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Textdaten
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Autor: Brüder Grimm
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Titel: Carls Heimkehr aus Ungerland
Untertitel:
aus: Deutsche Sagen, Band 2, S. 105-110
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Nicolai
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Erscheinungsort: Berlin
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Originaltitel:
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Quelle: Commons,Google
Kurzbeschreibung:
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Eintrag in der GND: [1]
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Deutsche Sagen (Grimm) V2 125.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
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[105]
439.
Carls Heimkehr aus Ungerland.
Reimchronick im Cod. pal. 336. fol. 259 - 267.


König Carl, als er nach Ungarn und Wallachei fahren wollte, die Heiden zu bekehren, gelobte er seiner Frauen, in zehn Jahren heimzukehren; wäre er nach Verlauf derselben ausgeblieben, so solle sie seinen Tod für gewiß halten. Würde er ihr aber durch einen Boten sein golden Fingerlein zusenden, dann möge sie auf alles vertrauen, was er ihr durch denselben [106] entbieten lasse. Nun geschah es, daß der König schon über neun Jahre ausgewesen war; da hob sich zu Aachen an dem Rhein Raub und Brand über alle Länder. Da gingen die Herren zu der Königin und baten, daß sie sich einen andern Gemahl auswählte, der das Reich behüten könnte. Die Frau antwortete: „wie möcht ich so wider König Karl sündigen, und meine Treue brechen! so hat er mir auch das Wahrzeichen nicht gesandt, das er mir kund thät, als er von hinnen schied.“ Die Herren aber redeten, ihr so lange zu, weil das Land in dem Krieg zu Grund gehen müsse, daß sie ihrem Willen endlich zu folgen versprach. Darauf wurde eine große Hochzeit angestellt, und sie sollte über den dritten Tag mit einem reichen König vermählt werden.

Gott der Herr aber, welcher dies hindern wollte, sandte einen Engel als Boten nach Ungerland, wo der König lag, und schon manchen Tag gelegen hatte. Als König Carl die Kundschaft vernommen, sprach er: „wie soll ich in dreien Tagen heimkehren, einen Weg, der hundert Raste lang ist, und funfzehn Raste dazu, bis ich in mein Land komme?“ Der Engel versetzte: „weißt du nicht, Gott kann thun was er will, denn er hat viel Gewalt. Geh’ zu deinem Schreiber, der hat ein gutes, starkes Pferd, das du ihm abgewinnen mußt; das soll dich in einem Tage tragen über Moos und Haide, bis in die Stadt zu Rab, das sey deine erste Tagweide. Den andern Morgen sollt du früh ausreiten, die Donau hinauf bis gen Passau;

[107] das sey deine andere Tagweide. Zu Passau sollt du dein Pferd lassen; der Wirth, bei dem du einkehrest, hat ein schön Füllen; das kauf ihm ab, es wird dich den dritten Tag bis in dein Land tragen.".

Der Kaiser that, wie ihm geboten war, handelte dem Schreiber das Pferd ab, und ritt in einem Tag aus der Bulgarei bis nach Rab; ruhte über Nacht, und kam den zweiten Tag bei Sonnenschein nach Passau, wo ihm der Wirth gutes Gemach schuf. Abends, als die Viehheerde einging, sah er das Füllen, griffs bei der Mähne und sprach: „Herr Wirth, gebt mir das Roß, ich will es morgen über Feld reiten.“ Nein! sagte dieser; das Füllen ist noch zu jung, ihr seyd ihm zu schwer, als daß es euch tragen könnte.“ Der König bat ihn von neuem; der Wirth sagte: „ja, wenn es gezäumt, oder geritten wäre.“ Der König bat ihn zum dritten Mal, und da der Wirth sah, daß es Karl so lieb wäre, so wollte er das Roß ablassen; und der König verkaufte ihm dagegen sein Pferd, das er die zwei Tage geritten hatte, und von dem es ein Wunder war, daß es ihm nicht erlag.

Also machte sich der König des dritten Tages auf, und ritt schnell und unaufhaltsam bis gen Aachen vor das Burgthor, da kehrte er bei einem Wirth ein. Überall in der ganzen Stadt hörte er großen Schall von Singen und Tanzen. Da fragte er, was das wäre? Der Wirth sprach: „eine große Hochzeit soll heute ergehen, denn meine Frau wird einem reichen König anvermählt; da wird große Kost gemacht, und

[108] Jungen und Alten, Armen und Reichen Brod und Wein gereicht, und ungemessen Futter vor die Rosse getragen.“ Der König sprach: „hier will ich mein Gemach haben, und mich wenig um die Speise bekümmern, die sie in der Stadt austheilen; kauft mir für mein Guldenpfennige was ich bedarf, schafft mir viel und genug. Als der Wirth das Gold sah, sagte er bei sich selbst. „Das ist ein rechter Edelmann deßgleichen meine Augen nie erblickten!“ Nachdem die Speise köstlich und reichlich zugerichtet, und Carl zu Tisch gesessen war, forderte er einen Wächter vom Wirth, der sein des Nachts über pflege, und legte sich zu Bette. In dem Bette aber liegend, rief er den Wächter, und mahnte ihn theuer: „wann man den Singos im Dom läuten wird, sollst du mich wecken, daß ich das Läuten höre; dies gülden Fingerlein will ich dir zu Miethe geben.“ Als nun der Wächter die Glocke vernahm, trat er ans Bette vor den schlafenden König: „Wohlan, Herr, gebt mir meine Miethe, eben läuten sie den Singos im Dom.“ Schnell stand er auf, legte ein reiches Gewand an, und bat den Wirth, ihn zu geleiten. Dann nahm er ihn bei der Hand, und ging mit ihm vor das Burgthor, aber es lagen starke Riegel davor. „Herr, sprach der Wirth, ihr müßt unten durchschliefen, aber dann wird euer Gewand kothig werden. „Daraus mach ich mir wenig, und würde es ganz zerrissen.“ Nun schlossen sie dem Thor hinein; der König voll weisen Sinnes, hieß den Wirth um den Dom gehen,

[109] während er selber in den Dom ging. Nun war das Recht in Franken, „wer auf den Stuhl im Dom: saß, der mußte König seyn;“ das däuchte ihm gut, er setzte sich auf den Stuhl, zog sein Schwert, und legte es baar über seine Knie. Da trat der Meßner in den Dom, und wollte die Bücher vortragen; als er aber den König sitzen sah mit baarem Schwert und stillschweigend, begann er zu zagen, und verkündete eilends dem Priester: „Da ich zum Altar ging, sah ich einen greisen Mann mit bloßem Schwert über die Knie auf dem gesegneten Stuhl sitzen.“ Die Domherren wollten dem Meßner nicht glauben; einer von ihnen griff ein Licht, und ging unverzagt zu dem Stuhle. Als er die Wahrheit sah, wie der greise Mann auf dem Stuhle saß, warf er das Licht aus der Hand, und floh erschrocken zum Bischof. Der Bischof ließ sich zwei Kerzen von Knechten tragen, die mußten ihm zu dem Dom leuchten; da sah er den Mann auf dem Stuhle sitzen, und sprach furchtsam: „ihr sollt mir sagen, was Mannes ihr seyd, geheuer oder ungeheuer, und wer euch ein Leids gethan, daß ihr an dieser Stätte sitzet?“ Da hob der König an: „ich war euch wohl bekannt, als ich König Carl hieß, an Gewalt war keiner über mich!“ Mit diesen Worten trat er dem Bischof näher, daß er ihn recht ansehen könnte. Da rief der Bischof: „will kommen, liebster Herr! eurer Kunst will ich froh seyn,“ umfing ihn mit seinen Armen, und leitete ihn in sein reiches Haus. Da wurden alle Glocken geläutet, und

[110] die Hochzeitgäste frugen, was der Schall bedeute? Als sie aber hörten, daß König Karl zurückgekehrt wäre, stoben sie aus einander, und jeder suchte sein Heil in der Flucht. Doch der Bischof bat, daß ihnen der König Friede gäbe, und der Königin wieder hold würde, es sey ohne ihre Schuld geschehn. Den gewährte Karl der Bitte, und gab der Königin seine Huld.