten kommen, dann strichen sie dem Walde zu. Ich merkte mir so gut wie möglich die Bäume, in deren frei ragende Gipfel sie sich eingeschwungen hatten, langsam traten wir wieder den Rückweg an, und während sich der Jäger in den Feldstauden oder in einer Wegschlucht verbarg, kehrte ich auf großem Umweg zu der Waldecke zurück und wartete, bis die Hähne wieder auf die Felder strichen. Das geschah oft schon nach einer halben Stunde – manchmal hat es aber auch eine lange Geduldprobe gekostet. Fühlten sich die Hähne auf dem Felde sicher und begannen wieder zu äsen, so holte ich das Gewehr aus dem Versteck und eilte durch den Wald, um die Stelle zu suchen, die ich mir gemerkt hatte. Nicht immer fand ich sie, denn von innen sieht sich der Wald ganz anders an als von draußen. Fand ich mich aber zurecht, dann kam ich fast immer zum Schuß, sobald der Jäger auf dem Feld die Hähne wieder anging. Wenn die Sache möglichst unauffällig gemacht wurde, schwangen sich die Hähne regelmäßig auf die gleichen Wipfel ein, und häufig hatte ich schon beim Einfall einen freistehenden Hahn in Schußnähe vor dem Lauf. War mir aber der Wipfel mit dem Hahn durch anderes Gezweig verdeckt oder außer Schußbereich, so galt es, lautlos Schrittlein um Schrittlein seitwärts oder näher zu rücken, wobei mich zuweilen der versteckte Hahn durch einen Laut, den ich bei Gebirgshähnen niemals gehört habe – durch ein leises ,Oehg’ – zur rechten Stelle leitete. Wurde ich des Hahnes ansichtig, so konnte ich beobachten daß er diesen Laut nur hören ließ, wenn er mit gestrecktem Kragen eifrig nach dem auf den Feldern umherbummelnden Jäger äugte. Sollte die Pirsche gelingen, dann durfte der Jäger dieses Wandern über die von den Hähnen bevorzugten Felder auch nicht einfallen, bevor der Schuß gefallen war. Heikel gestaltete sich die Sache immer, wenn sich mehrere Hähne in meiner Nähe eingeschwungen hatten. Da setzte es qualvolle Minuten mit Herzklopfen und schwerem Atem, bis ein unbeachteter Hahn, den ich vertreten hatte, all die anderen mit sich fortnahm. Hatt’ ich es aber nur mit einem einzigen Hahn zu thun und machte der Jäger draußen auf dem Feld seine Sache gut, so war ich regelmäßig des Erfolges sicher.

An dem Tag, dessen Morgen ich oben geschildert habe, holte ich mir auf der Feldpirsche noch vier Hähne, so daß wir am Abend mit neun Hähnen im Jagdhaus einrückten. So reiche Ernte hab’ ich freilich nur ein Mal gehalten, aber an guten Balztagen brachte ich doch in der Regel meine drei oder vier Hähne heim. In der ersten Zeit hatte ich meine helle Freude an diesem üppigen Jagderfolg. Nach zwei Jahren aber gab ich das Revier wieder auf – der leichte Gewinn minderte für mich den Reiz der Jagd, und reumütig kehrte ich, um der drohenden Blasiertheit zu entrinnen, zu meinem einsiedlerischen Berghahn zurück, welcher hart verdient sein will, dafür aber auch dem Jäger größere Freude bereitet als ein Dutzend Flachlandshähne. Es ist ja die Jagd an sich nur immer halbe Freude – sie wird erst ganz durch den Mitgenuß der Natur, in deren Rahmen sie sich abspielt.

Ein Morgen im Moorland, mit den dunstig zerfließenden Farben, mit der blutrot auftauchenden Sonne, mit dem Rauch der Heide, mit dem bald verschleierten, bald wieder grell aufblitzenden Spiegellicht der hundert Tümpel, mit dem schwermütigen Unkenruf und dem Kreischen der ziehenden Wasservögel – oder ein Morgen im freundlichen Hügelwald, mit seinem sanften Tageserwachen beim Gezwitscher der Meisen, beim Gurren der wilden Tauben und bei fernem Glockengeläut, mit seinem goldigen Frühlicht und all den Stimmen des auf den Feldern beginnenden Tagewerks – solch ein Bild hat auch seinen Reiz, der zum Herzen redet. Aber gut ist gut und besser ist besser – ich ziehe den Morgen in den Bergen vor, mit der stillen wundersamen Größe seines Bildes, mit dem keuschen ungetrübten Schimmer seiner Farben bei klarem Himmel, oder mit dem Kampf seiner ziehenden Nebel, durch deren Lücken ein siegender Strahl der Sonne bricht und hellen Goldglanz hinwirft über die düster versunkenen, rauschenden Wälder. Wenn du an solchem Morgen, mit der frisch erbeuteten Feder auf dem Hut, über die steilen Latschenfelder niedersteigst oder in langen Sprüngen hinuntertollst über den mürben Schnee, den Blick hinausschickend über ungemessene Weiten, da kommt dich die Lust zum Jauchzen an, und mit heller Stimme magst du hinaussingen über das tiefe, grüne Thal.

„Hut auf! Mei Büchsl hat lusti ’kracht
Und hat den Hoh(n) ums Federl ’bracht!
Dös krummbe Federl auf’m Huat
Hut auf! Dös steht ma scho’ sakrisch guat!

Hut auf! I grüaß di, du liabe Welt.
Weil i halt gar a so guat bin g’stellt!
Weil ma halt ’s Lebn gar a so g’fallt!
Hut auf! I grüaß di, du grüner Wald!“