Beschreibung des Oberamts Nürtingen/Kapitel B 27

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27. Unter-Boihingen,
katholisches Pfarrdorf, Gemeinde III. Cl. mit 515 Einwohnern (darunter 17 evangelischen Filialisten von Wendlingen, die Bewohner des Brückenwirthshauses aber von Köngen, OA. Eßlingen), 15/8 St. nordnordöstlich von Nürtingen, an der Straße von da nach Eßlingen und Plochingen, unweit des rechten Neckarufers, freiherrlich v. Thumb’scher Grundherrschaft (kath. Decanat Stuttgart). – Dieser Ort hat mit seiner Markung unter allen des Oberamtes die wärmste Lage und die frühesten Ernten. Die Wiesen liegen im Neckarthal, während die Felder sich die sanften Höhen hinanziehen, welche zwischen dem Neckar- und Lauter-Thal sich ausbreiten. Es wechselt sandiger Lehm- und Thon-Boden, in einzelnen Lagen auch Mergel und mit Kies gemischter Kalkboden. Im Ganzen sind die Felder fruchtbar und nicht schwer zu bauen. Man muß den Zustand der hiesigen Landwirthschaft als sehr gehoben und fortgeschritten bezeichnen, indem das Beispiel der musterhaften Ökonomie auf den benachbarten Maiereien Tachenhausen, Bodelshofen, Steinbach und Köngen hier lobenswerthe Einwirkung findet. Namentlich ist der fleißige Anbau von Futterkräutern und | seit einigen Jahren auch des Repses hervorzuheben. Getreide wird ziemlich viel auswärts verwerthet, Wiesenfutter aber nicht viel über den eigenen Bedarf gewonnen. Die Ackerpreise stehen auf 250, 350 bis 500 fl., die Wiesenpreise auf 300, 400 bis 450 fl. Für Obstzucht zeigt sich ein reger Eifer, indem schon in der Schule darauf hingewirkt wird, auch neuerlich einige Baumschulen angelegt worden sind. Einige hübsche Gärten zeugen übrigens auch davon, daß der Sinn fürs Nützliche nicht der allein herrschende ist. – Die Pferdezucht wird von einigen Eigenthümern zwar in kleinem Umfang, aber mit Sorgfalt betrieben. Die Zucht des Rindviehs hebt sich sehr durch Verallgemeinerung der Schweizer Race. Schafe werden nur von dem Bestandschäfer gehalten, welcher der Gemeinde 755 fl. Pacht entrichtet.[1]

Bei der zweckmäßigen Benützung der beiden Haupterwerbsquellen, des Feldbaus und der Viehzucht, sind die Vermögensumstände der Einwohner im Ganzen befriedigend. Man erkennt den besseren Nahrungsstand auch an dem Aussehen, dem Benehmen und der gefälligeren Tracht der Leute. Gewerbe, welchen sich die Ärmeren widmen, sind die der Weber und besonders der Maurer und Zimmerleute, welche im Sommer auswärts Arbeit suchen. Schildwirthschaften sind 3 vorhanden, darunter das besonders in frühern Zeiten als Vergnügungsort der Umwohner viel besuchte sogenannte Köngener Brücken-Wirthshaus; auch findet sich eine Handlung hier.

Die Corporation ist in guten ökonomischen Verhältnissen, was sie zum Theil vortheilhaften Erwerbungen in der neueren Zeit verdankt. Die wichtigste ist die Acquisition des gesammten Zehntrechtes. Pfarrsatz und Großzehnt nebst Zugehörungen erkaufte von Volmar von Mannsperg der Eßlinger Hospital; derselbe besaß laut Notariats-Instrument von 1426 damals die ihm durch Papst Martin V. unmittelbar vorher incorporirten Pfarreien Hürnholz (s. unten) und Unter-Boihingen. Von diesem Hospital kamen die Pfarreien an Konrad Wilhelm, Bischof von Würzburg 1683 bis 1684, von der Familie der Herrn von Werdnau, dessen Schwester sie an das Frauenkloster Unterzell bei Würzburg brachte. Von Unterzell gingen diese Rechte im Jahr 1803 an Bayern über, welches aber 1804 die Lehenhöfe ihren Inhabern käuflich überließ und den Pfarrsatz an Württemberg abtrat. Das Großzehntrecht blieb bayrisch, wurde aber 1833 von der Gemeinde um 8000 fl. erkauft. Den kleinen, Heu-, Öhmd-, Obst- und Blut-Zehnten trat die Pfarrei | durch Vertrag vom 23. Nov. 1839 gegen eine jährliche Rente von 400 fl. und 2 Morgen Wiesen an die Gemeinde ab. Auch gibt nach demselben Vertrag die Gemeinde ein jährliches Geldsurrogat von 100 fl. für Weinbesoldung an die Pfarrstelle. Die Gemeinde wird den Fruchtzehnten noch so lange erheben, bis das Ankaufscapital getilgt ist, worauf die Güter von aller Zehntabgabe befreit bleiben. – Die Gemeinde hat einen mit Eichen und Buchen bestockten Walddistrikt von 70 Morgen, der freilich bei weitem nicht hinreicht, vor Holzmangel zu schützen.

Gegen die Grundherrschaft sind zwar Küchengefälle, Frohnen und andere Feudallasten abgelöst worden, doch ruhen noch auf 7 Hof- und 11 Lehen-Gütern die Abgabe der vierten Garbe als Landacht, und auf einzelnen Häusern unbedeutende Handlöhne und Weglößin. Das Fischrecht gehört der Gutsherrschaft und ist verpachtet.

Der Ort zeichnet sich durch Anlage und Bauart eben nicht besonders aus, hat aber einige hübsche neue Privathäuser. Die Pfarrkirche zum heiligen Columban ist im Innern hell und freundlich, der alte Thurm aber minder gefällig. Als Baujahr des Chors wird 1593 angegeben; er scheint aber älter zu seyn. Die Baulast ruht auf dem nicht unvermöglichen Kirchenfond. Eine halbe Viertelstunde östlich vom Dorf am Fuß einer kleinen Anhöhe liegt der Begräbnißplatz mit einer gothischen, im Jahr 1493 geweihten Capelle. Früher stand an ihrer Stelle die Pfarrkirche zu U. L. F. im Hürnholz. Die Capelle hat einen Hoch- und zwei Seiten-Altäre, ein altes auf Holz gemaltes Bild der h. Jungfrau Maria mit den drei Kronen über dem Seitenaltar rechts, vier Epitaphien der Schillinge von Canstatt (1553 bis 1610), zwei der Branz von Brandenstein und eines von Maximilian von Wernau 1690. Daneben in einem capellenartigen Raum an der Kirchhofmauer befindet sich ein Ölberg, Christus und drei schlafende Jünger, gute Figuren in Holz, vorstellend, renovirt 1814. Eigenthumsrecht und Baulast der Capelle hat der Kirchenfond. Das Pfarrhaus, etwas abgelegen aber solid und geschmackvoll, wurde 1753 auf Kosten des damaligen Patrons und Decimators, des Klosters Unter-Zell, erbaut. Jetzt ruht in Folge der oben angegebenen Verhältnisse die Baulast auf der Gemeinde. Das Rath- und Schul-Haus erbaute dieselbe 1807; an der Schule unterrichtet ein Lehrer. Auch ist eine Industrieschule vorhanden. Durch den Ort geht die Straße von Nürtingen nach Eßlingen und Plochingen; die Parallelstraße derselben am linken Neckarufer, sowie die Straße von Stuttgart und Eßlingen nach Kirchheim berühren den Ort nicht. Über den Neckar führt eine schöne steinerne Brücke mit vier Bogen, insgemein die Köngener Brücke genannt, | welche im Jahr 1622 etwas unterhalb der alten hölzernen, durch die Sage von dem Sprung des Herzogs Ulrich berühmt gewordenen, erbaut wurde. Am Neckarufer sind im Lauf der letzten Jahre bedeutende Correktionen vorgenommen worden, wodurch der Strom um eine Strecke vom Dorf zurückgedrängt und Gelegenheit zu Weiden-Anpflanzungen, eine wichtige Rücksicht für die holzarme Gegend, gewonnen worden.

Eine halbe Viertelstunde südlich von dem Ort wurden vor 9 Jahren Grundmauern von Gebäuden aufgegraben, welche man damals für die Überreste eines Klosters erklärte. Topograph Paulus aber fand an dieser Stelle, „im Steig“ genannt, römische Ziegel, Bruchstücke römischer Gefäße, Heizröhren, Estrich etc. S. oben S. 109.

Unter-Boihingen ist die einzige neu-württembergische Gemeinde des Oberamts, indem es bis zu Ende des Jahrs 1805 mit dem Rittergute Hammetweil eine dem Kanton Neckar-Schwarzwald zugetheilte reichsritterliche Herrschaft bildete, 1806 aber dem Oberamt Nürtingen, anfänglich als ein eigenes Patrimonial-Amt, untergeben wurde. Die Grundherrschaft ist repräsentirt durch den Familien-Ältesten, Freiherrn Alfred v. Thumb-Neuburg, Ober-Lieutenant im Königl. 3ten Reiter-Regiment. Das gutsherrliche Schloß, Sommeraufenthalt der freiherrl. Familie, in seinen zwei untern Stockwerken noch von den Wernau aufgeführt, ist ein einfaches Gebäude, von schattenreichen Gartenanlagen und einer Mauer umgeben; es liegt am nordwestl. Ende des Dorfes. Das Schloßgut (Mannlehen) begreift 85/8 Morgen Gärten und Länder, 292/8 Morgen Äcker, 451/8 Morgen Wiesen.

Im Jahr 1336 am 5. Juni verkauften die Grafen Albrecht, Hugo und Heinrich von Hohenberg das Dorf Nieder-Boihingen (wie Unter-Boihingen sonst hieß) nebst Köngen und andern Zugehörungen der Herrschaft Boihingen an Graf Albrecht von Aichelberg, dessen Erbtochter im Jahr 1382 Hans Thumb von Neuburg heirathete und ihm Theile der genannten Herrschaft in die Ehe brachte (s. OA.-Beschr. Eßlingen 204). Vor dem Jahr 1739 war Unter-Boihingen indeß bereits württembergisch gewesen, denn in diesem Jahre, 14. Jan., vertauschte Herzog Karl Friedrich Administrator diesen Ort an Wilhelm Ludwig Thumb von Neuburg gegen die andere Hälfte von Köngen (Sattler Topogr. 506. Scheffer 218).[2]

Fußnoten:

  1. Die Schafweide war gutsherrlich, ist aber durch Kaufvertrag vom 1. Okt. 1833 an die Gemeinde übergegangen.
  2. Mit Gunst und Willen ihres Herrn, des Grafen Rudolph von Hohenberg, verkaufen 1328 Heinrich der Boschegreve und Beth die Dürrin, seine Hausfrau, dem Frauenkloster Kirchheim um 191/2 Pfd. Heller 2 Pfd. H. aus ihrem Hof und Hut zu Niederbuigingen, das ihr freies Eigen ist. Der Hospital Eßlingen kaufte 1363 von Graf Albert von Aichelberg den Hof, genannt Keimenhof, der zu Niederbuigingen gelegen ist.
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