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Autor: Klabund
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Titel: Das tanzende Terrarium
Untertitel:
aus: Die Harfenjule
S. 43–45
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1927
Verlag: Die Schmiede
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
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[43]
Das tanzende Terrarium.
Grotesque sentimentale.

Ich widme diese Verse dem großen und erhabenen Salamander. Das heißt: Der zwanglosen Vereinigung jüngerer Terrarien- und Aquarienfreunde, deren Mitglied ich bin als Nummer 124.

Es soll mir niemand nachsagen, daß ich undankbar oder vergeßlich bin. Ich bin imstande, für meine Freunde (und Freundinnen) alles zu tun.


Libellula Immaculata, über den Teichen schwebend im Juniglanze. Ich liebe dich unsäglich. Komm in mein Netz! Behutsam will ich dich fassen, du Goldgeflügelte, verweile einen Augenblick auf meiner Hand!


Blutrote Posthornschnecke, nimm diesen Brief und bring’ ihn meinem Mädchen! Lauf, so schnell du kannst! Nächsten Freitag (Karfreitag) veranstaltet (Druckfehler: verunstaltet) die zwanglose Vereinigung „Groß-Berliner Aquarienfreunde“ eine Tümpeltour nach Finkenkrug. Man bewaffne sich (nicht mit Handgranaten, sondern): Netzen, Gläsern: das Plankton der Zeit in seine Butte zu füllen.


Mein Barsch ist immer so barsch zu mir. Mein Schlei hat sich gesteigert und wurde zum Schleier, im Komparativ [44] silbrig hängend um eine schöne Stirn. Der Karpfen vertauschte seinen zweiten und dritten Buchstaben und man speiste ihn zur Fastnachtsbowle. Wohl bekomm’s! (Den neunstachligen Stichling wird man sich besser nicht in den Mund stecken.)


Der Chlysodaurus ist ein lustiger Kerl. Den ganzen Tag tanzt er hin und her. Er hat meiner Putzfrau schon den Chlysodaurustrott beigebracht. Wenn Sie wollen, unterrichtet er Sie gegen mäßiges Honorar (tausend Fliegen pro Stunde) im indischen Dschungeltanz (neueste Figuren).


Dorippa (was für ein süßer Mädchenname) Lanata trägt Sommer und Winter denselben großen Muschelhut. Es läßt sie so kalt wie Eispolarwasser, wenn Frau Assessor ihr begegnet, sich über die Unmodernität ihres Kopfschmuckes chockiert, moquiert: Dorippchen, wie können Sie bloß! – Dorippchen ist das ganz egal. Bei den Krebsen wechselt die Mode bloß alle tausend Jahr.


Heute Nacht brannte es im Dorf. Die Feuerwehr wurde alarmiert. Ein Feuersalamander hatte sieben Scheunen angezündet.


Ein Tigerfisch sprang aus dem Teich und riß ein Kalb von einer Herde, die vorüberweidete. O, wie erbleichte schier Nymphae alba, meine zarte Hirtin!


Zwei Basilisken tanzten im Abendrot. Eine Erdkröte spielte Harmonium. Ein paar Tritonenbengels lachten sich einen Ast, auf welchem eine Nachtigall saß und (eine Trommel) schlug.


Gordius, der gordische Knoten, zerhieb sich selbst. Zu seiner (nicht geringen) Verwunderung bemerkte er: Daß [45] er ganz geheimnislos, unkompliziert, daß (gleichsam) er sich sinnlos, zwecklos, selbst zerspalten.


Von nun ab verschmähten die Gordii die rationelle Aufklärungsmethode. Sie sagten jeglicher Wissenschaft ab und zerbrachen sich nicht den Kopf darüber, was vorn und hinten bei ihnen, und After und Maul, Kopf und Schwanz, solches war ihnen alles eins.


Der Strudelwurm hat’s gut. Wenn er heiraten will, heiratet er einfach: Sich. Er verliebt sich in sich, er verlobt sich mit sich. Er geht mit sich schlafen. Wie kringelt er sich (heissa!) in der Brautnacht, der längst erwünschten! Nach neun Monaten teilt er sich einfach mittendurch und ist: Zwei. Mutter und Kind, Vater und Kind.


Wer liefert mir kleine Regen- und Sonnenwürmer? Meine Molche hungern. Ich bin ein armer terrarischer Prolet. Einen Regenwurm, meine schöne Dame, im Vorüberwandeln! Einen Sonnenwurm, mein feiner Herr, für meine armen hungernden Molche.


Falls Sie eine Lanze haben, so bitte ich Sie, dieselbe für die Kreuzotter zu brechen! Selbige wird noch immer sehr mißverstanden. Sie ist ein gutartiges, sanftes, zutrauliches Haustier. Frißt aus der Hand und ihre possierlichen Bocksprünge erheitern jedermann. Sie beansprucht nichts als freundliche Behandlung, sieht mehr auf Anschluß ans Familienleben als gute Bezahlung. Und ist mit Butter zum Frühstück und einem Eierkognak nach dem Nachtmahl durchaus zufrieden.


[43]
Das tanzende Terrarium.

Grotesque sentimentale.

Ich widme diese Verse
dem großen und erhabenen Salamander.
Das heißt: Der zwanglosen Vereinigung
jüngerer Terrarien- und Aquarienfreunde,

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deren Mitglied ich bin als Nummer 124.


Es soll mir niemand nachsagen,
daß ich undankbar oder vergeßlich bin.
Ich bin imstande, für meine Freunde
(und Freundinnen) alles zu tun.

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Libellula Immaculata,

über den Teichen schwebend im Juniglanze.
Ich liebe dich unsäglich.
Komm in mein Netz!
Behutsam will ich dich fassen,

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du Goldgeflügelte,

verweile einen Augenblick auf meiner Hand!

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Blutrote Posthornschnecke,
nimm diesen Brief und bring’ ihn meinem Mädchen!
Lauf, so schnell du kannst!

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Nächsten Freitag (Karfreitag) veranstaltet

(Druckfehler: verunstaltet)
die zwanglose Vereinigung
„Groß-Berliner Aquarienfreunde“
eine Tümpeltour nach Finkenkrug.

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Man bewaffne sich

(nicht mit Handgranaten, sondern): Netzen, Gläsern:
das Plankton der Zeit in seine Butte zu füllen.

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Mein Barsch ist immer so barsch zu mir.
Mein Schlei hat sich gesteigert und wurde zum Schleier,

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im Komparativ [44] silbrig hängend um eine schöne Stirn.

Der Karpfen vertauschte seinen zweiten und dritten Buchstaben
und man speiste ihn zur Fastnachtsbowle.
Wohl bekomm’s! (Den neunstachligen Stichling
wird man sich besser nicht in den Mund stecken.)

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Der Chlysodaurus ist ein lustiger Kerl.

Den ganzen Tag tanzt er hin und her.
Er hat meiner Putzfrau schon den Chlysodaurustrott beigebracht.
Wenn Sie wollen, unterrichtet er Sie gegen mäßiges Honorar
(tausend Fliegen pro Stunde)

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im indischen Dschungeltanz (neueste Figuren).


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Dorippa (was für ein süßer Mädchenname)
Lanata trägt Sommer und Winter denselben großen Muschelhut.
Es läßt sie so kalt wie Eispolarwasser,
wenn Frau Assessor ihr begegnet, sich über die Unmodernität

45
ihres Kopfschmuckes chockiert, moquiert:

Dorippchen, wie können Sie bloß! –
Dorippchen ist das ganz egal.
Bei den Krebsen wechselt die Mode bloß alle tausend Jahr.

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Heute Nacht brannte es im Dorf.

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Die Feuerwehr wurde alarmiert.

Ein Feuersalamander hatte sieben Scheunen angezündet.

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Ein Tigerfisch sprang aus dem Teich
und riß ein Kalb von einer Herde, die vorüberweidete.
O, wie erbleichte schier Nymphae alba, meine zarte Hirtin!

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Zwei Basilisken tanzten im Abendrot.

Eine Erdkröte spielte Harmonium.
Ein paar Tritonenbengels lachten sich einen Ast,
auf welchem eine Nachtigall saß
und (eine Trommel) schlug.

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Gordius, der gordische Knoten, zerhieb sich selbst.

Zu seiner (nicht geringen) Verwunderung bemerkte er:
Daß [45] er ganz geheimnislos, unkompliziert,
daß (gleichsam) er sich sinnlos, zwecklos, selbst zerspalten.

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Von nun ab verschmähten die Gordii

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die rationelle Aufklärungsmethode.

Sie sagten jeglicher Wissenschaft ab
und zerbrachen sich nicht den Kopf darüber,
was vorn und hinten bei ihnen,
und After und Maul, Kopf und Schwanz,

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solches war ihnen alles eins.


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Der Strudelwurm hat’s gut.
Wenn er heiraten will, heiratet er einfach: Sich.
Er verliebt sich in sich,
er verlobt sich mit sich.

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Er geht mit sich schlafen.

Wie kringelt er sich (heissa!)
in der Brautnacht, der längst erwünschten!
Nach neun Monaten teilt er sich einfach
mittendurch und ist: Zwei.

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Mutter und Kind, Vater und Kind.


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Wer liefert mir kleine Regen- und Sonnenwürmer?
Meine Molche hungern.
Ich bin ein armer terrarischer Prolet.
Einen Regenwurm, meine schöne Dame, im Vorüberwandeln!

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Einen Sonnenwurm, mein feiner Herr,

für meine armen hungernden Molche.

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Falls Sie eine Lanze haben, so bitte ich Sie,
dieselbe für die Kreuzotter zu brechen!
Selbige wird noch immer sehr mißverstanden.

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Sie ist ein gutartiges, sanftes, zutrauliches Haustier.

Frißt aus der Hand und ihre possierlichen
Bocksprünge erheitern jedermann.
Sie beansprucht nichts als freundliche Behandlung,
sieht mehr auf Anschluß ans Familienleben als gute Bezahlung.

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Und ist mit Butter zum Frühstück und einem Eierkognak

nach dem Nachtmahl durchaus zufrieden.