Das singende Rohr

Textdaten
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Autor: Johann Heinrich Lehnert
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Titel: Das singende Rohr
Untertitel:
aus: Mährchenkranz für Kinder, der erheiternden Unterhaltung besonders im Familienkreise, S. 116–122
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1829]
Verlag: J. G. Hasselberg
Drucker: Gebrüder Unger
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
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Quelle: Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg = Commons
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[116]
19.
Das singende Rohr.

Es lebte einmal ein König, in dessen Reiche war ein großer Wald, worin sich ein ungeheures wildes Schwein aufhielt, welches das ganze Land verheerte, und Kinder und Erwachsene tödtete. Keiner war seines Lebens vor ihm sicher, und weder Jäger noch Hund wollte mehr darauf losgehen: denn Alle, die es gewagt hatten, denen hatte das Schwein mit seinen Hauzähnen den Leib aufgerissen, so daß sie unter den größten Schmerzen ihren Geist aufgeben mußten. Sogar des Königs einziger Sohn, der ein sehr tapferer Prinz war, und den Eber mit seinem Spieße verfolgt hatte, war von demselben zerrissen worden, so daß ihm nur noch eine einzige Tochter übrig blieb, welche sehr schön war, und einmal das Reich nach ihres Vaters Tode erben sollte.

Darum ließ der König ausrufen: Wer das wilde Schwein erschlüge, und es todt vor des Königs Füße legte, der sollte seine Tochter zur Gemahlinn haben.

Als dies bekannt wurde, da kamen viele Fürsten und Grafen, und andere vornehme Herren von fern und nah, und versuchten es mit dem wilden Schweine, aber sie mußten das Wagestück mit dem Leben bezahlen.

Nun lebten aber auch zwei Brüder in dem Lande, von denen war der älteste Herr eines Guts, das er von dem Vater ererbt hatte. Niemand mochte ihn leiden, denn er war übermüthig und ein stolzer Prahler. Sein jüngerer Bruder diente bei ihm als Schäfer, und mußte die Heerden auf dem Felde hüten. Alle aber, die ihn sahen, hatten ihn lieb, denn er war sanft und freundlich und von schönem Ansehen.

[117] Einmal schickte diesen sein Bruder in die Stadt; da hörte er ausrufen, daß der König demjenigen seine Tochter geben wollte, der den Eber erschlüge.

Als er das hörte, so hatte er keine Ruhe und Rast mehr in seinem Herzen, sondern ging auf das Schloß, und ließ sich bei dem Könige melden, daß er es unternehmen wollte.

Das war dem Könige sehr gelegen, und er ließ ihn vor sich kommen. Als er aber des Jünglings große Jugend und Schönheit sah, jammerte ihn seiner, und er suchte es ihm auszureden. Doch da des Königs Tochter da saß, welche schöner war als der Tag, und ihn mit ihren himmelblauen Augen so freundlich anblickte, so ließ er sich nicht abbringen von seinem Vorhaben, sondern ritt zurück auf das Gut, und sagte zu seinem Bruder, daß er morgen früh mit dem Tage in den Wald gehen, und den Eber aufsuchen wollte. Da lachte ihn der Bruder aus, und fragte, ob er denn dächte, daß das wilde Schwein ein Lamm wäre, das sich mit dem Hirtenstabe lenken ließe? Aber der jüngere Bruder ließ sich nicht irre machen, sondern meinte, er wolle sein Glück versuchen, vielleicht daß es ihm mit dem Eber gelänge. „Nun gut!“ sagte darauf der ältere Bruder, der ihm das Glück nicht gönnte, daß er den Eber erschlagen, und dann des Königs Tochter heirathen möchte; „nun gut, so ziehe hin, ich will dich begleiten, und die Gefahr mit dir theilen.“ Denn er gedachte in seinem Herzen: Wenn Noth am Mann ist, so bist du zu Pferde, und dein Gaul kann dich bald aus der Gefahr tragen; der Bruder mag dann zusehen, wie er davon kommt.

Also zogen sie am folgenden Morgen hinaus in den Wald, der Eine zu Fuß, der Andere zu Pferde. Als sie aber in das Holz kamen, da ging dem älteren Bruder, welcher zu Pferde saß, die Reise zu langsam. Darum sprach [118] er: „Ich will voran reiten, folge du mir nur nach; wenn ich das Schwein sehe, will ich in das Horn stoßen, und dir ein Zeichen geben.“ Und damit sprengte er davon, so daß ihn sein Bruder bald aus dem Gesichte verlor.

Dieser aber ging, den Wurfspieß in der Hand, getrost vorwärts: denn er vertrauete auf die Behendigkeit und Geschicklichkeit seiner Glieder. Mit einem Male sah er im Wege auf der Erde ein altes, buckligtes Mütterchen liegen, kaum eine Elle hoch; das hatte Holz aus dem Walde geholt, und war von seinem Bruder umgeritten worden, und konnte nun vor der Last, die auf dem Rücken gebunden war, nicht wieder aufkommen. Da bat ihn das Mütterchen, daß er ihr aufhelfen möchte. Weil er nun sehr mitleidig war, so reichte er ihr die Hände, und hob sie in die Höhe, und da er sie bluten sah, so nahm er sein Tuch aus der Tasche, und verband ihre Wunden. Hierauf langte er seine Flasche vor, und gab ihr einen Schluck Wein zu trinken, daß sie sich stärkte.

Da fragte ihn das kleine Mütterchen, warum er denn eigentlich in den Wald gekommen wäre, und wozu er den Wurfspieß in der Hand führte?

Als sie nun von ihm hörte, daß er gekommen wäre, das wilde Schwein zu erlegen, sprach sie: „Aus eigener Kraft wirst du es nicht vollbringen, aber komm mit mir hinter den Berg, so soll es dir leicht werden.“ Da folgte er ihr nach hinter den Berg in eine Höhle, wo es hinabging, wie in einen Keller; und als sie daselbst angekommen waren, so merkte er wohl, daß die Frau eine Unterirdische war, vom Geschlecht der Zwerge: denn es standen viele kleine Erdmännerchen am Feuer, und schmiedeten Eisen. Sie hatten eben eine Lanzenspitze gemacht, die nahm die Frau, und steckte sie ihm an den Spieß, und sprach: „Wonach du hiermit werfen wirst, das wirst du treffen und tödten. Gehe nun,

[118a]
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DAS SINGENDE ROHR.

[119] und verrichte dein Werk! Ohne mich wärst du verloren gewesen, wie die Andern.“

Der schöne Jüngling nahm dankend das Geschenk aus der Hand der Zwerginn, verließ die Höhle, und ging zurück in den Wald. Noch war er nicht weit gegangen, als auch der wilde Eber ihm entgegen kam. Da hob er eiligst seinen Spieß, und warf ihn dem Schweine gerade in den Rachen. Das stürzte nun wüthend auf ihn zu, rannte dabei aber das Eisen sich noch tiefer in das Herz, und stürzte todt zu seinen Füßen nieder. Der Eber aber war so groß und schwer, daß er ihn nicht zu tragen vermochte.

Als er nun so hin und her sann, wie er es wohl machte, daß er ihn vor den König brächte, da kam sein Bruder geritten. Der war sehr erstaunt, als er den Eber todt da liegen sah, und freuete sich sehr, und sprach: „Laß uns aus Bäumen eine Schleife machen, und das Unthier darauf legen, dann wollen wir das Pferd davor spannen, und so das Schwein in die Stadt ziehen lassen.“ So geschah es auch.

Es wurde aber Nacht, ehe sie die Stadt erreichten, und als sie an die Brücke kamen, die über den Fluß geht, der zwischen dem Walde und der Stadt fließt, so schlug der ältere Bruder den jüngeren todt, damit er den Ruhm hätte, das Schwein erlegt zu haben, und die Königstochter heirathen könnte. Das sah niemand, weil es Nacht war. Er aber verscharrte den Bruder unter der Brücke, und fuhr nun mit dem Schweine weiter in die Stadt zur Königsburg.

Hier stellte er sich am folgenden Morgen vor den König, zeigte das erschlagene Unthier, und erdichtete eine weitläufige Erzählung von seiner Heldenthat. Darauf bat er, daß ihm nun auch die Königstochter als versprochener Preis gegeben würde.

Der König war hocherfreut, als er das ungeheure Thier [120] todt zu seinen Füßen liegen sah, und ließ seiner Tochter sagen, daß sie kommen, und den kühnen Helden begrüßen, und ihm ihre Hand reichen sollte. Da diese nun meinte, daß es der schöne Jüngling wäre, den sie früher bei ihrem Vater gesehen hatte, so freute sie sich heimlich im Herzen. Als sie aber seinen Bruder sah, weinte sie, und fragte, wo der Andere geblieben wäre? Da antwortete er, daß er dieses nicht wisse, indem sie nicht zusammen, sondern jeder in einer andern Gegend des Waldes gejägt hatten. Er sey daher wohl möglich, daß er irgend wo zwischen den Bergen, von dem Eber zerrissen, liegen möchte.

Da weinte die Prinzessinn noch mehr, denn sie empfand gegen den Bruder mehr Widerwillen, als Zuneigung. Weil aber der König an sein Wort gebunden war, so half ihr all ihr Widerstreben nichts, und sie mußte ihn heirathen.

So lebten sie wohl ein Jahr, aber je länger sie bei einander lebten, je mehr wurde das Herz der Königstochter von ihrem Gemahle abgewandt: denn er war hart und finster. Darum ging sie ihm auch aus dem Wege, wo sie nur immer konnte, und weinte im Stillen.

Um diese Zeit geschah es, daß einmal ein Schäfer aus der Gegend über die Brücke ging, wo der Mörder seinen Bruder erschlagen und begraben hatte. Da er nun unter dem Bogen der Brücke Rohr wachsen sah, so stieg er hinunter, um sich eine Pfeife zu schneiden. Hier kam er an eine Stelle, wo die Stengel ungewöhnlich stark emporgeschossen waren. Er wußte aber nicht, daß an diesem Orte die Gebeine des erschlagenen Jünglings lagen. Darum schnitt er sich eine Rohrstaude aus, nahm sie in seine Hand, und ging damit zu seiner Heerde. Hierauf setzte er sich unter einen Baum, und machte sich die Flöte. Nachdem er Alles wohl zugerichtet, und die Löcher eingeschnitten hatte, setzte er sie an seinen Mund, um sie zu versuchen. Wie [121] erstaunte er aber, als die Flöte sogleich ganz deutlich dieses Lied sang:

Ich armes Rohr!
Aus Todtenbein
Schoß ich hervor,
Am Brückenstein;
Da schlug mein Bruder mich todt,
Vom Blute so roth,
Und grub mich ein,
Wohl um das Schwein,
Wohl um des Königs Töchterlein.

Seine Mitgesellen, die auf dem Felde waren, liefen zusammen, als sie das ungewohnte, wehmüthige Lied hörten, und baten den Schäfer, dasselbe zu wiederholen. So oft er aber die Flöte an die Lippen setzte, erklang jedes Mal wieder das vorige Lied, das letzte Mal immer noch trauriger, als das erste.

Dies Wunder machte Aufsehen in der ganzen Gegend, und kam auch vor die Ohren des Königs. Der befahl sogleich, daß der Schäfer zu ihm kommen sollte. Und als er erschien, mußte er die Flöte blasen, welche unter den wehmüthigsten Tönen wiederum sang:

Ich armes Rohr!
Aus Todtenbein
Schoß ich hervor,
Am Brückenstein;
Da schlug mein Bruder mich todt,
Vom Blute so roth,
Und grub mich ein,
Wohl um das Schwein,
Wohl um des Königs Töchterlein.

Das kam dem Könige verdächtig vor, und er fragte den Schäfer, wo er das Rohr zu der Flöte geschnitten hätte? Dieser zeigte den Ort an, worauf der König mit seinen Leuten sich nach der Brücke hinaus begab, und nachgraben ließ. Da fanden sie den Leichnam des erschlagenen Bruders in der Erde eingescharrt. Hierauf nahm der König [122] den Mörder in’s Verhör, und ließ ihn, da er sein Verbrechen eingestanden, von der Brücke in’s Wasser stürzen, wo er auch ertrank. Die Gebeine des Bruders ließ er auf dem Gottesacker vor der Stadt begraben, und Blumen auf das Grab pflanzen, welche die Königstochter mit ihren Thränen begoß. Von Stund’ an aber hörte die Flöte auf zu singen, man mochte darauf blasen, so viel man wollte.