Das Glück in Utopien

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Titel: Das Glück in Utopien
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aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 825–827
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Über den Roman von Thomas Morus
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Das Glück in Utopien.


So sehr der Name Utopien, der ein Land „Nirgendwo“ bedeutet, zum Allgemeingut der gebildeten Welt geworden ist, so vergessen ist das Buch, das ihn vor dreihundertundfünfzig Jahren in die Literatur einführte: die Utopia des Thomas Morus, des trefflichen Mannes, der als früherer Kanzler Heinrich’s des Achten von England die beiden von ihm geforderten Eide (daß die erste Ehe des Königs mit seiner Gemahlin Katharine nichtig und daß der König rechtmäßiges Oberhaupt der Kirche sei) standhaft verweigerte und dafür im Jahr 1535 das Haupt auf den Block legte. Nicht bloß um ihres Verfassers, auch um ihrer selbst willen verdient die geistreiche und in vieler Beziehung interessante Schrift, daß ihr Andenken wieder aufgefrischt werde.

Der Verfasser erzählt, daß er in Antwerpen durch seinen Freund Petrus Aegidius, dem das Buch gewidmet ist, einen Portugiesen kennen gelernt, welcher den Amerigo Vespicci, nach dem bekanntlich der Erdtheil Amerika seinen Namen empfangen, auf seinen letzten drei Reisen nach der neuen Welt begleitet, zuletzt sich von ihm getrennt habe und nach Utopien gekommen war. In einem fünfjähriger Aufenthalt hatte er den dortigen Staat als den besten überhaupt existirenden kennen gelernt, dessen Verfassung er nun auf Wunsch des Morus und Aegidius ausführlich beschreibt. Ganz ohne Zusammenhang mit der Cultur der alten Welt ist Utopien übrigens nicht; denn nach den dortigen Chroniken war vor etwa eintausendzweihundert Jahren (also ungefähr dreihundert nach Christi Geburt) ein Schiff mit Römern und Aegyptern dorthin verschlagen worden, welche die Utopier mit den Hauptresultaten der antiken Civilisation bekannt gemacht hatten. Der Erzähler glaubt übrigens, daß die Utopier Abkömmlinge der (von ihm hoch verehrten) alten Griechen sind, denn er fand bei ihnen die Werke des Plato, Aristoteles und Galenus. Er machte sie mit den Erfindungen des Bücherdrucks und der Papierfabrikation bekannt, die bei ihnen den größten Anklang fanden und mit solchem Eifer in’s Werk gesetzt wurden, daß sie bereits tausende von gedruckten Büchern besitzen. Die übrigen wichtigen Erfindungen haben sie für sich selbst gemacht.

Der Staat der Utopier ist darum der vollkommenste, weil ihm das Grundübel aller übrigen Staaten abgeht: das Eigenthum und dessen ungleiche Vertheilung, daher die Utopier natürlich auch des Geldes nicht bedürfen. Während in Europa die Menschen vom öffentlichen Wohle zwar reden, aber nur ihre Privatinteressen im Auge haben und durch die Sorge für Erwerbung, Erhaltung und Vermehrung des Eigenthums ganz und gar in Anspruch genommen sind, widmen die Utopier, aller dieser Sorgen überhoben, sich ganz dem Gemeinwohl. Während in den übrigen Staaten die größte Ungerechtigkeit in der Vertheilung der Lebensschicksale herrscht, Adelige und Reiche (bei Morus: Wucherer und Goldschmiede, die damals in London Bankiergeschäfte trieben) müßig schwelgen, Arbeiter, Handwerker und Ackerbauer aber darben, so daß diese Zustände aus einem Complot der Wohlhabenden hervorgegangen zu sein scheinen, herrscht im Gegensatz dazu in Utopien die größte Gleichheit. Die Dauer dieses glücklichen Zustandes ist auch dem Verfasser nicht ohne Abgeschiedenheit von der übrigen Welt denkbar: Utopien hing einst als Halbinsel mit dem Festlande zusammen; der König Utopus aber ließ die verbindende Landenge durchgraben und verwandelte das Land so in eine Insel.

Alle Utopier, Männer und Frauen, treiben den Ackerbau, in dem sie von frühester Jugend an durch Unterricht und praktische Thätigkeit geübt werden. Niemand darf sich davon ausschließen, doch steht es jedem frei daneben ein beliebiges Handwerk zu treiben, als Woll- und Flachsspinnerei, oder das Maurer-, Schmiede-, Schlosser-, Zimmermannshandwerk, andere kommen kaum vor. Die Kleider, die, abgesehen von dem Unterschied in der Tracht der Geschlechter, der Verheiratheten und der Ehelosen, für alle dieselben sind, verfertigen die Familien sich selbst. Die Handwerke erben in den Familien fort, wer jedoch zu dem einer andern Familie Neigung hat, kann sich in diese adoptiren lassen. Indessen arbeiten die Utopier keineswegs wie Lastthiere oder wie Knechte, was leider, wie Morus sagt, das Schicksal der meisten Handwerker in der übrigen Welt ist, sondern nur sechs Stunden am Tage, drei am Vormittag, dann nach einer dreistündigen Ruhe die übrigen; acht Stunden schlafen sie. Die übrige Zeit verwenden die meisten auf wissenschaftliche Ausbildung. Täglich werden vor Sonnenaufgang belehrende Vorlesungen gehalten, die immer eine große Menge von Männern und Frauen besucht, obwohl Niemand dazu gezwungen ist. Eine Stunde, in welcher die Mahlzeit stattfindet, ist stets dem Spiel und der Erholung geweiht, im Sommer in Gärten, im Winter in gemeinsamen Höfen; sie unterhalten sich hauptsächlich durch Gespräche und Musik; Würfel- und Hasardspiele kennen sie nicht, doch haben sie zwei dem Damenbrett ähnliche Spiele. Daß eine so geringe Arbeitszeit zur Production alles Erforderlichen hinreicht, erklärt sich daraus, daß alle arbeite, während in der übrigen Welt ein so großer Theil der Bevölkerungen müßig ist, namentlich die überwiegende Mehrzahl der Frauen, die [826] Priester und Mönche, die Reichen und Adeligen und deren Anhang, endlich so viele Bettler und Taugenichtse, ferner daraus, daß alle unnützen dem Luxus und Vergnügen dienenden Thätigkeiten, die überall eine so große Zahl von Arbeitern in Anspruch nehmen, in Utopien wegfallen. Unter den Arbeitsfähigen sind von der Arbeit dort nur folgende ausgenommen: die (aus der Wahl der Familien hervorgegangenen) Beamten, Syphogranten genannt (der Name, wie alle übrigen in dem Buche vorkommenden, ist nicht aus dem Griechischen, sondern willkürlich gebildet), im Ganzen zweihundert; ferner Diejenigen, die sich nach geheimer Abstimmung der Syphogranten ganz den Wissenschaften widmen dürfen, aber, wenn sie nicht den gesetzten Erwartungen entsprechen, wieder zu Arbeitern degradirt werden.

Jede Gemeinde besteht aus sechstausend Familien, deren keine unter zehn noch über sechszehn erwachsene Personen enthält; überzählige werden in Familien vertheilt, denen die erforderliche Zahl fehlt, ebenso wird die Bevölkerung der Gemeinden gegen einander ausgeglichen. Tritt auf der ganzen Insel Uebervölkerung ein, so werden Colonien auf das benachbarte, noch wenig angebaute Festland ausgeführt und nach utopischen Grundsätzen eingerichtet. Die Häuser in Utopien bleiben Tag und Nacht unverschlossen, und wechseln alle zehn Jahre die Besitzer.

In der Mitte jeder Stadt ist ein Markt von Magazinen umgeben, in welche die Producte aller Familien abgeliefert werden. Dort finden sich die Familienväter ein, um den Bedarf für sich und die Ihrigen zu verlangen, der ihnen unweigerlich und unentgeltlich verabreicht wird, da er ja durch gemeinsame Arbeit erzeugt ist. Zuerst wird aber für die Kranken gesorgt, für welche jede Stadt vor den Thoren vier große, sehr geräumig eingerichtete Hospitäler hat. Nachdem die Intendanten der Hofspitalküchen die Speisen gemäß ärztlicher Vorschrift erhalten haben, findet die Vertheilung der Lebensmittel für die Mahlzeiten der Uebrigen statt, die immer von je dreißig Familien gemeinsam in einem besondern Hof eingenommen werden; zwar ist es Niemandem verboten zu Hause zu essen, aber die Wenigsten schließen sich freiwillig von den allgemeinen Mahlen aus, die durch Gespräche und Musik gewürzt werden. Natürlich ist die Nahrung Aller dieselbe und nicht einmal die Möglichkeit vorhanden sich andere zu verschaffen, da es keine Bier-, Wein- oder sonstige Gasthäuser giebt.

Wenn ein so großer Vorrath von Producten aufgehäuft ist, daß von allem Erforderlichen mehr als der Bedarf für zwei Jahre vorhanden ist, wird der Ueberschuß an Korn, Honig, Holz, Wolle, Flachs, Scharlach, Muscheln, Fellen, Wachs, Talg, Leder und lebenden Thieren in’s Ausland ausgeführt. Theils werden dafür andere Waaren eingetauscht, theils auch Gold und Silber, dessen die Utopier zwar nicht für sich, aber zur Bezahlung von Söldnern bedürfen. Den Krieg verabscheuen sie nämlich als etwas ganz Thierisches. Nichtsdestoweniger üben sich nicht blos Männer, sondern auch Frauen fortwährend in den Waffen; sie führen jedoch den Krieg nur zur Vertheidigung ihres eigenen oder befreundeter Länder, oder um ein befreundetes Volk vom Druck einer Tyrannenherrschaft zu befreien. Sie sind aber am stolzesten auf Siege, die sie durch List gewonnen haben, und halten jedes Mittel zur Bezwingung der Feinde für rühmlicher, als blutige Schlachten. Beim Beginn eines Krieges streuen sie Bekanntmachungen unter die Feinde aus, worin sie Dem, der den Fürsten derselben tödten werde, große Belohnungen versprechen, und geringere den Mördern seiner Rathgeber; werden ihnen die betreffenden Personen lebend überliefert, so bewilligen sie den doppelten Lohn; auch suchen sie die feindlichen Führer durch lockende Versprechungen zum Verrath und Abfall von den Ihren zu bewegen, und erreichen häufig ihren Zweck. Diese Erkaufung ihrer Feinde rechnen sie sich zum höchstem Ruhm. Gelingt sie nicht, so suchen sie Zwietracht und Parteiung im feindlichen Lager zu erregen, unterstützen Prätendenten gegen den feindlichen Landesfürsten, oder suchen dessen Nachbarn zum Kriege gegen ihn zu bewegen. Ihre eigenen Soldaten sind, wie gesagt, hauptsächlich Söldner aus dem benachbarten wilden und barbarischen Volk der Zapoleten. Diese setzen sie unbedenklich den größten Gefahren aus, und halten es für einen doppelten Vortheil, wenn eine große Anzahl von ihnen umkommt, weil sie dann weniger Sold und Belohnungen zu zahlen haben, und überdies die Erde von diesem unnützen und bösartigen Gesindel gereinigt wird. In das zweite Treffen stellen sie die Truppen des Volks, für welches sie kämpfen, in das dritte Hülfsvölker und Verbündete, und erst in das hinterste ihre eigenen Bürger. Von diesen ist übrigens Niemand zum Kriegsdienst gezwungen, wer ficht, thut es freiwillig; dagegen ist auch den Frauen erlaubt, ihre Männer in den Kampf zu begleiten, und dies wird sogar gern gesehen und gelobt.

Außer zur Bezahlung der verachteten Landsknechte dient das Gold und Silber bei den Utopiern nur zu Zwecken, die Beides so sehr als möglich herabzuwürdigen geeignet sind. Trink- und Eßgeschirre sind aus Thon und Glas, Behälter für Abfälle, Schmutz etc. aus den edeln Metallen, desgleichen Sclavenketten, und Verbrecher werden durch Ausstellung mit goldenen Ohrringen, Fingerringen, Halsketten und Krampen der öffentlichen Schande preisgegeben.

Sclaverei und Knechtschaft kommt bei den Utopien, wo die vollkommenste Gleichheit der Rechte herrscht, nur ganz ausnahmsweise vor. Die Sclaverei ist die Hauptstrafe für schwere Verbrechen. Die Delinquenten sollen zugleich durch ihr Beispiel abschrecken und durch ihre Arbeit so viel als möglich dem Staate nützen, im Falle der Besserung und Reue können sie freigelassen werden.

Zur Eheschließung ist bei Mädchen ein Alter von achtzehn, bei Männern von zweiundzwanzig Jahren erforderlich. Die Scheidung ist selten und bringt in der Regel dem einen Theil Schande.

Religionen giebt es in Utopien sehr viele, als Mond- und Sonnenanbetung, Sternendienst, Heroencultus; doch die Mehrzahl der Gebildeten huldigt einem geläuterten Deismus, d. h. sie verehrt einen einzigen unsichtbaren Gott als Schöpfer und Allvater. Das Christenthum, mit dem sie der Erzähler bekannt machte, fand bei ihnen Eingang hauptsächlich wegen der von Christus gelehrten Grundsätze der Brüderlichkeit und des Communismus, und Viele ließen sich taufen. Als aber einer von den Begleitern des Erzählers in seinem Eifer für die Verbreitung des Christenthums alle übrigen Religionen verdammte und ihre Anhänger für Gottlose erklärte, die ewig in der Hölle brennen würden, wurde er verhaftet und, nicht wegen Religionsschmähung, sondern wegen Störung der öffentlichen Ruhe verbannt. Denn zu den schon von König Utopus eingeführten Grundgesetzen des Landes gehört, daß „Jeder nach seiner Façon fertig werden könne“, sich aber bei etwaigen Bekehrungsversuchen aller Gewalt und alles Schmähens Andersgläubiger zu enthalten habe. In Bezug auf den Unsterblichkeitsglauben sind die Utopier jedoch nicht so tolerant. Wer nicht an Vergeltung im Jenseits und an persönliche Unsterblichkeit glaubt, darf kein öffentliches Amt bekleiden und steht in allgemeiner Verachtung; bestraft wird er nicht, darf aber auch seine Grundsätze, wenigstens vor Ungebildeten, die dadurch verführt werden könnten, nicht aussprechen. Der Selbstmord gilt ihnen als erlaubt und wird selbst empfohlen, falls ein genügender Grund dazu vorhanden ist, wie eine unheilbare und qualvolle Krankheit; wer sich ohne einen solchen Grund das Leben nimmt, dessen Leiche wird nicht bestattet, sondern auf schimpfliche Weise in einen Sumpf gestürzt.

An Vorzeichen und Weissagungen glaubet die Utopier nicht, wohl aber an Wunder, als Zeugnisse der göttlichen Allmacht, die nach ihrer Aussage oft auf allgemeines Gebet erfolgt sind und wichtige Entscheidungen in zweifelhaften Fällen herbeigeführt haben. Für den beste Gottesdienst halten sie die Betrachtung der Natur und den Preis ihrer Schönheit. Viele unter ihnen, suchen sich jedoch die Seligkeit in jener Welt zu verdienen, indem sie ihr ganzes Leben der Vollbringung guter Werke widmen. Sie pflegen Kranke, stellen Wege, Brücken und Gräben wieder her, führen Holz und Getreide in die Städte und erweisen sich auf jede Weise dem Staate oder Einzelnen dienstbar. Diese Diener Gottes zerfallen in zwei Classen, von denen die eine ehelos lebt und sich des Fleischgenusses enthält, die andere in der Lebensweise von den Uebrigen sich nicht unterscheidet. Diese Letzteren gelten den Utopiern für die Klügeren, die Ersteren für die Heiligeren. Priester giebt es dort nur sehr wenige. Die Tempel sind groß, aber im Innern halb dunkel, weil die Helligkeit nach ihrer Meinung der Andacht nicht zuträglich ist. Der Gottesdienst wird stets von Musik begleitet, in welcher sie, wie Morus sagt, mehr als in allem Andern den Europäern voraus sind; denn ihre Melodieen, mögen sie auf der Orgel gespielt oder von Chören vorgetragen werden, drücken immer auf das Vollkommenste die Empfindungen aus, die der Text ausspricht, und versetzen die Hörer in die entsprechende Stimmung.

[827] Die Philosophie der Utopier ist eine Glückseligkeitslehre, die hart an Epikur’s Wonnedienst grenzt. Ihnen ist das Glück das zu erstrebende Ziel des Menschendaseins, und der sicherste Weg es zu erreichen ist ein Leben gemäß der Natur. Sowie sie alle falschen Freuden verachten, worunter Morus den Putz, den Stolz auf Adel und hohen Stand und die Jagd anführt, welche dort nur von Sclaven geübt wird, sowie auch das Fleischerhandwerk: so halten sie alle unschuldigen und unschädlichen Genüsse des Geistes und der Sinne nicht nur für erlaubt, sondern auch für erstrebenswerth. Ein bußfertiges Leben erscheint ihnen verwerflich; sich „um eines eiteln Schattens der Tugend willen“ zu peinigen, ohne irgend Jemandem dadurch wohlzuthun, das gilt bei ihnen „als Raserei, als Grausamkeit des Geistes gegen sich selbst und als Undankbarkeit gegen die Natur, deren Gaben man entsagt, als ob man verschmähe ihr Schuldner zu werden.“

So weit der Inhalt dieses merkwürdigen Buches, dem man schwerlich anzusehen vermöchte, daß es im Anfange des sechszehnten Jahrhunderts geschrieben ist; allenfalls nur durch seinen Wunderglauben verräth sich der Verfasser als ein Mann seiner Zeit, doch sind von diesem ja die hellsten Köpfe auch neuerer Zeiten keineswegs immer frei gewesen. Sonst erscheint die großartige Freiheit und Kühnheit seiner Weltanschauung nirgend durch nationale, gesellschaftliche oder dem Geist seiner Zeit eigenthümliche Vorurtheile eingeengt, vielmehr stoßen wir überall auf Grundsätze und Ansichten, die wir als charakteristisch für spätere Jahrhunderte anzusehen gewohnt sind. Morus ist ein Vorläufer der Socialisten und Communisten des neunzehnten Jahrhunderts, ohne aber den bei ihnen so häufigen rohen Haß gegen höhere Cultur, gegen Kunst und Wissenschaft zu theilen; und er überbietet, wenn möglich, noch die Manchesterschule an Friedensliebe und Verachtung des Kriegshandwerks. Er überrascht uns nicht weniger durch seine religiösen Ansichten. Sein allem specifisch kirchlichen Wesen (und offenbar nicht blos dem Mönchthum, sondern auch der Geistlichkeit überhaupt) abholder Rationalismus, seine Empfehlung einer unbedingten Toleranz, seine Verdammung nicht blos des Fanatismus, sondern selbst des geistlichen Bekehrungseifers – alles dies ist eben so sehr im Geiste des achtzehnten Jahrhunderts, als es dem sechszehnen fremd erscheint.

Wenn auch die Utopia im Wesentlichen die freie Schöpfung eines originellen Denkers ist, so hat doch Morus sichtbar die Anregung dazu von Plato empfangen; auch das platonische Staatsideal beruht auf der Aufhebung aller Privatinteressen durch Aufhebung des Privateigenthums, daher auch Plato den Gebrauch des Goldes und Silbers aus seinem Staat ausschließt und gemeinsame Mahle und Behausungen vorschreibt. Ebenso schwebte bei der Verlegung seines Idealstaates auf eine fabelhafte Insel im fernen Westmeer Morus eine Platonische Phantasie vor Augen. Plato spricht zwei Mal von einer ungeheuern Insel im atlantischen Ocean, Atlantis, die größer war als Asien und Afrika zusammen, aber, als ihre Bewohner in Lastern entarteten, an einem Tage und in einer Nacht durch Erdbeben und Ueberschwemmungen vernichtet, im Meer versank. Auch diese Atlantis war eine reine Phantasie. Ihre Bevölkerung stammte von dem Meergotte Poseidon, das Land war eine Art Paradies, in dem alle nützlichen Pflanzen und Thiere in unermeßlicher Fülle vorhanden waren, unter den letzteren nennt Plato ausdrücklich Elephanten. Tempel und Paläste prangten in Feenpracht. Lange Zeit lebte das dortige Volk seinen Gesetzen gehorsam, als es aber in Ueppigkeit und Schwelgerei fiel, brach jene Katastrophe herein.

Von neueren communistischen Schriften ist Cabet’s „Reise nach Ikarien“ (zuerst 1840 erschienen) dem Werke des Thomas Morus am nächsten verwandt. Auch hier kündigt sich schon durch den Namen ein Utopien an; auch in diesem Idealstaat giebt es kein Eigenthum und kein Geld, keine Standesunterschiede; alle, selbst Fragen der Religion werden durch allgemeines Stimmrecht entschieden. Auch hier sind Ehe und Familie heilig, nur daß die Frauen in den gemeinschaftlichen Werkstätten arbeiten. Die Strafen bestehen in dem allgemeinen Bedauern des Verbrechers etc. Und für die Verwirklichung dieses Ideals setzte Cabet seine ganze Thätigkeit ein. Thomas Morus übertrifft ihn und andere Apostel des Communismus nicht blos an Originalität, sondern auch an Klarheit: er wußte sehr wohl, daß Utopien nicht in der wirklichen Welt liegen könne.