Das Wartburgfest von 1848

Textdaten
<<< >>>
Autor: I. P.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das Wartburgfest von 1848
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 419–420
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1898
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[419]
500px

Das Wartburgfest im Jahre 1848.
Nach einer gleichzeitigen Abbildung gezeichnet von Fritz Bergen.

Das Wartburgfest von 1848. (Mit obenstehendem Bilde.) Der stolze Aufschwung des Nationalbewußtseins, welcher im Frühjahr 1848 das deutsche Parlament ins Leben rief, hat bald nach dessen Zusammentritt auch in einer großen öffentlichen Kundgebung der deutschen Studentenwelt seinen Ausdruck gefunden. Von Jena aus, dessen Studentenschaft 1817 das erste große Wartburgfest veranlaßt hatte, war an die Studierenden aller deutschen Universitäten eine Einladung ergangen, die für die kommenden Pfingsttage eine allgemeine Versammlung in Eisenach und auf der Wartburg anberaumte. Die Reform der deutschen Universitäten im Geiste der neugewonnenen Freiheit und Einheit war der Zweck der Versammlung. Von dem Wartburgfest des Jahres 1817 hatte die nationale Freiheitsbewegung, die jetzt gesiegt hatte, ihren Ausgang genommen; damals hatte man hier oben den Erinnerungstag an die Völkerschlacht bei Leipzig unter lebhaften Protesten begangen wider die Metternichsche Reaktionspolitik, welche das deutsche Volk um die Früchte des heldenmütigen Kampfes gegen Napoleon betrog. Jenes erste Wartburgfest hatte dann dem österreichischen Staatskanzler den Vorwand geboten für die grausame „Demagogenverfolgung“, deren Hauptopfer die auf der Wartburg gegründete Deutsche Burschenschaft war. Unter der Herrschaft der Bundesbeschlüsse, welche die Demagogenverfolgung gesetzlich regelten, waren dann die Universitäten der nämlichen polizeilichen Ueberwachung verfallen wie Litteratur und Presse. Die Vorträge der Professoren unterstanden einer peinlichen Censur; die Reisen der Studenten, ihre Uebersiedelung an andere Universitäten bedurften der behördlichen Genehmigung; den österreichischen Studenten war es nahezu unmöglich gemacht, auf anderen deutschen Hochschulen jenseit des „Mautcordons“ zu studieren. Gerade dieser unerhörte Druck hatte viel dazu beigetragen, daß die besten Männer unter den Professoren, die edelsten Jünglinge unter den Studenten Führer und Anhänger der politischen Opposition wurden. Jetzt war der Druck beseitigt, die mit allen Mitteln niedergehaltene Opposition der Patrioten hatte gesiegt – nun galt es, dem Gewinn des Sieges Gesetzeskraft für alle Zeiten zu sichern.

Dieser Aufgabe entsprachen die Beschlüsse, welche die Versammlung, zu der mehr als 1200 Studenten in Eisenach eintrafen, am 11. und 12. Juni nach lebhaften Beratungen faßte. Eine Adresse an die Frankfurter Nationalversammlung gelangte zur Annahme, und die darin enthaltenen Hauptforderungen lauteten: die Universitäten sollen Nationalanstalten werden; die Oberleitung übernimmt das Unterrichtsministerium; im einzelnen wird das Prinzip der Selbstverwaltung anerkannt; unbedingte Lehr- und Hörfreiheit wird gewährt; jede akademische Ausnahmegerichtsbarkeit wird aufgehoben. Diese Forderungen fanden dann in der Paulskirche bei Beratung der „Grundrechte“ auch Berücksichtigung. Des weiteren setzte die Versammlung, an welcher Korpsstudenten ebenso teilnahmen wie Burschenschafter, einen Ausschuß ein für die Neuordnung des Verhältnisses der Studenten untereinander. Dieser Ausschuß stellte die folgenden Grundsätze auf: „Die Studenten vereinigen sich zu einer großen organisierten Studentenschaft, deren Mitglieder völlig gleichberechtigt sind; jeder Student einer deutschen Universität ist auch akademischer Bürger der anderen.“ Bei den Verhandlungen, denen Lang aus München, ein Württemberger, mit sicherer Kraft präsidierte, platzten die Geister lebhaft aufeinander; doch die vermittelnden Anträge kamen zu friedlicher Annahme.

Von den festlichen Veranstaltungen, welche nach den Beratungen die Studenten in froher Lust vereinigt sahen, bildete das Fest auf der Wartburg am Abend des dritten Pfingstfeiertags die Krone. Nachmittags um 5 Uhr versammelten sich die Teilnehmer auf dem Eisenacher Marktplatz. Mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen ging’s dann [420] den Berg hinauf zu der alten ehrwürdigen Feste. Voran schritt, wie einer der Teilnehmer, Robert Keil, erzählt, der Wiener Stephani mit dem schwarzrotgoldnen Banner, das die Wiener Studenten mitgebracht hatten. Dieselben waren in der schmucken Tracht der „akademischen Legion“ erschienen. Im Hof der Wartburg, die damals noch nicht in alter Pracht wiederhergestellt war, waren Tische aufgeschlagen für den Kommers, der bald nach Eintreffen des Zugs all die begeisterungsvollen Vertreter der deutschen studierenden Jugend aus Nord und Süd, aus Ost und West in echter „Gaudeamus“-Stimmung vereinigt sah. Die Hauptrede hielt hier der Jenenser Burschenschafter Wehrenpfennig; sein Hoch auf die patriotische und freundschaftlich gesellige Einigung der deutschen Studentenschaft fand in den Herzen aller Anwesenden begeisterten Wiederhall. Heraufziehendes Unwetter löste später den Kreis und störte einigermaßen die Durchführung des Programms. In plaudernden, jubelnden, singenden, trinkenden Gruppen verteilte man sich in den Gemächern der Burg, welche der Erbgroßherzog von Sachsen-Weimar den Teilnehmern gastlich zur Verfügung gestellt hatte.

Unter den fröhlichen Scholaren befand sich auch ein Burschenschafter aus Heidelberg, der wenig als Redner hervortrat, aber in engerem Kreise durch seinen Humor sich viele Freunde gewann. Er wußte viel aus Frankfurt zu erzählen, denn dank seinen Heidelberger Beziehungen war es dem jungen Doktoranden soeben gelungen, dort Welckers Sekretär in der badischen Bundesgesandtschaft zu werden. Das war Joseph Viktor Scheffel, der damals ganz vom Geiste der nationalen Bewegung ergriffen war und schwerlich ahnte, daß er mit seinem „feuchtfröhlichen“ Humor in der folgenden trüben Zeit erneuter Zerrissenheit der Nation der Lieblingsdichter der deutschen Studentenwelt werden würde, auch als poetischer Verherrlichet der Wartburg.
I. P.