Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: -n-
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das Manna der Israeliten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 607, 608
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[607] Das Manna der Israeliten. Für Jung und Alt liegt ein eigenthümlicher Reiz in den biblischen Erzählungen, denn sie sind ja meistens unsere ersten Nachrichten über die Geschichte längst entschwundener Zeiten, die uns deshalb wie Nebelbilder in einem magischen Lichte erscheinen, mit Menschen und Verhältnissen, himmelweit verschieden von denen der Gegenwart. Dazu gesellt sich nun noch der Nimbus des Wunderbaren, das Walten einer unsichtbaren höheren Macht, und nun vollends noch die eigenthümliche gemüthliche Darstellungsweise! Da darf es denn nicht auffallen, wenn sich diese ersten Eindrücke bis in unser hohes Alter in ungeschwächter Lebhaftigkeit zu erhalten pflegen. Mich hat immer die Geschichte der Auswanderung des jüdischen Volkes aus Aegypten und sein an Abenteuern reicher Eroberungszug nach Palästina am lebhaftesten interessirt, mit dem beständigen Hervortreten eines höheren Schutzes, eine wahre israelitische Odyssee. Als nun noch das Manna der Apotheke dazu kam, war ich erst recht für eine Wüstenreise enthusiasmirt.

Da kam aber nun die leidige Aufklärung und streifte mit rauher Hand [608] den romantischen Duft ab, als der Unterricht in der Naturkunde anfing, manches der zahlreichen Wunder, die sich im Verlauf der langen Wüstenreise ereigneten, auf bekannte Naturgesetze zurückzuführen. Durch diese veränderte Anschauungsweise mußte natürlich in mir das Verlangen rege gemacht werden, auch über andere bis dahin noch dunkle Ereignisse gleiche Aufklärung zu erhalten. Ich wurde da mit hoher Achtung erfüllt für den Verstand und die Wissenschaft des Heerführers Moses, und staunte über die Weisheit der ägyptischen Priester, denen er seine Bildung verdankte.

Mit der klaren[WS 1] Erkenntniß sah ich zusehends die poetische Anschauung schwinden, der Wachtelregen wurde auf die kurze Wanderzeit dieses Vogels beschränkt, und auch das Manna fiel nicht in Menge vom Himmel herab, sondern mußte an den Zweigen eines Strauches mühsam abgelesen werden. Seezen hat nämlich an den Zweigen der gallischen Tamariske, die in dem Wady el Araba häufig wächst, jenem Thale, durch welches (wahrscheinlich vor dem vulcanischen Ausbruche, der Sodom und die benachbarten Städte zerstörte) einst die Gewässer des Jordan sich in den Meerbusen von Akaba ergossen, kleine Mannakörnchen entdeckt, die noch jetzt von den dortigen Beduinen eingesammelt werden; ihre Menge ist aber so gering, höchstens im Jahre etwa 500 Pfund, daß dieses Manna als Nahrungsmittel für ein ganzes Volk gar nicht in Betracht kommen kann, sondern bei ihnen nur die Stelle unserer Confitüren vertritt.

Neuerdings, im Jahre 1857, hat Unger, ein Deutscher, auf eine Flechtenart, Lecanora esculenta, aufmerksam gemacht, die in den meisten Wüstenthälern von Kleinasien, Arabien, Persien, der Tatarei, der Krim und der algierischen Sahara etc. ungemein häufig wächst. Sie wird, weil sie auf dem sandigen Boden nur locker aufsitzt, leicht durch den Wind von den Hügeln herabgeweht, und bedeckt in den Vertiefungen dann den Boden oft weithin mehrere Zoll hoch. Den Schafen dient sie als willkommene Nahrung, die Menschen bereiten aus ihr Brod. – Unger fand den Geschmack dieses Manna angenehm süßlich und mehlartig, fast wie ein Gemenge von Milch und Mehl. Die meisten anderen Flechten, die besonders im hohen Norden in Zeiten des Mangels als Nahrung für Menschen und Thiere dienen, zeichnen sich durch einen unangenehm bitteren Beigeschmack aus. – Mit diesen von Unger angegebenen Eigenschaften stimmt auch die biblische Erzählung überein, daß die Israeliten das Manna sammelten, um daraus Brod zu backen, wozu das Tamariskenmannna Seezen’s, als eine Art Zucker, sich keineswegs eignet.

Schon im Jahr 1828 legte Thenard der Académie des sciences in Paris Proben der nämlichen eßbaren Flechte aus Algerien vor, ohne dabei an das Manna der Israeliten zu denken; sie heißt in Arabien Takaout, in Algerien Oussch el ard (Excrement der Erde) und besteht aus höchstens erbsengroßen, zusammenhängenden, rundlichen Körnern von gelblichgrüner Farbe und weißlich mehligem Ueberzuge. Den Geschmack beschreibt er als schwach stärkeartig mit einem Beigeschmacke, ähnlich den Champignons. Im heißen Wasser schwillt sie auf, mit Milch, Butter und Salz gekocht, schmeckt sie zart und angenehm. Mir scheint durch diese Entdeckung unseres Landsmannes die Frage nach dem Manna der Israeliten außer Zweifel gestellt.

-n-

WikisourceBearbeiten

  1. fehlendes „k“ ergänzt.