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Textdaten
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Autor: Wilhelm Busch
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Titel: Das Fräulein in der Muldenscherbe
Untertitel:
aus: Ut ôler Welt. Volksmärchen, Sagen, Volkslieder und Reime. S. 124–125
Herausgeber: Otto Nöldeke
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1910
Verlag: Lothar Joachim
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Erscheinungsort: München
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Originalherkunft:
Quelle: ULB Düsseldorf und Commons
Kurzbeschreibung:
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[124]
25.

Zwischen Petershagen und Windheim (an der Weser) hat sich vor dieser Zeit eine sonderbare Geschichte zugetragen: Es lag an einem schönen Sommerabend ein Schäfer mit seiner Heerde, der Weser nahe, auf einem grünen Anger. Da nun die Sterne und der Mond heraufgegangen waren, saß der Schäfer noch spät auf und hörte zu, wie der Strom mit leisem Klange durch die Weiden ging. Ob nun wohl zu jener Stunde die Luft ganz ruhig war, so trieb doch etwas in der Richtung, wie der Lauf des Wassers war, gleich einer Feder in Windeseile daher, ließ den bleichen Nebeldunst der Luft bald hinter sich und erschien als ein schöngeziertes Fräulein, das stand und fuhr in einer Muldenscherbe, kam bald an das Ufer, stieg aus und ging dem Dorfe zu, bis es nicht mehr zu sehen war. Da nahte sich der Schäfer der Stelle, wo das Fräulein ans Land gegangen war, fand und nahm die Muldenscherbe und barg sie in den Uferweiden.

[125] Als nun nach einer Weile das Fräulein wieder kam und sein Schifflein nicht fand, hob es eine große Klage an und rief:

»Radderadderatt, min mollenschaart![1]
Eck mot noch vandâge in engelland brût stân,
Un bin noch hier!«

und rang die Hände und lief und suchte das Ufer entlang. Da bewegte den Schäfer dies Klagen und Jammern, daß er ihm die Muldenscherbe wieder gab. Das Fräulein trat hinein, dankte dem Schäfer und sagte: »Morgen um diese Zeit komme wieder zu dieser Stelle, so wirst du zwei Stücke weißen Leinens finden, die nimm zum Lohn!« Nach dieser Rede fing das Spähnlein wieder an zu gleiten immer den Strom hinab, in großer Eile, daß es bald verschwand.

Als der Schäfer am andern Abend zu der Stelle kam, hatte das Fräulein sein Wort gehalten; es lagen zwei Stück Leinen an der Stelle, die waren weiß gebleicht und über die Maßen fein gesponnen und gewebt.

Andere erzählen, der Schäfer sei erst nach einem Jahr wieder zu der Stelle gegangen; da hing das Leinen allerdings in den Weiden, war aber schon ganz verrottet und nicht mehr zu gebrauchen.

Die Jungfrau fuhr nach England. Woher sie kam? das weiß man nicht zu sagen. Was sie im Dorfe gewollt? ist nicht bekannt; doch wird von einigen gesagt: es sei eine Mahr gewesen.


  1. Sonst fand ich das Wort schaart nur noch in Wiäserschaart, Weserscharte = Porta Westphalica. – Daß man den Unholdinnen nur neckische Transportmittel gelassen hat, scheint natürlich zu sein. Die Holden von ehedem, mit allem was drum und dran war, sind eben unter dem Drucke des neuen Glaubens verkümmert und schäbig geworden. Einst hatten sie stolzen Rosse, oder Adler- und Schwanenhemden zu ihrer Verfügung, jetzt müssen sie sich begnügen mit Schweinen, Kälbern, Besen, Ofengabeln, zerbrochenen Sieben und Mulden. W. B.