Blätter aus der Krisis/Fabrikantenbrod

Textdaten
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Autor: Ludwig Rein
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Titel: Blätter aus der Krisis/Fabrikantenbrod
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14–16, S. 185–188, 214–216, 226–228
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[185]
Blätter aus der Krisis.
Von Ludwig Rein.
Nr. 1.  Fabrikantenbrod.


Kein Stück Torte, nicht Marcipan und süßliches Biscuit, – ein Stück Fabrikantenbrod, genommen aus dem Schranke der Gegenwart, tische ich hier auf für die Leser.

Die Namen des Ortes und der Personen thun nichts zur Sache, – sie werden verändert oder gar nicht ausgeschrieben stehen. Genug, daß die Sache nicht erfunden ist. Die gesunde Kost ist jeder Zeit mehr werth, als der Küchenzettel, und mancherlei Rücksichten bestimmen mich, den Küchenzettel zu fälschen und nur die Kost im Auge zu behalten.


In einem s–schen Fabrikdorfe qualmten die Schornsteine, welche hoch emporragten über die Gebäude des umfangreichen Etablissements. Es war kurz nach der Leipziger Ostermesse vorigen Jahres. Ein gar reges Leben herrschte in den Arbeitssälen, auf dem Hofe, auf der anstoßenden Wiese, auf welch letzterer sich eine Reihe von Tuchrahmen befand. Zwischen Wiese und Hof lag ein hübscher Garten, und hier saß der Fabrikant, Herr L., in der Laube. Der alte Herr – so wollen wir ihn nennen – hielt eine der ersten Nummern des „Ernst Heiter“ in der Hand, welche Zeitschrift, redigirt von Adolph Glaßbrenner, damals seit etwa einem halben Jahre in’s Leben getreten war.

Der alte Herr senkte die Hand mit dem Zeitungsblatte nieder auf sein Knie. Nachdenklich erhob er die Hand wieder und las lächelnd von Neuem. Er stand dann auf, verließ die Laube, schritt auf dem Sandwege des Gartens hin und her, – aber das Zeitungsblatt ließ er nicht aus seiner Hand.

„Der Mann hat vollkommen Recht,“ sprach er dann vor sich hin, „er trifft den Nagel auf den Kopf, – Papiere, Noten, Banken, Zettel, Lumpen, Schwindelthum!“

Er schritt wieder in den Gängen sinnend auf und ab. Dann und wann nahm er das Blatt vor die Augen und las laut:

„Heil dir, mein Deutschland! Nicht im Siegeskranze
Des blutgetränkten Lorbeers strahlest du;
Auch nicht im goldnen, nicht im Silberglanze
Der Bürgerwohlfahrt pflegst du fauler Ruh’!
Du schreitest vorwärts über alle Schranken,
Machst in Papieren und in Noten kühn;
Heil dir, mein Deutschland! Du bist reich an Banken,
Und deine Zettel, deine Lumpen blüh’n!“

„Gefeiert Reich der Denker einst und Eichen,
Du hast die alten Banner keck verbrannt;
Du siehst der Geistesmacht Gespenster schleichen
Mit gierem Blick durch dein zersplittert Land,
Doch hebst du nicht gleich wildem Leu die Branken,
Sie zu verjagen; wer wird sich bemüh’n
Um Licht und Wissen? Du bist reich an Banken,
Dem Himmel Dank, und deine Zettel blüh’n!“

Er schüttelte heftig mit dem Kopfe und las einige Zeilen leise. Sein Inneres war sichtlich erregt, als er nach einigen Minuten laut fortfuhr:

„Armin und Nibelungen, Hohenstaufen
Und Luther und die große Dichterzeit,
Das ist vergess’ner Kram jetzt, wo wir laufen
Papierbepanzert in der Fixer Streit!
Vergess’ner Kram die Schwerter auch, die blanken
Des Jahres Dreizehn und ihr Flammensprüh’n!
Was Freiheit! Pah! Gefesselt an die Banken,
Genügt es uns, daß ihre Zettel blüh’n!“

„Die deutsche Einheit, lang umsonst erbettelt,
Sie ist errungen in dem Schwindelthum;
Sie ist errungen, wird dabei verzettelt
Auch Freiheit, Ehre, Zukunft, Stolz und Ruhm!
Für solche Faxen, Deutschland! laß die kranken,
Und pauvern Dichter immerhin erglüh’n!
Komm selber außer Cours – doch laß die Banken,
Der Menschheit höchstes Interesse, blüh’n!“

„Der Mann hat vollkommen Recht,“ wiederholte er, „aber nicht Deutschland nur dreht sich im Schwindelthum, ganz Europa tanzt mit, und Amerika macht die Musik dazu.“

Langsamer wurden seine Schritte, oft blieb er stehen und sah hinauf nach den Vögeln, welche in dem Frühlingslaub der Obstbäume und weiter draußen in den frischgrünen Zweigen der hohen Pappeln singend ihre Arbeit trieben beim Nesterbau.

„Da lobe ich mir euere Musik!“ fuhr er fort, „ihr spielt nicht zu einem Schwindelthum auf, ihr folgt nur dem einfachen Gesetz der Natur. Da ist nichts Ueberstürztes, nichts Widernatürliches, ihr bauet ein einziges Nest, legt einige Eier, brütet und freuet euch. Ja was sollte auch werden, wenn es jedem Vogel einmal einfiele, zehn oder zwanzig Nester zu bauen, sie alle mit Eiern zu belegen, – wie, wie,“ unterbrach er sich, „nun, das Bauen möchte gehen, vielleicht auch das Eierlegen – aber das Brüten, das richtige Ausbrüten – Schwindelthum!“

Er schwieg, denn Hufschlag drang vom Hofe her. Da sah [186] der alte Herr hinüber. Sein Sohn Karl war es, der aus dem benachbarten Städtchen kam, in welchem er mit dem alten Herrn eigentlich wohnte, doch so, daß Beide wochenweise abwechselten in dem nächtlichen Aufenthalt auf dem Etablissement.

„Karl, ich bin im Garten!“ rief der alte Herr, wahrend Jener den feinen Schimmel, auf welchem er gekommen, einem Arbeiter übergab, und dann zu seinem Vater eilte.

„Briefe gekommen?“ fragte der Alte.

„Mehr als ein Dutzend! Hier, Vater! Neue Bestellungen, neue bedeutende Aufträge!“

„So so, auch Geld, wie ich sehe, Zettel, nach drei Monaten zahlbar, – auch Briefe von den Maschinenbauern, – schriebst Du bereits an die Maschinenfabrik? Da sie antwortet, nehme ich’s an.“

„Ja, Vater, ich that es. Du siehst ja auch aus den heutigen neuen Aufträgen, wie nöthig es wird, unser gangbares Zeug zu vergrößern, ja, zu verdoppeln. Wenigstens müssen wir den Plan annehmen, wie ihn die Maschinenfabrik uns vorschlägt, – zwei Drittel gangbares Zeug mehr, dazu eine Dampfmaschine von zwanzig Pferdekraft; die Hälfte der nöthigen Räume für die neue Anschaffung haben wir, die andere Hälfte wird gebaut; willigst Du ein, so stimmen wir dem Plane bei, und noch heute bestelle ich Maurer und Zimmermann.“

Der alte Herr blickte lächelnd nach den Vögeln auf den Bäumen.

„Die bauen auch,“ sagte er ruhig, „aber sie sind nicht ergriffen von einem Schwindelthum. Hier, Karl, lies einmal dieses Zeitungsblatt, lies dieses Gedicht, lies es langsam, lies es zwei Mal, – ich will unterdessen die Briefe durchgehen.“

Vater und Sohn schritten neben einander auf dem Sandgange hin und her. Nach einigen Minuten erklärte der alte Herr:

„Ich bin fertig.“

„Ich ebenfalls,“ antwortete der Sohn.

„Und das Gedicht, wie gefällt Dir’s?“

„Als Kunstproduct gut, als Wegweiser für’s Geschäftsleben schlecht, sehr schlecht. Der Dichter erkennt die Zeit nicht, begreift die Gegenwart nicht. Wie ist jetzt Alles anders geworden auf dem Boden des gewerblichen und mercantilen Lebens! Mein Gott, wer wird mit einem so alten, verbrauchten Maßstabe die Gegenwart messen? Großartiger Bedarf überall, großartiger Aufschwung überall, – großartige Production darf da nicht fehlen.“

„Auf solidem Boden, richtig!“ fiel der alte Herr ihm in’s Wort, „der aber fehlt, das Ganze beruht auf Schwindelthum!“

„Schwindelthum, Vater, ich bitte Dich!“

„Papiere, Noten, Banken, Zettel, Lumpen!“ rief warm der alte Herr, „der Dichter hat Recht! Da sieh doch, Karl, warum schicken uns die Leute wieder Papiere, zahlbar nach drei Monaten? Warum schicken sie nur die Hälfte der Summe, welche sie uns schulden? Ja, ja, sie machen neue, großartige Bestellungen, aber wenn der Bedarf so bedeutend ist, warum denn die Zahlung für frühere Sendung nur halb, warum nicht ganz und voll? Warum die Hälfte auch noch in solchen Zetteln und Lumpen?“

„Aber Vater, der ganze Geschäftsgang basirt jetzt –“

„Auf Schwindel! Laß uns vorsichtig sein, Karl, glaube mir, so geht’s nicht fort, wie es jetzt geht! Auch ich begreife die Zeit, in welcher wir stehen.“

„Vater, wie könnte ein Gedicht mich so in Eifer bringen!“

„Glaubst Du, das habe das Gedicht allein gethan? Wer Augen und Verstand besitzt, sah ja längst, daß das Geld- und Papierschwindeln geradezu ein Erwerbszweig geworden. Oder hat das traurige Börsenspiel mit Scheinkäufen, mit den Lieferungen zu bestimmten Zeitfristen einen soliden Grund? Man kauft jetzt täglich Millionen für Millionen – und Niemand besitzt sie, Niemand kann sie bezahlen. Weißt Du nicht, daß man jüngst an der Berliner Börse in drei Wochen mehr Spiritus verkaufte, als ganz Preußen in fünfzig Jahren zu erzeugen vermag? Nicht viel anders in Leipzig – denke an die Scheingeschäfte mit Oel; noch toller in Stettin – denke an die Getreidespeculation, vor Allem aber denke an den verderblichsten aller Schwindel, an den Schwindel in Actien!“

„Allerdings ist die Speculation in Actien sehr verlockend,“ bemerkte Karl, „es wird da oft Reichthum ohne Mühe in kurzer Zeit gewonnen; aber das paßt Alles nicht auf uns, Vater, nicht auf unser Geschäft. Wir sind nicht ergriffen von der Sucht, in wenigen Stunden ohne Arbeit reich werden zu wollen; wir beabsichtigen nur, vernünftigerweise zu thun, was unsere Concurrenten thun, nämlich das Geschäft zu erweitern durch Vergrößerung des Etablissements.“

„Wir sind nicht ergriffen, Karl, von der Sucht, in wenigen Stunden ohne Arbeit reich zu werden,“ wiederholte langsam der alte Herr, „aber dennoch wird die Folge des Schwindelthums auch uns ergreifen. Schon sind wir wider Willen hineingeködert worden in den Papierkram. Wir konnten und können nicht ausweichen, das sehe ich ein. Aber ich sehe auch ein, wie dieser Papier- und Zettel- und Lumpenkram gleich einer Kette sich durch die ganze Geschäftswelt zieht, hinüber bis nach Amerika, wohin der größte Theil unserer Waaren geht. Laß in dieser Papierkette nur einige derbe Brüche entstehen – dann reißt sie uns vorwärts und rückwärts – und wir, Karl, wir sind immerhin ein Glied in der Kette – ein Papier reißt das andere, das größere Haus stürzt das kleinere um – – also besonnen, besonnen, Karl!“

„Aber vorwärts müssen wir doch!“ behauptete Karl entschieden. „Wir werden ja die Bestellungen nicht zurückweisen, werden den sichern Gewinn doch nicht Andern überlassen? Vater, es liegt viel Wahrheit in der gewöhnlichen Redensart: „„die Menge muß es bringen!““ Wenden wir die Redensart an im bessern Sinn auf unser Geschäft – Vater, was läßt sich da in der Gegenwart ausführen!“

Der alte Herr schwieg und sah nach den Vögeln auf den Bäumen.

„Was ist Dein Beschluß, Vater? sage mir ihn kurz und rund,“ bat oder forderte der Sohn.

„Kurz und rund?“ fragte gespannt der alte Herr. „Du kommst mir erregt vor, Karl, was hast Du? Ueberhaupt – ich weiß nicht – Du trägst Dich heute fein, trägst den besten Frack und Hut –“

„Sollst Alles erfahren, Vater – auch auf den Schimmel ließ ich das beste Reitzeug legen, – aber Deinen Beschluß –“

„Wolltest ihn haben kurz und rund? Wohlan denn, Karl, so höre ihn. Aus dem Bau neuer Säle und aus der Anschaffung neuer Maschinen wird nichts! Auf die übrigen Briefe die Antwort: daß wir die Aufträge ausführen würden, wenn man uns die Ablieferungsfrist um ein Jahr verlängern wolle.“

„So höre auch mich, Vater,“ erwiderte bestimmt, aber nicht ohne kindlichen Ausdruck der Sohn. „Es wird gebaut, das Etablissement erhält die Erweiterung ganz nach dem vorliegenden Plan, unser Geschäft nimmt einen großartigen Aufschwung! Du selbst, Vater, sollst keinen Thaler dabei wagen, das neue Unternehmen geht auf meine alleinige Rechnung.“

„Auf Deine Rechnung? Flüchtige Improvisationen!“ antwortete lächelnd der alte Herr. „Auf Deine alleinige Rechnung – nun ja, bei der heut zu Tage üblichen Methode, Geld zu machen, – und das wirst Du nicht wollen, Karl!“

„Nein, Vater, nein, das will ich nicht – aber einen Ritt will ich thun, einen Ritt, an welchen sich Geld, Glück, Geschäfte knüpfen! Vater, ich habe das Jawort von Fräulein Cölestine! Siehst Du, das ist von ihr!“

Aus der Brusttasche des feinen modernen Fracks zog er ein Sträußchen, bestehend aus Aurikeln, Maiblumen, grünen Blättern, und hielt es dem Vater vor die Augen.

Der alte Herr stand freudig erschrocken.

„Karl, Karl,“ hob er nach einer Weile an, „ja, wenn das wäre, – dann allerdings, – Vierzigtausend hat Fräulein Cölestine als Erbtheil von ihrer verstorbenen Mutter, – und wenn der Vater – höre, Karl, diese Methode, Geld zu machen, ist zwar auch nicht die beste, aber besser, weit besser doch, als jene Papiermethode mit Schwindel. Warum soll man es dem reellen Geschäftsmanne verdenken, eine reiche Heirath zu thun! Immerhin, Karl, immerhin! Wenn Du Deiner Sache gewiß bist, – ich weiß es nicht, freilich trittst Du auf als der einzige Sohn und einzige Erbe eines wohlhabenden Vaters, bist ein stattlicher junger Mann, – aber – nun, Du mußt selbst am Besten wissen, wie weit Du gekommen, wie viel das Jawort Cölestinens Dir gelten darf.“

Der alte Herr nahm den Sohn an der Hand, er führte ihn in die Laube, während er weiter sprach:

„Ich weiß wohl, Karl, daß Du seit Jahr und Tag öfter [187] nach – dorf geritten bist, aber ich hielt es nicht für etwas Ernstes, weil – Karl, lieber Sohn, ich dachte dabei an – ich muß Dir das sagen, Karl, –“

Aber der alte Herr sagte weiter nichts. Es war, als falle ein Schmerz auf seine Seele.

„Du dachtest dabei an Mathilde? Lieber Vater, an sie habe auch ich oft gedacht, wenn ich hinüber ritt, um Cölestinen zu sehen.“

„Karl,“ hob der Alte väterlich an und legte seine Hand auf des Sohnes Schulter, „Karl, Mathilde war Dir nicht gleichgültig, ich glaube sogar, Du hättest ihr gern Dein ganzes Herz gegeben, – und ich, Karl, der ich Deine Neigung still beobachtete, ich habe Dich niemals darum getadelt. Noch jetzt würde ich nichts dagegen einwenden, wenn Du Mathilde heirathen wolltest. Prüfe Dich, frage Dein Herz.“

„Mein lieber Vater,“ entgegnete Karl und drückte des Alten Hand, „das Herz will ich nicht fragen. Der Geschäftsmann in unserer Zeit hat es mehr mit der Vernunft zu halten, als mit dem Herzen, selbst wenn es dem Herzen wehe thut.“

„Und dem Deinen thut es weh, Karl?“

„Sei ruhig, Vater, jetzt nicht mehr, aber es wurde mir nicht leicht, das stille Mädchen aufzugeben. Du wirst die Vernunftgründe, welche bei meiner Lossagung mich leiteten, nicht verwerfen.“

„Und die waren und sind?“

„Berechnungen, lieber Vater. Der Geschäftsmann muß sein Auge nicht nur auf das europäische, er muß es auch auf das überseeische Schachbret des jetzigen Verkehrs richten. Wie will er ohne bedeutende Capitalkraft mit Erfolg und Gewinn seine Steine ziehen? Ohne Capital kann er weder den jetzt geltenden Bedingungen und Nothwendigkeiten genügen, noch den Chancen und Gefahren für die Zukunft ausweichen.“

„Gut, gut, Karl, das verwerfe ich nicht, ich bin einverstanden mit dem, was die Vernunft Dir sagt. Und Dein Herz, Karl?“

„Das darf nicht mitreden.“

„Aber Dein Gewissen, Deine Ehre, Karl?“

„Die sind unverletzt, Vater. Nie habe ich Mathilden gesagt, daß ich sie liebe, nie von einer Heirath, nie von einer Zukunft gesprochen. Meine Neigung zu dem stillen Mädchen war eine stille, eine reine.“

„Und weiß Mathilde,“ hob nach einer Pause der alte Herr wieder an, als Karl vor die Laube trat und nach dem Pferde rief, „weiß Mathilde von Deiner Absicht auf Fräulein Cölestine?“

„Möglich, Vater, daß, sie es weiß oder doch ahnt. Ich habe in der letzten Zeit vermieden, sie zu sprechen, selbst, wenn es ging, sie zu sehen, ihr zu begegnen. Vater, Du siehst, daß ich offen bin, ich gestehe Dir: es ward mir das Alles nicht ganz leicht.“

„Und dennoch?“

Dennoch, Vater!“ antwortete lächelnd, aber bestimmt der Sohn. „Der Geschäftsmann muß sein, wie ein Feldherr, – er schlägt die Schlacht, er freut sich des Sieges.“

„Und der Sieg wird aushalten?“

„Sicher, so sicher und fest, wie mein Streben!“

„Und Dein Streben ist?“

„Auf dem Strome des Geschäftslebens statt des Kahnes, in welchem wir jetzt rudern, ein Schiff zu besitzen!“

„Reite mit Gott, Karl!“ rief der alte Herr, „gewinne ein Schiff!“

Einige Secunden noch stand der Alte, hielt fest des Sohnes Hand und sah ihm treu und zufrieden in die Augen. Dann küßte er ihn. Schweigend gingen sie zusammen auf den Hof. Das Pferd wurde vorgeführt, aber der junge Geschäftsmann bestieg es noch nicht. Eifrig ertheilte er auf dem Hofe einige Befehle und war eben im Begriff, sich noch in einen der Arbeitssäle zu begeben. Da zupfte der alte Herr ihn am Rockärmel, und in demselben Augenblicke rief der Alte:

„Suchst Du mich, Mathilde?“

Statt des Rockärmels ergriff er schnell des Sohnes Hand, er ließ ihn nicht fort, und redete weiter:

„Komm doch näher, Mathilde, nur einige Worte wegen des Blumenbeetes.“

„Sie meinen das links dort?“ fragte Mathilde, indem sie befangen näher trat.

„Links liegt das Herz!“ neckte ein betagter, vorbeischreitender Arbeiter.

Der alte Herr lächelte, – der Sohn grüßte mit sicherem Anstand, – Mathilde schlug erröthend die großen, schwarzen Augen nieder.

„Entschuldige, Vater,“ sprach mit Festigkeit Karl, indem er den Arm aus seines Vaters Arm losmachte, „Du weißt, daß ich noch einige Augenblicke lang in den Mittelsaal muß.“

Er grüßte mit dem Hute abermals nach dem Mädchen hin, indem er ganz im gewöhnlichen Schritt nach einer Thüre des Mittelgebäudes ging.

Mathilde erhob die gesenkten Augen, sie blickte hin nach der Thüre, wo Karl verschwand, – blickte mit Augen, in denen unbewußt ihre träumende Seele lag.

Dem alten Herrn entging das nicht. Er kam darüber in eine gewisse Verlegenheit, in jene Stimmung, welche oft zwischen Pflicht und Mitleid, zwischen Vernunft und Herz sich erhebt, und statt mit dem Mädchen über das Blumenbeet zu sprechen, stellte er die ungeschickte, aber von dem Ton inniger Theilnahme durchdrungene Frage:

„Warum redet Ihr denn nicht miteinander? Karl spricht wohl jetzt selten mit Dir? – Warum denn, Mathilde?“

„Das weiß ich nicht,“ antwortete leise und erröthend das Mädchen.

„Er hat Dir also noch gar nichts gesagt?“ fuhr der alte Herr gutmüthig fort; „nun, warte nur, warte, liebes Kind, –“

Er wendete sich einige Schritte hinweg zu einem Werkführer, der ihm eine Mittheilung zu machen hatte. Herr und Werkführer gingen zusammen im Gespräch nach der Thüre des Mittelgebäudes. In demselben Augenblicke trat Karl heraus. Der alte Herr verließ nun den Werkführer, schloß sich an den Sohn an und sagte zu diesem:

„Karl, sprich doch einige Worte mit dem Mädchen. Das kannst Du, ohne dem Uebrigen zu schaden, und das arme Kind dauert mich.“

„Still, still, Vater,“ antwortete unwillig der Sohn, „wozu sollte das dienen, wohin führen? – mache mich nicht irre.“

Der Vater bat nochmals; – so kamen sie bis an’s Pferd, welches der junge Mann nun schnell bestieg. Gleichsam als wolle er den Wunsch des Vaters erfüllen, soweit dies möglich, grüßte er beim Wegreiten nicht ohne Freundlichkeit nach Beiden zurück.

Ein Gruß kann unter gewissen Umständen gar tief in die Seele fallen; er fiel in die Seele Mathildens.

Kaum hatte Roß und Reiter sich gewendet, da kehrte der alte Herr zu dem Mädchen zurück; das Mädchen aber sah dem Reiter nach, bis er am Ende der Wiese verschwand.

„Siehst ihn nicht mehr?“ fragte lächelnd der alte Herr.

Da zog Mathilde ihre Hand rasch und erschrocken von den Augen.

„Mich blendete die Sonne,“ sagte sie halblaut; „ich wollte warten, bis Sie kämen, ich sollte ja Ihre Befehle hören. Sie wollten mit mir sprechen über das Blumenbeet im Garten.“

Da wurde der alte Herr wieder abgerufen. Es mußte dringlich sein, denn der erste Bote hatte kaum ausgeredet, da kam schon ein zweiter.

„Allerdings, allerdings,“ sagte lächelnd der alte Herr im Weggehen, „links, – über das Blumenbeet links müssen wir reden, ich werde Dich rufen lassen, Kind. Geh’ jetzt in Gottes Namen, Kind.“

Und das schöne Kind ging, – ging sinnend von dannen. War es Wehmuth, war es Sehnen und Hoffen, war es Schmerz oder Freude oder Liebe: sie wußte nicht, was sie bewegte.




Es war eine gar regsame Zeit, die Zeit nach der Leipziger Ostermesse 1857. Die Arbeiten in den Fabriken reichten nicht mehr aus, der Lohn mußte erhöht und die Besteller mußten befriedigt werden. Ueberall Aufschwung, überall ein frisches Schaffen und Thun, überall ein lebendiges Drängen und Treiben.

Auch in unserm Etablissement. Schon ist es gegen Abend, aber in den Fabrikgebäuden herrscht eine Thätigkeit, als sei kaum der Morgen angebrochen.

Schon von außen her verkündet sich der Fleiß. Wie qualmen noch die hohen Schornsteine im frischen Feuer, wie arbeiten noch die Dampfmaschinen! Und drinnen in den Gebäuden, wie heult [188] da „der Wolf“, der mit eisernen Zähnen die Wolle zerreißt und sie vorbereitet für die feineren Maschinen, durch die sie dann gehen muß, bis sie zum glatten, haltbaren Faden wird! Und die „Krempel-“, die „Locken-“, die „Spinn-“ und „Feinspinnmaschinen“, wie sie summen und surren, wie Tausende von Spindeln pfeifend sich drehen! Ist’s doch, als sitze an jeder einzelnen Maschine ein unsichtbarer Geist und hauche hinein mit seinem Athem in die blanken, eisernen Räder und Getriebe; ein Geist, allgewaltig, allumfassend, allgroß, und doch ist’s nur der Geist des kleinen Menschen, der das erdachte, erfand; des kleinen Menschen, der durch den Geist eben so groß da steht!

Und einen Blick weiter. In den andern Sälen stehen die Webstühle. Wie fliegt da der „Schütz“ durch die „Werfte“, wie läßt er die „Spule“ von einem Ende zum andern sausen, so daß Faden auf Faden sich legt und „Werfte“ und „Einschlag“ sich einen und binden zum Ganzen! Und unten in dem Raume, wo die „Walke“ sich befindet, dann daneben in dem Saale. wo die Maschinen für „Appretur“ stehen: welch’ ein Greifen und Eingreifen, welch’ ein Regen und Bewegen, daß die Tuche nun Glätte und Glanz und somit ein schönes Aeußere erhalten! Und diese kleine Welt, diese Tuchmacherwelt durchschreitet jetzt der alte Herr noch ein Mal, ehe es Feierabend wird. Das sämmtliche Arbeiterpersonal sieht den alten Herrn immer lieber kommen, als den jungen Herrn. Der Letztere ist einzig und allein nur bei der Sache, – er lobt oder tadelt. Der alte Herr hat nebenbei noch immer ein kleines Gespräch, wenigstens mit den Werkführern, ein scherzendes Wort auch für manchen einzelnen Arbeiter; sein Lob ist herzlicher, sein Tadel milder. Heute hat er den Werkführern das Gedicht von „Ernst Heiter“ vorgelesen.

Er war in allen Sälen, – sah, hörte, sprach. Jetzt zieht er aus den lärmvollen Räumen sich zurück. Er geht nach dem stillen Zimmer, welches sich am Ende des einen Gebäudes befindet. Nicht der Stille wegen sucht er es auf, an den Lärm in den Sälen, an die ganze Maschinenmusik ist sein Ohr ja längst gewöhnt, er hört sie gern, er hat sie lieb, – es ist die Niederlage für fertige Waaren, in welche er jetzt eintritt. Hier betrachtet er die Stöße der aufgespeicherten Tuche. Hier ist’s ihm wohl, recht wohl. Er zählt und mustert. Dann blickt er mit Behagen durch’s Fenster hinab auf das Färbehaus, aus dessen Luftzügen der Kesselrauch dampft, und spricht berechnend vor sich hin: „was heute gefärbt wird an Wolle, kann nach wenigen Tagen „gewolft“ werden; bei solcher Witterung geht’s schnell mit dem Trocknen; nach vierzehn Tagen muß die heute gefärbte Wolle als Waare fix und fertig in die Niederlage kommen.“

„Will’s Gott,“ setzte er nach einer Weile hinzu und schloß das Fenster.

Kaum hatte er den Wirbel gedreht, so begab er sich an ein anderes Fenster. Nicht hinaus auf den Hofraum führte die Aussicht, sondern hinein in die Packstube, welche an die Niederlage angrenzte und aus verschiedenen, durch Tapetenverschläge getrennten Abtheilungen bestand. In einer dieser Abtheilungen saß Mathilde. Sie stickte die Firma des Hauses und die fortlaufende Nummer in die Tuche, wie jedes Stück an der Ecke des Endes diese Marke tragen mußte. Solche und ähnliche Arbeiten waren jetzt Mathilden zugewiesen. Früher hatte sie einer Spinnmaschine vorgestanden, und hatte, wie viele Mädchen und Frauen, in einem der Säle gearbeitet. Dieser mißlichen Stellung wich sie aus und konnte ihr ausweichen, seit sie – es war ein Jahr her – von einer verstorbnen Tante fünftausend Thaler erbte. Da erklärte sie dem Hause oder vielmehr einem Werkführer desselben, daß sie dem Fabrikleben entsagen wolle, es sei denn, sie fände ihren Platz am Sticktische und in der Verpflegung des Gartens. Das wurde ihr gewährt, und so blieb sie. – War sie aber schon früher ein Liebling des Hauses geworden, so steigerte sich dies durch die neue Stellung, in welcher sie mit dem alten Herrn und dessen Sohn oft in geschäftliche Verbindung kam, gar sehr.

Ein einfaches Mädchen der Fabrik, – und doch, welch’ ein Ausdruck in der vollen, schlanken Gestalt, welch’ ein Ebenmaß in den Gliedern, welch’ eine Seele in den Augen! Genug, Mathilde war schön, Mathilde war auch gut.

Am Fenster also stand der alte Herr, er blickte hinein in die Packstube.

„Karl hätte ja doch mit Dir sprechen können, armes Kind,“ sagte er vor sich hin, „und wie Du ihm nachsahst, als er fortritt! wer weiß, wer weiß, wie’s mit Deinem Herzen steht, – darum – gesprochen muß doch werden, es stehe so oder so.“

Er griff an die Klinke der Thür, welche in die Packstube führte. Er sann und sann, – er zog die Hand von der Klinke zurück, – er trat wieder an das Fenster, und auch hier stand er noch unentschlossen oder überlegend.

Endlich klopfte er mit dem Finger an die Scheibe, – er winkte, durch die Thür trat Mathilde.

Die Frühlingsabendsonne warf ihren Schein in das Zimmer, der alte Herr und das frischblühende Mädchen standen theilweise in lichter Vergoldung, als habe der Himmel an Beiden seine Freude.

„Sie haben befohlen, – Sie wollten über das Blumenbeet sprechen? – fast kann ich mir denken, was Sie meinen,“ sagte unbefangen und mit sanfter Stimme Mathilde.

„So, so, und was mag ich da wohl meinen?“ fragte lächelnd der alte Herr.

„Sie wünschen, daß das Beet, welches sich links am Eingange befindet, mehr mit Sommerblumen bepflanzt wird, als dasjenige, welches rechter Hand liegt.“

Der alte Herr zog seine Hände auf den Rücken, ging unruhig hin und her und sagte etwas verworren:

„Nun ja, – aber eigentlich doch nein, – nein, nein, Mathilde, bepflanze das Beet, wie Du willst, – Lüge und Schwindel stehen auf einer Linie, – nichts da! Höre mich, liebes Kind, ich wollte Dich eigentlich fragen, – ich wollte Dich wirklich fragen nach Deinem Herzen, nach diesem Blumenbeete, – aber eigentlich auch das nicht, – ich wollte Dich fragen über Karl, – oder nicht fragen, gar nicht fragen, – ich wollte Dir sagen, daß Karl –“

Er hielt inne, er blieb stehen, – er blickte hinab nach dem Hofraume, – er sah es nicht, wie über Mathildens Gesicht ein dunkles Roth sich ergoß.

[214] „Dann müßte auch noch ein Färbehaus gebaut werden,“ fuhr der alte Herr zerstreut nach einer Weile fort, während er noch immer am Fenster stand und Mathilden den Rücken zukehrte, „ja, das wollte ich Dir eigentlich mittheilen, Mathilde, wir werden bauen, viel bauen, – Karl wird bauen, das Geschäft wird fast noch einmal so groß werden, – aber Schwindel, Schwindel, wenn wir nicht Geld haben, – wir brauchen viel Geld, Mathilde, – Du bist ein gutes Mädchen, – und Karl – ich sehe das ein, –“

Er wendete sich jetzt um, ging hin zu Mathilden und fragte mild und väterlich:

„Hast Du meinen Karl lieb?“

Ueber Mathildens Lippen ging kein Laut. Sie senkte das Haupt, – ein neuer Gluthstrom überbrannte ihr Angesicht.

„Und hat Karl Dich lieb?“

Tiefer senkte das Mädchen das Haupt, – keine Antwort erfolgte.

„Ich kenne doch so Einiges, – ich erinnere mich an so Manches, – hat er Dich lieb, Mathilde? hat Karl Dich lieb?“

„Ich weiß es nicht.“

Das war so leise gesprochen, daß der Alte es kaum hörte, – es klang wie das Beben einer Saite, – und die Arme, die es sprach, senkte noch tiefer das Haupt, – ihre Hände zitterten, weil ihre Seele zitterte.

„Seit längerer Zeit hat er nicht mit Dir geredet,“ fuhr der alte Herr fort, während er seinen Gang durch die Stube von Neuem unternahm, „hat es vermieden, Dich zu sehen, Dir zu begegnen, – weiß wohl, Mathilde, – und ’s ist ihm schwer geworden, ist ihm an’s Herz gegangen, – glaubst Du’s, Mathilde?“

Er blieb bei diesen letzten Worten vor ihr stehen. Mathilde aber erhob ihr Haupt, als habe sie einen himmlischen Gruß gehört mit himmlischer Bürgschaft. Aus ihren Augen leuchtete es feucht, wie Thränen, – ein stilles Entzücken flog über ihr Antlitz, indem sie leise fragte:

„Es ist ihm schwer geworden, ist ihm an’s Herz gegangen?“

„Kannst es glauben, Mathilde,“ versicherte der wiederum Umherwandelnde, „schwer geworden, schwer, – aber hat er nicht Recht? nur kein Unternehmen auf Schwindel gegründet! nur festen, sichern Boden, eine Capitalunterlage! und da hat er Recht, – und doch, und doch, wenn’s ihm schwer wird, und wenn’s Dir schwer wird, –“

Als müsse er sich einen Augenblick lang erst stärken, hielt er an und sprach dann schnell weiter, indem er nach dem Hofe hinabblickte:

„Mathilde, Du siehst, es wird auch mir schwer, recht schwer, – aber gibst Du ihm nicht Recht? Du dauerst mich, er dauert mich, – doch die Vernunft, die Vernunft! Karl hat Recht, – so schwer es ihm wurde, er scheint doch mit sich fertig zu sein, – und wenn Du nun auch mit Dir fertig wärst, so wollte ich Dir etwas sagen, Mathilde. Soll ich, soll ich Dir etwas sagen?“

„Wie Sie wollen,“ sprach kaum hörbar Mathilde und bedeckte mit beiden Händen ihr Gesicht, als wolle sie den Blitz nicht sehen, der unter Donnerschlag jetzt niederfahren mußte.

„Jawort, – Cölestine, – Karl, –“

In diesen und noch wenigen Sylben lag Blitz und Donnerschlag, – er fuhr nieder.

Mathilde stand scheinbar ruhig, stand wie eine schöne Bildsäule. Hielt sie auch die kleinen Hände vor’s Gesicht, der Blitz hatte doch durchgeleuchtet, war niedergefahren in das Blumenbeet des Herzens. Schnell hatten sich die Knospen zu Blüthen geöffnet, – noch schneller lagen sie zerschmettert, – zusammengedrängt Alles in wenige Minuten, Alles, Sonne und Nacht, – Sonne der Hoffnung, Nacht der Entsagung.

Der alte Herr, der bis jetzt am Fenster und von Mathilden abgewendet gestanden, drehte sich um.

„Bist erschrocken, armes Kind, sehr erschrocken?“ sprach er mitleidig. „O, nimm doch die Hände vom Gesicht, brauchst Dich vor mir nicht zu schämen, gutes Kind, – wie mich’s dauert! habe [215] Dich lieb, – hätte nichts dagegen gehabt, wenn Karl – aber der Bau, die Maschinen, die ganze neue Einrichtung – ohne Capital würde Alles ein Schwindel sein, der uns in’s Unglück stürzen müßte. Das willst Du nicht, Mathilde, – bist Du bös auf mich? bist Du bös auf Karl? O, nur nicht hinein in den jetzigen Geschäftsstrudel ohne Capital! Denke an unsere Firma, an unsere Ehre, an unsere Verbindungen und Verbindlichkeiten, – Mathilde, bist Du bös auf mich und Karl? Und nimm doch die Hände weg, schäme Dich nicht, – bist Du bös auf uns?“

Langsam zog sie die Hände vom Gesicht. Die schönen Augen schwammen in Thränen.

„Nicht bös,“ sagte sie still, „nicht auf Sie, – nicht auf den jungen Herrn.“

„Aber auf Fräulein Cölestine?“

Schweigend schüttelte die Arme ihr Haupt, aber ein tiefschmerzlicher Zug ging über ihre Stirn.

„Gib mir Deine Hand darauf, – also nicht bös, nicht bös auf uns Alle, – auch nicht bös auf den lieben Gott, der es so haben will, weil er uns Vernunft gab, – freilich, freilich,“ setzte er seufzend hinzu, „er gab uns auch ein Herz.“

Da brach Mathilde in lautes Weinen aus, – aber sie reichte dem alten Herrn die Hand.

Mochte der alte Herr es fühlen, daß er in seiner Gutmüthigkeit immer wieder einriß, was er aufbaute, – oder erschrak er über das heftige Weinen, das er nicht erwartet hatte? Genug, auch er konnte sich jetzt nicht länger mehr halten, – er fing an, in eine Weichheit zu verfallen, welche die Verwirrung in seinem Innern noch größer machte, als sie schon war. Sein Gang wurde schneller, ängstlich fuhr er mit den Händen in die Rocktaschen, brachte bald den „Ernst Heiter“, bald das seidene Taschentuch heraus, mit welch’ letzterem er sich die Thränen abtrocknete, die er nicht länger hatte zurückhalten können. Dann las er einige Secunden lang in dem Zeitungsblatte, – aber es wollte nicht gehen. Es schwirrte und funkelte ihm vor den Augen, – in seinem Innern gährte und wogte es durcheinander, – er fühlte seine Schwäche und rang doch nach dem Siege. Auf das weinende Mädchen wagte er kaum noch hinzublicken.

In den Hof herein hörte man jetzt einen Reiter sprengen. Der alte Herr lief erschrocken nach dem Fenster und rief: „das könnte Karl sein!“

Mathilde aber erschrak wohl noch weit mehr, als der Alte. Sie stürzte nach der Thür, wollte fort, trocknete sich schnell noch die Augen, – aber als ihre Hand nach der Klinke griff, stand auch der alte Herr schon da und hielt und zog das Mädchen zurück und rief halb bittend, halb befehlend und doch in Angst: „bleibe da! verlaß mich nicht, Kind; bleibe, bleibe!“

Schon hörte man Schritte in dem anstoßenden Saale. Nach der Thür, die dort hereinführte, blickte bebend das Mädchen, und floh, als wolle sie sich dem Auge des Kommenden so lange als nur irgend möglich entziehen, an’s Fenster, das in den Hof ging. Kaum hatte sie dasselbe erreicht, und kaum hatte der alte Herr die Hände auf den Rücken gelegt, um seinen vorigen Gang anzutreten, da öffnete sich auch schon die Saalthüre.

„Guten Abend, Vater! Da bin ich wieder; Cölestine läßt Dich schön grüßen!“

Heiter und schnell erklangen und verklangen diese Worte, ehe sich der Saal wieder schloß. Der Sprecher trat ein, – der alte Herr antwortete nicht, sondern ging ängstlich zerstreut auf und ab.

„Ist etwas vorgefallen?“ fragte Karl.

„Vorgefallen, eingefallen, aufgefallen, aufs Herz gefallen! – dort, dort!“ sprach nun der Alte und schlenkerte die Hände vom Rücken hervor und streckte sie unter Thränen nach dem Fenster hin, wo mit gesenktem Haupt das zitternde Fabrikmädchen stand. Karl erschrak, – wurde roth, – sah schnell hinweg, dann wieder hin und bewegte grüßend den Hut.

„Also auch erschrocken? wieder erschrocken? Karl, Karl, das ist nicht gut! Ihr wird es schwer, mir wird es schwer, Dir wird es schwer! Fort mit den Maschinen, fort mit dem ganzen Kram, fort mit dem Schwindel! Hier, hier!“

So rufend im schnellen Eifer, lief er zu dem Mädchen, führte oder zerrte es an der Hand bis auf die Stelle, wo Karl stand, und fuhr, indem er rasch auch dessen Hand ergriff, hastig fort:

„Hier, hier, nehmt Euch! – Fort mit dem Schwindel!“

„Vater!“ rief zürnend der junge Mann und entriß dem Alten die Hand.

Aber auch Mathilde entzog dem Alten ihre Hand und stürzte fort nach der Thür.

„Entschuldigen Sie, Mathilde, – der Vater allein –“

Mehr konnte Karl nicht nachsenden, – Mathilde war verschwunden; aber an den Vater richtete er die Worte:

„Was ist denn geschehen? Vater, weißt Du, was Du thust? Wozu diese schmerzlichen Possen? Du warst ja heute früh so vernünftig, – ich freute mich, –“

„’s mag nun gut sein, Karl,“ fiel der alte Herr ein und strich die letzte Thräne aus den Augen. „Ich konnte mich nicht lassen, – das Herz ließ mich nicht, – es mußte sein Recht haben, so gut wie die Vernunft. Jetzt ist mir wohler, – und wenn’s denn durchaus nicht geht, wenn’s nicht geht, Karl, – aber das Mädel dauert mich, – Mathilde weiß Alles, ich habe ihr Alles gesagt, – es wird ihr schwer, sehr schwer, – schwerer als Dir, – ich habe ihr auch erzählt, daß Dir’s schwer an’s Herz ginge, –“

„Das hast Du gethan, Vater?“ versetzte Karl tadelnd. „O, was das für Dinge sind! Du drücktest dem Mädchen Dornen in’s Herz, die Du nicht wieder herausziehen kannst!“

„Auch Du nicht? – Gar nicht möglich, Karl?“

„Vater,“ entgegnete verletzt der Sohn, „Vater, ich werde ganz irre an Dir! Wie kann Dir noch ein einziger Gedanke beigehen, daß ich meinen Plan aufgebe!“

„Der Plan ist nicht übel, – nun, laß es gut sein, Karl, – komm, wir gehen in den Garten, dort will ich Dir erzählen, wie Alles geschah, – wirst das arme Kind ja ebenfalls bedauern.“

Achselzuckend fragte Karl:

„Wozu soll das nützen und wohin soll es führen? – Vater,“ setzte er lächelnd hinzu, „wir wollen eine Fabrik bauen, nicht aber ein Theater oder Narrenhaus.“

„Narrenhaus?“ versetzte beleidigt der alte Herr. „Dann brauchen wir gar nicht in den Garten zu gehen, Karl, – und bauen, bauen, wir müssen Geld haben, wenn wir bauen wollen, sonst bauen wir ein Schwindelhaus, – wird Fräulein Cölestine Dir jetzt schon – ich meine die nöthige Beschaffung, das nöthige Capital –“

„Sei ganz außer Sorge, Vater, der Bau beginnt!“ versicherte Jener.

„So laß uns in den Garten gehen, Karl,“ schloß der alte Herr und nahm den Sohn an der einen Hand, während er mit der andern den „Ernst Heiter“ aus der Tasche langte und dabei erklärte, es könne und werde ja der Papierkram, von welchem der Dichter rede, nicht lange mehr halten.

So kamen sie in den Garten. Karl bat den Vater, ihm nun mitzutheilen, wie es mit Mathilden sich zugetragen. Das that der alte Herr, that es treu, gewissenhaft, umständlich. Oft wandelte ihn dabei jene Rührung an, welcher er nicht auszuweichen vermochte, und daran knüpfte er immer einen neuen Versuch auf das Herz seines Sohnes. Er blickte dabei nicht selten hinauf zu den Bäumen, wo die Vögel für diesen Tag die letzten Halme zum Nesterbau trugen und ihr Abendlied sangen, und der Alte sprach dann von glücklicher Ehe, – von der Ehe, in welcher auch er gelebt, und erinnerte den Sohn an die verstorbene Mutter.

Der Sohn war kindlich, – blieb aber fest.

„Karl,“ hob der Alte zuletzt noch an, „eins haben wir vergessen, eins. Damit könnte man’s thun, und es wäre doch kein Schwindel. Fünftausend – und nicht in modernen Papieren, nicht in Lumpen, – Karl, Fünftausend blankes Capital – Mathilde hat es, bringt es, gibt es. Das wäre doch auch etwas –“

„Reicht kaum aus für die Dampfmaschine,“ entgegnete der junge Mann.

„Müßten Alles kleiner – nicht eine so großartige Erweiterung – Karl, mit Fünftausend könnten wir doch schon etwas anfangen.“

„Lassen wir das, lieber Vater, es führt zu nichts,“ erklärte Karl. „Und gute Nacht, Vater! es dämmert schon, ich will nach der Stadt, Du weißt, daß ich noch zu schreiben habe.“

Und Beide schritten der Gartenthür zu. Noch ehe sie dieselbe erreichten, trat der Werkführer ein, welcher der Packstube vorstand.

„Mathilde läßt sich empfehlen – und hier –“ sagte der Werkführer, indem er ein Billet in die Hand des alten Herrn legte, „sie hat ihre Sachen gepackt, wird dieselben abholen lassen.“

„Und ist fort?“ fragte erschrocken der Alte, während er das Papier erbrach.

[216] „Seit einigen Minuten,“ erklärte der Werkführer.

Betroffen drückte Karl den Hut in die Augen – er that langsam einige Schritte in den Sandgang zurück – dann wendete er wieder um – der Vater gab ihm das Billet. Dasselbe war an den alten Herrn gerichtet und lautete:

„Es dürfte sicher für Alle das Beste sein, wenn ich aus Ihrem Hause ginge. Darum will ich gehen. Nehmen Sie meinen Dank für die große Güte, mit welcher Sie mich allezeit behandelten, und vergeben Sie mir auch meine Fehler.
Mathilde.“ 

„Fehler, Fehler, Du gutes, gutes Kind, was hast Du denn für Fehler?“ sagte der alte Herr, in Thränen schluchzend, und winkte und rief, daß der abgegangene Werkführer zurückkommen solle.

Karl aber gab Gegenbefehl, und bat:

„Mache kein Aufsehen, Vater! Du weinst.“

„Thränen sind kein Schwindel, Karl, – so will ich selbst fort, – ich hole sie noch ein, – ich bringe sie zurück.“

„Laß sie, mein Vater,“ mahnte bewegt der Sohn, und hielt seinen Vater fest, „laß sie ziehen – sie handelt groß und schön – o, ich habe mir’s gedacht, daß sie das kann.“

„Groß und schön!“ wiederholte der Alte, „würde das Cölestine auch können? – Groß und schön – Karl, laß mich, ich hole sie noch ein! Groß und schön – und einige kleine Maschinen, Karl, das wäre besser, als großartige Einrichtung mit schön gebautem Haus! Ich will Deine Mathilde wiederholen!“

„Sie ist nicht mein – sie kann nicht mein werden!“ versetzte der Sohn; „ich will Dir von Cölestine erzählen, die ist mein!“

„Und würde sie auch so handeln, Karl? Groß und schön – wie unsere, wie meine Mathilde? Laß mich los, Karl, ich bringe sie zurück!“

Der Sohn aber ließ nicht los, Arm in Arm ging er mit dem Vater tiefer in den Garten hinein, ohne auf die Frage zu antworten. Da ließ auch der Alte nicht los von der Frage, und wieder und immer wieder hob er an:

„Würde sie auch so handeln?“

„Wie kann ich das wissen!“ versetzte endlich Karl, „die beiden Charaktere sind verschieden. Aber Eins weiß ich, ich komme mit ihr an’s Ziel! Vater, wie wird dann unser Haus im Glanze stehen! Wie wird an unsere Firma, in einem weit höheren Grade, als jetzt, sich Gewinn, Ehre, Ruhm – mit einem Worte: das Geschäftsglück knüpfen!“

„Geschäftsglück, Sohn!“ sprach der alte Herr, „machst in Papieren und in Noten kühn, und Deine Zettel, Deine Lumpen blüh’n!“

„Das brauchen wir eben nicht, wenn ich Cölestinens Capital habe!“ tadelte Karl, „Vater, wende doch Ziffer und Zahl an, wie ganz anders wird sich Alles formiren!“

Und er redete nun und schilderte; er erzählte von Cölestinen und deren häuslichen Tugenden, sprach von den jungen Fabrikbesitzern, die ja auch um Cölestinens Hand sich beworben, und dieselbe doch nicht gewonnen hatten, – er pries sein Glück, er malte den Glanz der Zukunft. – Es war, als wolle er nicht nur den Hauptzweck dieser Ansprache – die Beruhigung des alten Herrn – erreichen, es war auch, als brauche er dieses Schildern und Malen für sich selbst, für sein Herz, welches ja doch aus der errungenen Ebbe gehoben und wenigstens von einzelnen Fluthwellen bewegt wurde, seit er wieder heim war in die Fabrik.

Hauptzweck und Nebenzweck seiner Rede wurde erreicht. Nicht nur der alte Herr, auch Karl fühlte sich nach einer Stunde weit ruhiger, als vorher. Der letztere konnte auf seine wiedergewonnene Ruhe mit ziemlicher Sicherheit bauen, – für seinen Vater aber mochte er nicht bürgen, hier war ein Rückfall möglich. Um den Vater zu überwachen, beschloß daher der Sohn, heute nicht nach der Stadt zu reiten.

Arm in Arm verließen Beide den Garten, durchgingen nochmals die Arbeitssäle – die lärmvolleren und die stilleren – auch die Packstube. Dann ward Feierabend – Feierabend, wie er oben auf den Bäumen lag, wo die Vögel schliefen, und wie er unten sich ausbreitete auf Wiese und Garten, – friedliche Stille überall. –


Einige Wochen sind vergangen. Wie arbeiten Maurer und Zimmerleute! Ein stattliches Fabrikgebäude erhebt sich neben den schon stattlich stehenden; ein neuer, hoher Schornstein gesellt sich zu den schon dampfenden. Der Bau hat nicht nur begonnen, er ist schon weit vorgeschritten, und Maurer und Zimmerleute scheinen zu wetteifern mit den Fabrikarbeitern drinnen in den alten soliden Sälen, und Axt- und Hammerschlag verbindet sich mit dem Surren und Schnurren der Maschinen in einer Weise, welche nicht jedem Ohre so wohlklingen mag, wie es dem Ohre Karls klingt, der bald draußen bei dem Bau, bald drinnen in den lärmvollen Sälen sich befindet.

Der alte Herr geht im Garten auf und nieder. Bedenklich bleibt er oft stehen, – er liest Briefe, welche er mit letzter Post aus Amerika erhielt. – Er ruft nach dem Werkführer in der Packkammer, – nach demselben, der ihm vor einigen Wochen das Billet von Mathilden überbrachte.

Sprechen wir einige Worte erst von ihr. Sie wohnt bei einer Verwandten. Das Haus steht auf der Höhe, ganz am Ende des Dorfes. Die Stube, die Mathilde dort inne hat, ist blank und sauber, wie sie selbst es ist. Ihre Sachen ließ sie längst abholen aus der Fabrik; sie näht und strickt für die Leute, lebt still und eingezogen. Gegen Abend unternimmt sie zuweilen einen Gang nach dem Walde hin, welcher die Höhe begrenzt, auch wohl hinein in den Wald – so weit, bis man hinabsehen kann in das Thal, in welchem die hohen Schornsteine rauchen. Sie blickt hinab in das Thal, betrachtet Gebäude, Garten, Wiese, – still kehrt sie heim.

Weder den jungen noch den alten Herrn hat sie wieder gesehen, seit sie aus der Fabrik schied. Aber von dem alten Herrn hatte sie vor nicht zu langer Zeit ein Briefchen bekommen, in welchem blos die Worte standen:

„Ich denke recht oft an Dich, Du fehlst in der Packstube und im Garten, – Mathilde, ich glaube, auch Karl denkt an Dich, aber er gesteht es nicht – weder sich selbst, noch mir. Antworte nicht, sondern komme selbst und arbeite wieder bei uns.“

Dieses Briefchen hatte der alte Herr heimlich geschrieben, – deshalb, weil er dem jungen Herrn versprechen mußte, Mathilden nicht zu besuchen, sie nicht wiederzuholen, nicht mit ihr zu reden. – Das Alles wußte Mathilde nicht, aber sie kannte ja den alten Herrn, und dachte sich so halb und halb, wie es gewesen sein mochte.

[226] Zurück jetzt zu dem Werkführer, den wir vorhin schnell fallen ließen. Auch er dachte sich, als er vor dem alten Herrn erschien, so halb und halb, wie es sein mochte – nämlich mit den Briefen aus Amerika, die der alte Herr noch in der Hand hielt.

„Wie viel sind von den Ballen gepackt, welche mit der Signatur „St. in Hamburg“ abgehen sollten?“ fragte er den Werkführer.

„Zweiundzwanzig,“ antwortete dieser.

„Bleiben liegen, – wird weiter nichts gepackt, – den gepackten keine Signatur gegeben.“

Nach diesem ausgesprochenen Befehl ging der alte Herr zu seinem Sohn, der Werkführer auf die Packstube.

„Du siehst wohl mehr, als eigentlich zu sehen ist, Vater,“ sagte der Sohn, nachdem er die Briefe gelesen.

„Ich lese zwischen den Zeilen, – die Dinge können nicht besonders stehen, – Karl, Karl, wenn wir in einen Schwindel geriethen!“

„St. in Hamburg wird sicher gehen, – wir können getrost die Waare an dieses Haus verabfolgen lassen. Wie wollen wir sonst Geschäfte machen, – und wie können wir überhaupt glänzende Vortheile gewinnen, wenn wir Mißtrauen schöpfen aus großen drängenden Aufträgen? – Zu Deiner Beruhigung aber will ich unserm Hause St. in Hamburg noch besonders und eindringlich schreiben, mit Vorsicht zu verfahren.“

Während Karl so sprach, ging der alte Herr überlegend auf und ab, und recitirte einige Zeilen aus dem bekannten Gedicht des „Ernst Heiter.“

[227] Und das Resultat der Besprechung? – Auf die Packstube wurde ein Gegenbefehl gegeben, – die Ballen erhielten die Signatur, – neue Ballen wurden gepackt, – nach einigen Tagen ging die Waare nach Hamburg.

Nach einigen Tagen kam auch Fräulein Cölestine angefahren mit ihrem Vater, Beide stiegen aus und besahen den Bau nicht nur, sondern das ganze Etablissement. Karl und sein Vater waren zugegen, und Beide schlossen an Beide sich an, – und als man besehen hatte, setzte man sich zu Tisch.

Auch das war vorbei. Da zog der alte Herr den Bräutigam auf die Seite und sagte: „Karl, wir müssen allein sprechen.“

Und als sie allein waren, hob der Sohn an: „Du scheinst verstimmt zu sein, Vater, – nichts von Mathilden!“

„Nichts von ihr, Karl, – aber sie wäre doch ein ganz anderes Kind für mich,– also nichts von ihr, nichts! Von etwas Anderem, Karl.“ Er zog einige Rechnungen aus der Rocktasche und fuhr fort: „Hier, Karl, der Bedarf wächst, – nur auf Abschlag für Maurer und Zimmerleute! und dann, Karl, wenn die Maschinen kommen, sofort wieder auf Abschlag! – Du hattest doch Hoffnung, man würde Dir heute ebenfalls eine Zahlung auf Abschlag –“

„Ich habe sie noch, – aber sei nicht verstimmt, Vater, dränge nicht,“ bat der Sohn. Und der Alte drängte nicht, er wurde Herr über seine Verstimmung.

Die Zeit verging, – der Wagen stand bespannt im Hofe,– die erwünschte Offerte zeigte sich nicht. Gewandt brachte Karl es an seinen künftigen Schwiegervater, daß er viele Papiere in den Händen habe, welche erst nach einigen Monaten zahlbar würden,– wie das einigermaßen genire beim Bau, – aber die Offerte kam nicht. Man stieg in den Wagen, man fuhr ab, und der alte Herr ging mit schnellen Schritten in den Garten, und sagte lächelnd und doch entrüstet: „„und deine Zettel, deine Lumpen blüh’n!““




Wir rücken ein kleines Stück weiter in der Zeit. Die Leipziger Michaelismesse war vorbei. Schöne, sonnige Herbsttage gab’s, aber am Horizont der Handelswelt war das Ungewitter längst aufgestiegen, weiter und weiter breitete es sich am Himmel aus, näher und näher zog es auf Deutschland heran. Der „große Krach“, welcher in Amerika geschehen war, erschütterte natürlich auch Europa, – und wie konnte da Deutschland, welches so innig und tausendfach mit Amerika verbunden ist, von der Erschütterung verschont bleiben?

Bald nach der Leipziger Michaelismesse schon hatte ein harter Schlag auch unsern alten Herrn getroffen. Noch hielt sich das Geschäft, – der Bau aber gerieth in’s Stocken. Karl bemühte sich, die zu erwartende Mitgift seiner Braut wenigstens theilweise herbei zu bringen, – es war vergebens, – Cölestine wich aus, ihr Vater wich aus. – Nun stieg die Verlegenheit für den alten Herrn und seinen Sohn von Tag zu Tag. Die Papiere, welche sie besaßen, waren jetzt zwar zahlbar, aber viele davon mußten sie schon früher mit Verlust verwerthen, die noch übrigen und die etwa einlaufenden Zahlungen reichten kaum hin, das Geschäft im Gange zu erhalten.

Da kam der verhängnißvolle December. In der Natur noch immer heitere Tage, – aber Sturm, Blitz und Wetterschlag entluden sich über Hamburg, Berlin, Wien, Stettin und fast allen Groß- und Mittelhandelsstädten Deutschlands.

Die „Krisis“ war da, und zog wie ein Würgeengel von Platz zu Platz, und schlug über Nacht.

Gleich in den ersten Würgnächten war auch das Haus St. in Hamburg gefallen. Schnell kam die Todespost in’s Thal zu unserm alten Herrn und dessen Sohn. Todesangst ergriff sie, – sie lagen getroffen von einem ungeheuren Verlust.

Armer, alter Herr! – Wir wollen nicht erzählen, in welch sonderbare, oft komische Ausbrüche und Ergießungen Du verfielst, – Deine Lage ist zu ernst und traurig.

Und Karl, – betrachten wir ihn genau, wir werden kein hartes Urtheil über ihn fällen. Er ist jung, ist Kaufmann, hat sich ein Strebziel gestellt, gehört einer Zeitperiode an, die so manchen Rechtlichen verlockte, der älter und erfahrener war, als er.

Der jetzige Schlag hat ihn gebeugt, aber er erhebt sich, er verzagt nicht. Schnell ordnet er, was zu ordnen ist, sitzt und arbeitet die Nächte hindurch, läßt den Bau gänzlich still stehen und – so weh es ihm und dem Vater thut – er reducirt die Zahl der Fabrikarbeiter auf die Hälfte.

Es versteht sich von selbst, daß er oft hinüber reitet zu seiner Braut. Auch können wir annehmen, daß in der Umgegend das Gerücht geht: „L. und Sohn werden doch noch falliren.“

Sie fallirten nicht, so nah sie auch daran waren.

Fünf Tage aber nach den eingetretenen Reducirungen, Entlassungen und Veränderungen kam ein höflicher Brief vom Vater Cölestine’s, ein höflicher Rücktrittsbrief.

Es ist gut, daß wir Cölestine nicht beschrieben, nicht geschildert haben. Schön war sie nicht, von Herzen weder gut noch schlecht, – übrigens verwöhnt durch die vielen Bewerbungen um ihre Hand, – im Ganzen eine weiche Treibhauspflanze.

Immerhin aber fühlte der alte Herr und sein Sohn den neuen Schlag gar sehr. Eine beschleunigte Heirath konnte Alles in den frühern Stand bringen, – vielleicht nur die Vollendung des Baues mußte eine Zeit lang verschoben werden. Jetzt stellte sich’s anders. Es war keine Möglichkeit, das volle gangbare Zeug in der Fabrik fortzubeschäftigen, – ein Theil der Maschinen mußte abermals stehen, und von den Arbeitern – das wurde in strenger Stille abgemacht – behielt man größtentheils nur diejenigen, welche mit der Zahlung des Lohnes in Geduld stehen konnten. Die übrigen mußten Feierabend machen.




Der neunte December kam, – der Geburtstag des alten Herrn. Vater und Sohn blieben jetzt stets in der Fabrik, – der Schimmel stand ruhig im Stalle, sollte verkauft werden, sobald sich ein Käufer fände. Der junge Herr hat es selbst so bestimmt, dem alten Herrn thut es leid, daß der fleißige, jetzt fort und fort arbeitende Sohn sich trennen soll von dem Thier. Doch es thut ihm noch Anderes leid, und mehr leid als das. Er fühlt die Erschütterung seiner Finna tiefer, als ein Zweiter sie fühlen kann. Durch Thätigkeit, Umsicht, günstige Conjuncturen war er gewachsen. Kaufmännische Ehrenhaftigkeit stellte von Jahr zu Jahr seine Firma höher, und trotz der blendenden, aber seichten Grundsätze, welche sich in neuerer Zeit der Handelswelt bemächtigten, hielt er die alten, soliden Ansichten fest. Nur seit einem Jahre war er, größtentheils genöthigt durch Umstände oder auch mit verleitet durch Karl, davon abgewichen. Oft faßte ihn darüber tiefe Besorgniß, – er sah, was da kommen konnte, – es war nun gekommen.

Jetzt sitzt er rechnend und schreibend oben auf seinem Zimmer. Er muß schon lange gearbeitet haben, es liegen viele fertige Briefe vor ihm.

„Aus nun!“ spricht er vor sich hin, legt die Feder weg und siegelt die Briefe, und gibt ihnen die Adresse. „Geburtstag heute,“ fährt er fort, als er auch dieses Geschäft vollendet hat, und steht auf und tritt an’s Fenster, durch welches die winterliche Abendsonne blickt, „Geburtstag, wie er noch nie gekommen, Geburtstag ohne Freude, – die Freude weg durch’s amerikanische Schwindelthum!“

Er sah hinüber nach dem Garten, – gedankenvoll nach dem längst verblühten Blumenbeete links und rechts, wo soeben ein Arbeiter eine schützende Einhüllung gegen Frost und Schnee, welche nun täglich eintreten konnten, anbrachte.

„Ist auch spät damit, – Alles außer Ordnung,“ fährt er fort, „würde anders sein, längst geschehen sein, wenn Anderes nicht geschehen wäre, – und sonst war Mathilde dort, – jene zwei Beete pflegte sie gern.“

Er steht, – er sinnt. Ein Anflug von Freude legt sich auf sein Gesicht. Aus dem Sinnen und Denken scheint eine Neigung, – aus der Neigung ein Entschluß zu erwachsen.

„Warum sollt’ ich das nicht?“ spricht er weiter, „dieses Angebinde kann ich mir zu meinem Geburtstage schon machen, – und ich will’s, ich will’s!“

Er sieht nach der Uhr, die auf dem Schreibepulte steht, er nimmt Stock und Hut, rafft die gesiegelten Briefe zusammen.

„Diese Briefe müssen noch zur Post,“ sagt er draußen zu einem Werkführer, „also hin damit, zu meinem Sohne! Ist er noch auf seiner Schreibstube?“

Der Werkführer bejaht es und geht. Der Alte geht auch, – an dem Treppenhause, wo der Weg hinter nach Karl’s Schreibstube führt, bleibt er stehen.

„Nichts da, – braucht gar nichts zu wissen!“ entscheidet er schnell, „Geburtstagsfreiheit, – Geburtstagsfreude, – hält mich sonst zurück – – ich gehe! – ’s kann seinen Nutzen haben, – tritt vielleicht wieder ein als Arbeiterin, braucht nicht augenblickliche Zahlung, würde in Geduld stehen auf Rechnung. – wenn sie wiederkäme! – er hat sie ja lieb, lieb noch, – o Gott und Herr! [228] – sie ist ja auch nicht ganz arm – und ohne Schwindel – was könnte diese Summe!“

Diese letzten Worte seufzt er mehr, als daß er sie spricht, und dennoch wird der Anflug von Freude, welchen wir schon vorher auf seinem Angesicht bemerkten, ein warmer Strich von Begeisterung. Fort, fort läuft er jetzt, rasch geht’s aus dem Thale den Berg hinaus, – Geburtstagsfreude, Geburtstagshoffnung ziehen unter der rothen Abendsonne funkelnd durch das alte, kindliche Herz.

Und er kommt an das letzte Haus des Dorfes, – er steigt die Treppe hinan, – er klopft, er tritt hinein, die Fensterscheiben glühen in der Abendsonne, – Mathildens Wangen in Erschrecken und Freude, in der Sonne der Erinnerung, der Sonne, welche nicht untergeht. Er streckte ihr die Hand entgegegen.

„Ist mein Geburtstag heute, mein neunundsechzigster, – mußte kommen, Mathilde!“ sagte der Alte nach Gruß – „mußte kommen, da Du nicht kommst, hatte Dir geschrieben, Du möchtest wieder eintreten, – geschrieben, wo Alles noch gut stand, – jetzt steht es schlecht, Mathilde, da wirst Du vollends nicht kommen, – weißt wohl, wie es steht? – aus dem Bau nichts, mit den Maschinen nichts, mit der Braut nichts, – Schwindel, Schwindel!“

Er seufzte und sprach dann weiter:

„Haben zwei Drittel der Arbeiter entlassen, können blos solche brauchen, welche nicht augenblicklich Geld brauchen, – bezahlt wird ehrlich, nur nicht sogleich, dachte da an Dich, Mathilde, – und nicht deshalb allein, ich dachte an Dich auch in anderer – wirst wohl nicht kommen?“

Mathilde stand gebeugt, – unter schmerzlichem Lächeln schüttelte sie ihr Haupt.

„Also nicht, nicht, Mathilde,“ klagte der Alte; „schlimme Antwort für mich, hatte einige Hoffnung vorhin, sah hinüber nach den abgeblühten Beeten rechts und links, – wurden gerade eingehüllt in Stroh, – da dachte ich an Dich, an Alles, – an das Blumenbeet links, Mathilde, – und ich machte mich auf, ich ging, – aber Karl weiß nichts davon, Mathilde, – ich ging still, still, – will auch still bleiben, da Du nicht kommst.“

„Kommen nicht,“ sprach leise Mathilde, „aber wenn ich helfen könnte, –“

Die Fenster glühten roth, – die Wangen noch röther, – sie erhob das Haupt, ging, schloß die bunte Truhe auf, gab dem alten Herrn einen Bogen und sprach:

„Mein Onkel wird Ihnen die Papiere sofort aushändigen; ich will an ihn schreiben oder selbst in die Stadt gehen.“

Der Bogen aber enthielt die schriftliche und untersiegelte Erklärung, daß der Onkel fünftausend Thaler in preußischen Staatsschuldscheinen zur Aufbewahrung von Mathilden übernommen habe und zur Rückgabe jeden Tag bereit sei.

Als der alte Herr gelesen, zitterte der Bogen in seiner Hand. Dann stand er eine Weile, – er konnte nicht sprechen, – und als aus seinen Augen einige Thränen auf den Bogen fielen, da faltete er denselben zusammen, steckte ihn ein, reichte schweigend dem Fabrikmädchen die Hand und eilte fort.

Draußen aber auf dem kleinen Vorsaal blieb er stehen, lehnte den Kopf an den Essensims und weinte laut und rief:

„Karl, o Karl! als sie heimlich fortging, hast Du gerührt und liebend gesagt: „sie handelt groß und schön!“ und nun, und jetzt – Karl, o Karl! o, immer größer, immer schöner! – fort, fort mit dem Schwindel! o komm, mein Junge, Du liebst sie ja, ’s ist Dir ja schwer an’s Herz gegangen! – „Groß und schön!“ – immer größer, immer schöner!“

Noch lange stand er weinend am Essensims, – sprach in seiner Weise noch Manches aus dem überfließenden Herzen mit überfließenden Augen, sprach’s laut genug, – und drinnen hörte man’s, – drinnen weinte es leise.

Als der alte Herr heim kam, war das Abendroth hinabgebrannt am kalten, grauen Decemberhimmel, aber bald brannte ein schönes Morgenroth auf, – der alte Herr sprach mit dem Sohne, und in dem aufgegangenen Morgenroth feierten Beide noch den Geburtstag, – glücklich, entschieden, Brust an Brust.




Eine andere Geburtstagsfeier wurde zwei Wochen später von vielen Millionen begangen. Auch in einem der Fabriksäle leuchtete ein Christbaum, wie dies schon in früherer Zeit zu Weihnachten stets der Fall war. Hatten sich auch für das Geschäft die Wunden noch nicht ausgeheilt, war auch der Neubau noch nicht wieder in Angriff genommen und ragte auch der eine neue Schornstein ohne Dampf empor; im Ganzen stand doch Alles viel besser, als einige Wochen vorher. Durch kluges Verfahren hatte sich der in Amerika eingetretene Verlust etwas abmindern lassen, mehrfache, schon verloren gegebene Zahlungen waren eingegangen, und vor Allem – die Fünftausend brachten eine gar wirksame, von Tag zu Tag wachsende Hülfe. – Die Fabriksäle hatten sich wieder gefüllt mit dem sämmtlichen frühern Arbeiterpersonal, alle Löhne waren bezahlt, bedeutende Wollvorräthe wieder vorhanden und jeder Saal, jeder Arbeitsraum verkündete es, daß die Wunden wenigstens verharschten und einer weitern Ausheilung entgegengingen.

So durfte denn am „heiligen“ Abend der Christbaum und ein kleines Geschenk für die Arbeiter auch diesmal nicht fehlen.

Der alte Herr ordnete noch auf den Tischen und Tafeln. Und er nicht allein, – an seiner Seite schafften und ordneten so fleißig, wie er, Karl und Mathilde.

„Herein! Alle herein!“ rief der alte Herr und öffnete den Saal.

Werkführer und Arbeiter, Frauen und Mädchen traten herein und Allen wurde der Platz angewiesen. Nicht nur der Christbaum, auch die Arbeitslampen brannten und viele Lichter an den Wänden und auf den Tafeln, so daß der Saal ganz hell war.

„Nur einige Worte!“ hob der alte Herr an. „Vorhin war’s finster hier, aber es ist nun hell geworden. Und weiter! Vor einiger Zeit war’s finster, sehr finster im ganzen Hause, im ganzen Geschäft – finster durch’s Schwindelthum! Aber, Gott sei Dank, es wird ja wieder hell, und ich denke, ’s wird immer heller werden, viel heller! Nur fort, fort! hinaus aus der ganzen Welt mit dem Schwindel!

„Und weiter noch! Alle Welt, die da einst finster und im Schwindelthum begraben lag, die wurde erleuchtet und gebessert durch den Eingeborenen. Diese freudige Botschaft verkündete der Engel zuerst den armen Hirten auf dem Felde, ’s war kein Schwindel, – die Hirten fanden das Kind, das neugeborene. Nun will ich Euch auch etwas verkünden, auch eine freudige Botschaft, und Euch zuerst, Euch armen Fabrikarbeitern! Und was ich Euch sage, ist auch kein Schwindel, – Ihr werdet zwei Kinder finden, meine Kinder, nicht in der Krippe, aber in der Fabrik, täglich in der Fabrik! Hier sind sie! Verkündet es allem Volk: sie sind Braut und Bräutigam! Gott segne sie, sie und unsere Fabrik!“

Freudig überrascht standen Alle, – freudig auch das Brautpaar und der alte Herr, aber überrascht nicht, denn die Drei wußten es ja lange vorher, wußten es schon bald nach dem Geburtstage des alten Herrn.

Als der Saal wieder leer war, ging der alte Herr zu seinen Kindern. Er sah sie an, – er lächelte.

„Karl, Karl,“ fuhr er dann fort, „nun behältst Du auch den Schimmel.“

Geschäftig putzte er die Lichter am Christbaume, stieg behend hinauf nach den Wandleuchtern und sprach dabei weiter:

„Gott sei Dank! wie es jetzt steht, Kinder, können wir den Schimmel auch ohne Schwindel behalten!“

Die Kinder antworteten nichts, denn sie hörten nichts, – sie gingen Arm in Arm, Aug’ in Auge, Herz in Herz im Saale hin und her, – – o stilles, seliges Versunkensein!

Erst, als der alte Herr von Neuem redete, erwachten sie aus dem glücklichen Halbträumen. Karl strich seine Stirn und sagte zerstreut:

„Ich glaube, Du sprachst von – – nun ja, ganz richtig, lieber Vater, – um den süßen Kern des Geschäftslebens legt sich nun einmal zuweilen durch ungünstige Conjunctur eine bittere Schale, – aber durch günstige Conjunctur wird die Schale gebrochen, der süße Kern noch erreicht –“

„Karl, Karl, ich sprach ja vom Schimmel, – aber laß gut sein, Karl, – und auch Du, Mathilde, – o Kinder, wie sind wir so glücklich!“

Sie waren es, – sie sind es noch heute. Die hohen Schornsteine im Thale dampfen, – es schnurrt und surrt in den Sälen, – vielleicht, daß der Neubau nach einigen Jahren vollendet steht.