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Textdaten
Autor: Jakob Dangelmaier
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Titel: Biographie des Dr. Jakob Dangelmeier’s
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aus: Über die Gesundbrunnen und Heilbäder Württembergs. Vierter Theil.
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Erscheinungsdatum: 1823
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Erscheinungsort: Gmünd
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Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Siehe auch Schwäbisch Gmünd
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[I]
Ueber die


Gesundbrunnen und Heilbäder


WÜRTTEMBERGS.


Ein Taschenbuch


für


BRUNNEN und BADE-REISENDE


von


D. J. Dangelmaier.


Vierter Theil.


Gmünd, 1823.



De Gesundbrunnen Heilbäder Württembergs 101.jpg



[II]
Biographie


des


Dr. Jakob Dangelmaier’s.





Gmünd, 1823.


[III]
Vorrede.

Dem Verfasser seiner eignen Biographie legt man oft gerne zu Last, daß Eigenliebe und Eigendünkel bei seiner Arbeit die Feder geführt, und, um ein schönes Bild von sich zu geben, seine Flecken mit sich beigelegten Tugenden zu übertünchen, oder wohl gar seine Fehler zu verschweigen gesucht habe.

Dieser Vorwurf kann mich nicht treffen, indem mich Eigenliebe nie beherrschte, und ich mich in meinem ganzen Leben so zeigte, – wie ich war, und dachte.

Mit meinen Fehlern bekannt zu werden, gaben mir meine Feinde Gelegenheit genug, zumal sie mir dieselben immer im Vergrößerungs-Glas [IV] zeigten, und Fehler andichteten, die ich nicht hatte, oder mich deren nie schuldig gemacht habe – ja sogar mich für fremde Fehler bestraften.

Dagegen wurde mir zur Eigenliebe und dem Glauben, ein besserer Mensch zu seyn, als ich wirklich bin, nie Veranlassung gegeben; denn ich stund nie auf einer so glänzenden Stuffe, auf der so manchem Glückspilz von niedrigen Schmeichler seine Laster als Tugenden angepriesen werden, und, um diesem zu gefallen, den ehrlichen Mann ohne Bedenken zernichten und todschlagen, wenn dieser nicht mit ihnen in das Lob und die sklavische Anbetung ihres Abgotts einstimmte, und dadurch den Stolz dieses Günstlings und Glücksritters gereizt hat. –

Wäre ich nicht im Vaterlande so sehr gedrückt, und öffentlich gebrandmarkt worden, so würde mir in meinem Leben, nie der Gedanke gekommen seyn, meine Biographie zu schreiben, vielweniger dieselbe, dem Drucke zu übergeben. [V] Nun bin ich aber – obschon ich am Rande des Grabes stehe, zu Rettung meiner Ehre, mir, meiner Familie, und meinen Freunden – schuldig, mich durch diese öffentlich zu rechtfertigen, und zu beweisen; – daß ich im Vaterlande ein besseres Schicksal verdient hätte, – wofür recht laut meine vaterländische Schriften und vorzüglich meine patriotischen Journale sprechen, wegen denen man mich als Volks-Aufwiegler angeklagt, und auf diese Anklage hin angefangen hat, zu verfolgen, und bürgerlich zu zernichten. –

Zugleich soll meine Biographie ein abschreckendes Beyspiel seyn, daß doch ja keiner studiren – oder sich zu Amtsdienstbekleidungen befähigen solle, der nicht im voraus vergewißert ist, daß er durch Vetter- und Fraubasen-Gunst eine Anstellung erhalten werde. – Man hat immer meine gründliche Arbeiten, so wie meinen Geschäfts-Eifer, anerkannt – dessen ungeachtet erhielt ich doch keine Anstellung; – wo hingegen [VI] den Vetter- und Fraubasen-Jungens das Anstellungsdekret schon ausgefertigt wurde, so bald man diese von Tübingen her die Weinsteig herabkommen sah, – oder so bald ein junger Schreiber in der Schreibstube bewiesen hatte, wie man den Hunde-Seelen – wie ich den Unterthanen von einem jezt hohen und mit Orden behängten Staats-Beamten, als er noch Schreiber war, tituliren hörte; mehr Abgaben abzwacken, und diesen recht sklavisch, übermüthig, stolz und kränkend behandeln könne.

Gesetzt – ich hätte auf die mir zur Last gelegte Weise den sehr geringen Dienst in Munderkingen zu erlangen gestrebt, – was aber erwiesener massen der Fall nicht ist – so wäre offenbar hieran blos die Regierung schuld, und könnte mich daher durchaus nicht bestrafen; denn hätte sie mir bei meiner anerkannten Diensttüchtigkeit eine angemessene Anstellung gegeben, – wozu es ihr an Gelegenheit nicht [VII] gemangelt hat, so hätte ich nicht Ursache gehabt, einen so geringfügigen Dienst zu suchen. –

Aber auch andern Unglücklichen und unschuldig Gedrückten und Verfolgten möge mein unverdientes hartes Schicksal zum Trost und zur Beruhigung dienen.

Man hat mir Ehre und Nahrung genommen, und ist noch nicht damit zufrieden, sondern man sucht mich auch noch auf alle ersinnliche Weise zu drücken, und jede Rechtshilfe zu versagen, und zwar thun dieses Menschen, die mir an Kenntnissen und Geschäfts-Eifer weit nachstehen, und von denen manche mir Dankbarkeit schuldig sind. Und alles dieses thut man mir unter dem Vorwand einer mich treffenden Strafbarkeit – daß ohne mein Wissen und Willen mein Abschreiber einen ganz unschädlichen Abschreibfehler gemacht hat; und man nimmt keine Rücksicht darauf, was ich dem Vaterlande und meinen Mitmenschen schon Nützliches geleistet habe, und noch ferners hätte leisten können; – vielmehr will man [VIII] mich dafür von allen Seiten den gröbsten Undank fühlen lassen. –

Daß mich dieses schmerzt, kann ich nicht läugnen; aber unglücklich fühle ich mich deßwegen doch nicht; denn der Gott, der die Lilien auf dem Felde kleidet und die Vögel in der Luft nährt, wird auch für meine geringen Bedürfnisse auf meine noch wenige Lebenstage sorgen, und nach meinem Tode auch die Meinigen nicht verhungern lassen. Eben so wird er die Bedrückungen von mir abwenden, wenn ich dieselben nicht mehr zu tragen vermag; – und dann ist doch, wenn man auf das Sterbebett kommt, derjenige, der auf dieser Erde nichts zu verlieren hat, unendlich glücklich im Verhältniß zu dem der aufgeblasen von Gunst, Macht und Ansehen sich für einen Halbgott angesehen, über seinem zeitlichen Schimmer die Ewigkeit vergessen hat, und den dann die Schatten derjenigen rächend und schreckend umgauckeln, die er in seinem Leben [IX] aus Stolz, Leidenschaft, falschen Vorurtheilen und Rachsucht gedrückt und gemordet hat.

Ich habe – wie aus meiner Biographie ersichtlich ist, als Mensch, Christ, Unterthan, Vater und Bürger gethan, was nach meinen Kräften möglich war; – aber auch schwer – sehr schwer habe ich gelitten. Darum darf ich bei meinem reinen Gewissen und meiner Überzeugung, meine Pflichten treu und redlich erfüllt zu haben, den Lohn hoffen, den Jesus – für die erduldete Leiden verheißen hat; und zugleich erwarten, daß, während meine Feinde über die von ihnen mir bereiteten Leiden triumphiren, gefühlvolle Seelen mir eine Thräne des Mitleids schenken, und ihre Hilfe nicht versagen werden! wofür sie Gott reichlich lohnen und vor ähnlichem Mißgeschicke bewahren wolle.

Gmünd im Mai 1823.

Der Verfasser.

[X]

Inhalt.
Seite
Jugendgeschichte 1
Studienlaufbahn 8
Praktische Laufbahn 13
Sein Leben und Wirken als Advokat, Familien-Vater, Bürger und Ökonom 15
Als Landsturms Compagnie-Commandant 26
Als Kirchenstifter 29
Als Bürger-Deputirter 31
Als Schriftsteller 45
Sein besonderen Schicksale 54
Untersuchung und Bestrafung 66
Schlußbemerkungen 78
[1]

Jugendgeschichte.

Am 16. Februar 1777 wurde ich in Wißgoldingen, einem der Freiherrlich v. Holzischen Familie gehörigen Orte, geboren. Mein Vater war von Profession ein Schuhmacher, welches Handwerk er bei dem damaligen Orts-Schultheißen, Michael Dangelmayer, erlernt und nach seiner vollendeten Lehrzeit – als Geselle bis zu seiner Verheirathung getrieben hat.

Dieser Lehrmeister meines Vaters hatte zwei Söhne, die studirt hatten, wovon der eine Namens – Jakob – Pfarrer in Wißgoldingen, – der andere – Michael – Obervogt in Donzdorf war, mit denen mein Vater, besonders dem Orts-Pfarrer in wahrer freundschaftlichen Verbindung gestanden, was auf meine Laufbahn vorzüglich Einfluß hatte.

Bald nach seiner Verheirathung gab mein Vater seine Schuhmacher-Profession auf, und fieng dagegen, [2] neben Bestellung seiner kleinen Feldökonomie, Nadeln-Büchschen zu stechen, und Pfeiffenköpfe zu schneiden an; in welchem Geschäfte er mich frühzeitig unterrichtete, und dem ich mich – so lange ich in meinem elterlichen Hause war, gewidmet habe.

Ehe ich zu dieser Arbeit fähig, mußte ich unser Vieh auf die Weide treiben, und ich wählte zu meinem gewöhnlichen Weideplatz den zu der Wißgoldinger Ortsmarkung gehörigen Stuifenberg, der bekanntlich an Höhe noch über seine zwei Brüder – den Hohenrechberg und Hohenstaufen emporragt. Auf der Spitze dieses Berges[1] empfand ich jedesmal die seligsten Gefühle; denn hier sah ich – nach meiner damaligen Vorstellungskraft, eine große Welt vor mir ausgebreitet, und ich träumte mir, daß ich vielleicht doch in meinen reifern Jahren noch so glücklich seyn werde, auf diesem Schauplatz, den ich von ganz glücklichen, und durchaus guten Menschen bewohnt zu seyn glaubte, eine höhere und wichtigere Rolle zu spielen, als die – eines Viehhirten, oder Nadelnbüchschenstechers. So glücklich ich mich jedesmal in diesen Träumereien fühlte; so beunruhigten dieselben doch mein jugendliches Gemüthe [3] nicht, und ich widmete mich bereitwillig meiner nächsten Bestimmung.

Unter der strengsten Zucht wurde ich von meinem Vater gehalten und erzogen; und bei den kleinsten Fehltritten entgieng ich seiner Züchtigung nicht. Strenge hielt er mich zur Arbeit, zum Lesen und Schreiben, dem Religionsunterricht, dem Schul- und Kirchenbesuche an. In der Kirche war sein stetes Augenmerk auf mich gerichtet, und wenn er nur im mindesten bemerkte, daß ich mich nicht ganz ruhig, andächtig und aufmerksam verhalten, oder ihm von der Predigt nicht die Eintheilung derselben bei der Nachhauskunft von der Kirche sagen konnte; so erhielt ich am Mittag nichts zu essen, und mußte während dem Tische auf den Boden sitzen, wo man mir dann eine Schüssel, mit Wasser angefüllt, und eine Gabel dazu, in die Schooß gab. Fast nie erhielt ich von ihm Erlaubniß, zu der Jugend meines Alters auf die Gasse zu gehen und an ihren Gespielen Theil zu nehmen. Und noch in meinen reifern Jahren durfte ich es nicht wagen, zur Nachtszeit das Haus zu verlassen. Er wußte mich aber auch so zu beschäftigen und die Geschäfte so einzutheilen, daß mir nie eine Zeit zur Erholung ausser [4] dem Hause übrig geblieben wäre. So schwächlicher Natur ich auch schon von Kindheit auf war, so mußte ich doch schon in einem Alter von 9 Jahren die verfertigten Waaren in die 4 Stunden von Wißgoldingen entfernte Stadt Geislingen tragen, und die zu der neuen Arbeit bestimmten rohen Waaren wieder nach Haus zurückbringen. Diesen Weg mußte ich, so lang ich zu Hause war, viele hundertmal machen, und zwar fast jedesmal mit einer solchen Last beladen, unter der ich beinahe erlag. Und da ich dieses auch bei der rauhesten und schlimmsten Witterung thun mußte, wo ich mich gar oft dem Schweiß und der Erkältung aussetzte; so hatte dieses auf meine Gesundheit einen sehr nachtheiligen Einfluß.

Den Sinn zu Häuslichkeit und Sparsamkeit suchte mein Vater dadurch in mir zu erwecken und zu befestigen, daß er mir den Erwerb eines Nebenverdienstes gestattete, den er mir aber nach dem Grundsatz – daß man nur auf dasjenige einen hohen Werth lege, und genau zusammenhalte, was man hart und mit Kraftanstrengung erworben habe, – sehr erschwerte. So z. B. durfte ich für mich arbeiten, wenn ich mit meiner täglichen Aufgabe fertig war, die er aber so [5] berechnete, daß mir bei dem größten Fleiß eine halbe oder ganze Stunde zu meinem eigenen Verdienst übrig blieb; besonders da ich mich nach dem Feierabend noch im Schreiben üben, und aus einem Erbauungsbuch oder die Zeitungen, die mein Vater mit dem Pfarrer gemeinschaftlich hielt, vorlesen mußte. – Oder erlaubte er mir in Geislingen eine oder zwei Stunden für meine Rechnung zu arbeiten, welche Zeit ich dann durch den schnellen Lauf wieder hereinzubringen suchen mußte; oder durfte ich auch andern Leuten verschiedenes von Geislingen mitbringen, wofür das Tragerlohn mein gehörte.

Da ich diesen meinen Verdienst so schwer erwerben mußte, und da ich an Anschaffung solcher Kleidungs-Stücke, die der der Städter ähnlich war, so großes Vergnügen fand, so war ich äusserst genau im Zusammenhalten meines Ersparten, und jeder Verlust desselben mir sehr empfindlich. Daher ein Verlust von 2 fl. 23 kr. im Spiel, wozu ich durch einen Dritten, unter den reizenden Vorspiegelungen zum Gewinn, verleitet worden, mir eine solche Abneigung gegen jedes Spiel verursachte, daß ich bis auf die heutige Stunde das Spiel meide, und mich höchst unbehaglich in einer [6] Gesellschaft, wo gespielt wird, fühle. Diese frühzeitige Abneigung gegen alle Spiele kam mit sehr gut zu statten; besonders in meiner Studienlaufbahn, wo man so oft zum Spiel verleitet wird, und wovon die Folgen – das Schuldenmachen und die Versäumung der Studien – die natürlichen Folgen sind.

Wegen der Freundschaft, in der von Jugend auf mein Vater mit dem Orts-Pfarrer gestanden, und ihm zu lieb mir in der Taufe der Name – Jakob – vorzüglich gegeben worden ist; noch mehr aber, weil ich mich sowohl in der Schule, als in dem Unterricht des Christenthums vor allen meinen Mitschülern stets ausgezeichnet habe, war ich der Liebling des Pfarrers; und zog mich bei seinen kirchlichen und pfarramtlichen Verrichtungen zu seinem Asistenten bei.

Dieser stete Umgang mit dem Pfarrer erregte und unterhielt in mir den[2] Wunsch – geistlich zu werden. – Lange sah ich die Mittel und Wege nicht ein, wie ich dieses möglich machen könne: Auf einmal erhielt ich durch folgenden Umstande hierüber Licht. Der Pfarrer bekam einen Kaplan, der oft in mein Haus kam, und mir erzählte: daß er erst in seinen reifen Jahren zu studieren angefangen, und trotz seiner Vermögenslosigkeit [7] es nun so weit, bis zu seinem dermaligen Stande, gebracht habe. Diese Erzählung, und meine an dem Kaplan gemachte Beobachtung, daß er gerade kein vorzügliches Genie seye, und so weit er es in der Gelehrsamkeit gebracht habe, ich es gewiß auch bringen könne, machte den Entschluß zum Studieren mächtig in mir rege. Ich gieng nun zum Herrn Pfarrer und entdeckte diesem mein Vorhaben. Wie ein wahrer Vater stellte mir dieser vor: wie weitaussehend und mit Schwierigkeiten verbunden, das Studieren seye; wie wenig so manche auch in dem Gelehrten – und besonders in dem geistlichen Stande das von diesem sich geträumte Glück und die Zufriedenheit finden; und wie schwer oft die Anstellungen, die ein zureichendes Auskommen verschaffen, zu erlangen seyen. Wenn ich aber doch diesem allem ungeachtet, auf meinem Vorhaben beharren wolle; so seye er, da er von meinen Talenten zum Studieren überzeugt seye, geneigt, mich seinem Freund, dem Herrn Canonikus Vogt in Gmünd, zu empfehlen und diesen zu ersuchen; daß er mir in den Gymnasialgegenständen Unterricht ertheile, damit ich nicht gezwungen seye, mit Erlernung derselben die gewöhnliche 6 Jahre an dem dortigen Gymnasium [8] zubringen zu müssen, sondern in weit kürzerer Zeit das Ziel erreiche.

Da mein Vater nichts gegen mein Unternehmen hatte, so begab ich mich mit einem Schreiben meines Herrn Pfarrers, in den Weihnachts-Feyertagen 1799, zu dem Herrn Canonikus Vogt in Gmünd, der mir auch gleich zusagte, dem Gesuche des Herrn Pfarrers zu entsprechen.

Ich sah mir nun sogleich nach einem Logie, das ich nach dem Neuen-Jahr bezogen, und somit in einem Alter von 23 Jahren zu studiren angefangen habe.


Studienlaufbahn.

Herr Canonikus Vogt gab mir vom Jänner 1800 bis zum Anfang des Schuljahrs im Herbste 1801 Unterricht in den Gymnasialgegenständen, und[3] besonders in der lateinischen Sprache; nach welcher Zeit er mich in die höchste oder sechste Klasse an dem hiesigen Gymnasium gethan hat, und die ich am Schlusse des Schuljahrs 1802 absolvirt habe.

Als die Vakanz vorüber war, gieng ich nach München [9] wo ich bis zum Schulschluß 1803 an dem dortigen Lyceum die theoretisch und praktische Philosophie, die höhere Mathematik, Aesthetik und Naturgeschichte gehört, und nebenbei auch dem Unterricht an dem dortigen Schullehrer-Seminarium angewohnt habe.

Während meines Aufenthalts in München, und zwar vor Ostern erkrankte ich, und die Aerzte riethen mir; daß ich an der Oster-Vakanz nach Hause reisen möchte, indem sie sich von dieser Reise und Luftveränderung die beste Wirkung zu Wiedererlangung meiner Gesundheit versprechen.

Als ich nach Haus kam, so waren meine Eltern und der Herr Canonikus Vogt gegen mich sehr aufgebracht, indem sie meine Heimreise dahin auslegten; als hätte mich nur die Neigung seiner Schwester nach Hause getrieben.

Durch dieses Benehmen wurde die zuvor zwischen uns bestandene reine Freundschaft in Liebe umgewandelt; und da inzwischen mein Ortspfarrer vollends mit Tod abgegangen war, und ich auf Erlangung dieser Stelle keine Aussicht mehr hatte; so faßte ich den Entschluß – mich dem Studium der Rechtswissenschaft um so mehr zu widmen, als der damalige herrschaftliche [10] Oberbeamte immer kränklich war, und ich nach seinem Tode seine Stelle zu erhalten hoffte.

Ich begab mich daher im Herbste 1803 auf die Universität Landshut, und[4] hörte dort bis im Herbste 1805 sie sämmtlichen Gegenstände der Rechts- Staats- Finanz- Land- und Forst-Wissenschaften, – in welchen Fächern meine vorzüglichsten Lehrer – Gönner und Feuerbach[5] waren. Zugleich besuchte ich auch die Vorlesungen über die Natur-Philosophie von Prof. Weber, die über Philosophie, Religion, und einige der Theologie von Sailer und Zimmer, die der Staatsarznei- und Thierheilkunde von Schmidtmüller und die über Anthropologie v. Leveling.

Mit dem Besuche dieser Vorlesungen brachte ich täglich von Morgens 7 Uhr bis 12, und Nachmittags von 1 bis 8 Uhr in den Collegien zu; und zu Hause wendete ich gewöhnlich die halbe Nacht dazu an, um über das Gehörte nachzudenken, und die Hauptsache zu skiziren.

Daß ich mir von fast allen an dieser Universität vorgelesenen Gegenständen und Wissenschaften Kenntniß zu erwerben suchte, davon lag der Grund darin; weil ich damals glaubte, ein Reichsritterschaftlicher Landbeamter [11] zu werden, denen bekanntlich in einer Person alle Verwaltungszweige anvertraut waren.

Ich suchte mir daher nicht nur die wissenschaftlichen Kenntnisse in Bezug auf alle die mit einer solchen Amts-Verwaltung unmittelbar verbundenen Zweige, sondern auch noch die weiteren anzueignen, die mich befähigen, zweckmäßige Anordnungen im Kirchen- und Schulwesen treffen, und dem Landmann in der Landwirthschaft der Behandlung[6] und Heilung der Hausthiere so wie auch der Krankheitsanfällen der Menschen für den ersten Augenblick Rath und Belehrung geben zu können. In dem letzten halben Jahre meines Aufenthalts an dieser Universität wurde die Liebe und Anhänglichkeit an Baiern in mir mächtig rege; und da man damals schon so ziemlich muthmaßete, daß das Ende der Reichsunmittelbarkeit der Reichsritterschaft nicht mehr ferne sey; so habe ich in dem letzten Semester, wo ich nur noch wenige Collegien zu hören und zu besuchen hatte, die übrige Tageszeit in der Kanzlei des dortigen Landgerichts zugebracht, um mir dadurch den Weg zur Erlangung einer Anstellung in diesem Reiche zu bahnen.

Diese meine Absicht schrieb ich nach Haus, erhielt aber von dort die ernstliche Aufforderung nach dem [12] Ende des Schuljahrs nach Hause zu kommen; besonders da der herrschaftliche Beamte wirklich schwer krank sey, und ich nach diesem, als der einzige in der Herrschaft zur Bekleidung dieser Stelle fähige, dieselbe ohne Zweifel erhalten werde.

Um mich von der Erlangung dieser Stelle mehr zu vergewißern, und nicht auf das Ungewiße hin Baiern zu verlassen, sendete ich dem Herrn Canonicus Vogt eine Bittschrift an meine Herrschaft mit der Bitte zu, dieser dieselbe zuzustellen, und mir dann die Resolution hierauf zuzusenden, um daraus ersehen zu können, ob ich mir Hoffnung auf ihre Beamten-Stelle machen dürfe oder nicht? Auf dieses erhielt ich abermal den Auftrag zur Heimkehr mit dem Bedeuten, daß ich nach meiner Zurückkunft mein Gesuch persönlich anbringen müsse, das von guten Freunden werde unterstützt werden.

Es blieb mir also nichts mehr übrig, als daß ich Gehorsam leistete. Ich ließ mich nun aus meinen gehörten wissenschaftlichen Gegenständen examiniren, und erhielt hierüber – in denen mir ausgestellten Zeugnissen – die besten Noten; nachdem ich auf diese Art meine academische Studien absolvirt hatte, verließ ich im October 1805 – das mir so theuer gewordene Baiern [13] mit schwerem Herzen und mit der Ahnung, daß ich da durch mein künftiges Glück verscherze. – –


Praktische Laufbahn.

Kaum war ich zwei Monate zu Hause, so tratt die Mediatissirung der Reichsritterschaft ein, und mein Vaterort wurde gleich anfangs von Baiern und Wirtemberg gemeinschaftlich besetzt. Während dieser gemeinschaftlichen Occupation schwebte ich stets zwischen Furcht und Hoffnung. Endlich zogen die baierische Truppen ab, und überliessen meinen Geburtsort der Souverainetaet Wirtembergs. Nun saß ich; – mit der Krankheit des herrschaftlichen Beamten hatte es sich wieder gebessert, und ich gehörte einem Reiche an, in dem ich Niemand kannte, und auf keine Protektion oder Empfehlung rechnen konnte.

In dieser Lage rieth man mir; daß ich mich um die Erlangung der Advokatur bewerben solle. Diesen Rath zu befolgen, fiel mir Centnerschwer auf mein Herz, indem ich zur Ergreifung dieses Standes durchaus keine [14] Neigung hatte, und zuvor auch nie daran gedacht habe, mich jemals diesem Stande widmen zu wollen.

Da ich nun aber zur Erlangung einer Beamtenstelle durchaus keine Hoffnung hatte, und da die Advokatur mir doch wenigstens die angenehme Gelegenheit darbot, – hier, und somit in der Nähe meines Geburtsorts und meiner Eltern meine Wohnung aufschlagen zu können: So suchte ich bei dem damaligen Ober-Justiz-Collegio[7] um Zulassung zum Advokaten-Examen an.

Auf dieses mein Gesuch erhielt ich die Resolution: daß, da ich ein Königlich wirtembergischer Advokat zu werden wünsche, so müsse ich mich zuvor, ehe ich das Examen hiezu ablegen wolle, mit den wirtembergischen Gesetzen bekannt machen.

Nun stunden die Ochsen wieder am Berg; – indem ich nicht wußte, wo diese Gesetze zu finden und aufzutreiben seyen. Endlich erfuhr ich nach und nach auf meine angestellten Nachforschungen nach denselben, daß ich diese vorzüglich in dem Landrechte, der Landes- und Commun-Ordnung, in verschiedenen Rescriptensammlungen, namentlich von Gerstlacher und Hochstätter, in Weishaars wirtembergischen Privatrecht, in Grießingers Comentar – hierüber in denen Intelligenz- [15] und Regierungsblätter etc. finden könne. Während ich mir mit vielen Schwirigkeiten verbunden diese Schriften anschaffte, und mich mit denen darin enthaltenen Gesetzen bekannt machte, – practicirte ich zugleich hier, – anfangs in der Stadtschreiberei, und nachher im Oberamte, um mich mit dem Geschäftsgang bekannt zu machen, besonders da ich bald die Bemerkung gemacht habe, daß im Wirtembergischen das Formenwesen die Hauptsache sey.

Im Frühjahr 1808 wurde ich, auf mein wiederholtes Ansuchen, zum Advokaten-Examen zugelassen, und nach dessen Erstehung am 22. April beeidigt und in die Zahl der Königlichen Advokaten aufgenommen.


Mein Leben und Wirken als Advokat, Familienvater, Bürger und Oekonom.

Wie wenig ich – wenigstens im Anfange, von der Ausübung der Advokatur dahier einen solchen Verdienst hoffen konnte, der zureichend gewesen wäre, mich und [16] eine Familie ernähren zu können; wird jedem daraus einleuchtend seyn, daß schon vor mir zwei Advokaten hier waren, und bald ein dritter nachkam, und daß bekanntlich die Partien den Advokaten mit der Bezahlung seines Verdienstes bis nach dem Ausgang des Proceßes, der oft erst nach vielen Jahren erfolgte, vertrösten.

Dieser vorgewalteten Umständen ungeachtet wurde ich durch leidenschaftliche und übelwollende[8] Einwirkungen anderer gleichsam genöthigt, mich schon wenige Monate nach meiner erlangten Advokatur mit der einzigen Schwester, des damaligen Canonikus Vogt – jezt Regens am katholischen Priester-Seminar in Rottenburg – Nanette zu verheirathen; deren Eltern schon einige Jahre zuvor mit Tod abgegangen waren.

An Maria Vermählung – nämlich am 23. Januar 1809 ließen wir uns, ohne alle Kirchen- und Hochzeits-Feierlichkeiten in aller Frühe von unserm Bruder und Schwager in der hiesigen Stadtpfarrkirche copuliren; welche eheliche Verbindung in einem Jahr nachher, am 3. Januar 1810 mit unser noch lebenden ältesten Tochter, Nanette, am 21. Februar 1811 mit der [17] Geburt unsrer jüngsten Tochter, Amalie, und in einem Jahr darnach mit einem weitern, wenige Tage nach der Geburt aber wieder, mit Tod abgegangenen Töchterchen gesegnet worden ist.

Einige Tage nach dieser unsrer Verheirathung wurden wir veranlaßt, das Haus unseres Bruders und Schwagers zu verlassen, und ein Miethswohnung in der Nähe der Beamten-Wohnungen zu beziehen; weil von diesen, die meiner Frau von ihren Eltern neben dem Schmidthor zugekommene Wohnung, zu weit entfernt war.

So ausserordentlich sparsam wir auch lebten, und meine Frau ohne Hilfe einer Magd die Haushaltungsgeschäfte besorgte; so nahm ich doch in der ersten Zeit nicht so viel von meinem Verdienste ein, als wir zu Anschaffung unsrer zwar wenigen, aber doch nothwendigen, Lebensbedürfnisse bedurften. Wir waren daher öfters im Falle, daß wir keinen Kreuzer Geld in Handen hatten. Doch hat uns in einer solchen augenblicklichen Verlegenheit die gütige Vorsehung jedesmal wieder recht sichtlich geholfen; worüber ich nur einen Fall als Beyspiel anführen will. Als wir eines Morgens vom Schlaf erwachten, klagte mir meine Frau ihre [18] Noth; daß wir keinen Kreuzer Geld besitzen, um auf dem heutigen Wochenmarkt die nothwendigen Haushaltungsbedürfnisse einkaufen zu können. Kaum hatten wir mit schwerem Herzen das Bett verlassen; so kam ein Bauer und verlangte, daß ich ihm eine Bittschrift verfertigen möchte. Ich sagte ihm dieses mit dem Bemerken zu, daß er dieselbe des andern Tags abholen könne. Nun fragte er: was die Bittschrift koste, er wolle dieselbe gleich bezahlen? Ich antwortete ihm dagegen: daß ich dieses ihm im Voraus nicht sagen könne, weil ich noch nicht wisse, wie viele Bogen stark dieselbe werde; und dann seye es mit der Bezahlung doch noch Zeit genug, wenn er die Schrift abhole. Mit diesem ließ sich aber der Bauer wegen der Bezahlung nicht abweisen, und bezahlte troz meiner Protestation per Abschlag 1 fl. 30 kr. Durch diese kleine Summe war nun meine Frau in den Stand gesetzt, die nothwendigsten Lebensbedürfnisse einzukaufen; und wir mußten diesen Bauer als ein Werkzeug der göttlichen Fürsorge um so mehr anerkennen, als dieser schon im Voraus eine Bezahlung für eine Arbeit leistete, für die nach der Verfertigung, die meisten keine Lust zum bezahlen zeigen. [19] So mißlich es mir auch anfangs gieng; so verbesserte sich doch mein Verdienst bald, indem ich durch die gründliche Bearbeitung meiner Schriften, so wie durch meinen angestrengten Fleiß in Besorgung der mir anvertrauten Geschäften das allgemeine Zutrauen weit umher erworben habe. Auch meine Verdienst-Vermehrung durch den Umstand begünstigt worden ist, daß die zwei ältesten hiesigen Herrn Advokaten – Nebenämter bekleideten, und in Folge deren nur wenige Zeit zu Advokaten-Geschäften verwenden konnten.

Nachdem sich durch meine Geschäfts-Vermehrung und Verdienst-Einnahme meine ökonomischen Verhältnisse verbessert hatten, so wurde ich, um im steten Leidens-Zustand erhalten zu werden, schon in der Mitte 1810 von einer schweren Krankheit – einer Darm-Entzündung – heimgesucht, an der ich mehrere Wochenlang darniederlag, und die auf eine solche Krisis stieg, daß beim Eintritt dieser, die Aerzte erklärten: daß ich entweder in einer Stunde nicht mehr unter den Lebenden seyn, oder wenn ich auch die Krisis überstehe, eine volle Gesundheit nie mehr erlangen werde. Ich kam zwar mit dem Leben wieder davon; genoß aber von dieser Zeit an, keine einzige gesunde Stunde mehr, [20] und es vergieng kein Jahr, in welchem ich nicht einige Wochen oder Monate, schwer krank an meinen Unterleibs-Beschwerden zu Bette lag, und mich der ärztlichen Hilfe bedienen mußte.

Diese Krankheit, wozu der Grund durch die gedachte Darm-Entzündung gelegt worden, habe ich durch meine Geschäftsart auf einen so hohen Grade gebracht.

Ich stund gewöhnlich alle Tage um 4 Uhr auf, und arbeitete sitzend bis gegen 12 Uhr Mittags, wo ich nicht ganz 1/4 Stunde am Tische – an dem ich nie weiter als eine Suppe und ein wenig Rindfleisch genoßen, verblieben; mich sogleich wieder an den Arbeitstisch gesetzt, und meistens an demselben, – da ich gewöhnlich auf die Nacht, höchstens ein Glas Bier, oder 1/2 Schoppen Wein getrunken, bis Nachts 11 oder 12 Uhr gearbeitet habe.

Dieses anhaltende Sitzen wirkte auf meinen Krankheits-Zustand um so nachtheiliger, als ich wegen meinem kurzen Gesichte mich so tief auf das Pult einbiegen, und dadurch den Unterleib sehr zusammen pressen mußte. Aber auch die vielen Unannehmlichkeiten, die ich mir in meinem Geschäftsleben gar oft durch mein, [21] mir angebornes, und durch meine Krankheit noch mehr gesteigertes reizbares Temperament zugezogen, verschlimmerten meinen Krankheits-Zustand mächtig, und wirkten zerstörend auf meine Gesundheit.

Im Jahr 1812 erkaufte ich mein dermaliges Wohnhaus; und in dem darauf folgenden Jahre erbaute ich ein neues Haus in der Absicht, um meine Eltern in dasselbe aufzunehmen. Als dieses für sie bestimmte Gebäude fertig war, erklärten sie: daß sie nur dann zu mir hieherziehen, wenn ich ihnen eine kleine Feldökonomie anschaffe, an welche Beschäftigung sie von Jugend auf gewöhnt seyen, und ohne diese nicht angenehm und zufrieden leben können.

Um nun ihren Wünschen zu entsprechen, kaufte ich eine Scheuer sammt Garten in der Stadt; baute darin eine Wohnung, und Stallungen; brachte einige Feldgüter theils kaufs- theils pachtweise an mich, schaffte, einige Kühe, 2 Pferde und Wagen an, und nahm einen Knecht in Dienste, um mit dem Pferdfuhrwesen auch etwas verdienen, die Pferde aber auch zugleich für mich benützen zu können, weil ich wegen meiner steten Kränklichkeit fast nie im Stande war, zu Fuß eine Bewegung im Freien zu machen.

[22] Mit diesen Pferden verdiente ich durch Übernahme von Straßenbauwesen, wozu ich eine besondere Freude hatte, und mich hiezu theoretisch und praktisch ausbildete, manchen Gulden. Besonders stellte ich die schöne neue Straße, und Brücke von hier bis in die Pfeilhalden her, die nach mehreren Ortschaften führt, und wohin früher der alte, durch einen Bach geführte Weg von einer solchen Beschaffenheit war, daß manche Menschen Gut und Leben darauf verloren haben.

Bei diesem Wegbau habe ich mich überzeugt; daß der Mensch alles kann, was er ernstlich will. Zahllose Schwierigkeiten wurden mir bei diesem Unternehmen in den Weg gelegt; und bis auf die heutige Stunde wird mir von der Stadtkasse ein großer Theil des Ersatzes für den von mir auf diese Wegherstellung gemachten baaren Aufwand verweigert; trotz allen diesen führte ich aber dasselbe aus, und erhielt dafür zum Lohn von denjenigen, welchen zulieb ich dieses Geschäft hauptsächlich unternommen, und dadurch den größten Nutzen verschafft habe – den gröbsten Undank. – Dagegen finde ich meinen größten Lohn in dem Bewußtseyn – ein Werk zu Stande gebracht zu haben, das der Jezt- und Nachwelt zum großen Nutzen gereicht, [23] und das vor mir Manche zu bewerkstelligen gesucht haben, diesen aber troz ihrer Macht, ihres Ansehens und Vermögens nicht gelungen ist. –

Ausser dem Strassenbau liebte ich auch das Hochbauwesen leidenschaftlich. Um diese meine Leidenschaft zu befriedigen, zugleich aber auch mir[9] einigen Nutzen zu verschaffen, kaufte ich von denen vielen Häusern, welche hier auf dem Wege des gantgerichtlichen Verfahrens verkauft worden sind, mehrere, die ich dann reparirte und, – nach meinen Kräften zur Verschönerung der hiesigen Stadt beizutragen, so geschmackvoll, als nur immer möglich herstellte. Etliche von diesen konnte ich wieder käuflich absetzen; einige sind mir aber bis jezt verblieben, aus denen ich nur einen sehr geringen Miethzins beziehe, weil hier die Miethzinse sehr geringe stehen, und dieser gar oft von den Miethsleuten entweder aus Unvermögen oder aus Liederlichkeit nicht bezahlt wird.

Wegen diesem Häuserkauf, den damit vorgenommenen Baulichkeiten, und meinem Straßenbau und Fuhrwesen mußte ich zwar öfters den Tadel anderer hören: daß ich mich nicht damit hätte befassen und abgeben sollen! Diese Menschen sahen aber nicht ein, daß [24] mir meine ausserordentlich viele Advokaten Geschäfte nicht so viel an Einnahme verschaften, als ich zu Bestreitung meiner auf die größte Sparsamkeit beschränkten Haushaltungs-Bedürfnisse nothwendig hatte. Denn ich kann es mit gutem Gewissen behaupten, und es aus meinem Deservitenbuch beweisen, daß mir kaum 1/3tel meiner Arbeiten bezahlt worden ist, und daß ich auch dieses gar oft nur durch richterliche Hilfe erlangen konnte.

In der hiesigen Gegend gibt es kein undankbares und weniger Nutzen bringenderes Geschäft – als das eines Advokaten; indem die meisten Clienten nicht bezahlen können, die übrigen nicht bezahlen mögen, und gar viele in der Meinung stehen; der Advokat beziehe eine fixe Besoldung, wie es zur Zeit der hiesigen reichsstädtischen Verfassung der Fall war. Daher auch keiner von den hiesigen Advokaten, so viele Advokaten-Geschäfte er auch haben mochte, sich rühmen kann, daß er sich von diesem seinem Verdienste hätte ernähren können. Diesen war ihre Subsistenz nur dadurch gesichert, daß sie Pensionen oder Dienst-Einkommen von Nebenämtern genoßen haben. Da mir aber ein solches [25] Glück versagt war; so mußte ich meinen Erwerb durch Nebenbeschäftigungen zu verbessern suchen.

Nachdem ich hiedurch meine Subsistenz so ziemlich gesichert fand, und durch meinen Realitäten Besitz mich zugleich an den hiesigen Ort gefesselt hatte; so war mein fester Entschluß – meinen hiesigen Wohnort eben so wenig, als meine Geschäftsverhältnisse – jemals zu verändern; besonders da mir der vielen Geschäfts-Unannehmlichkeiten ungeachtet, meine Lage eine Unabhängigkeit gewährte, auf die ich, gleich Horaz, nach dem mir angebornen Sinn – für Freiheit und Unabhängigkeit einen sehr hohen Werth lege.

Dieser in mir so mächtig regbare Sinn für Freiheit flößte mir den größten Haß gegen Bonaparte ein; weil er uns Teutschen – unsere Freiheit und Unabhängigkeit – geraubt, und so viele wohlthätige und freisinnige Institute zerstört hatte. Daher war mein innigster Wunsch nach einer Gelegenheit, in der ich meine Kräften zur Unterdrückung dieses Tyrannen, und der Wieder-Erkämpfung unsrer Freiheit anwenden könnte. Da mir aber dieses wegen meinem Alter, und meiner Kränklichkeit, so wie wegen meinen häuslichen- und Geschäftsverhältnissen im regulären Militärdienste nicht [26] möglich war, so war mir die Anordnung des Landsturms ein willkommenes und erwünschtes Ereigniß.


Als Landsturms-Compagnie-Commandant.

Ich wurde bei dem Bataillon Gmünd – zum Compagnie-Commandanten ernannt, und mir die aus den Schultheißereien Wißgoldingen, Winzingen, Reichenbach, Hohenrechberg und Straßdorf bestandene Compagnie zugeschieden. Um meiner aus 275 Mann bestandene Compagnie Mannschaft eine Liebe gleich anfangs für die Sache einzuflössen, ließ ich gleich auf meine Kosten eine schöne Compagnie-Fahne machen; kaufte zwei Trommeln, und ließ zwei das Trommelschlagen lernen. Zugleich traf ich die Anordnung, daß gediente und beabschiedete Soldaten die Mannschaft an Sonn- und Feiertagen, nach dem Nachmittags-Gottesdienst exerciren und ihr diejenige militärische Kenntnisse beibringen mußten, welche ausser den Gewehrübungen, deren Gebrauch leider versagt war, nothwendig sind.

[27] So rauh, stürmisch und schlecht die Witterung an diesen Tagen auch öfters war, so unterließ ich doch nie diese Orte selbst zu besuchen, um nachzusehen; ob meinen Befehlen Folge geleistet werde; und ich fand die Mannschaft jedesmal freudig zum Exercitium versammelt. Um aber die Mannschaft auch im ganzen zu üben; so versammelte ich dieselbe öfters im Mittelpunkte der Ortschaften, wo ich dann das Commando selbst führte.

Als nun das Bataillon zur Musterung hier in Gmünd zusammen berufen worden, und sich meine Compagnie vor den übrigen durch ihre Atribute und militärische Haltung auffallend auszeichnete; so war meine ganze Mannschaft hoch darüber erfreut, und der militärische Geist bemächtigte sich ihrer im hohen Grade; was ich eigentlich erzwecken und in ihnen erwecken wollte, um sie bei eintretender Gefahr mit desto mehr Muth und Entschlossenheit dem Feinde entgegen führen zu können.

Diesen meinen beabsichtigten Zweck erreichte ich vollkommen; denn als einmal große Gefahr drohte, der Feind möchte ins Vaterland eindrängen, und in Folge dessen es laut wurde, man wolle zu Vertheidigung der Landesgrenze diejenigen Landsturms-Compagnien [28] aufrufen, die vor der Hand freiwillig aufzumarschiren geneigt seyen; so versammelte ich meine ganze Compagnie in meinem Vaterorte, und hielt an dieselbe ein Anrede; worin ich ihr die Gefahr, in welcher das Vaterland wegen einem drohenden feindlichen Einfall schwebe; die daraus entspringende schreckliche Folgen, und die heilige Pflicht, diese Uebel durch Selbstvertheidigung abzuwenden, recht hell vor die Augen stellte und sehr warm an’s Herz legte, – und auf diese Rede hin dann die ganze Compagnie aufforderte; – daß jeder, der Lust und Muth habe, zur Vertheidigung des Vaterlandes freiwillig auf den ersten Ruf auszumarschiren, nun zur Fahne schwören solle. Wie groß war meine Freude, als alle – ungeachtet viele Familienväter darunter waren, diesen Eid mit enthusiastischer Freude ablegten, und sich zu jedem Augenblick zum Ausmarsch bereit erklärten mit dem Wunsche; daß man sie mit Schießgewehre bewaffnen möchte.

Hierauf begab ich mich mit meiner Compagnie in die Pfarrkirche meines Wohnorts, wo der Hr. Pfarrer eine passende Rede hielt; hierauf die Fahnenweihe vornahm, und nach dieser das Lied: Herr Gott dich loben wir etc. anstimmte, das mit wahrer Herzenserhebung [29] von der ganzen Mannschaft gesungen und damit dieser feierliche Akt beschloßen worden ist.

Die dem Vaterland gedrohte Gefahr verschwand aber kurz nacher, der Feind wurde besiegt, und die Landsturms-Verfassung zu meinem und meiner Compagnie Bedauren aufgelöst.

Mit innigstem Vergnügen erinnere ich mich noch der Liebe und Anhänglichkeit, mit der mir meine Compagnie zugethan war; und einen unschätzbaren Werth hat der Besitz meiner Compagnie-Fahne und Trommeln für mich, von denen ich mich im Leben nicht trenne.

Bei dieser Gelegenheit habe ich die richtige Erfahrung gemacht; wie leicht alle waffenfähige Bewohner eines Staates militärisch gebildet und dadurch ein Staat unüberwindlich gemacht werden kann; wenn die Militair-Verfassung auf eine liebevolle Behandlung und auf die in der menschlichen Natur schon liegende Neigung gebaut wird.


Als Kirchenstifter.

Bald nach der Auflösung der Landsturms-Verfassung wurde ich wieder von einer sehr schweren Krankheit [30] befallen, die bis in Sommer 1816 andauerte. Als ich mich wieder in etwas auf dem Weg der Besserung befand, wurde mir von dem Arzte angerathen, daß ich täglich bei guter Witterung Bewegung im Freien machen solle. Da ich aber wegen zu großer Schwäche dieses zu Fuß nicht konnte; so fuhr ich fast täglich nach dem eine kleine Stunde von hier an der Straße nach Ellwangen liegenden Ussen- oder Hussenhofen, das bald mein Lieblingsaufenthaltsort wurde. Als ich einmal die dortige Ortskirche besuchte und dieselbe in einem solchen Zustand fand, daß sie mehr einem Gefängniß für große Verbrecher, – als einem Tempel Gottes glich, indem durch das kaum drei Schuh große, ganz verdorbene Fenster fast gar kein Licht mehr in das Innere fiel, und der Altar und die Wänden mit den auffallendsten Zerrbilder behangen waren; so entschloß ich mich, auf meine Kosten, damit eine totale Reform vorzunehmen; und es gelang mir, daß ich dieselbe mit einem bedeutenden Kostenaufwand so geschmackvoll und so dem geläuterten Cultus anpassend herstellte, daß sie nunmehr den Beifall jedes Religionsgenossen hat. Mir aber wurde das unschätzbare Glück zu theil, daß während dieses Bauwesens meine Krankheit sich auffallend [31] gebessert hat. Nach Vollendung dieses Bauwesens gab ich mir alle Mühe – es dahin zu bringen; daß dieser Ort einen eignen Geistlichen, dessen Hauptbeschäftigung der Unterricht der Schuljugend seyn solle, erhalten; und dieser Anstalt der Name – Katharina-Stift – gegeben werden möchte.

So leicht ausführbar, der von mir dießfalls vorgelegte Plan auch gewesen wäre; so erhielt er dessen ungeachtet die Genehmigung nicht, und zwar – wie ich aus der Resolution geschlossen, aus dem Grunde nicht, weil ich die Sache nicht von unten auf angebracht habe. Auch zu Anschaffung und Verbesserung verschiedener zum Cultus erforderlicher Requisiten in die Pfarrkirche meines Geburtsortes, habe ich Opfer gebracht; wofür mich Gott in meinem Leiden gestärkt hat. –


Als Bürger-Deputirter.

Als im Jahr 1817 das Institut der Bürger-Kollegien ins Leben gerufen worden ist, wurde ich von meinen Mitbürgern zum Mitglied des hiesigen Bürger-Kollegiums gewählt. In diesem neuen Wirkungskreis habe ich unermüdet und mit großem Zeitaufwand meine [32] Kenntnisse und Kräften zu Beförderung des hiesigen Gemeinwohls angewendet. Insbesondere war mein Augenmerk vorzüglich darauf gerichtet, bei den höchsten Landes-Stellen zu bewirken, daß der Stadt die ihr als Gemeinde-Eigenthum gehörigen, bei der Organisation aber, als vermeintliches Staatsgut entzogenen Rechte und Realitäten wieder zurückgegeben; die der Stadtkasse zu Bestreitung aufgelegte Staatslasten abgenommen, und die auf der Stadt und dem alt gmündischen Gebiete belassene enorme Staats-Schuldenlast auf den Staat übernommen werden möchten. Zu diesem Ende habe ich die erforderliche Bittschriften, im Namen des Stadt-Magistrats und des Bürger-Kollegiums, verfaßt, die dann an die geeigneten Allerhöchsten Stellen eingeschickt worden sind.

Als auf diese Eingaben lange Zeit keine Resolutionen erfolgten; so wurde ich von dem Stadt-Magistrat und dem Bürger-Kollegium, als Deputirter nach Stuttgart geschickt, um dort diese Angelegenheiten persönlich zu betreiben. Ich begab mich von einem Ministerium zum andern; stellte überall mit Wärme und Nachdruck die traurige Lage der hiesigen Stadt vor, und bat um schleunige Hilfe. Überall wurde ich bereitwillig und [33] menschenfreundlich angehört, und überall gab man mir das Lob, daß die hiesige Stadt nicht wohl einen bessern Deputirten, als mich hätte herschicken können, indem mit mehr Gefühl und Wärme die Lage Gmünd nicht hätte geschildert, und die Bitte um Abhilfe dringender angebracht werden können, als es von mir geschehen seye. Nur bei dem damaligen Finanz-Minister von Malchus wollte es mir mit der Vorlassung nicht recht gelingen. Zweimal wurde ich abgewiesen, und als ich das Drittemal Vormittags 11 Uhr wieder hinkam: so wollte mich einer seiner Diener wieder unter dem Vorwand abweisen: daß der Herr Minister jezt beim Frühstück seye, und nach diesem sich in den Ministerial-Rath begebe. Nun beharrte ich aber darauf, mich bei seinem Herrn mit dem Bemerken zu melden: daß ich ihn als Deputirter der Stadt Gmünd sprechen müsse, und durch mein längeres Hinhalten der Stadt Gmünd Kosten verursacht werde, auch zugleich wisse, daß heute keine Ministerialraths-Sizung seye. Auf diese Meldung wurde ich endlich nach einiger Zeit vor den Herrn Minister gelassen, dem ich meine Gesuche, besonders wegen der Staats-Schulden-Übernahme vorbrachte. Nachdem ich [34] meinen Vortrag beendigt hatte, so fing der Herr Minister an:

„Schweigen sie mir von ihrem elenden Gmünd; an diesem hat der Staat eine schlechte Acquisition gemacht, und es wäre zu wünschen – man könnte diesem Lumppennest wieder los werden!“

Diese Aeusserung machte mir in Folge meines sehr schnellen und hizigen Temperaments siedend warm, und ich fieng in hohem Pathos zu spechen an:

Wenn Euer Excellenz es wagen zu behaupten: daß Wirtemberg eine schlechte Acquisition an Gmünd gemacht habe; so dürfte ich mir auch getrauen, zu sagen: daß vielmehr umgekehrt, Gmünd eine schlechte Acquisition gemacht habe, wirtembergisch geworden zu seyn, denn Wirtemberg habe bei der Besiznahme Gmünds bedeutende Klostergüter und Revenüen erworben, der Stadt von ihrem Privat-Eigenthum manche Rechte und Realitäten entzogen; nicht unbedeutende Staatslasten, der Gemeindekasse zum bestreiten aufgebürdet, die enorme Staatsschuld auf der Stadt, und dem alt gmündischen Gebiete belassen, während Wirtemberg, die zu dieser Schuldentilgung bestimmte, und dafür verpfändete Revenüen und Güter an sich gezogen habe; im Laufe [35] der Zeit, (nämlich von der Besiznahme 1802 an); bis daher, hunderttausende von Gmünd bezogen, die Söhne Gmünds zum Militärdienste ausgehoben u. d. gl. mehr; der Herr Minister wolle nun dagegen sagen; welche Vortheile inzwischen Gmünd von Wirtemberg genoßen, um es gegen einander abwägen, und daraus ersehen zu können, – auf welcher Seite der Vor- und auf welcher der Nachtheil seye. Um aber die Sache kurz zu machen, weil ohnehin der Herr Minister gesagt haben: es wäre zu wünschen, – Wirtemberg könnte diesem Lumpennest wieder los werden; so könne er mir keine größere Gnade, als die erweisen, – wenn er Gmünd aus der Liste Wirtembergs ausstreiche, und dasjenige wieder zurückgebe, was Wirtemberg von der Besiznahme an, bis daher von Gmünd bezogen habe; – dann seye Gmünd glücklich, könne sich aus eigenen Mitteln – in seiner unmittelbaren und selbstständigen Lage – helfen, und brauche nicht mehr um Hilfe zu betteln; auch seye ich lebhaft überzeugt; daß, wenn mir dieses gewährt werde, die Bürger Gmünds darüber so hoch erfreut werden, daß sie, auf gemachte Anzeige, hieher kommen, und mich im Triumph nach Haus abholen. [36] Hierauf sagte er in einem tief herabgestimmten Hofton:

„Man wird Gmünd abnehmen und zurückgeben, was man strengrechtlich schuldig ist; das müsse er mir aber sagen; daß wir auf die Gewährung alles dessen, um was wir gebeten haben, nicht rechnen dürfen.“ Auf dieses antwortete ich:

Wenn man uns nur geben wolle, was man uns nach strengem Recht schuldig zu seyn glaube, so brauchen wir um dieses nicht lange zu betteln, denn dieses können wir auf dem Rechtsweg begehren und erhalten.

Übrigens könnte ich aus den Äusserungen des Herrn Ministers recht deutlich schließen, daß er durchaus nicht geneigt sey, Gmünd eine Hülfe zu leisten; es sey nur gut, daß die Hülfe nicht zu nächst von ihm, sondern von Sr. Majestät, dem König abhänge, und daß dieser zu helfen geneigt sey und gewiß helfen werde, davon liege der sprechendste Beweis darin; daß Se. Majestät unmittelbar die Stadt Gmünd aufgefordert haben; diejenigen Mittel anzugeben, wie dem so tiefgesunkenen Wohlstand dieser Stadt wieder aufgeholfen werden könne? [37] Hierauf verbeugte ich mich und gieng. Die Treppe herunter traten mir über diesen Auftritt und den Gedanken, daß ich trotz dieses Kampfes und Eifers in Besorgung meines Auftrags doch nur Undank einärnten werde, denn man mich auch bei jeder Gelegenheit schwer fühlen läßt, – Thränen in die Augen. – Durch diesen Vorfall überzeugte ich mich, wie gut es war, daß ich nie mit Ernst gewünscht zu einem Landstands-Repräsentanten gewählt zu werden, und daß ich lieber die mir zugedachte Wahlen auf andere zu lenken gesucht habe, weil ich mit meinem Feuereifer nicht in die Ständeversammlung und zur Opposition gegen dergleichen Äusserungen getaugt hätte; welche Oppositionen aber auch im Grunde zu nichts dienlich sind, indem bekanntlich die Mehrheit doch zu solchen Forderungen – Ja sagt, welche eine rein monarchische Regierung nie an die Unterthanen machen würde. – Daher auch nichts verloren ist, wenn das Repräsentantenwesen wieder abgeschafft, und der Kosten erspart wird.

An einer andern Stelle, wo ich bei eben dieser Sendung davon sprach, daß eine der ersten Ursachen von dem gesunkenen Wohlstand der hiesigen Stadt in der Stockung der Fabrication und dem Handel der [38] Bijouteriewaaren liege, weil diese den Hauptnahrungszweig der hiesigen Einwohner ausmache, erhielt ich zur Antwort: daß, da es nicht in der Macht der Regierung stehe, befehlen zu können, daß den Gmünder ihre Fingerringe, Ohrengehänge und Stecknädelein abgekauft werden sollen; so wisse man nichts besseres anzurathen, als daß die verdienstlosen Bijouteriearbeiter und Handler entweder nach Amerika oder Kaukasien auswandern oder sich zu Hause dem Feldbau widmen, wozu man ihnen die hiesige Domainen und Stiftungsgüter in kleinen Partieen gegen sehr mäßige Pachtschillinge überlassen wolle; von welchem Offerte bis zur Zeit aber kein Gebrauch gemacht worden ist. –

Da ich in den vorhergegangenen Jahren, in welchen der hiesigen lateinischen Lehranstalt und der zweiten Stadt- oder Gymnasiumskirche so oft ihr Untergang gedroht hat, so vieles für deren Erhaltung und Verbesserung gethan habe, so habe ich mich auch auf die Kanzlei des Studienraths begeben, um dort das früher schriftlich angebrachte Gesuch – das hier in Gmünd zur Zeit der Reichsstädtischen Verfassung ein solches Gymnasium gewesen, an welchem öfters auch noch die Philosophie docirt worden, wieder ein vollständiges [39] Gymnasium errichtet werden möchte, mündlich zu wiederholen und in Erinnerung zu bringen; wo ich dann die Auskunft erhielt; daß man in Folge des nicht unbedeutenden Lokal-Studienfonds geneigt sey, hier nicht nur ein Unter- sondern auch ein Ober-Gymnasium – Liceum – zu errichten, wenn man von dem Antrag abgehe, daß an demselben die sämmtlichen Lehrstellen blos mit katholischen Geistlichen besetzt werden sollen, weil in diesem Stande die erforderliche Anzahl zum Lehrfach tauglicher Subjekte nicht vorhanden sey. Über diese Aeusserung war ich hoch erfreut, und sah die Begründung dieser Anstalt schon als gewiß an, indem ich glaubte, – jeder andere denke so wie ich, daß für eine Lehranstalt gute Lehrer die Hauptsache – ihr Stand und ihr Kirchenbekenntniß aber eine gleichgültige Sache sey. Allein ich betrog mich gewaltig in dieser meiner Meinung; man beharrte auf dem Antrag: die Lehrer müssen katholische Geistliche seyn, und so erhielt man hier eine solche lateinische Lehranstalt, die unläugbar den Praeceptorate der kleinen evangelischen Landstädtchen nachsteht, und der großen Kosten, die sie verursacht, bei weitem nicht lohnt. Diese Anstalt würde bei den gegenwärtigen [40] Zeitverhältnissen für die Jugend der hiesigen Handel- und Gewerbe treibenden Einwohner nur dann nützlich seyn, wenn sie in eine Ralschule umgeschaffen würde.

Da gerade vor dieser meiner Reise das Edikt über die Errichtung der Kreis-Kollegien erlassen worden; so erkundigte ich mich mit allem Eifer darnach: ob es nicht möglich wäre, es noch dahin zu bringen, daß, – wie es in dem Neckar- und Schwarzwald-Kreis der Fall ist, der neben der Regierung, und der Finanz-Kammer nach Ellwangen bestimmte Gerichtshof getrennt von den gedachten zwei Kollegien hieher verlegt werde; oder wenn man dieses nicht bewilligen wolle, wenigstens der nach Rottenburg bestimmte Bischöffliche Siz seine Bestimmung auf hier erhalte; zumal ohnehin der Gerichtshof für den Schwarzwaldkreis seine Bestimmung nach Rottenburg habe, Rottenburg in Vergleichung mit der hiesigen Stadt, als ein kleines Baurenstädtchen zu betrachten seye, die dortige Kirche in Verhältniß zu der hiesigen prachtvollen Stiftskirche als eine kleine Kapelle erscheine, und in den zwei hiesigen Dominikaner- und Franziskaner-Klöster der Siz des Bischoffs und Priester-Seminariums so schön und zweckmäßig untergebracht werden könne.

[41] Da man mir zu Erreichung des einem oder andern Hoffnung machte; so verfaßte ich auf der Stelle dießfalls eine Eingabe an Se. Maj. den König unmittelbar; – Der auch dieses Gesuch, in der darauf gleich gehaltenen Ministerialraths-Sizung vorgelegt, und wie man mich versicherte – das Wort dafür kräftig gesprochen hat, von den Haupt-Organisateure aber, unter dem Vorwand abgelehnt worden ist, man wolle etwas anderes nach Gmünd thun. Das erste, womit man Gmünd beglücken wollte, war, das Offert, – das weibliche Zuchthaus vollends hierher zu thun; wofür sich aber die Stadt bedankt hat, weil dieses ihr nicht den mindesten Nutzen gebracht hätte.

Zuletzt wurde die Artillerie-Schießstatt hierher verlegt; wodurch das Glück der hiesigen Stadt vollständig begründet wurde, indem diese Anstalt den Sommer über, – wenigstens dem schönen Geschlechte, Unterhaltung und Vergnügen verschafft, von dessen Frohseyn und Zufriedenheit am Ende doch die eigentliche Lebenswürze, so wie die Erhaltung, und Fortpflanzung des menschlichen Geschlechtes abhängt. –

Bei Gelegenheit, wo man uns mit dem weiblichen Zuchthaus beehren wollte, wurde auch zugleich die Aufforderung [42] gemacht; ob die Stadtbehörden nicht geneigt wären, ein angemessenes Gebäude zur Wohnung für den Oberamtsrichter, gegen ein Herrschaftliches abzutretten?

Auf diese machte ich den Vorschlag; daß man das der Stadt gehörige vormalige Franziskaner-Frauen-Klösterle der Herrschaft zur Oberamtsrichter-Wohnung abtreten solle, wenn die Herrschaft dagegen der Stadt das Dominikanerkloster sammt Kirche abtrette, die Dachböden dieses Klosters, so wie die des Franziskaner-Klosters, ferners zu ihren Fruchtkästen benüze, und dafür die Dächer beider Klöster in Baulichkeit unterhalte; ihre bisherigen Ansprüche auf die Franziskaner-Klostergärten, und den untern Stock das Waisenhauses aufgebe, und zu den Baukosten, welche, um das Dominikaner-Kloster zu einem Schulhause einzurichten, nothwendig seyen, wenigstens einen Beitrag von 4000 Gulden leiste.

Die Herrschaftlichen Beamten waren geneigt, in diesen Vorschlag einzugehen: – allein die Realisirung wurde dadurch vereitelt, daß sich in der Mitte der Versammlung eine geistliche Stimme erhob, die sich dahin aussprach; daß von dem verstorbenen König, den [43] Klosterfrauen bei Aufhebung ihres Klosters gestattet worden seye, lebenslänglich in dieser ihrer Klosterwohnung verbleiben zu dürfen.

Daß dieser mein Vorschlag nicht in Erfüllung gieng, das schmerzt mich zeitlebens, indem aus dem Dominikaner-Kloster wegen seiner Lage, in der Mitte der Stadt, dem sehr großen freien Vorplatz, nur wenige Schritte von der Kirche entfernt, – in der der Gottesdienst für die Schuljugend gehalten wird, – und wegen dem großen Umfang, und der schönen Bauart, ein Schulhaus hätte gemacht werden können, desgleichen man im Lande nicht leicht würde angetroffen haben, besonders, da neben den zum Unterricht für die Schuljugend beider Geschlechte erforderlichen Lehrzimmer den sämmtlichen Lehrern noch Wohnungen in demselben hätten eingerichtet, und den fünf ganz alten Klosterfrauen die oberste Etage in der Hauptfront dieses Gebäudes zu ihren Wohnungen, und der Industrie-Anstalt eingeräumt werden können, welche Wohnung an Schönheit und Annehmlichkeit, die in ihrem Klösterle weit übertroffen hätte. Die Klosterkirche, welche vor der Kloster-Aufhebung unstreittig unter die schönsten des Reichs gehörte, – und jezt zur Sommer-Residenz [44] der Artillerie-Pferde benützt wird, hätte von der hiesigen Stadt zu einem Bürgersaal gebraucht werden können, indem ihr ein solches Lokal mangelt, in welchem sich die ganze zahlreiche Bürgerschaft versammeln könnte. Auch hätte man in diesem Bürgersaal wieder einen Altar errichten, und darin für die Schuljugend den Gottesdienst abhalten können.

In dem schönen großen Waisenhause hätten unten die städtisch polizeiliche Arrestzimmer und die Wohnungen der Polizeidiener angebracht, die zwei obern Etagen aber der kleinen Arbeitsanstalt und dem Spital zu Wohnungen überlassen werden können, besonders da dieses Gebäude mit den Spitalgebäuden und deren Kirche in unmittelbarer Verbindung steht, und in den uralten Spitalgebäuden meistens sehr düstere und unfreundliche Zimmer vorhanden sind. –

Wie vortrefflich wäre das Dominikaner-Kloster nicht auch zur Aufnahme des Hospitals geeignet gewesen? und die Spitalgebäude hätten dann zu andern Zwecken und besonders zu dem, zu was das gedachte Kloster jetzt benützt wird, weit zweckmäßiger verwendet werden können? Während man mit Hintansetzung so großer Vortheile das Frauen-Klösterlein zu erhalten suchte, hat [45] man andere städtische Gebäude namentlich die Schmalzgrube, die Fuggerei und das Bauamts-Magazinshaus noch mit Kostenaufwand verschleudert und die Nothwendigkeit herbeigeführt, daß man das Arbeits- und Waisen-Institut in einer Miethswohnung unterbringen mußte, und keinen Platz zur Aufbewahrung der Baumaterialien hat.


Als Schriftsteller.

Neben dem, daß ich auf diese und noch andere Weise zur Beförderung des Gemeinwohls thätig war, war auch zugleich gleich anfangs meine Sorge darauf gerichtet, die übrigen Mitglieder des Bürger-Kollegiums mit ihrem Wirkungskreise genau bekannt zu machen, zu welchem Ende ich für dieselben einen Leitfaden über ihre Rechte und Pflichten verfaßt habe.

Als der hiesige Buchdrucker Hr. Ritter Kenntniß davon erhielt; so ließ er nicht nach, bis ich ihm dieses Manuscript zum Druck überließ, welches von ihm im Jahr 1817[10] unter dem Titel: „Anleitung oder Instruction für die Bürger-Kollegien des Königreichs [46] Wirtemberg – über ihre amtlichen Rechte, Pflichten, Verhältnisse zu andern Behörden, und ihre Geschäfts-Form“ – gedruckt worden ist; – einen starken Absatz gefunden, und den sogar in gelehrten Zeitungen angerühmten öffentlichen Beifall erhalten hat.

Die günstige Aufnahme dieses Werkchens veranlaßte den Herrn Ritter, daß er in mich drang: ich möchte eine Zeitschrift herausgeben, die nicht nur für die Gemeinde-Deputirten, sondern auch für das übrige Publikum bei dem damaligen Verfassungs- und Organisations-Geschäfte belehrend und interessant sey. Ich stellte ihm lange vor, daß ich mich zu einer solchen Herausgabe viel zu schwach fühle; er aber hielt mir den Beifall entgegen, mit dem meine Anleitung für die Bürger-Kollegien aufgenommen worden und so brachte er mich endlich dahin, daß ich mein – patriotisches Journal von und für Wirtemberg – herausgab, von welchem im Anfang Octobers 1817 der erste ganze Bogen, und dann alle acht Tage einer bis zum Ende Septembers 1818 im Drucke erschienen ist.

Dieses war mein unglückseligstes Unternehmen, zu dem ich mich je in meinem Leben verleiten ließ; indem [47] ich diesem allein mein Unglück zu verdanken habe, in welches man mich mit meiner Familie gestürzt hat.

Ich habe zwar darin nur dasjenige gelobt oder getadelt, was ich nach meiner vollen Überzeugung lobens- oder tadelswerth gefunden; besonders sprach ich darin meine unbegrenzte Liebe zu unserm König ungeheuchelt aus und redete allen seinen Regentenhandlungen mit allem Nachdruck das Wort, weil ich von der Wahrheit tief durchdrungen war, daß Er das Wohl seiner Unterthanen ernstlich wolle. Vorzüglich gab ich mir alle ersinnliche Mühe, das Gute und Wohlthätige Jedem sonnenklar vor die Augen zu stellen; daß Er zum Besten seines Volks, sowohl in seinem Verfassungs-Entwurf, als in seinen vorangegangenen Verordnungen, ausgesprochen und demselben zugedacht hat, um ja kein Mißtrauen gegen ihn aufkommen zu lassen, das so leicht aus der Unterbrechung des Verfassungswerkes und der verweigerten Annahme seines Verfassungs-Entwurfes hätte entstehen können; woran nur einige Schreier schuld waren, deren Geschrei man damals noch [48] nicht verstanden hat, daß es damit von ihnen nur darauf abgesehen sey, – man solle sie durch Anerbieten ansehnlicher und einträglicher Staatsdienste zum Schweigen bringen. Besonders eiferte ich mit allem Nachdruck gegen die damaligen Umtriebe, die dahin giengen: durch eine Eingabe bei dem Bundestag den König zur Gestattung der alten Verfassung zu zwingen. Allein bei allen diesen guten Absichten, wobei ich blos die Sache – nie eine Person im Auge hatte, stoßte ich, – ohne es zu wollen oder zu glauben, gegen Machthaber an, die – wie mich frühzeitig schon ein guter Freund versicherte – mir geschworen haben, die nächste und beste Gelegenheit zu ergreifen, mich es schwer fühlen zu lassen; wozu ein Scheinrecht aufzufinden der Macht nicht schwer war. –

Sie hielten auch treulich Wort: wie sie Rache an mir genommen, und mich mit meiner Familie zu zernichten gesucht haben, dieses ist aus dem Abschnitt zu ersehen, den ich meiner Rechtfertigung gegen die Untersuchung und Bestrafung gewidmet habe.

Ich war der erste, der gleich von dem von unserm freisinnigen König eingeräumten Menschenrechte – der [49] Denk- und Preß-Freiheit dahin Gebrauch machte, eine Zeitschrift über Staats- und Gemeinde-Verfassung und Verwaltung herauszugeben; mußte aber auch am schwersten meine Unklugheit büßen; denn es war gewiß sehr unklug von mir – manches besser wissen zu wollen, als diejenigen, denen die Macht zum Vorschreiben und Herrschen gegeben ist; noch tollkühner war aber: daß ich mich erfrechte, manche Handlungen größerer oder kleinerer Gewalthaber – wie wohl unbenannt – zu tadeln. – Wollte Gott ich hätte damals – so wie jezt – an die wohlmeinende Warnung des Apostels Paulus gedacht: es seye besser schweigen – als reden; und daß man den Unschuldigen unter dem Schein-Recht so gut, als den Schuldigen mit wahrem Rechte verdammen könne. –

Die vielen Verfolgungen und Bedrückungen, die man mich wegen dieser Zeitschrift von so manchen Seiten her empfindlich fühlen ließ; meine erlangte Überzeugung, daß diejenigen, welche in der Lage waren, den Übeln des Landes abzuhelfen, auf meine dißfallsige wohlmeinende Vorschläge und Bezeichnungen doch nicht achten, und meine äusserst geschwächte Gesundheit, auf die die große Anstrengung, welche mir die Herausgabe dieser [50] Zeitschrift neben meinen vielen andern Geschäften verursachte, sehr zerstörend eingewirkt hatte, veranlaßten mich, daß ich nach Verfluß eines Jahrs die Herausgabe derselben wieder aufgab, und erst geraume Zeit nachher wieder, manchmal durch in den Volksfreund eingerückte Aufsätze, meinem gepreßten Herzen Luft machte.

Gleich nach dem Aufgeben dieser meiner Zeitschrift verfiel ich in Folge meiner übermäßigen Kraftanstrengung, den unterlegenen vielen und harten Bedrükungen; und dem kränkenden Mißkennen meiner redlichen und wohlwollenden Absichten in den traurigsten Zustand; – Hypochondrie und Melancholie bemeisterten sich meiner in so hohem Grade, daß ich die Menschen als böse Dämone ansah, die sich unabläßig bemühten – Unheil gegen mich anzurichten; daher ich die Menschen fürchtete und jedesmal am ganzen Leibe zitterte, wenn sich Jemand mir, ausser den Meinigen, nahte.

In diesem Zustande brachte ich die Zeit, ohne gerade beständig zu Bette liegen zu müssen, bis zum 4. Jan. 1819 zu, wo, was ich einige Tage zuvor fühlte, und voraussagte; Abends plötzlich eine solche gänzliche Abspannung meiner Kräften eintrat, daß ich [51] mich augenblicklich zu Bette begeben mußte, in dem mich gleich ein Paroxismus befiel, der alle Eingeweide in meinem Innern umzudrehen schien, der Athem kurz und schwer wurde, und mein ganzer Leib kalt zu werden anfieng.

Ich freute mich im Stillen innigst meiner nahen Auflösung und des Übergangs in ein besseres Reich, wo mich meine Feinde mit all ihrer zeitlichen Macht nicht mehr erreichen können. Aber die Sorge der Meiningen für meine noch fernere Erhaltung rief eiligst meinen mehrjährigen Arzt, den äusserst geschickten Hr. Oberamts-Arzt Dr. Keringer, herbei, der mich durch seine schleunige und zweckmäßige, medicinische Verordnungen bei diesem Anfall und den nachher gefolgten Rückfällen vor dem Tode rettete, und mich bis im Juli gedachten Jahrs in so weit wieder herstellte, daß ich in’s Frösnerische Bad nach Kannstadt gebracht werden konnte.

Der Gebrauch dieses Bades wirkte so wohlthätig auf mich, daß ich wieder Kräften zur Arbeit bekam, und an dem geselligen Umgang mit Menschen Vergnügen fand. Aber kaum war ich zu Hause wieder angelangt, so stürmten von allen Seiten wieder Unannehmlichkeiten [52] auf mich los, unter denen wohl die gegen mich erkannte provisorische Amtssuspension die bedeutendste war; und es schien mir, daß meine Feinde sich über meine fast gänzliche Herstellung innigst freuten, um mich mit neuen Plagen quälen zu können.

Daß dieses auf meine Gesundheit sehr nachtheilig einwirken mußte, ist wohl jedem klar einleuchtend. Um mich aber gegen diese feindliche Konstellationen zu ermannen und meinen Geist von dem Beschauen dieser feindlichen Gebilde abzulenken, und zugleich meine Zeit nützlich und zum Wohl der leidenden Menschheit, der ich vorzugsweise angehöre, anzuwenden, entschloß ich mich zur Herausgabe eine Taschenbuchs – über die Gesundbrunnen- und Heilbäder Wirtembergs – weil eine solche Beschreibung mangelte, und nur aus einer solchen das Publikum diese Heilmittel, von dessen Wirksamkeit ich die wohlthätigste Probe erlangt habe, kennen lernen kann.

Der erste Theil dieses meines Taschenbuchs erschien 1820 im Drucke, und enthielt die Gesundbrunnen und Heilbäder Kannstadts, mit welcher Beschreibung ich dieses mein Werk aus dem Grunde anfieng, weil Kannstadt unstreitig, als der erste Kurort des Reichs zu betrachten [53] ist, und ich der Heilkraft der dortigen Frösnerischen Quellen, meine nochmalige Lebenserhaltung zu danken habe.

Dieser erste Theil wurde von sachkundigen Männern mit vielem Beifall aufgenommen, und von diesen an mich die dringende Aufforderung gemacht; daß ich mein Versprechen, so schleunig als möglich erfüllen, und in der angefangenen Form auch die übrigen Gesundbrunnen, und Heilbäder des Landes beschreiben möchte!

Krankheiten, höchst traurige Schicksale, und die Schwierigkeiten, welche mit der Sammlung der erforderlichen Notizen verbunden waren, machten es mir unmöglich, früher, als es im vorigen Jahre geschehen ist, den zweiten und dritten Theil meines Taschenbuchs herauszugeben.

Auch diese Theile wurden eines großen Beifalls würdig gefunden, besonders haben J. J. M. M. der König und die Königin von Baiern, mir Beweise der Anerkennung meiner Verdienste um die leidende Menschheit, wegen Herausgabe dieses Werkes durch ein ansehnliches Geldgeschenk eine goldene Medaille und ein sehr huldvolles, und schmeichelhaftes Schreiben zu erkennen gegeben. Auch Se. Hochfürstliche, Durchlaut [54] Fürst von Thurn und Taxis, und Ihre Königl. Hoheit die Frau Fürstin von Thurn und Taxis ließen mir für ein zugesandtes Exemplar eine wahrhaft fürstliche Remuneration zukommen.

Diese ehrenvolle Anerkennung meiner Verdienste war auch der vorzüglichste Sporn, daß ich in meinem schweren und schmerzlichen Krankheits-Zustande alle Kräften zu Verfassung dieses vierten und lezten Theils meines Taschenbuchs angewendet habe. –

Die Jahre 1821 und 1822 waren in meinem ganzen Lebenslauf noch die verhängnißschweresten und folgereichsten für mich; wie dieses vorzüglich aus der Schilderung meiner besondern Schicksalen ersichtlich ist.


Meine besondere Schicksale.
A.) glückliche.

Von dieser Klasse kann ich nur wenige und höchstens drey anführen, und zwar die:

daß

1.) ich eine solche Frau erhalten, die in sich die Tugenden einer guten Gattin, Mutter und Hausfrau [55] vereinigt, und unsere Ehe mit zwei Kinder gesegnet worden, die an Geist und Körper gut gebildet sind;

2.) mein Taschenbuch mit so vielem Beifall aufgenommen, und von J. J. M. M. dem König und der Königin von Baiern mir eine so ehrenvolle Auszeichnung wegen diesem geworden ist;

und, daß

3.) ich zwar wenige Verwandte aber doch auch solche Bekannte und Freunde habe, von denen mir schon viele Wohlthaten zu Theil geworden sind, und die troz der von andern mir zugefügten Entehrungen und Erniedrigungen nicht aufhören – mich zu achten und zu schätzen; weil sie meinen wahren Werth kennen.


B.) unglückliche.

An unglücklichen Schicksalen mangelte es mir durchaus nicht, von denen ich aber nur die nachstehende ausheben will.

1.) In meiner frühen Jugend wurde ich bei einem Ballspiel mit einem Ball, der mit Sand angefüllt und ganz naß war, auf mein rechtes Aug geworfen, wodurch ich dessen Lichts fast gänzlich beraubt wurde.

2.) Bald nachher fiel ich über 3 Stock hoch in einer [56] Scheune herunter, kam aber glücklich nur mit einiger Contussion davon.

3.) Zur Zeit, als ich zu studiren angefangen, die Auflösung der teutschen Reichsverfassung, und die Abtretung meines Vaterorts an Wirtemberg nicht vermuthen konnte, indem ich mich bei einer solchen Vermuthung nicht einmal durch Zwang zum studiren hätte bewegen lassen.

4.) Im Jahr 1821 stund ich auf der Solitüde in Gefahr mein Leben auf eine höchst unglückliche Weise zu verlieren. Ich fuhr nämlich an einem Sonntag in der Früh von Kannstadt mit einem andern Badgast aus Neugierde nach Kornthal, um dort einem Gottesdienst anzuwohnen. Nach beendigtem Gottesdienste äusserte ich den Wunsch; den Rückweg über die Solitüde zu nehmen, besonders da ich noch nie dort gewesen seye. Als wir dort angekommen, wurde uns alles Merkwürdige gezeigt, und zuletzt auch der dortige mehrere hundert Fuß tiefe Schöpfbrunnen. Nachdem die Thüre des Brunnenhauses geöffnet war, trat ich zuerst in dasselbe ein, und eilte auf einen Gegenstand zu, den ich bei der Dunkelheit und meinem kurzen Gesichte für das Geländer hielt, mit dem ich den Brunnen umgeben [57] glaubte. Während diesem trat eine Person zur Thüre herein, die ich gleich in der Stimme erkannte, und da diese mich interessirte, so blieb ich stehen, um auf ihre Annäherung zu warten. Diese kam nun schnell auf mich zu, ergriff mich, und zeigte mir, daß ich mit beiden Füßen auf dem äussersten Rande des Brunnens stehe, in den ich ganz gewiß hinabgestürzt wäre, wenn mich diese Person nicht zum Stehenbleiben veranlaßt hätte, weil der Gegenstand, den ich für das Geländer des Brunnens gehalten, auf der entgegengesetzten Seite eine große Wassergölte war. Daß dieser Brunnen damals nicht gehörig eingefaßt war, davon lag die Ursache darin, deß Tags zuvor derselbe gereinigt worden und denen Arbeiter nicht mehr so viel Zeit übrig geblieben ist, auch noch am nämlichen Tage das Geländer hinzumachen – Wie es mir zu Muthe war, als ich mich auf dem äussersten Abgrund des fürchterlichsten Todes erblickte – dieses läßt sich leicht denken und eben so einleuchtend ist, daß ich die herbeigekommene Person als ein, zu meiner Rettung von der göttlichen Vorsehung ausersehenes, Werkzeug betrachten mußte.

5.) Der Tod meines mir so theuern und allgemein geschätzten Vaters, der blos allein durch das von dem [58] Kriminalsenat in Ellwangen gegen mich ausgesprochene Straferkenntniß veranlaßt worden ist. Dieser edle Mann wurde, als er dieses Erkenntniß erfahren, vom höchsten Schmerzgefühl ergriffen, – daß ich dadurch meiner Ehre und meines Nahrungs-Standes beraubt und für die Zukunft ausser Stande gesetzt seyn solle, für mich, meine Frau, Kinder und Eltern sorgen und uns allen den nöthigen Lebensunterhalt verschaffen zu können.

Er äußerte gleich, daß dieses schreckliche Verhängniß ihn sein Leben koste, was auch wirklich der Fall war. Seine Kräften nahmen täglich immer mehr ab; jedoch bestellte er mit Hilfe meines Knechtes noch die Aussaat, und als er am 8. April 1821 mit dieser Arbeit fertig war, und nach Haus kam, legte er sich zu Bette, und war trotz aller angewandten Mühe und ärztlichen Hilfe, nach 3 Tagen nämlich am 11. April Mittags 11 Uhr in einem Alter von 72 Jahren – er war den 15. Nov. 1749 geboren, – eine Leiche, nachdem ihm bei 3 Wochen zuvor das gedachte Erkenntniß bekannt geworden war.

Dieser Todesfall war ein schrecklicher Schlag für mich – und zwar aus dem Grunde, weil ich meinem [59] Vater mit innigster Liebe zugethan war, diesen in meiner jetzigen Lage erst recht nothwendig zu Besorgung meiner kleinen Feld-Ökonomie bedurft hätte, und weil ich überzeugt war, daß mein unverdientes Verhängniß seinen schnellen Tod veranlaßt hat.


5) Die Krankheiten, von denen ich und die meinigen heimgesucht wurden.

Schon vor meiner Verheirathung, und zwar, im Jahr 1807 wurde ich von einer schweren Krankheit heimgesucht, von der ich zwar bald wieder hergestellt worden, jedoch mein damaliger Arzt meiner Frau im Voraus sagte, daß, wenn sie mich heirathe, meine stete Krankenwärterin seyn werde. 1810 war ich, wie ich schon angeführt habe, an einer Darm-Entzündung bei 5 Monate schwer krank, und dem Tode ganz nahe, und nachdem ich wieder davon aufgestanden, hatte sich meine Frau bei zwei Monate schwer krank darnieder gelegt. Von dieser Zeit an genoß ich keine gesunde Stunde mehr und lag jedes Jahr einige Monate auf dem Krankenbette. 1815 und 1816 war ich 1 1/2 Jahr lang nicht im Stande, einen Schritt aus dem Hause zu gehen, und wenn ich an schönen, warmen Tagen freie Luft genießen [60] wollte, so war mir dieses nur im Wagen, und auf kleinen Spazierfahrten möglich. Zu Ende 1818 und bis in die Mitte 1819 war meine Krankheit auf das höchste gestiegen, und nur der ausserordentlichen Geschicklichkeit des hiesigen Oberamtsarztes, Herrn Doctor Keringer, und der vorzüglichen Heilkraft des Frösnerischen Bades war es möglich mich vor dem Tode damals zu retten.

Im Jahr 1820 habe ich den Ausbruch meiner Krankheit dadurch verhindert, das ich im Anfang, und gegen das Ende der Badezeit das Frösnerische Bad gebraucht habe. Hätte ich im Jahr 1821, und zu Anfang der Badzeit 1822 das nämliche gethan; so wären ohne Zweifel meine in diese Zeitperiode gefallene schwere Krankheiten nicht eingetreten, und ich vielleicht sogar von meinen Krankheits-Übeln, das seit 14 Jahren nie gehoben, sondern durch den Gebrauch der medicinischen Mittel, nur jedesmal auf kurze Zeit wieder in etwas bekämpft und unterdrückt wurde, fast gänzlich befreit worden. Allein durch die im Frühjahr 1821 eingetrettene Strafe, und den zu gleicher Zeit erfolgten Tod meines Vaters niedergedrückt, ward ich des Lebens satt, und wollte kein Mittel mehr gebrauchen, [61] wodurch der mir so willkommene Tod verhindert würde. Diese schrecklichen Schläge des Schicksals wirkten auch so zerstörend auf mich ein, und warfen mich an meinen Unterleibs-Beschwerden und einer Engbrüstigkeit so schwer auf das Krankenlager nieder, daß ich keinen Augenblick zweifelte, daß diesesmal die Parzen meinen Lebensfaden abschneiden werden. Allein gegen mein Hoffen und Wünschen, wurde ich durch die Geschicklichkeit meines Arztes und den Gebrauch der Arzneimittel, wozu ich mich auf Verlangen der Meinigen verstehen mußte, wieder so hergestellt, daß ich einige Stunden des Tages aus dem Bette zu seyn, und auch etwas weniges zu arbeiten vermochte.

Zu diesem dreifachen Unglücke kamen noch die zwei weitere hinzu, daß während dieser meiner Krankheit auch noch meine Frau an der Gesichtsrose, und meine jüngste Tochter Amalie, am Scharlachfieber auf den Tod krank darniedergelegen sind, und wir alle drei zu unsrer Wart und Pflege blos meine 11 Jahre alte Tochter Nanette, und meine fast ganz blinde Mutter gehabt haben, indem wir keine Magd hatten, weil in gesunden Tagen meine Frau die Haushaltungsgeschäfte allein versieht.

[62] Nachdem ich von dieser Krankheit wieder in etwas hergestellt war; so bearbeitete ich den zweiten und dritten Theil meines Taschenbuches, und kaum war ich bis Ende Juni 1822 mit dieser Arbeit fertig; so wurde ich plötzlich von einer krampfhaften Engbrüstigkeit in so hohem Grade befallen, daß ich jeden Augenblick in Lebensgefahr stund, und, da der Anfall zur Nachtszeit immer am heftigsten war, ganze Nächte an einem offenen Fenster im Bette sitzend zubringen mußte, um mir durch die freie Luft das Athmen zu erleichtern.

Da dieses Übel durch die gewöhnliche Arzneimittel nicht bezwungen werden konnte, so suchte mein Arzt mich in so weit zu stärken, um fähig zu seyn, in das Frösnerische Bad nach Kanstadt gebracht werden zu können, weil er hoffte, daß durch den Gebrauch dieses Bades, vorzüglich aber durch das Trinken des Brunnens, das Übel bekämpft werden könnte. Ich begab mich im Anfang des Monats September nach Kanstadt, und trank am Tag meiner Ankunft noch einige Gläser an der Trinkquelle im Badgarten, die gleich so wohlthätig auf mich wirkten, daß sich in der darauf folgenden Nacht der Brustkrampf schon nicht mehr einstellte, von dem ich zuvor alle Nacht befallen worden. Als ich mich nach [63] einigen Tagen so ziemlich gestärkt fühlte, machte ich Reisen in das Theusser-Rietenauer- und Niedernauer-Bad, um mir Notizen zu Beschreibung dieser Bäder zu sammeln. Statt daß diese Reisen auf mich wohlthätig wirkten, – was ich von denselben hoffte, so hatte die zu starke Erschütterung, welche die an manchen Stellen neu beschlagene Steinstrassen verursachten, zur Folge, daß nach meiner Zurückkehr mein Brustkrampf mit aller Heftigkeit sich wieder zeigte. Daher ich mich auf Anrathen meines Arztes nochmals nach Kanstadt in der festen Meinung begeben habe, daß ich diesesmal statt einer nochmaligen Herstellung mein Grab dort finden werde; weßwegen ich auch den Meinigen bei der Abreise – das letzte Lebewohl – sagte, und an dem Friedhofe vor Kanstadt mit der Empfindung vorübergefahren bin, – daß ich in wenigen Tagen hierher zu Grabe gebracht werde, – und diese meine Ruhestätte mit ruhiger Hingebung betrachtet habe.

Das Maaß meiner unzähligen Leiden schien aber noch nicht voll zu seyn; denn auch diesesmal wurde ich gegen alles Erwarten durch den Gebrauch dieser Heilquellen am Leben erhalten, aber, – wie es scheint, [64] aus keinem andern Grunde, als um noch mehrern Schlägen des Schicksals unterliegen zu müssen.

Der erste hievon war gleich der, daß, als meine Frau und Kinder mich in Kanstadt abholten, meine älteste Tochter vor unsrer Abreise von der Glieder-Krankheit befallen wurde, was uns die Heimreise sehr erschwerte und an der sie über zwei Monate höchst schmerzlich gelitten hatte.

Dieses Mißgeschicke und die feindlichen Einwirkungen auf mich bei meiner Ankunft zu Hause, regten meine Krankheit nach wenigen Tagen wieder so furchtbar in mir auf, daß ich bis gegen Weihnachten hin fast keinen Augenblick das Krankenbette zu verlassen vermochte, und mich auf den Tod gehörig vorbereitete. Während diesem gefahrvollen Krankheits-Zustande erhielt ich von J. J. M. M. dem König und der Königin in Baiern – als einen Beweis der Anerkennung meines Verdienstes wegen der Herausgabe meines Taschenbuchs ein ansehnliches Geschenk in Geld und eine goldene Medaille, wodurch ich in doppelter Beziehung im höchsten Grade erfreut wurde; einmal, weil ich das Geld im Augenblicke sehr nothwendig zur Bestreitung von Krankheits- und Haushaltungskosten [65] bedurfte, und anderseits die goldne Medaille für meine Kinder ein ehrenvolles Andenken von ihrem anderorts so sehr mißkannten und auf die niedrigste Weise behandelten Vaters bleibt. Diese Freude, die so wohlthätig auf mich wirkte, wurde aber nach wenigen Tagen wieder höchst empfindlich dadurch getrübt, daß ich in dem Regierungsblatt ersah, – das von dem Kriminalsenat in Ellwangen gegen mich erkannte Straferkenntniß seye in der Rekurs-Instanz fast gänzlich bestätigt worden.

Da mir die Aerzte einstimmig erklärt haben, daß ich auf Wiedergenesung um so weniger rechnen dürfe, als ausser meinem Brustkrampf und meiner Unterleibskrankheit an dem Daseyn der Herzwassersucht nicht zu zweiflen seye; so habe ich am nahen Ziele meines Daseyns die wenige Stunden, die ich aus dem Bette zu seyn vermag, dazu benützt, um diese meine Lebens- und Leidensgeschichte, so gut als es mir in einem solchen Zustande möglich war, in der Absicht niederzuschreiben, damit meine Mitmenschen dadurch in Stande gesetzt werden, richtig beurtheilen zu können; ob ich nicht ein besseres Loos, und schon wegen meinem steten Krankseyn eine schonendere Behandlung verdient hätte? [66] und ob die Meinigen, für die ich in Folge meiner vieljährigen kostspieligen Krankheiten in meinem Wirkungskreise trotz alles Fleißes und aller Sparsamkeit kein zureichendes Vermögen erwerben konnte, der menschenfreundlichen Theilnahme nicht ganz würdig seyen?

Zugleich fand ich zu Rettung meiner und der meinigen Ehre für nothwendig, eine treue aber kurze Darstellung von der wahren Beschaffenheit der Sache, wegen der ich in Untersuchung und Strafe gekommen, zu geben.


6.) Untersuchung und Bestrafung.

Als die Regierung des Landes im Jahr 1817 begann, das erstarrte öffentliche Volksleben, durch liberale Institutionen zu bewegen und zu erfrischen! als die ersten Grundlagen eines würdigen Bürgerthums hervortratten, da ward mein Gemüth tief und innigst ergriffen.

Ich bildete mir durch mein im Jahr 1817 herausgegebenes – „Politisches Journal“ einen weitern Kreis zur Mittheilung und Fortbildung dessen, was mich für das Gemeinbeste bewegte. An diesem kleinen – nun längst erloschenen – Heerde des Erglühens für [67] die Morgenröthe besserer Tage, sammelte und gewann ich Freunde, Klienten und – Feinde.

Unter Erstern fanden sich die Gemeinde-Deputirten der vormaligen Donau-Stadt Munderkingen. Diese kleine Stadt fand sich um jene Zeit innerlich gedrückt und beunruhigt; hier hauste Gram über verlorne Autonomie, krampfhaftes Streben sie zum Theil wieder zu gewinnen, Mißmuth über Wohlstandszerfall, Kummer über den öffentlichen Schuldenstand und Mißtrauen gegen den – auf wenige Glieder zusammengeschmolzenen Magistrat.

Zu Ende November 1817 kam der Obmann der dortigen Bürger-Deputirten zu mir hierher und verweilte 4 volle Tage, bis ich mich von ihm bewegen ließ – in einer eben so schwierigen als dringenden Rechtssache mit ihm nach Munderkingen zu reisen.

Kaum hatte ich die Arbeiten, welche der Zweck meiner Reise waren, vollendet; so bestürmten die Gemeinde-Deputirten mich mit Jeremiaden und Rathschlägen gegen ihren Magistrat. Mein Gefühl für die Pflichten als Advokat und als Bürger, öffneten meine Ohren diesen Klagen und Hülfsgesuchen. Hier geschah es daher, das ich eine Bittschrift um Auflösung des bisherigen [68] Magistrats, um Entschädigung wegen Entzug des Zehend-Pachts und (aus gutmüthiger Schwäche) noch eine dritte Bittschrift an Seine Majestät abfaßte, worin

1.) für den Fall der Erection eines Munderkinger Staabsamts eventuell um meine Ernennung für solches gebeten, sonst aber

2.) die Geneigtheit der Bürgerschaft versichert wurde mich zu ihrem ersten Ortsvorsteher künftig zu erwählen.

Durch wiederholt zudringliche Bitten des Obmanns, durch seine Versicherung, daß er lediglich das Sprachrohr der Wünsche seiner Collegen sey, endlich durch die übereinstimmenden Aeusserungen mehrerer Gemeinde-Deputirten (was sämmtlich durch Urkunden und Ohrenzeugen bewiesen) ließ ich mir die Abfassung jener auf mich selbst gerichteten, – obgleich ausser dem Kreis sowohl meiner Wünsche als meiner Bedürfnisse liegenden Bitte abdringen.

Die beiden ersteren Eingaben wurden in Munderkingen durch den vormaligen Schultheißen von Rothenacker mundirt, so fort von den Gemeinde-Deputirten unterzeichnet; das Concept der letztern Bittschrift aber [69] weil dieses erst nach der Unterfertigung der erstern verfaßt worden, übergab ich dem Obmann, um solches seinen Kollegen zur Einsicht mitzutheilen. Bald wurde jedoch dieses Concept mit der Versicherung allseitiger Billigung von dem Obmann zurückgebracht, und ich nahm nun sämmtliche drei Eingaben zur weitern Besorgung mit fort, nachdem zuvor, nach einem (durch Zeugen bewiesenen) Wunsche des Obmanns verabredet worden war, die Bittschrift wegen des Ortsvorstehers, der Supplike um Magistrats-Auflösung anzuhängen, oder respec. einzuverleiben.

Indessen fand ich gleich bei meiner Heimkehr bei näherer Durchsicht die zwei seyn sollenden Suppliken um Magistrats-Auflösung und Ersatz wegen Zehent-Pachts-Entzug, so schlecht geschrieben und so Fehlerwimmelnd, daß ich gedrängt einerseits von Eifer die Wünsche der Deputirten nicht noch länger hinzuhalten – anderseits vom Gefühl der Ehrfurcht für Seine Majestät – weil der Abschreiber einigemal Statt – Euer Königlichen Majestät – Extract – geschrieben hat, auf den Entschluß fiel, beide Bittschriften fehlerfrei kopiren zu lassen, und die Kopien statt der Originale einzureichen.

[70] Dieser wurde ausgeführt, und verabredetermassen, der Bittschrift um Magistrats-Auflösung auch das Gesuch wegen der Ortsvorstehers-Stelle einverleibt und angehängt.

Durch die Gedankenlosigkeit zweier hiefür gebrauchten Personen geschah es aber,

1.) daß statt des bloßen Abschreibens Einer Hand, die Unterschriften zwar den Original-Unterschriften nicht nachgemacht, jedoch von einer andern Hand als der des Contextes geschrieben wurden;

2.) daß die Bezeichnung und Vidimirung der Abschriften unterlassen, und

3.) beide Schriften, ohne daß sie mir noch zuvor zu Gesicht kamen, spedirt wurden.

Doch geschah von mir sogleich eine Meldung nach Munderkingen, daß die Bittschrift um Auflösung des Magistrats mit Anhängung der Bitte wegen der Orts-Vorstehers-Stelle abgelaufen sey. Auf dieses bei den Akten liegende Schreiben erfolgte weder eine Antwort, noch eine sonstige Eingabe der mit dessen Inhalt (zugestandenermassen) durch ihren Obmann bekannt gemachten – Gemeinde-Deputirten.

[71] Nach Verfluß eines halben Jahrs wurde Bericht über das fragliche Gesuch von dem Oberamt abgesondert. Da inzwischen sämmtliche Gemeinde-Deputirten, mit alleiniger Ausnahme des Obmanns, in den Magistrat aufgenommen worden, der Obmann aber in eine solche Krankheit verfallen war, die seine Geistes-Verrücktheit und den baldigen Tod zur Folge hatte, so wollten die zu Magistratsglieder gewählten Deputirte nichts davon wissen; daß sie die Verfassung des Gesuchs verlangt und das Concept der Obmann ihnen vorgelegt habe. –

Ehe und bevor man mich über diese Aeusserung gehört hatte, wurde von der damaligen Retarden-Commission in einem am 7. Aug. 1818 an das Ministerium des Innern erstatteten Bericht die Sache in einem sehr sträflichen Licht dargestellt, und von dieser auf Überweisung an die Kriminal-Behörden zur Untersuchung und Bestrafung um so mehr angetragen, als ich ein für den Staat gefährlicher Mensch sey, – indem ich durch Druckschriften und Herumreisen im Lande friedliche Bürger gegen die Obrigkeit aufzuwieglen suche etc.

[72] Diese giftige Insinuation war der Faden, an dem das so fort gegen mich begonnene gerichtliche Verfahren ablief, und nur an ihm kann ich mich aus dessen Irrsal herausfinden.

Denn obgleich die Aufträge zu allen meinen Arbeiten und Eingaben für jene Gemeinde-Vorsteher, ihre Genehmigung des Entwurfs derselben, die Ächtheit ihrer Unterschriften in den Originalien, die Ursachen ihrer Umfertigung, die Verfassung der Abschriften durch dritte Personen, obwohl der diesen zur bloßen Abschrift-Fertigung von mir ertheilte Auftrag, – obgleich alles dieß durch Zeugen, Urkunden, Geständniß bewiesen, und es hiedurch dargethan, daß meine nur der Wahrheit und dem Recht geweihte Feder das Verbrechen der Fälschung nicht befleckte; obgleich also ein vollständiger Entschuldigungs-Beweis geführt, somit der Verdacht jenes Vergehens nicht etwa blos erschüttert, sondern – vernichtet wurde; obschon – aber leider vergebens – ich um Untersuchung der gegen mich angebrachten falschen Anklage, und Erhebung des wahren und offenkundigen Gegentheils gebeten, daß ich vielmehr,[11] daß ich stets in allen meinen öffentlichen Schriften die reinste Liebe zu König und Vaterlande ausgesprochen, daß in Folge meiner steten Kränklichkeit [73] meine Reisen sich blos auf kleine Spazierfahrten beschränkt haben, und daß ich bei meinen hiesigen familien-ökonomischen, und Verdienst-Verhältnissen unmöglich die Erlangung eines nicht einmal 300 fl. Einkommen gewährenden Dienstes in Munderkingen wünschen konnte; – obgleich die Gesetzgebungen aller civilisirten Völker, einen vollständigen Beweis, und die Abwesenheit eines Gegenbeweises zur Verurtheilung fordern, und der Argwohn nirgends genügt – um zu verdammen, noch die Supposition um – zu tödten: So ergieng dennoch das Erkenntniß in zwei Instanzen auf das Vergehen der Fälschung! – – –

Christus wurde auch der Volksaufwieglung und Fälschung angeklagt; daß er nämlich falsche Lehren verbreite und sich für den Sohn Gottes ausgebe.

Sokrates beschuldigte man; er wolle neue Götter einführen und suche die Jugend durch seine Lehren zu verführen.

Auch ich suchte das Volk über seine wahren Rechte und Pflichten aufzuklären, und zu belehren: daß es der Wahrheit und dem König, und nicht dem Götzen des Kastengeistes huldigen solle; zugleich [74] war ich bereit, mit Aufopferung meines eigenen Interesses mich dem Gemeinwohl zu widmen.

Als Sokrates sein Urtheil eröffnet worden, sagte er: er habe dieses nicht anders erwartet, und bewundere nur, daß so wenig Stimmen zu seiner Lossprechung gefehlt haben.

Auch ich habe mein Urtheil nicht anders erwartet, als ich die von der Retardaten Commission gegen mich angebrachte falsche Anklage gelesen hatte; obschon ich gleich Sokrates glauben darf, daß auch unter meinen Richtern einige waren, die meine Schuldlosigkeit eingesehen, und Mitleid mit mir und meiner unschuldigen Familie gefühlt haben. –

Daß Christus und Sokrates fälschlich angeklagt und nur aus Haß und Neid unschuldig verurtheilt und hingerichtet worden sind – dieses erkennt jetzt alle Welt. –

Wie sollte ich mich über mein unverdientes Urtheil so sehr betrüben, zumal ich im moralischen Werth noch so ferne von diesen großen Männern stehe, und in ihren Schicksalen hinlänglichen Trost und Beruhigung finden kann. –

Diese beiden große Geister fanden es ihrer unwürdig, sich gegen die falschen Anklagen und darauf gebauten [75] Urtheile zu vertheidigen und um Strafmilderung zu betteln. Auch ich suche keines von beiden, sondern will lediglich meine Freunde, so wie die Verehrer der Wahrheit und des Rechts von der wahren Beschaffenheit der Sache in Kenntniß setzen. –

Denn durch das gegen mich ausgesprochene Urtheil von dem Kreise meines Wirkens, durch wachsendes Siechthum in Kurzem von der Welt geschieden, der Erde entsagend noch eh’ sie mich verbirgt, eilt mein Auge hinaus über die verwelkten Lauben meiner Hoffnungen zu dem über ihnen strahlenden Morgen-Stern eines bessern Jenseits. Nur in Euch – ihr in Achtung und – Liebe mir angetrauten Seelen wünschte ich ein ungetrübtes Bild eures Freundes.

Zwar den, der im Schooße der Ewigkeit ruht, erreichen weder Spott noch Lob. – Aber die Sehnsucht fortzuleben in verwandten Seelen, ist sie nicht ein Geisterwort höherer Bürgschaften? Und wenn die Welt Vertrauen und Liebe aus dem Herzen reißt, ist es nicht eine heilige Pflicht diese Himmels-Blumen zu schützen?

Ihr edlen Freunde wissen – Glauben und Liebe bewegten mein Leben; ein Sehnen alles in der Sphäre [76] meines Wirkens zu veredlen und weiter zu bringen, war die Seele meines Strebens. Daß ich den Compaß der Kinder dieser Welt vergaß, nicht Verbrechen, sind die Ursachen meines Schiffbruchs. –

Dieser auf dem gefährlichen Ocean des Erden-Glückes erlittene Schiffbruch – und die Überzeugung von meinem nahen Übergang zum bessern und ewigen Seyn befestigen in mir den festen Entschluß – diesen unsicheren Ocean zu verlassen und mein Schiffchen auf dem Kanal fortzulenken, der mich sicher in den Hafen des ewigen Friedens führt, wo mir der Lohn für meine Leiden – und, auf mein Bitten, meinen Feinden der Nachlaß ihrer, durch die an mir verübte Bedrückungen verdienten, Strafen zu Theil werden wird. –

Der große Friedrich II. sagt: „Möchte sich jeder Regent oft des Zustandes der armen Volksklassen erinnern, sich an die Stelle eines Landmanns oder Handwerkers setzen, und sich selbst fragen: wenn ich in dieser Klasse von Bürgern geboren wäre, deren Hände ihr ganzes Kapital sind, was würde ich von meinem Fürsten verlangen? Was dann die gesunde Vernunft ihm antwortet, das muß er thun, wenn er seine Pflicht erfüllen will.“

[77] Mein ganzes Kapital sind meine Kenntnisse, und die Interessen hieraus, die ich zu meinem und der Meinigen Lebensunterhalt bedarf, verschafft mir einzig ein Amt.

Nun hat man mich von einer Amtsbekleidung ausgeschlossen und zwar aus dem Grunde, weil mein Abschreiber die Namensunterschriften, die er (eingestandener Massen) blos abzuschreiben von mir beauftragt war, nicht durchaus mit seinen gewöhnlichen Schriftzügen geschrieben, und weil, erwiesen – ich diese Abschriften blos darum fertigen ließ, um durch Einsendung der mit so groben Schriftfehlern befleckten Originalien die Sr. Majestät schuldige Ehrfurcht nicht zu verletzen. –

Was sagt die gesunde Vernunft und die Pflicht: was gegen mich zu thun sey? –

Der von den Beamten verfolgte Erasmus Schleicher wurde am Ende doch vom Fürsten zum – Landrath ernannt.


[78] Meine Feinde, welche die Schaale für die Hauptsache, und den Kern für nichts achten, werden zwar über die Mühe lächeln, die ich mir durch das Voranstehende gegeben habe, meine Freunde und jeden Unbefangenen von meiner Schuldlosigkeit zu überzeugen, indem sie sagen werden; – daß dadurch die gegen mich verfügte Strafe doch nicht abgeändert werde.

Ob sie hierin recht haben werden, dieses wird die Zeit lehren: vielleicht gelingt doch einem edlen Menschenfreund die Bewirkung der Verbesserung meiner gegenwärtigen Lage, und wenn nicht, so ist doch nur, was vergänglich ist, und der Zeitlichkeit angehört, verloren, und die Hauptsache ist mir geblieben, – mein innerer Werth, meine Kenntnisse, und mein Bewußtseyn – stets treu und gewissenhaft meine Pflichten erfüllt und Niemand wissentlich unrecht gethan zu haben. Dieses und die Überzeugung, daß ich einem Reiche angehöre, in welchem ewig ein nicht nur gerechter, sondern auch barmherziger Richter, der mein Herz und [79] meine Handlungen genau kennt, zu Gerichte sitzt, gibt mir Kraft, die über mich verhängten Leiden mit Muth und Standhaftigkeit zu ertragen. Wenn mich gleich der Spott meiner Feinde eben so trifft, wie er Jesus am Kreuze getroffen, wo seine Feinde ausgerufen: „Er, der so vielen geholfen, kann sich jezt selbst nicht helfen!“ – so kann ich doch mit voller Wahrheit sagen; daß deren nicht wenige sind, die durch intollerante, feindliche, hab- und rachsüchtige Bedrückungen ihre Rechte, Heimat, Gut und Obdach verloren hätten und mit Weib und Kindern zu Bettler gemacht worden wären, wenn ich ihnen nicht mit Kraft, Klugheit und frei von Menschenfurcht beigestanden wäre, und durch diesen meinen Beistand den Sieg errungen hätten. Wie Manchen habe ich durch meine von den Behörden als gründlich und erschöpfend verfaßt, anerkannte Vertheidigungs-Schriften eine bedeutende Milderung ihrer Strafen, – oder durch rührende Begnadigungsgesuche Abkürzungen derselben bewirkt und nebenbei statt der Belohnung[12] noch mit Geldbeiträgen unterstützt. Nicht geringe ist die Zahl derjenigen, denen ich auf die uneigennützigste Weise und zu meinem eignen Nachtheil bedeutende und höchst nützliche Dienste geleistet und mit unter zu solchen [80] zeitlichen Güter verholfen habe, auf deren Erwerb ich vielleicht noch höhern Anspruch gehabt hätte. Auch einige gemeinnützige Werke wurden durch mein Bemühen entweder erhalten oder neugeschaffen.

Für alles dieses wurde mir fast durchgängig der gröbste Undank zum Lohne. Vorzüglich wurde mir dieser von meinem Abschreiber, dem ich so viele und große Wohlthaten erwiesen, und der mir, durch ein gleich anfangs abgelegtes, reines und offenes Geständniß der Wahrheit sehr nützlich hätte seyn können; was er aber – aus Furcht sich eine Verlängerung seiner damals wegen Kassenrest erstandenen Zuchthausstrafe zuzuziehen – unterlassen hat. Die Nemesis hat ihn – Jäger v. Jägersberg – aber dafür schwer heimgesucht; er kam in den Armen- und Kranken-Spital und starb in demselben. Ich verzeihe ihm – Gott wolle seiner armen Seele gnädig seyn. –

Dieser kränkende Undank und die weitere unverdiente Befeindungen und Bedrückungen sind auch der Grund, warum ich die menschliche Gesellschaft fliehe, und gegen die meisten Menschen so mißtrauisch wurde, obschon mich ein Herz beseelt, das die ganze Menschheit mit Liebe umfassen möchte; und ich den Glauben [81] an das Daseyn eines noch edlen und guten Theils der Menschheit nicht ganz aufgegeben habe.

Es ist allerdings für einen Familienvater eine schreckliche Empfindung sich seiner äußern Ehre und seines bisherigen Nahrungsstandes beraubt zu sehen. Dessen ungeachtet finde ich Trost und Beruhigung in der Uberzeugung von dem Unbestand des zeitlichen Glücks und Unglücks, dem wir in unsrer bewegten Zeit auch Fürsten und deren Günstlinge unterliegen sahen; so wie auch darin, daß Gott und gute Menschen mich und die Meinigen nicht verlassen werden und daß, wo die Noth am größten, Gott mit siner Hilf und Gnade am nächsten ist. Und wenn er mir nur meine Gesundheit wieder geben würde, so wäre ich glücklich genug. – Zu dem ist mir ja noch nicht alle Gelegenheit zu einem Verdienste abgeschnitten; denn Jeder, der mich kennt, wird in Rechtsangelegenheiten sich Raths bei mir erholen, und seine Schriften von mir verfassen lassen, die er dann – als Selbstverfasser unterschreibt, und überdieß darf ich nach dem Gesetze, gleich jedem andern Bürger in allen fremden Angelegenheiten zum Bevollmächtigten aufgestellt werden. Nebenbei werde ich mir auch durch literarische Arbeiten einen Verdienst zu erwerben und meinen Mitmenschen dadurch zu nützen suchen.

Besonders bestrebe ich mich gegenwärtig auf nachstehende Weise dem Vaterlande und meinen Mitbürgern nützlich zu seyn.

Auf meine Veranlassung hat sich – um zu Ehren der Geburt des Kronprinzen ein bleibendes und zugleich allgemein nützliches Denkmal zu stiften – ein polytechnischer Verein – zu Errichtung einer polytechnischen, mercantilischen, landwirthschaftlichen, [82] und Landrechts-Lehranstalt gebildet, und sich verbindlich gemacht, in der Elementar Mathematik, Arithmetik, Geometrie, Kaufmännischen Rechenkunst, Buchhaltung, Waaren und Produkten-Kunde, Maschinen-Lehre, Chemie, Naturgeschichte, Mineralogie, Botanik, Technologie, technischen Chemie, Geographie und Geschichte, besonders in Bezug auf den Handel, gemeinen Astronomie, Achitektonik, Land-Wasser- und Straßenbaukunst, Zeichen- und Schönschreibkunst, Sprachen, Bierbrauerei und Brantweinbrennerei, Land- und Forstwirthschaft, Thierheilkunde, und Gesetzlehre – über die allgemeine Landes- Handels- Wechsel- Gewerbs und Kultur-Gesetze – Unterricht und zwar für den Anfang unentgeldlich und so lange zu geben, bis von Seite des Staats die große Nützlichkeit dieser Anstalt erkannt und die erforderliche Unterstützung derselben zu Theil werden wird.

Der Verein hat auch bereits durch das K. Ministerium des Innern und des Kirchen- und Schulwesens bei Sr. Maj. dem König um höchste Bestättigung des Vereins und die Erlaubniß – dem Kronprinzen zu Ehren der Lehranstalt den Namen – Karls-Schule – geben zu dürfen, gebeten; und es ist wohl an der höchsten Genehmigung nicht zu zweifeln, zumal der Nutzen und die Zweckmäßigkeit dieser Anstalt so klar vor Augen liegt, indem an dieser nicht nur die hiesige männliche Jugend, sondern auch die übrige des Landes Unterricht in den benannten Gegenständen erhalten kann; Baiern in Betracht des großen und allgemeinen Nutzens, der von den polytechnischen Akademien zu Wien und Paris ausgegangen, bereits 4 solche Anstalten errichtet hat; unser Vaterland in den nützlichen Bildungs-Anstalten nicht zurückbleibt; und [83] überdieß schon der politechnische Verein an und für sich von unschätzbarem Nutzen seyn würde, weil – wie es in Baiern der Fall ist, die im Lande wohnende Freunde der Künste und Gewerbe, so wie die geschickten Künstler und Gewerbsmänner in den polytechnischen Verein für Wirtemberg Aufnahme finden, und gleich dem Verein in Baiern – ein Kunst- und Gewerbs-Blatt herausgegeben würde, welches zur belehrenden Mittheilung über alle Zweige der Künste, Gewerbe und des Handels im Vaterlande; zur öffenlichen Bekanntmachung und Anerkennung der ausgezeichnetsten Künstler und Gewerbsmänner und ihrer Erzeugnisse; zur Beförderung des Absatzes dieser Erzeugnisse, und zur Belehrung über solche Gegenstände des Auslandes, die für den inländischen Kunst- und Gewerbs-Fleiß auf irgend eine Weise wichtig seyn können – dient.

Würde dieser schöne, gemeinnützige, patriotische und uneigennützige Plan mißlingen; so ist dieses dann lediglich das Werk meiner Feinde, der Finsterlinge und Egoisten, welch letztere alles verachten und verwerfen, was nicht von ihnen ausgegangen ist. –

Sollte der vorstehende Plan nicht zur Realisirung gelangen, und mir gegen alles Verhoffen Gott ein noch längeres Leben schenken, so wird mir duch seine Gnade irgend in seinem großen Reiche gewiß ein solcher Wirkungskreis angewiesen werden, der mir und den Meinigen den nöthigen Lebensunterhalt gewährt und mir Gelegenheit an die Hand giebt, dem Staate und meinen Mitmenschen nützlich zu seyn. Es sind ja schon so Viele ihrer Aemter entsetzt, nachher aber wieder in Gnaden aufgenommen [84] und noch zu höhren Stellen, als sie zuvor bekleideten, erhoben und befördert worden.

Ich gebe daher die Hoffnung auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stand oder auf Erlangung einer andern Stelle noch nicht auf: besonders da – erwiesen nur mein Abschreiber den Fehler begangen hat; und ich die Abschriften einzig aus dem Grunde fertigen ließ, um durch die Einsendung der mit so groben Schriftfehlern befleckten Originalien die Sr. Majestät dem König schuldige Ehrfurcht nicht zu verletzen. Auch in meinem noch unerledigten Gesuch um Gnade oder Revision meiner Schuldlosigkeit so sonnenklar erwiesen und dargestellt ist.

Deßwegen finde ich Kraft und Hoffnung in dem Trostliede:

„Laß nicht, o Gott, das Unrecht siegen,
Das mir mein Widersacher thut“ etc. –

und rufe zugleich mit Hiob:

„Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Herr kann es wieder geben, gepriesen sey sein Name.“


[85]

Verbesserungen und Druckfehler[13]

[86]
In der Biographie.

S. 2. Z. 12. ist nach – dieses – noch zu setzen – : Berges.
S. 6. Z. 17. statt der Wunsch: den Wunsch
S. 10. Z. 8. statt Feierbach: Feuerbach.
S. 14. Z. 9. statt Collegen: Collegio.
S. 16. Z. 9. statt überwollende: übelwollende.
S. 23. Z. 6. statt nur: mir.
S. 45. in der vorletzten Zeile statt 1807: 1817
S. 72. Z. 21. ist nach falschen Anklage: noch beizusetzen: und Erhebung des wahren und offenkundigen Gegentheils gebeten, daß ich vielmehr etc.
S. 79. Z. 19. statt Belehrung: Belohnung.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: (Druckfehler) Wort ergänzt
  2. Vorlage: der (Druckfehler)
  3. Vorlage: nnd
  4. Vorlage: nnd
  5. Vorlage: Feierbach (Druckfehler)
  6. Vorlage: Behandluug
  7. Vorlage: Collegen (Druckfehler)
  8. Vorlage: überwollende (Druckfehler)
  9. Vorlage: nur (Druckfehler)
  10. Vorlage: 1807 (Druckfehler)
  11. Vorlage: (Druckfehler) Text beigefügt
  12. Vorlage: Belehrung (Druckfehler)
  13. Auf die Wiedergabe der Verbesserungen und Druckfehler aus den anderen Teilen wurde verzichtet.