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Titel: Das selbstbewußte Weib
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, 2, S. 1–4, 17–20
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[1]
Das selbstbewußte Weib.


I.

„Verzeihung, Arthur? Diese hast Du schwerlich nöthig,“ sagte die Dame mit kaltem Lächeln; „Du warst mündig und durftest wählen, wie es Dir beliebte, und wenn Deine Wahl meine Hoffnungen getäuscht und meine Absichten durchkreuzt hat, so ist das doch wohl kaum so wichtig, um dafür Verzeihung oder – wenn Du willst – meine Anerkennung nachzusuchen; diese habe ich Dir bereits gewährt.“

„Ich wünschte, Sie sagten dies mit mehr Herzlichkeit, Mutter,“ erwiderte Arthur ernst; „trotz der Freundlichkeit Ihrer Worte fühlt mein Herz frostig und schwer.“

„Beruhigen Sie Ihren Gatten, da die Worte seiner Mutter keine Macht über ihn haben,“ sagte die Mutter, noch immer mit demselben sonderbaren harten Lächeln, während sie sich zu einer hübschen jungen Frau wendete, welche furchtsam im Hintergrunde des Gemaches stand, und deren Hand sie ceremoniös erfaßte.

„Es ist seine Liebe zu Ihnen, die ihn so zweifelhaft macht,“ stammelte die schöne Gattin, indem sie einen sanft klagenden Blick auf ihren Gemahl warf.

„Ich forderte Sie auf, die Sache zu Ende zu bringen, nicht, mir die Ursache davon zu erklären,“ erwiderte die Dame. „Ich fürchte, Sie sind eben nicht von sonderlicher Fassungskraft. Sie kommen leicht in Verlegenheit und bedürfen der Selbstbeherrschung, sehe ich; auch erröthen Sie und Ihre Contur verliert an Grazie, während sie ungeschickte Anstrengungen machen, Entschuldigungen zu stammeln. Da wird gar Vieles zu verbessern sein, bevor Sie für das Gesellschaftszimmer meiner Freunde und Ihres Gatten Gesellschaft tauglich sein werden.“

Sie lachte. Es war ein gemeines, erzwungenes, hochmüthiges Lachen, welches der armen jungen Gattin Bangigkeit vollständig machte. Sich zu ihrem Gemahl flüchtend, stürzte sie in seine Arme und begrub ihr Antlitz in seinen Busen. „Ach, Arthur,“ sagte sie traurig, „bringe mich fort von hier, bring’ mich fort!“ und brach dann in Thränen aus.

Madame Alster ergriff ruhig die Klingel und schellte. „Ein Glas Wasser, Johann!“ rief sie dem eintretenden Diener entgegen. „Sage dem Kammermädchen, sie solle Dir die Phiole mit flüchtigem Salze geben. Die junge Dame ist hysterisch.“

Der Ton und die Manier, mit welchen die Dame diese Worte sagte, zeigten von unbeschreiblicher Verachtung. Aber eben diese befreite die junge Frau von ihrer Schwäche rascher, als Wasser oder flüchtige Salze vermocht hätten. Auch fühlte sie, daß Arthur’s Herz unter ihrer Hand schlug, und es war ihr, als ob er mit ihr nicht recht zufrieden sei, obwohl er sie umfaßt hielt und freundlich an sich drückte, wie wenn er in stummer Weise sie seiner Zärtlichkeit und seines Schutzes versichern wollte. Das arme Kind fürchtete wirklich, sie habe sich thöricht benommen und verdiene sein Mißfallen.

„O, es ist nichts!“ rief sie, indem sie zu lachen versuchte und ihre glänzenden braunen Locken schüttelte, welche in Unordnung über ihr Gesicht gefallen waren. „Ich bin ganz wohl jetzt – es ist nichts – es thut mir sehr leid –“ fügte sie hinzu, während sich ein leiser Seufzer über ihre Lippen stahl.

„Sind Sie oft hysterischen Anfällen ausgesetzt?“ fragte Madame Alster, während ihre graublauen Augen finster auf ihr ruhten. „Das muß Ihnen sehr unbequem sein, sollte ich meinen; auch dürfte sich so etwas schwerlich für Arthur’s Gemahlin schicken. Trage das Glas Wasser und die Phiole wieder fort, Johann,“ fuhr sie zu dem Diener fort, der auf einem silbernen Teller die genannten Sachen herbeibrachte. „Doch nein, laß sie hier. Sie könnte wieder einen Anfall bekommen.“

„Ich versichere Sie,“ rief Arthur, „ich sah meine Frau noch nie so nervös. Gewöhnlich ist sie ebenso stark als heiter. Niemals sah ich sie so zittern.“

„Wirklich? Wie unglücklich, daß sie mich, und sogar schon bei unserer ersten Zusammenkunft, für die Schaustellung einer Schwäche ausgewählt hat, die, wie ich glaube, von gewissen Leuten interessant genannt wird, in meinem Auge aber kindisch ist, ja sogar als temporärer Wahnsinn erscheint. Kommen Sie,“ fügte sie hinzu, während sie sich es in einem Sessel bequem machte und mit etwas weniger erbarmungsloser Ueberlegung redete, „wir haben nun die erste Zusammenkunft überstanden, bei welcher Ihr wahrscheinlich, da Ihr gewissermaßen die Delinquenten waret, mehr gelitten habt, als ich. So wisset denn, daß ich sehr wohl all’ die persönliche Mißachtung überschaue, die in Eurer geheimen Heirath gelegen hat. Mich durchzucken noch, Arthur! der verwundete Stolz und alle die Täuschungen, denen mich Deine Heirath unter Deiner Stellung ausgesetzt hat. Ich bin eine Frau von schlichten Worten, Bernhardine. So ist ja wohl Ihr Name, nicht? War mir doch, als wären Sie zusammengefahren, und hätten erstaunt aufgeblickt, als ich Sie so nannte. Doch das thut nichts. Ich lade Euch Beide ein, mit mir so lange auf Distelfeld zu leben, als es Euch gefallen wird. Lassen wir nun diesen Gegenstand fallen. Das Kammermädchen wird Sie, meine junge Dame, in Ihr Zimmer weisen, sobald Sie zweimal die Glocke ziehen, und ich darf wohl sagen, mit der Zeit werden wir erträglich gut bekannt werden.“

[2] „Arthur, theurer Arthur! was soll aus mir werden, wenn Deine Mutter nicht mild gegen mich wird!“ rief Bernhardine, als sie mit ihrem Gatten allein war.

„Habe Geduld mit ihr, Geliebte, nur auf einige Tage Geduld,“ erwiderte Arthur beschwichtigend. „Sie hat viele Sorgen in ihrem Leben gehabt, und das hat sie härter gemacht, als sie von Natur ist. Es ist mir nicht möglich zu glauben, daß sie stets so sonderbar sein werde, Bernhardine; Deine Herzensgüte, Dein gewinnendes Wesen werden ihre Härte überwinden, ja zwingen, die zu lieben und zu achten, die nur gekannt zu werden braucht, um gewiß geliebt zu werden.“

„Ach, Arthur, nie habe ich Deine Worte so hoch geschätzt als heute!“ rief das junge Weib mit einem Blicke und einer Bewegung voll rührender Zärtlichkeit. „So lange Du mich liebst, an mich glaubst und Dich meiner nicht schämst, mag die ganze Welt spotten — ich werde doch stolz und selig sein.“

„Die ganze Welt soll Dich ehren,“ sagte Arthur lachend, „doch komm und bade Deine großen, blauen Augen, vergiss die Außenwelt, und sei glücklich in unserer Liebe. Begegne meiner Mutter künftighin mit mehr Ruhe und ohne alle Gezwungenheit. Laß sie so wenig als möglich in die Welt Deiner Gefühle blicken. Einen siegreichen Feind wird sie ehren, wenn sie es auch nicht zeigt, und zwar vielleicht mehr, als sie Erbarmen haben würde mit einem überwundenen. Sie achtet tugendhafte Willensstärke und Entschiedenheit selbst dann, wenn sie gegen sie selbst gerichtet sind; dagegen verachtet sie Furchtsamkeit, Gehorsam, der nur dulden kann, und Reizbarkeit in solchem Maße, daß sie unwillkürlich die Tyrannin dieser Eigenschaften wird. Fürchte sie nicht, vertheidige Dich und es wird sich Alles ganz gut machen. Wird Deinem Herzen der Kampf schwer, so bin ich da, Dir beizustehen.“

„Arthur, ich wollte, ich müßte für Dich etwas Entsetzliches thun. Ich fühle, als ob ich für Dich und Deine Liebe das grausamste Martyrthum überstehen könnte; ich könnte sterben für Dich —“

„Aber meiner Mutter wagst Du nicht zu widerstehen? Ist es so? Mein süßes Lieb, ich weiß etwas Besseres als sterben, Du sollst für mich und mit mir leben. — Mich soll’s doch wundern, ob Du nach einigen Jahren unserer Verheirathung eben so reden wirst. Laß sehen, wie viele Tage sind wir verheirathet? Sechsundzwanzig, richtig, sechsundzwanzig. Wir sind also fast am Ende unseres Honigmonats, meine holde Bernhardine.“

II.

„Bernhardine scheint mir seit ihrer Ankunft wirklich schon etwas vorgeschritten zu sein,“ sagte Madame Alster eines Morgens zu ihrem Sohne; „sie ist weniger tölpisch und unmanierlich, als sie war.“

„Tölpisch ist wohl nicht das Wort, das ihr jemals zukam,“ entgegnete lebhaft Arthur. „Sie ist blos scheu und von ihrer Kindheit dem Weltleben fremd gewesen. Ich halte sie für sehr anmuthig.“

Madame Alster zog die Augenbrauen.

„Bedenken Sie ihre Jugend!“ fuhr Arthur fort, indem er seiner Mutter Blick beantwortete. „Sie ist noch nicht zwanzig und war nie vorher in so ausgewählter Gesellschaft.“

„Wie sonderbar!“ begann von Neuem die Mutter, und gleichsam zu sich selbst sprechend, „ja, es ist ein eigenthümlicher Anblick, Männer von Geist, Reichthum. Erziehung, Rang mit Frauen verheirathet zu sehen, die in allen diesen Beziehungen unter ihnen stehen. Man sollte glauben, Geist, Reichthum, Erziehung und Rang müßte ihren Geschmack so verfeinert haben, daß sie in der Wahl einer Lebensgefährtin sehr wählerisch sein müßten. Aber gerade diese Männer heirathen so oft unter ihrer Sphäre. Statt ein Weib zu wählen, das den Anforderungen ihrer socialen Stellung zu entsprechen vermöchte, sind sie blos darauf bedacht, das zu wählen, was ihrem Auge gefällt, und das nennt man Liebe. So thatest Du, Arthur, als Du Bernhardine wähltest. Um wie viel besser würde für Dich Fräulein Waldheim gepaßt haben.“

„Fräulein Waldheim?! Ei, da hätten Sie eben so gut fordern können, ich hätte eine Statue heirathen sollen. Sie ist ein schönes Mädchen, das gestehe ich, doch ohne alles Leben, ohne einen Tropfen Blut in ihren Adern.“

„Das mag sein. Doch sie war das rechte, für Dich ganz passende Weib. Sie paßte zu Deinem Alter, zu Deinem Range; ist ganz geeignet die Tonangeberin ihrer Gesellschaft zu sein, wie es sich geziemt für Dein Weib; dazu ist sie reich, von guter Herkunft und besitzt kurz und gut alle Eigenschaften, welche die einstige Besitzerin von Distelfeld haben sollte. Du mißachtest solche offenbare Harmonie der Umstände, und für was? für einen guten, kleinen blauäugigen Niemand, der nicht weiß, wie er eine Edeldame zu empfangen hat, ja nicht weiß, mit welchem Fuße man in den Wagen steigen soll.“

„Aber dieser kleine, blauäugige Niemand besitzt Güte, Liebe, Unschuld und Beständigkeit —“

„Sei kein Thor, Arthur!“ unterbrach Madame Alster. „Ich bitte Dich, was hast Du an dieser excessiven Naturplastik? Es wäre Alles ganz schön, wenn diese Eigenschaften nur für Dich da wären und glänzten, so lange Du an ihrer Seite bist und sie beeinflussest. Wie aber, wenn Du fern bist, wird nicht dieselbe Fügsamkeit, die Dich so anzieht, sie auch gar bald unter den Einfluß eines Andern bringen? Thörichter Junge, Du hast Dich mit der unerträglichsten aller Bürden – mit der Schwäche und Unfähigkeit einer lebenslangen Gefährtin beladen. Widersprich nicht! oder Du machst mich ärgerlich. Ich weiß, sie ist liebenswürdig, bezaubernd und gut von Herzen, aber sie hat nicht mehr Kraft, Selbstvertrauen, gewöhnlichen Menschenverstand und Manier, als ein Kind. Und das weißt Du so gut als ich. Da ist sie. – Ich sprach so eben von Ihnen, Bernhardine. Sind Sie heute wohl?“ fragte sie plötzlich.

„Ja wohl, ich danke Ihnen, ich bin gesund,“ entgegnete Bernhardine, die jedes Mal nervös wurde, sobald sie mit ihrer Schwiegermutter zusammen sein mußte oder gar zu sprechen gezwungen war.

„Das schien mir nicht. Ihre Augen haben einen blauen Rand und Ihr Haar, wie hängt das so matt herab! Wollen Sie heute mit mir ausfahren?“

„Wenn es Ihnen gefällig ist,“ sagte Bernhardine.

„Oder mit Ihrem Gemahl?“

„Wie es Ihnen oder Arthur lieber ist.“

„Meine liebe junge Dame,“ sagte Madame Alster mit einem ihrer steinharten Blicke, „wann werden Sie lernen einen eigenen Willen zu haben!“

„Ja, Bernhardine, ich wünsche, Du sagtest stets das, was Du wirklich vorziehst, sobald Du gefragt wirst,“ sagte Arthur mit einem leisen Anfluge von mürrischem Wesen.

„Ich fürchte, ich bin selbstisch und unbedachtsam gegen Andere,“ rief Bernhardine hastig. „Aber wenn Sie erlauben, so fahre ich lieber mit Arthur.“

„Du weißt, ich fahre heute nach Blenheim, um das junge Pferd zu sehen, welches mein Freund kürzlich gekauftt hat, dahin kann ich Dich füglich nicht mitnehmen,“ sagte Arthur noch immer etwas gereizt.

„Da sieh, was hab’ ich davon, wenn ich wähle!“ rief fast weinerlich Bernhardine und machte einen unglücklichen Versuch, zu lächeln und heiter zu scheinen. Dagegen entfielen ihren Augen Thränen; denn während der drei Wochen, während welcher sie mit ihrer hochmüthigen Schwiegermutter zusammen gewesen, hatte sie sich in einem Zustande chronischer Niedergeschlagenheit befunden.

„Würde es nicht weit anständiger sein, wenn Sie nicht weinten, sobald man zu Ihnen spricht?“ sagte die mitleidlose habichtäugige Dame.

„Ich weine nicht!“ rief kühn Bernhardine.

„Nicht? Was ist denn das an Ihrer Hand? Ist das keine Thräne? Pfui! Sie müssen nicht lügen; es ist das das gewöhnliche Laster der Schwachen.“

Arthur begab sich an’s Fenster, blaß von unterdrückter Aufregung. Diesen Augenblick haßte er Bernhardine. Die junge Frau hatte eine schlaflose Nacht gehabt, kein Wunder, wenn sie unter dem Drucke ihrer Schwiegermutter sich nervöser fühlte, denn sonst. Sie versuchte, sich zu beruhigen. allein es gelang ihr nicht; sie fühlte, wie Etwas in ihr nachgab, und leise seufzend sank sie kraftlos auf die Kissen der Ottomane, auf welcher sie saß; eine tiefe Ohnmacht umfing sie.

In diesem Augenblicke hörte man Besuch ankommen.

„Bernhardine!“ rief Madame Alster, „Bernhardine! Bei Gott, Arthur, das Kind ist ohnmächtig!“

Ehe man Befehle ertheilen oder zu Hülfe eilen konnte, riß der Diener die Flügelthüre auf und herein trat eine junge Dame, [3] schön gleich einer Statue von würdevollem Anstand; es war Fräulein Waldheim, dieselbe, welche Madame Alster für Arthur bestimmt hatte.

Ruhig sah der Besuch mit dem Augenglase auf die ohnmächtige Bernhardine, wandte sich dann voll Grazie ab und sagte, wie Madame Alster selbst schon geäußert hatte: „Wie unpassend!“

Arthur erröthete, um bald darauf wieder todtenbleich zu werden.

„Gut,“ sagte Madame Alster grausam lächelnd zu sich, „der erste Schlag hat sicherlich getroffen.“

Während das Kammermädchen der Ohnmächtigen beisprang, leitete Madame Alster ihren Besuch in die innern Gemächer. An der Thür blieb sie stehen und, zu Arthur sich wendend, der sich ebenfalls mit Bernhardinen beschäftigte, sagte sie:

„Ueberlaß Deine Frau meinem Mädchen.“

Arthur jedoch wollte davon nichts hören; er blieb und bemühte sich, seine ohnmächtige Frau wieder zu sich zu bringen.

„Was für ein Muster von einem Gatten!“ sagte Fräulein Waldheim, aber mit einer so ruhigen Stimme, daß Niemand wissen konnte, ob sie bewundernd oder ironisch gesprochen hatte. Arthur war in schlimmer Stimmung und geneigt, Alles im schwärzesten Lichte zu betrachten. Er nahm ihr Wort als schneidende Satire auf und Bernhardine gewann bei diesem Glauben nicht. Zum ersten Male stieg in ihm der Gedanke auf: „ich wollte, ich hätte gewartet.“

Madame Alster verstand die Kunst – Niemand wußte genau wie – jede Person unverständig, lächerlich, unangenehm und schlecht erzogen erscheinen zu lassen. Das ging jedoch nicht daraus hervor, daß jede andere Person neben ihrer Verständigkeit, würdevollen Haltung und guten Erziehung verlieren mußte, sondern von dem geraden Gegentheile. Ihre Manieren zeigten den unverhüllten Hochmuth und eine Anmaßung von Superiorität, die durch nichts erschüttert zu werden schien. Sie war ohne Zweifel eine hübsche Frau, aber nicht von der Art, welche andere Schönheiten in Schatten stellt. Sie war von blutloser Blässe mit einem abschreckenden Blick und einem Grausamkeit andeutenden Kinnbacken. Ihr Haar war schon weiß; dagegen waren ihre dicken geraden Augenbrauen noch schwarz wie Ebenholz. Die graublauen Augen lagen tief in ihren Höhlen und hatten nichts von ihrem Feuer verloren. Die Linien zwischen den Augenbrauen gingen tief und die Runzel in der Mitte hatte etwas Abschreckendes. Ihre Nase war scharf, hoch und hübsch, und ihre dünnen Lippen schlossen sich leicht über kleine gerade, aber nicht weiße Zähne; ihr Kinn, ein Viereck bildend, wie die Stirn, war massiv und etwas hervorstehend.

Demnach kam ihre eigentliche Kraft, moralisch zu unterdrücken, nicht von ihrem Aeußern oder ihrer Grazie her, sondern von ihrer grausamen Gemüthsart. Sie sagte genau, was sie dachte, mochte es für den Hörenden noch so schmerzlich sein. Nie hatte Jemand bemerkt, daß sie ihre Worte aus Erbarmen oder Delicatesse gemildert hätte. Sie war stolz auf ihr Geradezusein, ihre Ehrenhaftigkeit und ihren gänzlichen Mangel an falschem Zartgefühl. Kam sie zum ersten Male mit einer Person zusammen, so machte es ihr Vergnügen, deren Kraft zur Selbstvertheidigung zu prüfen. Gab diese entweder aus Furchtsamkeit oder Artigkeit nach, so setzte sie gleichsam ihren Fuß auf des Fremdlings Nacken und zog ihn nie freiwillig wieder zurück. Opponirte man ihr, so haßte sie wohl, aber sie achtete doch auch ihren Gegner. Das Einzige, was sie achtete, war Kraft und die einzige Person aus ihrer Nachbarschaft, gegen welche sie sich nie insolent zeigte, war Fräulein Waldheim. Denn diese, obschon von verschiedener Natur, war ein furchtloses, sich geltendmachendes Wesen, gerade wie Madame Alster, das es von Keinem litt, daß man ihr zu nahe kam. Sie waren nicht Rivale, sie waren, jede in ihrer Weise, Königinnen, die ihre beiderseitigen Rechte respectirten.

Bernhardine würde, hätte diese nicht ihren Sohn geheirathet, nur von ihr gründlich verachtet worden sein, so aber ward sie mit überlegtem Haß beehrt. Da die Heirath geschehen war und nicht ohne Zustimmung ihres Sohnes aufgelöst werden konnte, so ließ sie wenigstens ihren vollen Mißmuth an dem armen Kinde aus, das stets fühlte, als ob es unaufhörlich mit Nadeln gestochen würde. Die arme junge Frau verlor unter diesen Peinigungen ihre körperliche Grazie, die einst nicht wenig dazu beigetragen hatte, daß sie ihres Gatten Herz gewann. Auch Arthur entging nicht dem Einflusse seiner Mutter durch deren ewiges Besingen der Mängel seiner Frau. Zuerst lernte er diese zu entschuldigen, dann sie zu kritisiren – und die Kritik fiel nicht immer zu ihren Gunsten aus – und endlich fing er an, sich ihrer ein wenig zu schämen. Tiefern Fall verhütete glücklicher Weise noch sein Stolz und sein männlicher Sinn, aber eine schwere Gefahr lag vor ihm, die um so gefährlicher war, als er sie sich nicht eingestand.

Inmitten aller dieser gefährlichen Anfänge mußte Arthur Geschäfte halber, die kluger Weise für ihn aufgespart worden waren, verreisen und Bernhardinen dem Schutze seiner Mutter überlassen. Kaum war Arthur’s Wagen verschwunden, als Madame Alster sich niedersetzte und einen Brief an ihren Cousin Alphons schrieb, den Bruder Liederlich der Familie, den hübschesten Gardeofficier und, wie man behauptete, den glücklichsten Damenfänger seiner Zeit.

III.

Bernhardine, welche nicht wenig erschrocken war, als sie vernahm, sie werde mit ihrem Quälgeiste, ihrer Schwiegermutter, allein sein müssen, erstaunte höchlichst, als plötzlich diese eine ganz Andere wurde. Madame Alster legte ihre harte, insolente Manier bei Seite, ward gütig, freundlich, bedachtsam, hörte auf Fehler zu finden und wurde sogar einschmeichelnd. Bernhardine, die gar gern ihre Schwiegermutter eben so sehr zu lieben wünschte, als sie diese fürchtete, fing an ruhig, heiter und kindlich zu werden, ja sie tadelte sich wohl gar, daß sie in ihrem Urtheil zu voreilig und wohl zu empfindlich gewesen sein dürfte. So hatte sie einige Tage recht glücklich verbracht, trotz der ihr bisher fremd gewesenen Betrübniß, welche jede junge Frau beschleicht, wenn sie sich zum ersten Male von ihrem geliebten Gatten trennen muß, – als eine Kutsche vorfuhr, aus welcher ein feiner, hübscher junger Mann mit blauen Augen, mit wohlgehaltenem Schnurrbart, weißen Zähnen und mit militairischem Anstand und Lustigkeit heraussprang. Dieser küßte Madame Alster fast so feurig, als ob er eine schöne junge Dame vor sich hätte, und schien überhaupt so im Hause zu Haus zu sein, als ob er Herr von Allem wäre, was sich darin befand, obschon er eben die Schwelle überschritten hatte. Cousin Alphons war es.

Niemals gab es einen angenehmern Gesellschafter, als dieser Cousin Alphons war. Scherze und belustigende Anekdoten flossen von seinem immer heitern Munde. Voll Ritterlichkeit gegen die Damen, soweit diese mit dem modernen Behaben vereinbar ist, war er voll Achtung bei aller Vertraulichkeit, und selbst seine Familiarität so voll Wohlwollen und männlich, daß er nie mit Jemand in Streit gerieth. Viele liebten ihn, weil sie wußten, er besitze die beste Seele von der Welt. Alle diese Eigenschaften machten ihn zu einem gefährlich angenehmen Gesellschafter für die meisten jungen Damen. Aber wenn auch Alphons ein Bruder Liederlich war, so hatte er doch das Herz am rechten Flecke. Liebte er auch Unfug, so war er doch fern von Bosheit und Laster.

Anfangs benahm sich Bernhardine scheu gegen ihn. Sie wollte matronenhaft und würdevoll erscheinen. Aber Cousin Alphons lachte ihr das alles heraus, und in unglaublich kurzer Zeit, setzte er sich mit ihr auf den denkbar bequemsten Fuß. Tante Alster, wie er sie nannte, übergab das junge hübsche Weib seiner Fürsorge, und zwar auf eine etwas stark auffallende Weise für Jeden, der sie kannte, da sie selbst so sehr auf Alles hielt, was Anstand hieß. So zum Beispiel fand es Bernhardine bedenklich, mit ihm allein auszureiten. Denn sie legte sich immer die Frage vor: Würde das wohl meinem Arthur recht sein? und nach der von ihrem Gefühle gegebenen Antwort entschied sie. Doch ihre Schwiegermutter schlug ihre Bedenken mit den Worten nieder: „Wer ist wohl der beste Beurtheiler dessen was anständig ist, ich oder Sie? Und wenn ich sage, daß Sie mit Ihrem Cousin ausreiten dürfen, so sagt Ihre entgegenstehende Aeußerung nichts Anderes, als daß ich ein unsicherer Führer für Sie bin, und daß meine Gewohnheiten und Ansichten sich nicht für Sie so eignen, um sie annehmen zu können.“ Solche Autorität schlug jedes Bedenken nieder.

Bernhardine schrieb täglich an ihren Gatten. Sie hatte eigentlich wenig zu sagen, außer ihrer Liebe für ihn, und wie angenehm sich Cousin Alphons mache. Er war das einzige Factum, das sie für jetzt zum Gegenstande ihrer Erzählungen machen konnte. Nun aber bestand zwischen Cousin Alphons und Arthur seit langer Zeit eine bedeutende Spannung, obgleich Jeder von ihnen es vermied, die Feindseligkeiten offen ausbrechen zu lassen. Arthur nannte Alphons frivol, dieser Arthur’n einen ehrwürdigen, geistlichen Herrn etc. [4] Als daher Arthur las, daß Alphons auf seinem Gute sei, wurde er wüthend. Er wunderte sich über seine Mutter, schimpfte auf Alphons und nannte seine Frau eine Thörin; dann aber gedachte er auch dessen, was seine Mutter über Bernhardinens Fügsamkeit sich Andern anzuschmiegen gesagt hatte, und seine Eifersucht verdoppelte sich. In diesem Gemüthszustande empfing er einen Brief von seiner Mutter. Nach einigen Präliminarien über Geschäftssachen sagte das Schreiben, wie folgt:

„Es ist wirklich recht amüsant, Bernhardinen und Alphons bei einander zu sehen, sie spielen zusammen, als ob sie noch Kinder in der Kinderstube wären. Bernhardine ist allerliebst geworden und ist voll Geist und Leben. Himmel, was ist aus dem einst so thränenreichen, nervösen, niedergeschlagenen Schulmädchen geworden! Weißt Du, Arthur, ich glaube wirklich, Du hast das Kind zu sehr commandirt, Alphons dagegen ermuthiget sie. Er ist bezaubert von ihrer Unbefangenheit und ihrem Muthwillen, und sie von seinem stets heiteren Wesen und seiner Artigkeit. Und er ist ohne alle Frage ein äußerst einnehmender Bursche, wenn ich auch nicht Bernhardinens Enthusiasmus für ihn ganz und gar theilen kann. Denke Dir, gestern Abend sagte sie sogar, sie wollte, Du glichest ihm mehr. Für meine Person ist mir jede Individualität heilig; ginge es mir nach, ich duldete kein moralisches Flickwerk. Fräulein Waldheim ärgert mich, daß sie von Alphonsens Wesens abgestoßen wird. Gestern Abend machte sie sogar ernstlich Deiner Frau Vorwürfe über ihre offenbare Parteilichkeit, die Bernhardine aber Vetterschaft nennt. Da aber traf sie ein stolzer Blick von Fräulein Waldheim, und die kleine Bernhardine floh zu Alphons – zu Cousin Alphons, wie sie ihn nennt, daß er sie schütze.“

Arthur hatte genug gelesen. Er zerknitterte den Brief in seiner Hand, bedeckte dann sein Gesicht und stöhnte, und mehrere Tage vergingen, ehe er an seine Frau zu schreiben vermochte, die sich sein Schweigen gar nicht zu erklären wußte. Denn bisher hatte er nach der gewöhnlichen Weise junger liebender Ehemänner jeden Tag geschrieben, jetzt aber war er zu mißtrauisch, um seiner Feder den natürlichen Lauf zu lassen, und zu stolz, um sein Mißtrauen zu verbergen, und so beschloß er denn zuletzt, das Schreiben ganz zu unterlassen. Seine arme Frau litt darunter unbeschreiblich. Sich keiner Schuld bewußt, blieb ihr nichts übrig als zu glauben, er sei krank oder es sei ihm ein entsetzliches Unglück passirt. Ihre aufgeregte Phantasie sah ihn von einem die Hauptstadt durchrasenden Wagen überfahren, gerädert, todt. Es war eben so peinlich als rührend, das arme Wesen sich so selbstquälend und ängstigend zu sehen; nur ihre Schwiegermutter ward dadurch nicht blos nicht gerührt, sondern sogar zu verspottendem Hohn bewogen. Alphons aber bemühte sich von Herzen, sie zu beruhigen. Endlich kam am vierten Tage ein kurzer, gehaltener, kalter Brief. Es war nichts darin, das sie verwundet hätte, aber auch nichts, das sie erfreute. Bernhardine wünschte beinah, er hätte ihr gar nicht geschrieben, nur war sie froh und dankbar, ihn wohl zu wissen, und daß nichts Schlimmes ihm zugestoßen war.

Sie antwortete ihm, als wenn keine Wolke ihren Ehehimmel verdüsterte, und erlaubte sich keine Bemerkung. Sie erzählte ihm alles das, was sie gethan hatte, wobei sich hie und da Alphonsens Name mit beimischte, je nachdem die Thatsache es der Wahrheit gemäß verlangte. Unter anderem erzählte sie auch, wie gütig seine Mutter zu ihr sei, und wie angenehm Fräulein Waldheim sein könnte, wenn sie nur wollte. So sei sie es besonders vor einigen Tagen gewesen, da sie und Cousin Alphons mit einander bei ihr zum Besuch gewesen waren.

„Meine Mutter hatte Recht,“ sagte Arthur zähneknirschend. „Bernhardine hat das gemeine Laster der Schwachen, sie ist nicht beständig, nicht wahr. Und dieser Brief, der die Güte der Mutter und die Cordialität der Waldheim rühmt, ist ein Beweis davon. Ich war ein Thor. Wie konnte ich erwarten, daß ein Frauenzimmer, das nicht von meiner Stellung ist, die Gefühle einer durchaus wohlerzogenen Edeldame besitze und feinfühlend und treu sei einem so gewöhnlichen Lockvogel und Windbeutel gegenüber, wie jener da ist. Wie kalt sie schreibt! Sie erwähnt nicht einmal meines langen Schweigens. Es bleibt nichts übrig, wir müssen uns trennen, und die Sache muß noch in diesem Monate zu Ende kommen. Schrecklich, sich schon drei Monate nach der Verheirathung trennen zu müssen! Ein schlechtes Zeugniß das, für Ehen aus Liebe! Hätte ich den Burschen hier, ich stieße ihm das Messer in seine falsche Brust!“ Und mit diesen Worten ergriff Arthur das Messer, das auf dem Tische lag, worauf sein unberührtes Frühstück stand, und warf es gegen die Thür, in welcher es stecken blieb. In Gedanken hatte er den Mord wirklich begangen.

[17] Mit Bernhardinens Brief war auch einer von Madame Alster gekommen. Mechanisch erbrach er diesen und las, aus jedem Worte Gift saugend, Folgendes:

„Ich hoffe, Dein Geschäft hat einen günstigen Fortgang und daß die alles verwirrenden Advocaten nicht endlich weiter mehr im Stande sind, eine so einfache Frage wie diese unverständlich zu machen. Wir werden alle froh sein, wenn Du wieder zu Hause bist, obgleich ich eben nicht sagen kann, daß Deine Frau aus Sehnsucht nach Dir eine Thörin geworden wäre, wie ich wirklich anfangs vermuthet hatte. Im Gegentheil, sie ist lebhafter denn je und jeder Tag scheint ihr Glück zu vermehren. Sie machte sogar mich lachen, obschon ich, wie Du wohl weißt, eben nicht sonderlich dazu geneigt bin; aber sie war seit den letzten drei Tagen so unwiderstehlich komisch, wenn sie Deines Schweigens erwähnte, daß ich nicht anders konnte, ich mußte in die allgemeine Heiterkeit mit einstimmen. Ich finde, sie würde eine gute Actrice abgeben. So stellte sie unter anderm einen Mann dar, der aus Eifersucht an gräßlichen Kopfschmerzen leidet. Sie wußte die komische Seite einer solchen Situation so vortrefflich hervorzuheben, daß ich meinte, Alphons werde vor Lachen bersten; es war aber auch gar zu drollig. Ich lasse ihr mit Willen diese Freiheit, damit ich dadurch Gelegenheit gewinne, ihren Charakter zu studiren, und ich glaube, ich weiß nun, was ich zu wissen wünschte. Dein Urtheil über Fräulein Waldheim war, wie ich fürchte, richtiger als das meinige. Sie ist in Wahrheit eine Statue. Als Bernhardine ihre mimischen Talente zum Besten gab, saß sie auf der Ottomane mit mürrischem und verächtlichem Blick, sprang dann auf und las hochmüthig Deiner Frau, wegen ihrer Leichtfertigkeit und ihres Mangels an Gefühl, tüchtig den Text. Alphons nahm Bernhardinens Partei und er und Fräulein Waldheim geriethen ziemlich hart an einander. Am Schlusse des Streites reichte Bernhardine Alphonsen die Hand und sagte ihm, er dürfe sie küssen, da er seine Vasallentreue bewährt habe. Doch das schien mir zu weit zu gehen und ich verhinderte es. Ich wünsche, daß Du davon weiter keine Notiz nimmst. In dem Verhalten Deiner Frau liegt nichts Tadelnswerthes und nur Fräulein Waldheim findet bei ihrer übertriebenen Prüderie darin etwas Unpassendes. Da ich nichts darin zu tadeln finde, so brauchst Du auch gar nicht beunruhiget zu sein.“

Aber gerade der letzte Satz zerriß das Gewebe der Madame Alster. Sie vergaß, daß, wenn sie den Verdächtigungen, die sie blos anregen wollte, eine fühlbare Form gab, sie selbst das Spiel aus ihren Händen ließ. Arthur verließ die Hauptstadt noch denselben Abend, ohne sich weiter um sein Geschäft zu bekümmern, das nun wieder die Advocaten aufnahmen und noch weiter zur Füllung ihrer Börsen benutzten.




IV.

Am andern Morgen saßen die in Distelfeld ruhig beim Frühstück, als Arthur mit zornigen Augen und verwirrten Mienen in das Zimmer trat. Er war bleich und der innere Grimm lag deutlich auf seinen Zügen. Als Bernhardine ihn erblickte, sprang sie mit einem Freudenschrei auf und stürzte in seine Arme, nichts von den wilden Blicken wahrnehmend, die von ihr auf die Gesellschaft und wieder zu ihr zurückschweiften. Alphons stand auf, halb verlegen und halb amüsirt von dem, was da kommen sollte, denn Arthurs Augenbrauen verkündeten Sturm, dessen Veranlassung er als Mann von Welt sogleich instinctmäßig erkannte. Madame Alster fühlte zum ersten Male in ihrem Leben sich geprellt. Sie hatte auf Arthurs Zurückhaltung gerechnet und nicht minder auf Bernhardinens timides Wesen, und nun sah sie mit einem Blick, daß es zu einer Erklärung kommen würde.

Nach dem in mürrischem Schweigen verzehrten Frühstück forderte Arthur seine Frau auf, ihm in den Garten zu folgen. Dies geschah in einem so befehlenden Tone, als ob sie eine Sclavin oder ein Kind wäre.

„Laß mich zuerst mit Dir sprechen,“ sagte Madame Alster in einem Tone, der gebieterisch sein sollte, aber nur den Versuch dazu ausdrückte.

„Nein,“ antwortete finster Arthur; „was ich zu sagen habe, habe ich meiner Frau zu sagen.“

„Und Deinem Cousin ebenfalls, vermuthe ich,“ murmelte Alphons in sich hinein.

Schweigend ging Arthur an der Seite seiner Frau in den Garten und einer Laube zu, während diese gleich einem vertrauenden, aber auch fürchtenden Kinde sich an ihn schmiegte. Beide ließen sich auf der Bank der Gartenlaube nieder. Obgleich fest entschlossen, noch heute Alles zu Ende zu bringen, wußte er doch nicht recht, wie er beginnen sollte. Bernhardine sah so liebend und vertrauend auf ihn, und er war ein junger Ehemann und dies die erste Zusammenkunft nach einer dreiwöchentlichen Trennung. Sie war so unverkennbar erfreut gewesen über seine Ankunft und das sah doch nicht aus wie Kälte gegen ihn. Auch hatte Cousin Alphons nicht ausgesehen wie einer, der durch seine Ankunft sich genirt oder schuldig fand. Nicht minder hatte er, trotz seiner scharfen [18] Beobachtung, auch nicht einen Blick des Einverständnisses wahrgenommen; sie hatten sich Beide zu einander benommen, wie sehr gute Bekannte und nicht mehr. Was war also hier eigentlich das Tadelnswerthe? Wie sollte er beginnen?

Bernhardine riß ihn aus dieser Verlegenheit; sie sprach zuerst.

„Arthur, zwischen uns ist etwas nicht recht!“ sagte sie, zwar rasch, aber doch mit etwas zitternder Stimme.

„So ist es, Bernhardine.“

„Bist Du unzufrieden mit mir?“ und ihre Hand fuhr sanft an seiner Wange herab.

„Ja wohl, und nur mit Dir!“

„Warum siehst Du mich nicht an, während Du das sagst?“ sagte sie und schmiegte sich noch inniger an ihn an.

Er wendete sein Auge auf sie. Ihre Augen sprachen nur Liebe und ihr ganzes Wesen kindliche Hingebung. Sein Herz vermochte nicht die eifersüchtigen Einbildungen festzuhalten; diese zerflossen wie fieberische Träume beim Erwachen. Er nahm ihre Hand in die seinige und blickte fixirend und liebend, aber auch traurig in ihre Augen.

„So schön und so falsch!“ sagte er halblaut. „Kann sie denn wirklich treulos sein mit Augen so voll von Liebe und Unschuld? Und doch! – hat mich meine Mutter belogen?“

„Warum sprichst Du so leise, Arthur? Ich verstehe Dich nicht. Sage mir offen, was ist es, das Dein Herz beschwert? Was hast Du gegen mich? Was es auch sei, sag’ es frei heraus und ich will Dir antworten aus vollem Herzen, wie ich es stets gethan. Ich habe Dich nie betrogen, nie getäuscht, Arthur; und heute bin ich noch weniger geneigt, den Weg der Falschheit und der Heuchelei einzuschlagen,“

„So lies das. Ich kann Dir nichts weiter sagen.“ Mit diesen Worten legte Arthur die Briefe seiner Mutter in Bernhardinens Hand.

Bernhardine las sie durch, und deren waren eine gute Anzahl. Ihre Farbe wurde immer blässer, ihre Augen immer finsterer, aber sie las sie durch, ohne ein Wort zu sagen. Mit derselben natürlichen Stille gab sie ihm dieselben zurück, blieb noch einen Augenblick sitzen, stand dann auf und sagte:

„Arthur, Du mußt mit mir zu Deiner Mutter kommen und Dein Cousin wie Fräulein Waldheim müssen ebenfalls dabei sein.“

„Unsinn, Bernhardine,“ sagte Arthur, der von Natur einen Abscheu vor Demonstrationen hatte. „Ich will keine thörichten Scenen, die man hernach rundumher zum Gegenstande des Gespräches macht. Was wir zu thun haben, muß mit Ruhe gethan werden und zwischen uns allein. Alphons und Fräulein Waldheim! wozu diese! Ich will nichts hören von dieser Thorheit.“

„Ich bestehe darauf!“ rief Bernhardine mit tiefer und entschiedener Stimme.

„Ich bestehe darauf? Bernhardine, das ist eine sonderbare prache von Dir zu mir!“

„Die Veranlassung ist sonderbar, Arthur. Ach,“ fügte sie bitter hinzu, „und auch Du hängst an dem alten blinden Vorurtheile. Weil ich anspruchslos bin und nicht rücksichtslos, wenigstens in meinem täglichen Leben, und, ich gestehe es, von Natur timid und leicht eingeschüchtert, so meint ihr, ich ließe mir Alles gefallen, hätte keine Selbstachtung und keine Festigkeit. Wenn Du Dich in diesem Irrthume befindest, so sollst Du heute Dich von dem Gegentheile überführen. Komm, diese Angelegenheit leidet keinen Aufschub.“

„Aber, Bernhardine –“

„Bist Du mit Deiner Mutter im Bunde, um meinen guten Ruf zu untergraben?“ sagte Bernhardine, während ihre Lippen bebten und ihre Augen fast Feuer sprühten. Arthur nahm die Hand, welche sie auf seinen Arm gelegt hatte, weg und schritt finstern Blickes an ihrer Seite dem Hause zu.

An der Hausthüre trafen sie mit Fräulein Waldheim zusammen, welche eben angekommen war, um Bernhardinen und Alphons auf ein benachbartes Gut zu begleiten. Alphons hatte das Fräulein vom Pferde gehoben und stand an dessen Seite.

„Ach, Sie sind noch nicht bereit,“ rief die Waldheim Bernhardinen zu. „Ah, Herr Alster! Wann sind Sie angekommen?“

„Diesen Morgen,“ erwiderte dieser in mürrischem Tone.

Fräulein Waldheim, betroffen von diesem Tone und Benehmen, nahm ihr Augenglas und beäugelte ihn und Bernhardinen mit jener affectirten und unverschämten Weise, die ganz geeignet ist, eben nicht phlegmatische Personen ärgerlich zu machen.

„Ich sehe, Sie haben einen Familienhandel abzumachen,“ sagte sie hierauf. „Ich bin im Wege.“

„Nein, ich bitte, Fräulein Waldheim,“ rief rasch Bernhardine. „Sie sind nothwendig hier und auch Sie, Cousin Alphons.“

Fräulein Waldheim bewegte kaum wahrnehmbar ihre Augenbrauen und verbeugte sich leicht. Cousin Alphons warf seinen Kopf nach hinten, strich seinen Schnurrbart, zeigte seine weißen Zähne und lachte recht lustig, aber doch nicht ganz mit dem Selbstvertrauen und der Heiterkeit wie gewöhnlich. Hierauf begaben sich Alle in das Wohnzimmer der Madame Alster. Bei ihrem Eintritt wußte diese auch schon, was da kommen sollte. Sie sah blaß aus und ihr Blick war noch härter und finsterer, denn sonst. Gewohnt, durch das erschreckende Feuer ihrer Augen Bernhardinen beben zu machen, that sie auch jetzt so. Doch diese hatten auf einmal ihre Macht verloren; ruhig, ja mit einem Anflug von Verachtung erwiderte sie der Gegnerin Blick. Madame Alster erkannte, daß das Scepter ihrer Macht ihrer Hand entfiel.

„Was soll das bedeuten, junge Frau?“ fragte sie. „Was soll das lächerliche Air, das Sie sich heute zu geben belieben? Können Sie diese Komödie erklären, Fräulein Waldheim?“

„Gewiß nicht,“ erwiderte diese, indem sie ihr Reitkleid zusammenschürzte, sich voll Grazie auf das Sopha setzte, ihr Augenglas ergriff und auf die Anwesenden blickte, als ob diese die chauspieler und sie das Publicum des Theaters wäre.

„Das heißt,“ begann Bernhardine mit vor Aufregung bebender Stimme, „Sie haben an meinen Mann über mich Dinge geschrieben, welche vor allen hier gegenwärtigen Personen aufgeklärt werden müssen; zwei von Ihnen werden Zeugniß abzulegen haben.“

„Guter Himmel, Arthur, wie kannst Du es dulden, daß diese niedrig denkende junge Person Dich herabsetze, Dich einen Mann von Ehre in Gemeinschaft bringen lassen mit so Gemeinem und Unverständigem!“ sagte Madame Alster ärgerlich. „Gab es jemals ein so schlecht erzogenes Mädchen, das stets bereit ist, Scandal zu machen?“ fügte sie hinzu, als ob sie zu sich selbst redete.

„Lassen Sie die Frage über Gemeinheit hübsch unberührt,“ sagte Bernhardine in einem Tone, den Madame Alster noch nie von ihr gehört hatte, im Tone des Befehls. „Lassen Sie die Frage über Gemeinheit hübsch unberührt und gehen wir über zur Frage nach der Wahrheit. Ich will sprechen,“ fuhr sie fort, ihre Hand zu Madame Alster erhebend, welche sie unterbrechen wollte. „Ich habe ein Recht dazu und ich will und werde es gebrauchen.“

„Auf mein Wort, das ist ein Naturphänomen,“ schnarrte Madame Alster und fixirte, so scharf es ihr möglich war, Bernhardinen. Doch diese war viel zu sehr aufgeregt, um auch nur ihre Blicke zu beachten. Sind aber einmal timide Personen in diesem Seelenzustande, so sind sie gewöhnlich rücksichtsloser und unbedachtsamer wegen der etwaigen Folgen, als Leute, die von Natur Herzhaftigkeit und Zuversicht besitzen; so war es mit Bernhardinen; ihre bisher verborgen gewesene Willenskraft war auf einmal zu solcher Entschlossenheit erweckt und erregt worden, daß sie der trotzigsten Opposition der Madame Alster glücklich zu widerstehen vermochte.

„Sie schrieben diese Briefe,“ fuhr Bernhardine fort und wies mit ihrem Finger auf ein Paquet, das Arthur in feiner Hand hielt. „Da Sie darin von Fräulein Waldheim und Cousin Alphons gesprochen haben, so wünsche ich, daß diese Arthurn die Geschichten, deren Sie erwähnen, nach ihrer Weise vortragen. Fräulein Waldheim,“ fuhr sie fort, sich zu dieser wendend, „haben Sie jemals mir Vorwürfe gemacht über meine unschickliche Familiarität mit Cousin Alphons?“ Und nun las sie aus dem Briefe die betreffende Stelle laut vor.

„Ich kann mich nicht erinnern, über so etwas jemals gesprochen zu haben,“ erwiderte das Fräulein bedachtsam, und wischte ihr Augenglas. „Aber das habe ich allerdings zu Madame Alster erwähnt, daß ich es nicht für schicklich hielte, daß Sie so viel mit Ihrem Cousin ausritten, und um Ihnen die Wahrheit zu sagen, schloß ich mich in letzter Zeit geflissentlich Ihren Ausflügen an, um Sie vor dem Gerede der Leute zu bewahren. Ich dachte, Sie seien mit unsern Gebräuchen nicht bekannt, und konnte auch Ihre Mutter nicht begreifen, wie sie Sie ohne Warnung lassen mochte.“ Alles das sagte das Fräulein in einer Weise, wie sie etwa über ein neues Kleid oder über die Stimme einer Sängerin gesprochen hätte.

„Madame Alster,“ rief Bernhardine, und wendete sich mit [19] sprühendem Auge zu ihrer Schwiegermutter. „Waren Sie es nicht, die, als ich mich weigerte, mit meinem Cousin allein auszureiten, mich ausschalt, daß ich es wagte, etwas für unschicklich zu finden, das Sie nicht so fanden? Sagten Sie nicht, ich sollte Cousin Alphons wie einen Bruder betrachten und ihm mein Wohlwollen ohne Zurückhalt beweisen?“

„Tante Alster, ich fürchte, Sie haben ein doppeltes Spiel gespielt,“ meinte Alphons, dessen heitere, offene, männliche Stimme wie ein Zauber die fieberhafte Aufregung der Dame unterbrach. „Arthur,“ fuhr er fort, „komm mit mir; Deine Frau wird schon mit Fräulein Waldheim Stand halten. Nun, bei allen Männern, die jemals dem Glück in der Ehe nachjagten, Mann!“ rief er, als sie aus dem Zimmer getreten waren, „wie konntest Du so schwach sein und an solche offenbare Verleumdungen glauben? Deine Frau und ich haben nie auf anderem als auf freundlichem Fuße gestanden. Wozu nun solchen Lärm? Als ich ankam, sah ich, daß sie systematisch seit ihrer Verheirathung ausgezankt worden war; ich nahm daher ihre Partie und that Alles, was mir zustand, um ihr Selbstvertrauen einzuflößen. Aber ich bin, so hoffe ich zu Gott, kein so schlimmer Bursche, um die Unschuld eines so jungen Wesens anzutasten, oder gar als Gast eines Verwandten zur Schande und Schmach der Familie zu complottiren. Deine Mutter übergab Bernhardinen meinem Schutz. Entschuldige mich, Du weißt, wie ich lebe; ich war daher auch anfangs erstaunt darüber; aber ich habe nicht umsonst meine Tante Jahre lang studirt, um fähig zu sein, sie jetzt richtig zu würdigen. Bald argwöhnte ich, es müsse etwas im Werke sein, da sie gegen mich, den sie niemals hatte leiden mögen, gar so sehr gütig war und Bernhardinen[WS 1] schmeichelte, die sie doch, wie ich wohl merkte, haßte. Es dauerte nicht lange, und ich hatte entdeckt, was sie beabsichtigte. Aber sie verlor ihr Spiel, denn Bernhardine hatte nicht die mindeste Neigung, mit mir zu coquettiren, noch hatte ich Lust, mit ihr davon zu laufen.“

Hier lachte er, als wenn er Wunder was für einen guten Witz gesagt hätte, und fuhr mit seinen Fingern durch fein schönes Haar in einer Weise, wie eitle Menschen zu thun pflegen. „Der ganze Unsinn von Bernhardinens Betragen ist nichts als Erfindung. Sie war sehr ängstlich um Dich besorgt, als Du nicht schriebst, und sprach alle Befürchtungen aus, deren die Tante erwähnt; aber in Besorgniß und nicht im Scherz, und Fräulein Waldheim ärgerte sich über ihr thörichtes Aengstigen. Die Arme that mir leid, und ich vertheidigte sie, aber die Waldheim sprach mich nieder.“ Hier lachte er wieder. „Bernhardine kam wirklich vom andern Ende des Zimmers zu mir, legte ihre Hände in die meinigen und sagte: „Ich danke Ihnen, Cousin Alphons,“ aber ihre Augen waren voll Thränen, und ihr kleines Herz brach fast um Deinetwillen.“

„Alphons,“ sagte Arthur, „ich sehe, ich war ein Thor.“

Der Cousin sah ernst darein und hatte keine Lust zum Widerspruch.


V.

Arthur fühlte sich zwar gedemüthigt, war aber doch großherzig genug, seinen Irrthum anzuerkennen. Zwar vermochte er es nicht über sich, gegen Bernhardine sich zu entschuldigen und in eine lange und breite Vertheidigung einzulassen, aber als er ihr im Corridor des Hauses begegnete, streckte er seine Arme nach ihr aus, rief sie beim Namen und drückte sie zärtlich an sein Herz, wobei er ihr in’s Ohr flüsterte:

„Wird mein treues Weibchen mir verzeihen?“

Bernhardine erhob ihr Gesichtchen, und stellte sich auf die Zehen, um ihm näher zu sein. Arthur hatte nicht nöthig, wieder zu fragen, ob sie ihn liebe und ihm verzeihe.

Arthurs Privatzusammenkunft mit seiner Mutter war heftigerer Natur. Die Leidenschaften Beider waren aufgeregt und gingen in Aufstand über. Er beschuldigte sie geradezu der Falschheit und beantwortete ihre Vorwürfe auf eine sie tief verwundende Weise; doch waren sie nicht ungerecht, wenn auch mit harten Worten ausgedrückt, die ihm allerdings nicht zustanden. Dagegen verlor aber auch Madame Alster bei dem Streit an Würde, Selbstachtung und mütterlichem Gefühl. Sie wechselte mit Hohn und Schmeichelei in einer Weise, daß des Mannes Blut erstarrte, und sagte sogar, Arthur müsse für seine Gattin eine andere Heimath ausfindig machen.

Unglücklicherweise trat in eben diesem Augenblicke Bernhardine ein und hörte diese Worte.

„Madame,“ sagte sie leidenschaftlich, „ich werde dieses Haus nicht verlassen. Distelfeld gehört meinem Mann, und ich bin somit die gesetzliche Besitzerin davon. Sie sind mein Gast, nicht ich der Ihrige.“

„Bernhardine, Bernhardine!“ rief mahnend Arthur.

„Still!“ rief die junge Frau befehlend. „Diese Angelegenheit ist die meinige, und ich erwarte nicht, daß Du mich gegen Deine eigene Mutter vertheidigest; ich muß mich selbst vertheidigen.“

Mit diesen Worten drehete sie sich um und ging.

„Sie haben ganz Recht, Bernhardine,“ sagte Fräulein Waldheim, welche im Nebenzimmer das Gespräch gehört hatte. „Gehen Sie weg von Distelfeld, so schaden Sie Ihrem Charakter und dürfen sich weder hier noch in der Umgegend wieder sehen lassen.“

„Ich werde es gewiß nicht verlassen, darauf schwöre ich!“ rief Bernhardine.

„Meine Frau hat die Wahrheit gesagt, Mutter,“ sagte Arthur. „Ich würde es nicht gesagt haben, selbst jetzt nicht; aber es ist die Wahrheit.“

„Muß ich das erleben, Arthur?“ schnarrte Madame Alster. „Muß ich Distelfeld verlassen wegen eines solchen unwürdigen Geschöpfes, das Du Dein Weib nennst? Befriedige Dich nur mit dem Gedanken, mein Junge, denn so wahr ich lebe, es wird Dir nichts anderes übrig bleiben, als – der Gedanke.“

„Ich werde mich aber nicht mit dem Gedanken, sondern einzig mit der That befriedigt finden!“ sagte Arthur. „Vergessen Sie nicht, daß ich das, was ich einmal beschlossen habe, auch ausführe. So verstehen Sie mich denn: da Sie nicht mit meiner Frau, wie es sich gebührt, leben, so werden Sie uns verlassen. Sie haben kein Recht, sie von hier zu vertreiben, und ich werde nie mehr Ihr bisheriges Betragen gegen sie gestatten. Das ist Alles, was ich Ihnen zu sagen habe, und ich verlasse Sie, damit sie darüber nachdenken können.“

Arthur zog sich in das Nebenzimmer zurück.

So sich selbst überlassen, stürmte die Leidenschaft der alten Frau ohne Schranken und Maß durch die Seele. Die Scene bot einen schreckenerregenden Anblick dar. Heftig, das Zimmer mit verschränkten Armen, aufgeschwollenen Adern und zusammengebissenen Zähnen auf- und abgehend, oft schwer und tief stöhnend und von Wuth entbrannte Blicke umherwerfend, glich sie mehr einem von Hunger wüthend gewordenen Panther, der auf Raub ausgeht, als einem menschlichen Wesen. Unerträglich war ihr der Gedanke, von einem Wesen, wie Bernhardine, überwunden worden zu sein; daß ihre Macht, ihr Wille, ihre Pläne, ihre Worte gleich einem Stück Zeug in Fetzen zerrissen und dem Winde Preis gegeben werden sollten, und zwar durch das simple Wort einer Person, die sie noch immer für eine Schwachköpfige hielt, das, ja das war zu viel für die hochmüthige Seele.

Plötzlich hörten die drei Personen im Nebenzimmer einen schweren Fall; Arthur und Bernhardine stürzten in das Gemach. Sie fanden die Mutter sprachlos auf dem Boden liegen; ihre große Aufregung hatte ihr eine Ohnmacht zugezogen. Nach und nach kam sie zu sich. Während Bernhardine und Arthur sich um sie bemüheten, ruheten ihre Augen einmal auf diesem, das andere Mal auf jener. Sie versuchte zu sprechen, es gelang ihr aber nicht, obwohl sie mehrfach den Versuch erneuerte. Endlich stieß sie einen eigenthümlichen, ganz unnatürlichen Ton aus, und sagte dann mit ihren immer noch feurigen und abschreckenden Augen, ihren kühnen, schwarzen, ebenfalls noch aufgeschwollenen Augenbrauen:

„Nun ja, ich sehe wohl, Sie sind nicht so einfältig, als ich Sie mir vorgestellt habe; – – ich habe beinah Respect vor Ihnen.“

Madame Alster erholte sich nie mehr von dem Anfall. Sie starb zwar nicht, aber sie war eine Andere geworden, wie die Dienerschaft behauptete. Sie war gezwungen, ihre Schwiegertochter schalten und walten zu lassen im Hause; denn sie selbst brachte ihr Leben hülflos und unthätig in einem Rollstuhle zu. In jeder andern Beziehung blieb sie die alte, die abschreckende, grausame, leidenschaftliche Frau, ihre Schwiegertochter aber behandelte sie mit Achtung, denn Bernhardine hatte eine Lection erhalten, die sie nie mehr vergaß. Während diese ihren Pflichten freundlich und besonnen nachkam, ließ sie sowohl ihren Gatten als auch die Schwiegermutter [20] fühlen, daß in ihrem Innern etwas erwacht und thätig war, das neue Versuche, sie zu unterdrücken, unmöglich machte. Es ist zweifelhaft, ob Arthur sie jetzt so liebte, wie damals, als sie noch furchtsam und unterwürfig war; aber er achtete sie mehr und behandelte sie mit größerer Rücksicht. Er war der treue Sohn seiner Mutter und erbte ihre Natur und ihr Temperament, wenn es auch in milderer und veränderter Form auftrat, so daß es keinem Zweifel unterworfen blieb, Bernhardine würde, hätte sie sich nicht, wie gezeigt worden ist, geändert, von ihm ebenso niedergehalten worden sein, wie es seine Mutter gleich anfangs gethan hatte. Jetzt ist Alles in bester Ordnung. Madame Alster steht nie an, zu bekennen, sie habe sich in Bernhardine geirrt, und Arthur hat nie mehr Anfälle von Eifersucht, trotzdem Cousin Alphons sehr häufig in Distelfeld sich aufhält und seine Frau lachen macht, daß die Thränen von den Wangen herubterrollen; denn er – Alphons nämlich – ist der glückliche Gatte des Fräulein Waldheim.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Berhardinen