Dante begegnet Mathilde

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Titel: Dante begegnet Mathilde
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aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 483
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1892
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[483] Dante begegnet Mathilde. (Hu unserer Kunstbeilage.) Der Dichter der „göttlichen Köniödie“ schildert uns in seinen Gesängen, wie er die Hölle durchwandert und die Qualeu der Verdammten schaut, mit denen seine Phantasie den Ort des Granens bevölkert hat. Sein Begleiter und Mentor anf diesem Gange ist Virgil, der römische Dichter. Dantes Weg führt von der Holle znm Orte der Läuterung, znm Fegefeuer, und erhebt sich dann zum Lohne für die rückwärtsliegeude bußfertige Wanderung in schöne Gefilde, wo der Pfad nicht mehr steil nud schwierig ist. Noch immer ist er von Virgil begleite!, so auch bei der Begegimng mit Mathilde, die ihm liier erscheint. Diese Begegimng schildert Dante im achtund zwanzigsten Gesang des „Fegeseners“, wenn er auch den Nanien Mathilde erst im dreinnddreißigsten nennt. Durch den vom sansten Morgenscheiu erhellten Wald, in dem die Vöglein singen, der in scharfem Gegensatz steht zu dem todbringenden Walde der Sünde beim Beginn der Hölle, schreitet Tante einher und sieht

„Ein einsam wandelnd Weib, das wunderbar
Im Gehen saug, aiissammelnd Blüth’ an Blüthe,
Womit vor ihr gemalt der Boden war.“

Dante wünscht, daß sie ihm näher komme, damit er ihren Gesang verstehe:

„Und wie im Tanz ein Mügdlein kamn empor
Die Sohlen hebl, mit engen Schritten gleitend,
und einen Fnß kaum setzt dein andern vor,
So sah ich sie durch buute Blumen schreitend,
Jnngsränlich bodenwärts den Blick gewandt, Und Ehrbarkeit und Würde sie begleitend.“

Bald erhebt sie der Wimpern schöne Bogen, pflückt Blumen von der Wiese Saum und verkündet dem Dichter, daß er hier sich in dem Gebiet besiude, das nn der Menschheit Morgen Gott der Herr als ihre Wiege anserwählt. Und nnn übernimmt sie die Führung Dantes und bringt ihn zu Beatme, die ihu dann weiter durch das himmlische Para dies geleitet. – Daß Dante in dieser Beatrice seine Jngendgeliebte verherrlicht, ist ja allgemein anerkannt wer aber ist Mathilde? Einige Erklärer meinen, der Dichter habe jene mächtige Markgräsin von Toscana, die Freundin Gregors VII., im Auge gehabt; andere glauben, daß eine srühverstorbene Geliebte das Urbild dieser Gestalt gewesen sei. Jedenfalls ist sie eine der reizvollsten Gestalten in der großen Dichtung, sie, die bluinensreund liche Hüterin jenes Paradieses, das weder Stürme noch Nebel keuni, das ohne Sonne Pflanzen, Wasser und Quellen ohne Regen erzeugt, dessen Baume ein ewiger Ostwind flüstern macht, der vou der Bewegniig der Gestirne herrührt. -s