Textdaten
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Autor: Dr. Theodor Petersen
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Titel: Das Kaprunerthal
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aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 339–342
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1898
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Das Kaprunerthal.
Von Prof. Dr. Theodor Petersen.



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Zell am See.     Zell am See und Steinernes Meer.


Unter den österreichischen Alpenländern ist die Landschaft Salzburg von besonderer Schönheit und Mannigfaltigkeit. Früher begnügte man sich wohl damit, die herrlich gelegene Landeshauptstadt und deren nähere Umgebungen zu besuchen, aber immer, zahlreicher drang das reiselustige Publikum die Salzach aufwärts und in ihre Nebenthäler ein, deren Erschließung ganz besonders dem erfolgreichen Wirken des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins zu verdanken ist.

Die lange Kette der Hohen Tauern mit ihren ausgedehnten Gletschern, aus denen sich prachtvolle Hochgipfel, wie die schlanke Pyramide des Großglockners und der breite Rücken des Großvenedigers, erheben, begrenzt das Salzburgische Land im Süden. Eine Reihe von mächtigen Wildbächen hat sich von dorther einen Weg zu dem Hauptthale gebahnt und hochromantische Gebirgsthäler gebildet, von welchen das Gasteinerthal längst Berühmtheit erlangt hat. Reich an prächtigen Wasserfällen, von denen die Krimmler zu den schönsten in den ganzen Alpen zählen, besitzen diese Nebenthäler auch großartige Felsenengpässe. In ihrer Tiefe verlischt das Tageslicht, und über wildbrausenden Gewässern kann der Wanderer nur auf kühn gebauten Stegen vorwärts dringen. Die Liechtensteinklamm und die Kitzlochklamm sind von ihnen die bekanntesten, beide vom Alpenverein erschlossen. Sehr bedeutende Arbeiten hat dieser Verein in den letzten Jahren auch im Kaprunerthal verrichtet.

Wenn man den Pongau und die Mündungen der eben erwähnten Seitenthäler der Salzach passiert hat, weitet sich das Hauptthal zum vielgepriesenen Pinzgau. Gleich an dessen Anfang hat der reizende Zellersee in einer Seitenbucht Platz gefunden. Auch Zell am See verdankt seine heutige Bedeutung zum großen Teil dem Alpenverein, denn das von der Natur so reich ausgestattete Stückchen Erde, die „Perle des Pinzgaues“, ist durch ihn in den weitesten Kreisen bekannt geworden. Auf der aussichtsreichen Schmittenhöhe erbaute der Verein ein jetzt bedeutend ausgewachsenes und bequem zugänglich gemachtes Alpenhotel, von welchem Punkte sich die herrliche Gegend und der interessante geologische Aufbau des umliegenden Teiles der Alpen vorzüglich übersehen läßt. Von nicht minder großem Reiz ist die Rundschau vom See aus; sie kann während einer Rundfahrt auf zierlichem Dampfboot bequem genossen werden. Im Norden präsentieren sich die schroffen Kalkwände des Steinernen Meeres, am schönsten, wenn der Purpur des Abendrotes an ihnen verglüht; nach Westen erstreckt sich das schiefrige Mittelgebirge mit den Häusern der Schmittenhöhe; östlich ziehen saftig grüne Matten, mit zahlreichen Heustadeln besetzt, zum Hönigskogel hinan und im Süden jenseit des Pinzgaus erhebt sich das alte krystallinische Centralgebirge, ganz nahe das schlanke Kitzsteinhorn und der Hohe Tenn im strahlenden Eismantel. Zwischen beiden schaut man in das geheimnisvolle Kaprunerthal hinein.

Obgleich so nahe bei Zell gelegen, war das Kaprunerthal doch bis in die neueste Zeit nur wenig besucht wegen der schwer zugänglichen Felsenenge in seinem unteren Teil. Aber die rührige Alpenvereinssektion Zell am See, von weiland Vater Riemann gegründet und gegenwärtig unter der Leitung des

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Das Kaprunerthal gegen die Schmittenhöhe mit Kesselfallalpenhaus.

[340] thätigen Herrn Blaschka, war auf ihrem Posten, dem Lande neue Anziehungspunkte zu verschaffen; die in der Gegend begüterte fürstliche Familie zur Beteiligung bereit, auch ein verständnisvoller Baumeister in der Person des Herrn Ingenieur Gaßner alsbald zur Hand. Und so sind die kunstvoll angelegte Fahrstraße in das untere Kaprunerthal und das nur wenige Stunden von Zell am See

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Schloß Kaprun

entfernte neue große Alpenhotel am Kesselfall rasch erstanden und bereits im Jahre 1895 dem Verkehr eröffnet worden. Unweit Zell zweigt die neue Kunststraße von der Oberpinzgauer Landstraße ab, zunächst den breiten Thalboden des Kapruner Mooses querend. Abwärts haftet der Blick an dem prachtvollen Schloß Fischhorn, einer Zierde der ganzen Landschaft; aufwärts übersieht man den Pinzgau bis zu den duftigen Zillerthaler Bergen. Bald ist der Eingang des Kaprunerthales erreicht; wir biegen um eine Ecke, und nun liegt sein stolzes Schloß vor uns, unweit davon auf einem von der Ache umrauschten Felsen das Kirchlein des Dorfes Kaprun, ein Bild, so malerisch, wie man es nur wünschen kann. In grauer Vorzeit als einfacher Turm erstanden, hat das jetzt der Fürstin Löwenstein gehörige Schloß Kaprun im Laufe der Jahrhunderte den Wechsel der Zeiten reichlich erfahren; seine dicken Mauern und Türme haben wilden Anstürmen Trotz bieten müssen und gewähren noch heute einen

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Eingang zur Sigmund Thun-Klamm.

imponierenden Anblick. Nur ungern trennt man sich von dem schönen Bilde, aber weitere Genüsse warten unser drinnen im Thale.

Die kunstvoll angelegte Straße beginnt bald am Kesselbühl hinanzusteigen, eine Thalsperre, durch welche sich die Kapruner Ache in tiefer Schlucht den Durchgang erzwungen hat. Oben wird die Schlucht in dem kühnen Bogen der Bilinskibrücke von der Straße übersetzt. Dorthin lassen wir den Wagen weiterfahren und wenden uns dem mit der Überschrift „Sigmund Thun-Klamm“ versehenen hohen Holzthore zu, welches wie zu einem Bergwerk den Eingang in die Klamm vermittelt. Zwischen dunklen Felswänden braust und brodelt die Ache, ihr Staub netzt das Moos der Wände und die grünen Zweige, die von oben hereinhängen. Auf sicheren Stegen und Treppen schreiten wir weiter; endlich nähern sich über uns die Wände und wir erblicken die Brücke, bei der wir wieder auf die Straße gelangen, die nun zwischen Matten und Wald langsam weiter hinansteigt. Das kleine Wirtshaus „Zum Kaprunerthörl“ liegt auf einer Lichtung am Wege. Wiederum schließt sich der Wald, doch bald erscheint eine neue Lichtung und vor uns erblicken wir, von prächtigem Tannenwalde umgeben und von Bergluft umweht, das Hotel Kesselfallalpenhaus (vgl. Abbildung S. 341). Es liegt 1056 Meter über dem Meeresspiegel.

Ein Platz, gleich dankbar und gleich geeignet für Touristen zu großartigen Bergpartien wie für Sommerfrischler zu längerem behaglichen Aufenthalt, ist nicht leicht zu finden. Dem vielbesuchten Zell am See ist er durch die neue Straße mit ihrer täglich mehrmaligen Postverbindung auf zwei Stunden nahe gerückt.

Eine glückliche Zukunft dürfte dem neuen Alpenheim beschieden sein. Schon jetzt finden wir beim Kesselfall eine ganze Kolonie, die sich wohl in der Folge noch vergrößern wird. Freilich hat es seine Schwierigkeit, weiteres Terrain dem engen Thale abzugewinnen. Auch der gegenwärtig bebaute Platz ist großenteils durch Sprengungen den Felsen abgerungen.

Den Mittelpunkt des Ganzen bildet das große zweistöckige Hauptgebäude, ein vornehm gehaltener Holzbau mit aussichtsreichen blumenverzierten Veranden in echtem alten Pinzgauer Baustil. Sein großer Speisesaal und seine dreißig Zimmer sind behaglich, die Möbel aus Zirbelholz, wie die ganze sonstige Einrichtung, elegant und praktisch. Verschiedene Nebengebäude gruppieren sich malerisch daneben: ein Touristenhaus für anspruchslosere Gäste, Führerwirtschaft, Badehaus, Post- und Telephongebäude, ebenfalls mit Wohnzimmer und Verkaufsläden, sowie eine schmucke Kapelle.

Unmittelbar neben dieser den Brüdern Gaßner gehörigen stattlichen Anlage braust der mächtige Kesselfall, ein prachtvolles Schaustück des Salzburger Landes. Der terrassierte Platz am Rande der Schlucht vor dem Hotel gewährt einen guten Ueberblick der Scenerie, aber die wunderherrlichen Einzelheiten des tiefen Wasserkessels genießt man erst dann vollkommen, wenn man die sicheren Holztreppen beschreitet, zu den donnernden Wassermassen niedersteigt, dieselben rings umkreist und schließlich durch ein Felsenthor wieder zum Hotel zurückkehrt. Der Kesselfall ist dreimal überbrückt, die hölzernen Treppen und Gerüste, die man zu passieren hat, sind mit Eisentraversen ringsum fest in die Felsen gebaut. (Vgl. Abbildung S. 341.)

In das tiefe Felsenbecken ergießt sich übrigens nicht nur der Kapruner Hauptbach, sondern es vereinigt sich dort mit ihm auch [341] der vom Schmiedingergletscher herabkommende Zeferetbach, und noch zwei weitere Quellbäche schäumen über die Felsen zu ihm herab. Alle diese vereinigten Wassermassen stimmen unten im Kessel ein großartiges Naturkonzert an und sind in einem lauten Wettstreit begriffen, in dem alles in Schaum und Wogen aufgeht.

Die Wasserkräfte des Kaprunerbaches finden Verwendung zur elektrischen Beleuchtung der Wirtschaftsräume sowie des Wasserfalles selbst, der bis spät in die Nacht hinein – die Kraftquelle kostet ja nichts – durch weiße und farbige Bogenlampen tageshell und äußerst wirksam beleuchtet ist. Die Beleuchtungsanlage ist von Siemens & Halske in Wien ausgeführt, die dazu dienende Dynamomaschine etwas abwärts im Thale aufgestellt. Bequeme Parkwege, die abends ebenfalls elektrisch beleuchtet sind, führen vom Wasserfall weit in den Wald hinein.

Das Kaprunerthal bietet für den Naturfreund noch gar viel des Sehenswerten. Im Hintergrunde des Thales, auf dessen letzter Terrasse, dehnt sich der Mooserboden (s. Abbildg. S. 342) aus, von einem Hochgebirgscirkus eingerahmt, der in den östlichen Alpen seinesgleichen sucht. Vom Großen Wiesbachhorn, der Glockerin und den Bärenköpfen im Osten bis zum Hocheiser im Westen steigen blinkende Gletscher rings hernieder; der größte von ihnen, das Karlingerkees, tritt vom Rifflthor in breitem Absturz ganz nahe heran. Dort hinüber geht es für rüstige Fußgänger zur Pasterze und zum Großglockner.

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Kesselfall.       Kessselfallalpenhaus.
 Sigmund Thun-Klamm.


Die breite Kapruner Fahrstraße endigt beim Kesselfallalpenhause. Aber eine schmälere Straße, der Fürst Liechtenstein-Weg, geleitet den Reisenden bis zum Mooserboden, wobei sich ihm schöne Rückblicke über das Thal auf die Schmittenhöhe und das Steinerne Meer bieten. Der Weg ist breit genug angelegt worden, um mit kleinen, von einem Pferde gezogenen Sesselwagen im Schritt befahren werden zu können, und manche Dame benutzt jetzt diese Fahrgelegenheit, um bis zur Höhenburg, einer prächtigen Aussichtswarte am Rande des Mooserbodens, ohne Anstrengung vorzudringen. Der Weg dorthin steigt in wohlangelegten Kehren in zwei Stunden zur Thalstufe des vom gewaltigen Großen Wiesbachhorn (3570 Meter) überragten Wasserfallbodens hinan, auf dem zwei bewirtschaftete Häuser, die Orglerhütte und die Erzherzog Rainerhütte, zur Einkehr einladen, führt nochmals eine gute Stunde zum Mooserboden mit neuem Gasthause bergan und endigt bei der Höhenburg. Vom Alpenverein angelegte, gut gangbare Pfade führen noch weiter hinauf, zum Wiesbachhornhause der Sektion München und zur Rudolfshütte im Stubachthal. Von den zahlreichen Hochgebirgspartien, welche sich vom hinteren Kaprunerthale aus unternehmen lassen, heben wir nur eine hervor:

Wer mit dem Besuche des Kesselfallalpenhauses eine größere Bergtour verbinden will, der wandre vor allem hinauf zum Kitzsteinhorn (3204 Meter), welches von da aus in sechs bis sieben Stunden ohne besondere Schwierigkeit bestiegen werden kann. Ein gut gangbarer Reitweg führt über die Zeferethöhe und den Gaisstein bis zur Schmiedinger Schirmhütte. Dann geht es über den Schmiedinger Gletscher und schließlich allerdings steiler empor, aber Drahtseile erleichtern den Aufstieg zum Gipfel. Vom Zeller See aus präsentiert sich das Kitzsteinhorn als schlanke eisgepanzerte Pyramide, die imposanteste Berggestalt, die der See darbietet. Wer sie von da gesehen, wird sich sofort sagen, daß es auch ein Aussichtspunkt ersten Ranges sein müsse, der die Mühe seiner Besteigung in reichstem Maße lohnt. Ein unvergleichlich prächtiges Bild vom Pinzgau und vom weiteren Salzburger Lande, von den Nördlichen Kalkalpen und Hohen Tauern gewährt in der That das stolze Kitzsteinhorn.

In Verbindung mit dem fünfundzwanzigjährigen Stiftungsfeste der Sektion Zell am See des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins sind die von dieser rührigen Sektion ins Leben gerufenen, schon im Jahre 1895 dem Verkehr übergebenen neuen Schöpfungen am 28. Juni 1896 durch eine imposante Festlichkeit eingeweiht worden, zu der die Spitzen der Behörden des Landes Salzburg und zahlreiche Gäste aus Oesterreich und dem Deutschen Reiche erschienen waren. Bei der Wegscheide, wo die neue „Franz Joseph-Straße“ von der [342] Pinzgauer Landstraße abzweigt, hat die Zeller Sektion zur Erinnerung an den Besuch des Kaprunerthals durch den Kaiser

von Oesterreich
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Wasserfallboden.       Mooserboden.

im Jahre 1893 ein Denkmal mit dem Bronzemedaillon des Kaisers errichtet. Mit der Enthüllung dieses Denkmals begann die Feier, wobei der verdienstvolle Vorstand der Sektion Zell am See allen Gönnern und Förderern des Unternehmens, welches einen Aufwand von nahezu 100000 Gulden erforderte, voran dem Kaiser Franz Joseph in schwungvollen Worten dankte. Ein prachtvolles Stück Alpenland ist dem größeren Publikum erschlossen, dem auch die unlängst eröffnete Pinzgauer Eisenbahn sehr zu statten kommt. Auch nach Zell im Zillerthal wird vom Innthale aus jetzt eine Eisenbahn hergestellt; dann bleibt nur noch die Ueberschienung der Gerloser Platte übrig, um die Lande Tirol und Salzburg in neue direkte Verbindung zu bringen. So wetteifern die östlichen Alpenbewohner unausgesetzt, es ihren westlichen Nachbarn gleichzuthun und Anlagen zu schaffen, welche sich den schönsten und großartigsten in der Schweiz würdig an die Seite stellen.