Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Das Knotenknüpfen
Untertitel:
aus: Mein Oesterreich! Illustrierte Monatsschrift für die Jugend, 1. Jahrgang, S. 318–319
Herausgeber: Adolf Moßbäck
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1911
Verlag:
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Erscheinungsort: Wien
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Quelle: Commons
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Das Knotenknüpfen.

Wie noch heute der Knoten im Taschentuch oder in der Uhrkette als Gedächtnishilfe dient, so hat der in besonderer Weise geschürzte Knoten sowohl im Altertum als auch heute noch bei verschiedenen Naturvölkern seine bestimmte, oft magische Bedeutung.

Bei den alten Peruanern war eine Knotenschrift zu einem vollständigen, geheimen Verständigungsmittel ausgebildet, indem durch verschieden gefärbte Knoten in miteinander verbundenen Fäden die kompliziertesten Verträge und ganze historische Dokumente niedergelegt wurden. Diese eigenartigen Schriftstücke bestanden aus einer mitunter viele Meter langen Hauptschnur, von der fransenartig eine Menge buntfarbiger Fäden, in die in verschiedenen Entfernungen Knoten befestigt waren, herabhingen. Die Bedeutung dieser Knotenschrift – Quipu – war abhängig von der Farbe, der Art und Anzahl der Knoten, von der Reihenfolge der Fäden, ihrer Länge und Entfernung von der Hauptschnur. Die Führung dieser Urkunden war besonderen Beamten übertragen. Ein Spanier, der sich von den Peruanern die Knotenschrift erklären ließ, schrieb nach einem solchen in einem Grabe aufgefundenen und 4 Kilogramm wiegenden Dokument die Geschichte von Peru – ein Beweis, wie vollkommen diese eigentümliche Schriftart gewesen ist.

Auch bei den Indianern Nordamerikas finden wir ähnlich abgefaßte Urkunden in den sogenannten Wampungürteln. Diese bestanden aus langen Schnüren, auf die Perlen und durchbohrte Muscheln in besonderer Anordnung aufgereiht waren. Man tauschte sie bei Friedensschlüssen und anderen Verhandlungen aus und überlieferte durch bestimmte eingeknotete Muster die Kunde davon der Nachwelt.

Durch diese Verwendung der Knotenschrift zu Dokumenten bildete sich wohl auch die Auffassung heraus, daß ein geschürzter Knoten ein unauflöslicher Kontrakt, ein Heiligtum und ein Rätsel zugleich sei, weshalb auf den Inseln der Südsee das Tabu, d. i. die Unverletzlichkeit eines bestimmten Ortes oder Gegenstandes, oft durch in verschiedene Materiale geschürzten Knoten verkündet wird. Auch im alten Griechenland und in der deutschen Sage wurden durch heilige, geknotete Fäden besondere Orte abgegrenzt, so z. B. das Orakel des Trophonios und der Rosengarten des Laurin. Auch das alte deutsche Recht sah noch in dem Knotenknüpfen das Symbol eines abgeschlossenen Vertrages. So hatte jeder Zeuge als Bestätigung der Wahrhaftigkeit seiner Aussage einen Knoten in einen an dem betreffenden Dokument befestigten Riemen zu knüpfen.

Durch die bindende Kraft, die man in das Knotenknüpfen legte, gewann es früh die Bedeutung einer magischen Handlung, und der Knoten wurde zum Zauberknoten. Erinnert sei an den gordischen Knoten, mit dem König Gordias das Joch des geweihten Wagens an die Deichsel befestigt hatte, so daß niemand ihn zu lösen vermochte und die Weissager verkündeten: Der sei zur Weltherrschaft berufen, der ihn lösen werde. Alexander der Große soll auf dem Perserzuge den Knoten mit dem Schwerte durchhauen haben. Hierzu gehört auch der Volksglaube vom Nestelknüpfen, der vorgeblichen Kunst, durch Knüpfen von Knoten und Verschlingungen der Finger allerlei Dinge, so den Fortgang eines Geschäfts, das Mahlen einer Mühle zu verhindern oder eine bestimmte Person unauflöslich fesseln zu können. So sollte die Göttin [319] Juno durch knotenartiges Verschränken der Finger die Geburt des Herkules sieben Tage hingehalten haben. In Deutschland wurde das Nestelknüpfen (Nestel-Senkel, dünner, lederner Riemen) schon vor Erlassung des Salischen Gesetzes für ein schweres Verbrechen erachtet und auf dem Konzil zu Regensburg mit der Strafe der Enthauptung bedroht. Die Priester der Lappen und Finnen und anderer nordischer Völker gaben auch vor, durch Knoten den Wind fesseln zu können und verkaufen den Seefahrern solche eingeknoteten Winde, wie ähnliches ja auch in der „Odyssee“ vorkommt, wo Odysseus die in Säcke eingeschlossenen Winde auf seinem Schiffe mitnimmt. Die moderne Zeit, in der sich noch so mancher Aberglaube erhalten hat, weiß von der einstigen magischen Bedeutung des Knotenknüpfens jedoch nichts mehr. Die Knoten in dem Taschentuch eines zerstreuten Menschen finden wir nur noch als oft variierte Scherze in den Spalten der Witzblätter.

W. K.