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Burg und Geschlecht – gleich alt und echt

Textdaten
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Titel: Burg und Geschlecht – gleich alt und echt
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aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 88
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[85] 
Die Gartenlaube (1873) b 085.jpg

Burg Eltz.
Nach der Natur aufgenommen von R. Cronau.

[88] Burg und Geschlecht – gleich alt und echt. Aus einer Reiseerinnerung. (Mit Abbildung S. 85.) „Mann, Dir kann geholfen werden!“ sagte ich nach einer abgethanen Rheinreise in Coblenz zu meinem dicken Freunde, dem das mit stillem Vergnügen gepflegte fränkische Landrichter-Bierbäuchlein endlich doch den Athem schwer machte. „Mit Deiner Reiserei ist’s nichts. Vom Waggon in den Fiacre, vom Fiacre in’s Dampfschiff, dort gleich wieder auf einen Stuhl, keinen vernünftigen Schritt gegangen und doch keine Mahlzeit versäumt – was soll denn aus Dir werden? Morgen in aller Frühe besteigen wir das Dampfschiff nach Trier, nicht wegen des heiligen Rocks, sondern wegen der Moselfahrt, die soll einen schlanken Menschen aus Dir machen.“

„Wie so?“ fragte mein Landrichter. „Mit dem Dampfschiff – das heißt doch wieder fahren? Zehrt denn etwa die Luft der Mosel so?“

„Nein, Liebster, sondern das Wegabschneiden thut’s. Der gerade Weg nach Trier würde nur fünfzehn Meilen betragen, aber der Mosel gefällt’s so wohl in dem reizenden Lande, daß sie sich bald links, bald rechts abkrümmt und fast fünfzig Stunden auf der Strecke zubringt. Da steigt man denn an mancher Krümmung aus, klettert auf den Berg und kommt auf der andern Seite unten alleweil zeitig genug an, um das Dampfschiff wieder zu erlangen mit dem stolzen Bewußtsein, ein Stück Weg abgeschnitten zu haben. Merkst Du nun was?“

Ein bedenkliches Kopfschütteln war die Antwort. Ich mußte stärker locken. „Für Dich Actenmann winkt besonders ein Ausflug mit einer Kunde von einem Riesenprocesse, die Dich für’s ganze Leben freuen wird. Wir brauchen dazu nur bis Moselkern, kaum zwei bis drei Meilen weit, zu fahren, und bis dahin ist noch nichts abzuschneiden.“

Das half durch die Doppelwirkung der Beruhigung und der erregten Neugierde. Der andere Morgen fand uns auf der Fahrt.

In Moselkern verließen wir das Boot, denn mein Sinn stand nach der Burg Eltz, von welcher auch Meyer’s Reisehandbuch („Westdeutschland“) ein verlockendes Bildchen giebt. Mein Reisegenosse stutzte zwar, als er von anderthalb Stunden Wegs dahin hörte, und hatte schon wieder Lust zu fahren; aber der Wirth, bei dem wir uns stärken, war so ehrlich, zu versichern, daß fast alle Reisende zu Fuß dahin gingen, weil der Fahrweg gar zu schlecht und der Fußweg angenehm sei.

Und so war’s, und so ging’s; wir wandelten am rechten Ufer der rauschenden Eltz in dem engen Thalgrunde dahin, oft erfreut von romantischen Fels- und Waldpartien, und kamen endlich, Beide wohlgemach, an’s Ziel. Da stand er vor uns, der wunderliche Bau auf seiner Felsenkuppe, den die Eltz auf drei Seiten wie ein Wallgraben umfließt. Nur die vierte Seite hängt mit dem Bergzuge zusammen und machte einen künstlichen Wallgraben nöthig, den jetzt eine feste Brücke überspannt. Ein frisch grüner Wald- und Wiesberghintergrund hob das Bild des grauen kühnen Mauerwerks mit seinen spitzen Thürmen, Dächern und den zierlichen Giebeln und Erkern. Das Gesammtbild ist so reich an Formen und Farben der Landschaft und Architektur, daß man sich ungern davon trennt und gern dahin zurückkehrt.

Ein Knabe, der aus dem Thore kam und uns seinen traulichen Gruß bot, zeigte auch gleich seine Heimathkunde, indem er auf einen Nachbarberg aufmerksam machte, auf welchem die Ruinen einer feindlichen Burg noch ständen, die Trutz-Eltz oder Balden-Eltz, oder gleich allzusammen Balden-Trutz-Eltz geheißen. Was das für ein gefährlich Nest gewesen, würden wir schon drinnen im Schloßhof sehen und erfahren.

Also vorwärts! Links begrenzen den innern Burgraum vor dem Schloß Stein- und Balkenhäuser, wahrscheinlich einst Wohnungen der Burgleute; rechts erheben sich die Schloßgebäude zu einer Höhe, die an die jetzigen Miethhäuser großer Städte gemahnt, – bei beiden bewirkt durch dieselbe Ursache. Hier zwang der enge Raum der Felskoppe dazu, und dort ist’s der theure Grund und Boden, der das Aufstreben in die freie Luft zur Nothwendigkeit macht. Am Baustil der einzelnen (vier oder fünf) Burgtheile, die den Hof umschließen, erkennt man, daß verschiedene Jahrhunderte am Ganzen gearbeitet, daß aber auch das Aelteste wie das Jüngste noch wohl erhalten sei. Dieser Umstand giebt der Burg besonderes Interesse, denn so reich wir an Burgruinen und restaurirten Bergschlössern sind, so gering ist die Zahl der noch vollständig erhaltenen Zeugen aus ältester deutscher Vorzeit. Ebenso bemerkenswerth ist es, daß auch das Geschlecht der Eltze sich vom Anfang seiner Geschichte bis heute erhalten hat. Die Habsburg steht auch noch, aber die Habsburger sind längst dahin; und wie stattlich die Hohenzollernburg noch heut auf ihrem Felsberg thront, ihr Geschlecht ist ja den Rittern von der Krautmark viel zu jung, denn „wir sind älter hier im Lande“.

Durch einen sehr hoch gewölbten Thorgang gelangt man zu einer schmalen Pforte, die in den Burghof führt. Unser Blick fiel auf wohlgeschichtete Haufen mächtiger Steinkugeln. Sollten diese mit dem „gefährlichen Nest“ des Knaben zusammenhängen? Wir blieben nicht lange im Ungewissen. Der Verwalter und zugleich Herumführer im Schlosse war rasch zur Stelle, und er führte uns ohne Umstände mitten hinein in die Geschichte der Burg. „Das war Anno 1331, da erhob der hochwürdige Herr Erzbischof Balduin von Trier eine Fehde gegen die Herren, Ritter und Grafen von Eltz, Ehrenburg, Schöneck und Waldeck, und um den Eltzern den Weg gen Münstermayfeld zu verlegen, von wannen sie ihre Leibesnahrung holten, erbaute er die Veste Trutz-Eltz und ließ von da diese Steinkugeln gegen Eltz schleudern. Die Burgmannen wehrten sich bis zum 10. Januar 1335, da bezwang der Hunger die Burg. Aber so hoch hielt Herr Balduin diese Tapferkeit, daß er den Ritter auf Eltz zum Burgvogt über Trutz-Eltz setzte. Daran gemahnen hier die Kugeln und drüben die Burgtrümmer.“

„Hängt denn das etwa mit dem verheißenen Riesenproceß zusammen?“ fragte der Landrichter. Schon setzte der Verwalter zu einer Rede darüber an, als ich dazwischen fuhr:

„Verehrteste, das sparen wir zum Schluß auf. Jetzt in’s Innere der alten Herrlichkeit.“

Besonderes bietet allerdings das Schloß, außer der erhaltenen alten Einrichtung selbst, nicht dar. Wir finden hier eine Rüstkammer, wie auf vielen anderen Burgen. Da dieselbe aber die Schutz- und Trutzwaffen des Mittelalters ziemlich vollständig und in vielen gut erhaltenen Stücken enthält, so freut man sich ihrer doch. Es sind weitläufige Räume und Gänge treppab, treppauf; man sieht, wie Nothwendigkeit und Zweckmäßigkeit allein hier ein Fenster, dort einen Vorbau und Wendeltreppenthüren und Erker oder Söller entstehen ließen, denn die Alten bauten von innen heraus, während heutzutage oft genug schöne Bilder von außen gebaut werden, nach welchen die innere Einrichtung sich richten muß.

Unser letzter Gang brachte uns in die Schloßcapelle, deren Glasmalereien unsere Beachtung verdienen. Wir ließen es uns gefallen, daß der Verwalter von den Vorfahren seiner jetzigen Herrschaft und dem Ansehen und Ruhme des Geschlechts mit warmen Worten sprach. Nicht blos viele Amtleute, Pröbste, Domherren und Hofmeister der umliegenden Städte und Stifte gingen aus ihm hervor, sondern auch zwei Erzbischöfe von Trier und von Mainz, der eine Jacob, der andere Philipp Karl, und Erzbischof Jacob hat diese Kirche gebaut.

„Halt!“ sprach ich da, „nun komm’ ich! Aber laßt uns wieder in den Hof gehen, denn meine weltliche Notiz gehört nicht in heilige Hallen.“ Und als wir nun im Hof standen, trat ich vor meinen Freund Landrichter mit der Frage: „Mann der Acten, wie viel hat wohl der längste Proceß Deines Landgerichts Bogen Papier gekostet?“

„Na,“ meinte er, „ein paar Hundert können schon herauskommen.“

„Dann,“ sprach ich mit gehobener Stimme, „rede Niemand mehr von unserem papiernen Jahrhundert! Dieser Erzbischof Jacob, das war der wahre Jacob des verheißenen Riesenprocesses. Der streitbare Diener des Herrn und Oberpriester der christlichen Liebe führte nicht blos einen dreizehnjährigen Waffenkrieg mit seinen Unterthanen, sondern auch einen Proceß-Federkrieg, der wohl ebenso lange dauerte, und als ein Befehl des Reichshofraths demselben am 15. März 1580 mit Gewalt ein Ende machte, war eben der einhundertfünfzehnte Actenband geschlossen und damit der zweiunddreißigtausendste Bogen vollgeschrieben.“

Mein Landrichter war außer sich vor Freude, riß eifrigst das Notizbuch aus der Brusttasche und hörte gar nicht auf die Versicherungen des Verwalters, daß das eine wahre Geschichte sei.

Der Verwalter begleitete uns bis auf die Brücke, und beim Umblick nach dem Schloß konnte ich mich der Frage nicht enthalten, wie es gekommen, daß diese Burg so ganz allein der allgemeinen Verwüstung bei den weltberüchtigten französischen Mordbrennereien in diesen Rheinlanden entgangen sei.

„Das war einfach,“ erklärte der Mann. „Damals war ein Herr von Eltz ein hoher General der Franzosen; sonst hätten wir hier auch nur Trümmer und kein Schloß.“ Für diesen einen Fall ertheilte ich dem unpatriotischen Eltzer Absolution; für die Folge wird’s nicht mehr nöthig sein.

Wir waren auf dem Rückweg. „Zweiunddreißigtausend Bogen!“ schrie und lachte mein Landrichter in Thal und Wald hinein. „Der Fund ist die ganze Reise werth!“

„Wirst Du nun auch bis nach Trier mit fahren und Berge besteigen?“ fragte ich, „Ja und Handschlag darauf!“ und so geschah’s. Die ebenso reizende als mitunter mühsame Tour befreite die Lunge meines Freundes von dem überflüssigen Fett; frisch und gesund kam er heim. Und wenn ihm in seinem fränkischen Städtchen dieses Blatt der „Gartenlaube“ mit dem Bilde von Eltz vor Augen kommt, so wird er mir nicht zürnen, sondern daraus einen Gruß lesen von seinem treuen Reisegenossen und Freund.