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Das Quartier Mouffetard und die Pariser Lumpensammler

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Titel: Das Quartier Mouffetard und die Pariser Lumpensammler
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 382–384
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Das Quartier Mouffetard und die Pariser Lumpensammler.

Zu den wenigen Straßen, die in Paris noch den ganzen Stempel ihrer Eigenthümlichkeit tragen, gehört auch die berüchtigte Rue Mouffetard im Faubourg Saint-Marceau – neben dem Faubourg Saint-Antoine der Hauptsitz der Insurgenten in den Jahren der letzten Revolution. Dieselbe schließt sich hinter dem Pantheon an die Rue Descartes an und zieht sich vor der berühmten Teppichmanufactur der Gobelins vorbei bis über die jetzt verschwundene Barrière d’Italie hinaus. Betritt man sie am Tage vom neugebauten Boulevard Sebastopol, also von der Grenze des Lateinerlandes aus, so staunt man über den schneidenden Contrast, der zwischen der Bevölkerung des soeben verlassenen und der des betretenen Stadttheils in Bezug auf Anstand und äußeres Wesen überhaupt herrscht. Begegneten wir in der Rue Mazarin gravitätisch einherschreitenden Advocaten und Schriftgelehrten, so begegnen wir hier geschäftig rennenden Waarenmäklern und Kleinhändlern; sahen wir in der Rue Dauphine kecke Studenten am Arm nicht minder kecker „Studentinnen“, so sehen wir hier schlendernde Arbeiter neben promenirenden Arbeiterinnen; stießen wir in der Rue de l’Ecole de Médecine auf grübelnde Männer der Wissenschaft, so stoßen wir hier auf lustige Adepten gewerblicher Kunst; waren dort Hut und Rock vorherrschend, so sind es hier Mütze und Blouse; ging man dort in lackirtem krachendem Schuhwerk, so geht man hier in Schlappschuhen und Spadrillen; rauchte man dort „Londres“, so dampft man hier den schwarzgerauchten Brûlot oder Souscigarren, – mit einem Worte: dort der gründlich aufgefaßte Ernst des Lebens und tolle Jugendlust unter sauberem Decorum, hier gezwungener Ernst und ausgelassener Leichtsinn unter den Lumpen der Misère.

Von dem täglichen Schalten und Walten der in diesem Quartier Mouffetard wohnenden gefürchteten Vorstädter betrachten wir diesmal speciell nur den Lumpensammler.

Ich hatte die Adresse eines solchen in der Tasche. Der Mann werde mich schon auf den rechten Weg führen, war mir bedeutet worden. Er wohnte am äußersten Ende der berüchtigten Gasse, gerade vor der italienischen Barrière. Schon von Weitem sah ich ihm den Lumpenhändler „im Kleinen“ an. Seine Wohnung war ein roh gemauerter großer Kasten, möchte ich sagen, dessen ganze Einrichtung in einem geräumigen Magazin nebst daranstoßendem Wohnzimmer bestand. Der Eingang zum erstern war im eigentlichen Sinne des Worts verbarrikadirt mit Früchten der nächtlichen Lumpensammlerthätigkeit. Es stand da Korb an Korb hoch angefüllt mit den buntesten Lappen. Es lagen da Haufen über Haufen der mannigfaltigsten Bruchstücke menschlicher Bekleidung. Als ich mir über Trümmer aller Art einen Weg in’s Innere gebahnt, unterschied ich im Hintergrunde des nichts weniger als hellen Raumes eine weibliche Gestalt, die mit Anfüllen eines groben Leinensackes beschäftigt war, und hinter ihr einen kleinen, schwarzäugigen Burschen in blauer Blouse, dem ich als dem Helden meiner Adresse sofort mein Anliegen vortrug. „Ob es nicht in der Rue Mouffetard eine Lumpensammler-Colonie gebe?“ fragte ich. „Nicht daß ich wüßte, mein Herr,“ lautete die Antwort. „Das große Haus dort oben, in dem sonst ihrer vierhundert beisammen wohnten, ist seit acht Monaten anderweitig vermiethet, und im Quartier Mouffetard wohnen die Lumpensammler zerstreut in den Hotels garnis. Wenn’s Ihnen jedoch auf zehn Minuten Wegs nicht ankommt, so will ich Ihnen eine Colonie zeigen, wo Sie gewiß finden werden, was Sie suchen. Wollen Sie gefälligst mitkommen, mein Herr?“ Wir gingen.

An der Ecke der nächsten Straße blieb der höfliche Franzose stehen. „Sehen Sie den freien Platz dort unten, mein Herr? Es ist die Place des Deux-Moulins. Links davon steht eine große Gruppe zum Theil einstöckiger Häuser. Es ist die Cité Doré. Dort wohnen mehr als funfzehnhundert Lumpensammler. Wenden Sie sich nur an den Portier.“

Ich dankte dem Manne, der ein Trinkgeld dankend ablehnte, setzte meinen Weg allein fort, und betrat das längs dieser Häuserreihe hinlaufende Trottoir. Es führt uns zu einer engen Gasse, der Rue de la Cité Doré, die mit der Häusermasse parallel läuft. Die linke Gassenwand bildet ein halbverfaultes schwarzes Breterstacket, hinter dem sich ein großer Küchengarten ausdehnt; rechts erheben sich bis an’s Ende der Gasse, nur von einzelnen Hofmauern unterbrochen, gelb übertünchte ein- bis zweistöckige Häuschen, die, in gerader Linie fortlaufend, mit ihren von Abstand zu Abstand sich wiederholenden Fenstern und Thüren eine entfernte Aehnlichkeit mit einer deutschen Unterofficier-Caserne haben. Dies ist die innere Seite der Colonie. Gehen wir sie entlang, so bemerken wir in erster Linie das Wort „Concierge“ über einer schmalen Hausthür.

An den Portier hatte ich mich zu wenden, und da die niedrige Thür offen stand, trat ich getrost in die Cerberns-Wohnung ein. Du lieber Gott, welche Misère! Ein viereckiges Loch mit vier nackten Wänden, einem natürlichen Fußboden und absoluter Möbellosigkeit, wenn ich einen Stuhl und eine Drechslerbank abrechnete. Von Feuerung keine Spur. Dessenungeachtet bei den Insassen des Locals, dem Portier und seiner Frau, nicht die mindeste Idee von Mißbehagen. Ersterer drechselte an der Werkbank, Letztere band Stühle, und Beide belehrten mich um die Wette über ihre Colonie. „Funfzehnhundert sei allerdings übertrieben,“ meinte die Frau. „Zwar habe sich beim letzten Census eine Bevölkerung von 3000 Seelen (Männer, Weiber und Kinder) herausgestellt, doch gehöre der größere Theil derselben dem Arbeiterstande an.“ – „Ein paar tausend Individuen,“ commentirte der Mann, „gehen des Morgens und Abends da aus und ein. Mithin sei es sehr schwer, festzustellen, wer in der Mehrzahl, die Lumpensammler oder [383] die Arbeiter. Doch glaube er annehmen zu dürfen, die letztern.“ Andere uns hier gewordene Mittheilungen über die Pariser Chiffonniers im Allgemeinen flechten wir weiter unten ein, um einstweilen der letztern „Hauptstadt“[1] in Augenschein zu nehmen.

Da ist kein Wagengerassel, kein geschäftiges Hin- und Herrennen von Manschen, kein Stoßen und Drängen, kein Rufen und Schreien. In den vier oder fünf engen Gassen herrscht eine Oede und Leere, die mit der Bevölkerung von 3000 Seelen gar nicht harmonirt. Männer bemerkte ich außer dem Portier auf der Straße auch nicht einen einzigen, was freilich darin seinen Grund hat, daß ein Theil der Einwohnerschaft den Tag über in Paris arbeitet und die Mehrzahl der Lumpensammler am Nachmittag von den Strapazen der verwichenen Nacht ausruht. Einige wenige Weiber und Kinder, die mir begegneten, trugen sämmtlich den Stempel des Elends, nicht sowohl in der Kleidung, die ziemlich sauber war, als vielmehr auf der gefurchten Stirn und in den bleichen Zügen.

An der äußersten Grenze der Colonie steht ein ziemlich großes zweistöckiges Haus. Dieses betrat ich, da mir gesagt worden war, es werde ausschließlich von Lumpensammlern bewohnt. In Begleitung des Portiers besuchte ich zwei Säle und einige Gemächer, die ces dames et ces messieurs gemeinschaftlich bewohnen. Von Betten ist darin keine Rede; pêle-mêle ruht hier Alt und Jung, Männlich und Weiblich neben seinen Lumpen am Boden. Gegen die Kälte schützt alle eine gemeinschaftliche Decke, die mit eben soviel Löchern zum Durchstecken des Kopfes versehen ist, als Personen darunter schlafen. Gewiß eine classische Einrichtung!

An Gewerbsleuten wohnen in der Cité Doré außer den bereits angeführten noch drei oder vier Wein- und Spirituosenhändler. Wollte man aber einen Bäcker ausfindig machen, könnte man lange suchen.

Um jedoch vom Oertlichen auf’s Allgemeine überzugehen, so ist es erstaunlich, was für eine Menge Individuen in Paris sich von „Lumpen“ ernähren. In den Faubourgs Saint-Antoine und Saint-Marceau leben Tausende von Lumpensammlern beiderlei Geschlechts; im Quartier Mouffetard allein mehr als fünfhundert. Als die alten Barrieren noch bestanden, waren in Paris über sechzig Lumpenhändler en gros, der vielen Detaillisten gar nicht zu gedenken. Nunmehr kann man die Zahl derselben dreist auf hundert anschlagen.

Es ist über die Pariser Lumpensammler in deutschen Blättern viel geschrieben worden, aber wenig, das einen wahren Beitrag zu ihrer Charakteristik hätte bilden können. Die meisten Correspondenten oder Berichterstatter beschränken sich eben darauf, Alles den französischen Journalen nachzuplappern, und Gott weiß, wie oft von diesen – und wenn es sich um die bekanntesten Localsachen handelt – gegen die Wahrheit gesündigt wird. Nachstehende Notizen über die Lebensweise der Lumpensammler und deren Wesen können als durchaus wahrheitsgetreu und thatsächlich betrachtet werden, da ich sie der besten Quelle, der Wirklichkeit, entnommen habe.

Ob es, wie einige Schriftsteller und Journalisten behaupteten, unter den Pariser Lumpensammlern Vicomtes und Comtes, kurz Leute giebt, die einst eine bedeutende Rolle in den Salons gespielt und eine classische Erziehung genossen haben[2], will ich dahingestellt sein lassen, obgleich mir persönlich von einem halben Chiffonnier versichert wurde, die noble Corporation zähle zu ihren Mitgliedern auch einen weiland Heidelberger Studiosus. Factisch ist aber doch, daß Gestalten und Typen unter ihnen leben, die, trotz ihrer gegenwärtigen Versumpfung, früher sich in höhern Sphären bewegt zu haben scheinen, und als erwiesen kann betrachtet werden, daß die Mehrzahl der Lumpensammlerinnen vor Jahren, als das Laster der Trunksucht ihre Blüthen noch nicht zum Fallen gebracht hatte, in demjenigen „quartier“ von Paris wohnte, nach dem Alphonse Karr gewissen dort wohnenden Sirenen den classischen Namen „Loretten“ gegeben.

Nun ist unter den einstigen Anbeterinnen der Freuden des Lebens und der Gefallsucht jede Schranke der Sittlichkeit vollends gefallen. Sie kennen nur noch einen Genuß, den des Trinkens von Spirituosen. Im Uebrigen sind sie willenlose, verkommene, von der Misere in unzerreißbare Fesseln geschlagene, jedweden Schamgefühls bare Geschöpfe.

Weniger unglücklich sind die Männer, deren illegitime Tyrannen, bei denen doch noch hin und wieder ein Fünkchen Mannestrotz anzutreffen. Aber auch die meisten von ihnen sind jenem Laster anheimgefallen, und so groß ist deren Trunksucht, daß sie lieber Hunger leiden, als nur für einmal dem gewohnten Schnapsgenuß entsagen. Das ist denn auch die Ursache des geringen Grades von Selbstständigkeit, der unter diesen Leuten herrscht. Bei ihrer Aversion gegen Alles, was Luxus heißt, die so weit geht, daß sie manchmal mit dem Straßenpflaster als Kopfkissen vorlieb nehmen, könnten sie es, auch bei ihrem geringen Lohn, in jener Eigenschaft doch noch ziemlich weit bringen, zumal die ältern von ihnen familienweise speisen und sich dabei fast ausschließlich von den Brosamen nähren, die auf ihren Kreuz- und Querzügen von den Tischen der Reichen in ihren Schnappsack gefallen. So aber sind sie oft genöthigt, ihr einziges Hemde als Pfand für ein innegehabtes Nachtlager in den Händen des Wirthes zu lassen.

Am schlimmsten von Allen sind diejenigen daran, welche, nicht im Stande, die erforderlichen Werkzeuge (Kiepe, Hacke und Laterne) sich selbst anzuschaffen, sich genöthigt gesehen haben, auf Rechnung gewisser Kleinhändler, die sie dafür complet ausrüsten – nota bene ausbeuten – zu arbeiten. Wenn solche nicht auf ihrer Hut sind und jeden Exceß wie eine Sünde vermeiden, so können sie Jahre lang Lumpen sammeln, ehe sie sich zu ihrer Selbstständigkeit „emporgesammelt“ haben. Und doch kostet diese Selbstständigkeit nicht mehr als 2 Frcs. 50 Cent., der Preis genannter Werkzeuge! Sagt diese eine Thatsache über den sittlichen Zustand der Pariser Chifonniers nicht mehr, als ein ganzes Buch darüber sagen könnte?

Herr B., der Großhändler eines Lumpengeschäfts in der Rue Lourcine, theilte mir speciell mit, daß in diversen möblirten Hotels im Quartier Mouffetard mehr als 500 Individuen (circa 270 Männer und 230 Weiber) wohnen, die sich lediglich von Lumpensammeln ernähren. Drei Viertel von dieser Bevölkerung stehen in einem Alter von 17 bis zu 36 Jahren, während kaum ein Sechstel die Grenze der Sechzig und Siebzig überschritten hat.

Die ehrenwerthen Mitglieder der Lumpensammler führen in diesen sogenannten Hotels ein wahres Zigeunerleben, insofern als sie – ganz wie in jenem Hause in der Cité Doré – in der geschwisterlichsten Vereinigung und ohne Unterschied des Alters und Geschlechtes in großen Localen beisammen wohnen. Wobei freilich bemerkt werden muß, daß Jedes seinen Schatz von Lumpen sorgfältig überwacht und in dieser Hinsicht den Principien eines Louis Blanc durchaus abhold ist. Von Möbeln will der Lumpensammler in seiner Naturwüchsigkeit und Bettlereinfalt nichts wissen; dafür streckt er sich mit allem möglichen natürlichen Comfort nach seiner Decke, verschläft seine Nacht in Gesellschaft seiner Cameraden ganz poetisch, giebt dafür beim Aufstehen 15 bis 20 Centimes und hat nun das Recht, sagen zu können: „Ich logire im Gasthof zum goldenen Löwen!“

Der Chiffonnier vom Quartier Mouffetard geht regelmäßig zwischen fünf und sechs Uhr Abends zu Bette und steht um elf Uhr wieder auf. Wenn der Lärm in den Straßen von Paris anfangt schwächer zu werden, schleicht jener sich aus seinem obscuren Schlupfwinkel fort nach den Stadttheilen der Wohlhabenden, denn hier harren seiner die besten und feinsten Brocken.

Nachts um die zwölfte Stunde
Verläßt der Sammler sein Haus,
Macht mit der Blende die Runde,
Trotz Wetter, Sturm und Graus.

Das ist die erste Runde. Hat er sie am frühen Morgen, etwa zwischen Zwei und Drei, der einzigen Stunde, wo Paris schläft, beendigt, so kann man sicher sein, daß er sich in der Nähe einer Anstalt befindet, wo für Geld und gute Worte Schnaps und Brod zu haben ist. Denn die Gerechtigkeit muß man ihm widerfahren lassen: sein Instinct führt ihn nie irre, und er wittert die Morgenluft mindestens ebenso gut wie der Rappe in Bürger’s „Lenore“.

Wenn nun der Lumpensammler das Glück hat, in seiner Morgenkneipe nicht vor Müdigkeit oder aus irgend einer andern Ursache unter den Tisch zu fallen – was gar nicht selten vorkommen soll – so rafft er sich gegen sechs Uhr auf, wappnet sich auf’s Neue mit Kiepe und Hacke und tritt seine zweite, die Hauptrunde, [384] an, welche bis gegen neun Uhr, d. h. dem Augenblicke, wo aller Unrath von den Straßen entfernt ist, dauert.

Hat der Chiffonnier bis dahin gesammelt, so ist nun für ihn der Moment des Sortirens und Versilberns gekommen. Er begiebt sich zu dem Ende in sein Hotel, trennt die currenten Artikel von den weniger currenten und trägt erstere unverzüglich zum Großhändler, der sie ihm in klingender Münze bezahlt. Die weniger currenten Artikel werden zu den schon gesammelten Vorräthen gethan und erst dann versilbert, wenn das Quantum der Mühe werth.

Ist es ob diesen verschiedenen kaufmännischen Operationen elf Uhr geworden, so erinnert sich der Pariser Lumpensammler daran, daß der Mensch nicht blos zum Lumpensammeln geboren. Darum besinnt er sich nicht lange, zieht mit dem erhaltenen Silber- und Kupferblech auf seine Stammkneipe und „blecht“ hier für Cognac und dergleichen, bis es mit dem Glockenschlag Fünf in seine umnebelten Ohren dröhnt:

„Und wer das neue Lied nicht kann,
Fang’s alte wieder von vornen an!“

Trotz alledem darf und wird aber der Industrielle nicht hochmüthig auf dieses schmutzige Geschäft herab sehen. Auch unter den Lumpensammlern giebt es „Großhändler“ und „Kleinhändler“, denen die Sammler und Sammlerinnen, die Sortirerinnen und Ausfädlerinnen untergeordnet sind.

Die Großhändler kaufen en gros und en détail; die Kleinhändler nur en détail. Erstere beschäftigen bis zu sechzig Sortirerinnen und Ausfädlerinnen und liefern ihre Erzeugnisse aller acht Tage an den Fabrikanten ab; letztere besorgen das Sortiren und Ausfädeln gewöhnlich selbst mit ihrer Familie und verkaufen den Ertrag eines Tages am folgenden Morgen. Der Lumpensammler verkauft des Morgens, was er in der Nacht gesammelt.

In dem oben erwähnten Etablissement des Herrn B. in der Rue Loureine, dessen Specialität in Wolle und Seide besteht, sind zeitweise fünfzig bis sechzig Arbeiterinnen beschäftigt. Die Bureaux und Comptoirs im ersten Stock sind kaufmännisch großartig eingerichtet. Jedes Departement wird mit der größten Sorgfalt verwaltet. In verschiedenen Arbeitssälen im ersten und zweiten Stock arbeiten in Reih und Glied zehn bis zwanzig Sortirerinnen und Ausfädlerinnen. Jede von den Ersteren hat ihren besondern Sitz und vor sich drei Vorrathskörbe stehen; in den einen wirft sie die vorkommenden Wollen-, in den andern die Seiden-, in den dritten die Baumwollenlappen. Dieselben arbeiten entweder „auf’s Stück“ oder in „gewissem Gelde“ und verdienen durchschnittlich 1 Fr. 50 Cent. täglich. Die Arbeit der Ausfädlerinnen besteht darin, die Tuch- und Seidenlappen (gardannes) erst zu reinigen, dann in Garn aufzulösen und dieses zu kämmen, worauf es bündelweise versandt wird. Ihr Verdienst kommt dem der Erstern beinahe gleich. Der Großhändler muß über bedeutende Geldmittel verfügen können und, wenn nicht selbst eine gründliche Waarenkenntniß, so doch Jemanden haben, der letztere vollständig besitzt. Es kommt hier darauf an, aus der unbedeutendsten Kleinigkeit einen gewissen Nutzen zu ziehen.

Ein „fahrender“ Lumpensammler – denn es giebt auch „sässige“ (die Herren- und Damenschneider z. B.) – muß aber, wenn er nur einigermaßen des Gewinns theilhaftig werden will, der ihm gebührt, auch nicht auf den Kopf gefallen sein. In dem Tragkorb eines solchen findet sich gewöhnlich vor: altes Eisen, Glasscherben, Lederschnitzel, Knochen, Tuch- und Wollenlappen etc., und alle diese verschiedenen Artikel haben ihren besondern Verkaufswerth. Mit den gefundenen Flaschenstöpseln wird sogar bei den Weinwirthen an der Barriere ein ordentlicher Tauschhandel getrieben. Dann aber enthält der Tragkorb noch: 1) Stücke schmuziges Papier, carons genannt, 2) Packleinwand, Ueberreste von Säcken etc. (gros de Paris), 3) farbige Baumwollenlappen (gros de campagne), 4) grobe und schmuzige Linnenlappen (gros bul und bul), 5) weiße Baumwollenlappen (blanc sale), 6) feine Linnenlappen (blanc fin); – Waaren, die den Sammlern mit 8, 18, 20, 26, 34 und 44 Centimes per Kilogramm bezahlt werden.

Ein Theil von diesen Artikeln wird von dem Großhändler an den Papierfabrikanten abgelassen. Die Tuch- und Seidenlappen werden „ausgefädelt“, die Fäden gehörig gehechelt und bundweise an Tuch- und Seidenfabrikanten verkauft, welche ihrerseits die schönsten Zeuge daraus herstellen und dann für neu in den Handel geben. Oder man verkauft solche Partikelchen Tuch und Seide an Damen- und Herrenkleider-Flicker und Flickerinnen, die manchen theilweise avarirten Bekleidungsgegenstand damit wieder auf Jahre in Ehren bringen.

Bunte Lappen werden ballenweise in die Provinz geschickt, wo sie zur Herstellung jener kunterbunten Bettdecken dienen, auf die sich in gewissen Gegenden Frankreichs die Hausfrauen so viel einbilden. Alte Schnüre und Bänder werden zu Charpie verzupft, in seidene Hüllen genäht und gelten dann für weiche und warme Eiderdaunen. Letztere Industrie verdankt ihren Ursprung dem Erfindersinn einer mildthätigen Dame, welche der Ansicht war, dieselbe könne für arme verkrüppelte Mädchen eine Art leichter Verdienstquelle werden. Wie mir mein Cicerone in dem Geschäft der Rue Lourcine mittheilte, hat jene Dame in der Rue du Temple eine Werkstatt errichten lassen, auf der jetzt an die zwanzig größtenteils verwachsene junge Mädchen mit „Eiderdaunen“-Zupfen ihren Unterhalt verdienen.

Trotz aller dieser und anderer Bemühungen aber wird es schwer gelingen, der steigenden Demoralisation der Pariser Lumpensammler, die mit jedem Tage zunimmt, Einhalt zu thun, schon deshalb, weil zur Kunst des Sammelns nur diejenigen greifen, die, bereits bankerott an Hab und Gut und Ehre, keinen andern Ausweg vor sich sehen, als Nachts das Brod im Kehricht zu suchen, was sie auf andere Weise nicht mehr erarbeiten konnten und – mochten.



  1. * Gründer derselben war ein Herr Doré, von dem sie auch den Namen führt.
  2. ** Wenn ich nicht irre, erzählte der verstorbene Freund Heine’s, Gerard von Unwel, einst in einem Pariser Journal von einem Chiffonnier, der ihn in der Nacht beim Nachhausegehen auf lateinisch angeredet, und mit dem er sich dann eine Zeitlang in dieser Sprache unterhatten habe.      D. Verf.