Beschreibung des Oberamts Nürtingen/Kapitel A 3

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III. Einwohner.


1. Bevölkerung.
A. Stand der Bevölkerung.

a. Volkszahl. Das Oberamt zählte nach der Aufnahme auf den 3. December 1846 28.927 ortsangehörige Einwohner, nämlich 14.176 männliche und 14.751 weibliche.

| Nach früheren Aufnahmen zählte dasselbe:
Auf den 1. November 1812 22.320 Angehörige
" " 1. " 1822 24.042 "
" " 1. " 1832 26.149 "
" " 15. December 1842 28.243 [1] "

Von der angehörigen Bevölkerung des Jahres 1822 waren abwesend 1629; dagegen Fremde anwesend 471; es belief sich sonach die ortsanwesende Bevölkerung damals auf 22.884. Am 15. December 1837 betrug dieselbe 24.949 und 1843 26.135.

Auf 1 geographische Quadratmeile kommen nach dem Stande des Jahres 1846 6995 Einwohner. Die Dichtigkeit der Bevölkerung des Bezirks ist also um 2048 Köpfe, oder um 41 Procent größer als die mittlere des Landes (4947 auf 1 geographische Quadratmeile).

b. Geschlechts-Verhältniß. Der Mehrbetrag der weiblichen gegen die männliche Bevölkerung war im Jahr 1846 575, oder es kommen auf 1000 männliche 1040 weibliche Einwohner. Dieser Mehrbetrag der weiblichen Bevölkerung belief sich

im Jahr 1812 auf 224
" " 1822 " 360
" " 1832 " 659
" " 1842 " 411

c. Altersstufen. Von der Bevölkerung des Oberamts im Jahr 1832 standen in einem Alter

auf
10.000 10.000
männl. weibl. männl. weibl.
bis zum vollendeten 6. Jahre   1870 2021 1467 1508
vom 06. bis zum 14. " 2267 2358 1779 1759
" 14. " " 20. " 1284 1378 1008 1028
" 20. " " 25. " 1243 1297 975 968
" 25. " " 40. " 2828 2922 2218 2180
" 40. " " 60. " 2178 2463 1709 1837
" 60. " " 70. " 695 695 545 519
" 70. " " 80. " 325 247 255 184
" 80. " " 90. " 53 22 42 16
" 90. " " 100. " 2 1 2 1
12.745 13.404 10.000 10.000
26.149
| Bei der Zählung vom Jahr 1822 kamen
auf 10.000 Männer: auf 10.000 Weiber:
unter 14 Jahren            3223      unter 14 Jahren            3191
von 14–18     " 927      über 14    "   6809
  "   18–25     " 1316
10.000
  "   25–40     " 1908
  "   40–60     " 1821
    über 60     "      805
10.000

d. Familienstand der Angehörigen, am 1. November 1832:[2]

 Verehelichte 8832,   also 4416 Ehen.
 Wittwer   493,
 Wittwen 773,
 Geschiedene 57,
 Unverehelichte 015.994,
26.149
,

Es kamen daher auf 1 Ehe 5,9; auf 1 Familie 4,6 Personen. Beide Verhältnisse stehen unter dem Durchschnitt des Landes (6,3 und 4,7). Nach den Aufnahmslisten für den Zollverein betrug die Familienzahl auf den 15. December 1837   5999, 1840   6124, 1843   6018, 1846   6278.


e. Kirchliches Verhältniß  im Jahr

1822 1832 1846
 Christen:
α. evangelisch-lutherische 23.556 25.623 28.344
α. evan"elisch- reformirte 9 2
β. römisch-katholische 476 524 580
γ. andere christliche Religionsparteien      3
 Juden         1         –         –
24.042
26.149
28.927
| f. Standesverhältniß im Jahre 1822. (Spätere Aufnahmen lassen diese Classifikation unberücksichtigt):
 Adelige 8
 Bürgerliche   24.034
24.042

g. Gewerbe- und Nahrungs-Verhältnisse im Jahr 1822 (wie bei f.)

 Bauern und Weingärtner   2075
 Taglöhner 590
 Gewerbtreibende 1641
 In öffentlichen Diensten 828 [3]
 Renteniere (Pensionäre) 23
 In Almosen stehend      360


B. Gang der Bevölkerung.

(Nach zehnjährigen Durchschnitten von 1812/22 und von 1832/42.)

     a. Es wurden jährlich geboren:
1812/22 1832/42
 männliche 441,9 682,1
 weibliche   419,9   634,9<
861,8 1317,0
darunter uneheliche 88,6 108,3
 Todt kamen zur Welt von 1812/22 im Durchschnitt jährlich
 männliche 22,6
 weibliche 15,3
37,9
     b. Sterbefälle. Gestorben sind jährlich:
1812/22 1832/42
 männliche 327,1 509,2
 weibliche   310,8   483,0
zusammen 637,9 992,2
|
     c. Wanderungen. Eingewandert sind jährlich:
1812/22 1832/42
männl. weibl. männl. weibl.
     aus fremden Staaten 2,7 2,5 1,4 4,1
     aus andern Orten des Königreichs 40,1 62,3 82,2 125,3
42,8 64,8 83,6 129,4
Ausgewandert sind jährlich:
     in fremde Staaten 24,1 23,9 14,0 10,3
     in andere Orte des Königreichs 42,0 66,0 103,6 152,9
66,1 89,9 117,6 163,2
also mehr aus: 23,3 25,1 34,0 33,8
     d. Veränderungen im Stande der Ehen. Neue Ehen wurden
geschlossen von 1812/22 im Durchschnitt jährlich
161,6
      und aufgelöst: durch Tod 136,5
      und aufgelöst: durch Scheidung 1,2

     e. Wachsthum und Verhältnisse der Bevölkerung. Die Bevölkerung des Bezirks nahm zu in dem Zeitraum von 1812/22 um 1755, nämlich: 915 männliche, 840 weibliche Personen, (0,77 Procent jährlich), von 1832/42 um 2570, nämlich: 1389 männliche, 1181 weibliche Personen (0,98 Procent jährlich.)

Der natürliche Zuwachs durch den Überschuß der Geborenen über die Gestorbenen betrug im ersten Zeitraum 2239, im zweiten 3248. Das Verhältniß der Geburten zu der Bevölkerung ist für 1812/22 wie 1 : 27 oder auf 10.000 Menschen kommen 373 Geborene; von 1832/42 wie 1 : 21 oder auf 10.000 Menschen kommen 485 Geborene. Dieses Verhältniß ist für das Königreich in dem ersten Jahrzehnt wie 1 : 26,4; in dem zweiten wie 1 : 23,4; der Bezirk Nürtingen gehört sonach neuerlich zu den fruchtbarsten des Landes.

Unter 100 Geburten waren von 1812/22 10,3; von 1832/42 8,2 uneheliche; oder die ehelichen verhalten sich zu den unehelichen wie 1 : 8,7 und wie 1 : 11,2. Dieses Verhältniß hat sich also hier neuerlich sehr verbessert, und stellt sich in den beiden Decennien günstiger als das vom ganzen Lande (1 : 8,1 und 1 : 8,7).

| Mit Unterscheidung der Geschlechter kommen auf 1000 weibliche Geburten von 1812/22 1052, und von 1832/42 1074 männliche Geburten. Die Zahl der Todtgeborenen verhielt sich von 1812/22 zur Gesammtzahl der Geborenen wie 1 : 22,7; die spätern Listen erwähnen der Todtgeborenen nicht mehr.

Todesfälle kommen auf 10.000 Lebende von 1812/22 276 (1 : 36 Lebende), von 1832/42 365 (1 : 27 Lebende). Dieses Verhältniß zeigt sich in der ersten Periode günstiger, in der zweiten aber ungünstiger als jenes vom ganzen Lande (1 : 31,5 und 1 : 29,3). Nach den verschiedenen Altersstufen starben durchschnittlich von 1812/22:

von 10.000 Geb. männl. Geschl.      von 10.000 Geb.
     weibl. Geschl.
vor der Geburt 691 492
bis zum 1. Jahr 3974 3234
vom 1. – 7. Jahr 1309 1637
    "   7. –14.  " 303 335
    "   14.–25.  " 501 322
    "   25.–45.  " 636 840
    "   45.–60.  " 660 1084
    "   60. u. darüber   1926   2056
10.000 10.000

Es starben demnach von 1812/22 von 100 Geborenen, mit Einschluß der Todtgeborenen, 42 vor Erreichung des ersten Lebensjahres, im ganzen Lande waren in demselben Zeitraum von 100 Kindern derselben Altersklasse 35 gestorben.

Mit Unterscheidung der Geschlechter kommen auf 1000 weibliche Gestorbene von 1812/22 1052, von 1832/42 1054 männliche Gestorbene.

Auf 1000 Sterbfälle kommen von 1812/22 1351, von 1832/42 1327 Geburten; und nach den Geschlechtern auf 1000 Gestorbene männlichen Geschlechts von 1812/22 1351, von 1832/42 1340 Geborene desselben Geschlechts, und auf 1000 Gestorbene weiblichen Geschlechts von 1812/22 1351, von 1832/42 1314 Geborene gleichen Geschlechts.

Unter 1000 Personen des natürlichen Zuwachses | sind von 1812/22 männliche 513, weibliche 487; von 1832/42 männliche 532, weibliche 468. Unter 1000 Personen der Abnahme durch Wanderung sind von 1812/22 männliche 481, weibliche 519; von 1832/42 männliche 502, weibliche 498. Unter 1000 Personen des gesammten Zuwachses sind von 1812/22 männliche 521, weibliche 479; von 1832/42 männliche 540, weibliche 460.

Durch bemerkenswerthe Verhältnisse zeichneten sich unter den einzelnen Gemeinden des Bezirks von 1832/42 folgende aus, und zwar durch geringere Sterblichkeit im 10jährigen Durchschnitt: Ober-Boihingen auf 1000 Einwohner 24,3 Gestorbene; Klein-Bettlingen 27,4; Hardt 27,9; Unter-Ensingen 28,2; Kohlberg 30,7; Balzholz 31,1.

Durch größere Sterblichkeit: Tischardt auf 1000 Einwohner 49,1 Sterbfälle; Wolfschlugen 48,0; Zizishausen 46,9; Neuenhaus 42,1; Altdorf 41,5.

Die meisten alten Leute (mehr als 70 Jahre zählend) befanden sich im Jahr 1832 zu Linsenhofen auf 1000 Einwohner 47,4; zu Nürtingen 35,2; zu Erkenbrechtsweiler 34,4; Frickenhausen 33,9; Neuffen 33,2; Klein-Bettlingen 30,7. Die wenigsten alten Leute hatten: Hardt auf 1000 Einwohner nur 11,5; Wolfschlugen 11,6; Raidwangen 12,3; Unter-Boihingen 11,7; Zizishausen 13,4.

Die meisten Geburten kamen vor: zu Zizishausen auf 1000 Einwohner 62,3; Tischardt 57,9; Hardt 57,4; Altdorf 56,9; Neuenhaus 55,6. Die wenigsten zählten: Ober-Boihingen auf 1000 Einwohner 40,3; Grötzingen 40,9; Nürtingen 44,2; Kohlberg und Unter-Ensingen 44,5; Reudern 44,7.

Die meisten unehelichen Geburten hatten: Grabenstetten unter 100 Geburten 17,1; Ober-Boihingen 11,9; Grötzingen 11,8; Altdorf 11,6; Grafenberg 11,3. Die wenigsten Unter-Boihingen unter 100 Geburten nur 1,5; Raidwangen 1,8; Kappishäusern 2,7; Groß-Bettlingen 3,2; Hardt 3,7; Kohlberg 3,9. |
2. Stamm und Eigenschaften der Einwohner.

Die Einwohner des Bezirks sind durchgängig Schwaben und theilen alle Eigenthümlichkeiten dieses Volksstammes, wie sie sich in Niederschwaben, oft in merklichen Gegensätzen gegen die oberen Gegenden, im Lauf der Zeiten ausgebildet haben. Etwaige Einwanderungen einzelner Fremder, die in eine Gegend ohne namhaften Gewerbe- oder Handelsverkehr zu keiner Zeit häufig vorgekommen seyn konnten, haben hierin nichts geändert, wie denn z. B. die Colonie fränkischer Töpfer, welche Herzog Ulrich in Neuenhaus angesiedelt haben soll, sich so vollständig assimilirt hat, daß wenigstens keinerlei Besonderheit der dortigen Bewohner für das Geschichtliche dieser Sage spricht. Daß Schweden und andere Ausländer aus dem schwedischen Heer nach Beendigung des 30jährigen Krieges sich in größerer Zahl da und dort im Bezirke niedergelassen haben sollen, wird, wie anderwärts, auch hier gehört; allein diese waren – wie die angeblichen Schweden in der Steinlach – wohl lauter gute Landsleute, die man Schweden hieß, weil sie im schwedischen Heer gedient hatten. Auch findet man nicht leicht Geschlechtsnamen, welche nicht auch schon vor dem Krieg in den Kirchenbüchern vorkämen. Nur Erkenbrechtsweiler scheint hierin eine Ausnahme zu machen.

Der Menschenschlag ist im Ganzen kräftig, von guter Gesundheit und ohne vorherrschende Gebrechen. In den höher gelegenen Orten, Wolfschlugen, Raidwangen, Altdorf, Beuren, Balzholz, auch Klein-Bettlingen, ist ein starker, derber Körperbau häufiger als in den Thalorten.

[4] Bei der sehr verschiedenen Lage der Orte, noch mehr aber den verschiedenen Beschäftigungen, Lebensarten und Gewohnheiten der Einwohner des Oberamtes ist es begreiflich, daß die darin vorkommenden Krankheiten keinen allgemeinen | Charakter haben können. Der Art und der Zahl der Krankheiten nach ist das Gesundheitsverhältniß im Ganzen ein günstiges zu nennen, ja es gibt Punkte im Oberamt, die durch ihre gesunde Lage sich sehr vortheilhaft auszeichnen. Diejenigen der vorkommenden Krankheiten, die eine besondere Würdigung verdienen, sind folgende. Die Schleim- und Nerven-Fieber kommen sporadisch häufig im ganzen Oberamt vor und steigerten sich in manchen Fällen bis zur Epidemie. In der letzten Zeit waren davon hauptsächlich betroffen: Aich, Ober-Boihingen, Balzholz, Beuren, Kohlberg. In einigen dieser Orte verlief die Krankheit mit einer gewissen Milde, in andern aber, wie Aich, Balzholz, Kohlberg, forderte sie viele und schnelle Opfer, auch war die Dauer in diesen Orten eine sehr lange; so wurden z. B. die kleinen Gemeinden Kohlberg und Balzholz ganz durchseucht. Besonders bösartig und schnell dahinraffend ist das Nervenfieber in Beuren. Die Entzündungen, die sehr häufig vorkommen, befallen in der Mehrzahl der Fälle die Athmungswerkzeuge und sind in den höher gelegenen Orten meist reiner Natur, während dieselben in den tiefer gelegenen sich nicht selten mit andern Krankheitszuständen combiniren. Unter dem kindlichen Alter ist am Fuße der Alp die Luftröhrenentzündung häufig zu beobachten, fordert aber nicht so viele Opfer, wie dieß in andern Gegenden der Fall ist. In den letzten Jahren hat der Keuchhusten unter dem jugendlichen Alter eine große Umschau gehalten und dieses zarte Geschlecht auf eine oft sehr bemitleidenswerthe Art heimgesucht. Unter den Krankheiten, die mit fieberischem Zustand das Hautsystem befallen, sind es diejenigen Exantheme, welche die frühe Jugend zumeist in ungefährlichem Zustand heimsuchen. Andere Hautkrankheiten kommen wohl häufig vor und sind nicht selten an solchen Personen zu finden, die in der benachbarten großen Spinnerei in Urach arbeiten. Die Pocken zeigten sich vor drei Jahren in Tischardt und Grafenberg in einigen Familien, so daß deßhalb Staatsfürsorge eintreten mußte. | Unter den Fiebern ist es zunächst das kalte Fieber, das sich in einigen am Neckar gelegenen Orten, wo stehendes Wasser sich findet, als endemische Krankheit zu erkennen gibt, so z. B. in Neckar-Thailfingen, Neckarhausen, Zizishausen und Unter-Boihingen. Eine nicht seltene Erscheinung im Bezirke ist die Ruhr, die namentlich im Jahr 1834 einen großen Theil des Oberamtes heimsuchte. In letzterer Zeit war es Kohlberg, wo sich diese Krankheit namentlich bei Kindern einstellte. Ein bedauerlicher Umstand ist, daß die Bleichsucht nicht nur in der Stadt, sondern auch auf dem Lande, auf nicht selten gefahrvolle Art das weibliche Geschlecht aufsucht und häufig Schwindsucht und organische Fehler des Herzens hinterläßt.

Skropheln und Cretinismus kommen auch in diesem Oberamte vor; besonders die Skropheln, welche auf eine bedauernswerthe Art sich unter der Bevölkerung verbreiten. – Obgleich der Cretinismus nicht endemisch vorkommt, so findet er doch im Oberamte seine Repräsentanten, die aber zum Glück keiner Gemeinde allein angehören, sondern auf den ganzen Bezirk vertheilt sind; nach Rösch finden sich in Neckar-Tenzlingen allein 13, nach pfarramtlichen Berichten in zehn weiteren Ortschaften 28 cretinische Subjekte, die jedoch meist den milderen Graden angehören.

In Kappishäusern leiden fast alle Frauen an dem sogenannten Magenweh, und die Bewohner dieses Ortes geben dem dortigen Wasser die Schuld. Da aber das benachbarte Kohlberg das Trinkwasser aus derselben Quelle bezieht, so dürfte die Ursache wohl in etwas Anderem zu suchen seyn.

Derjenige Theil der Bezirksangehörigen, welcher in die Fremde wandert, nun sich in Fabriken etc. sein Brod zu erwerben, ist auch derjenige, der nicht selten die Brücke für sonst hier fremde Krankheiten bildet, nämlich die syphilitischen, die nachgerade keine außerordentlichen Erscheinungen mehr sind.

| Die Bewohner von Beuren und Balzholz scheinen einem andern als dem hier verbreiteten Menschenschlage anzugehören. Nicht bloß körperliche Bildung unterscheidet sie von den übrigen Einwohnern, sondern auch ihre Tracht und Gebräuche lassen sie leicht von den andern Bewohnern unterscheiden. Dieser Menschenschlag, obgleich geistig und körperlich sehr vortheilhaft ausgestattet, ist dem Aberglauben auf eine grasse Art verfallen, und es ist einigermaßen daraus erklärlich, wie bei dem weiblichen Theil dieser Bewohner Hysterie, Anfänge des Somnambulismus, überhaupt Nervenleiden vorkommen, welche viele Leute auf die abenteuerlichste Art auffassen und zu Gunsten des florirenden Aberglaubens ausbeuten.

Eine große Berühmtheit hat unser Bezirk durch seine Wunderdoctoren erhalten, die den Gemeinden Wolfschlugen und Hardt angehören und es gibt in der That ein schlimmes Zeugniß für unsere Cultur ab, daß dieselben sehr fleißig von weit her von einem sogenannten gebildeten Publikum um Hülfe angegangen werden, jener Teufelsbeschwörungen gar nicht zu gedenken, denen sich der Aberglaube des gemeinen Volks im hohen Grade hingibt.

Obgleich eine große Quantität geistiger Getränke producirt wird, insbesondere Kirschengeist, so hat dieses Getränk doch keinen besondern Einfluß auf den Gesundheitszustand der Bewohner, da derselbe durch den Handel bald in andere Hände übergeht.

Aus früheren Zeiten wird gemeldet, daß im Jahr 1530 die Regierungskanzleien von Stuttgart, wegen der dort ausgebrochenen Pest, nach Nürtingen verlegt wurden, woselbst sie aber nur ein Jahr verbleiben konnten, da die Pest auch hier auszubrechen begann. 1583 stellte sich die Pest abermals in Nürtingen ein und tödtete 500 und im Jahr 1611 200 Personen. 1610 raffte die Pest innerhalb sechs Wochen in Neuffen 500 Menschen weg, so daß sich nur eine einzige ungetrennte Ehe daselbst befand.

Nach der fünfjährigen Durchschnittsberechnung der | Mittelgröße der Conscriptionspflichtigen (Württ. Jahrb. v. 1833. S. 384 ff.) hatte Nürtingen mit 5′ 8,60″ württ. Decimalmaß nur acht Oberämter über sich. Unter 1000 Pflichtigen hatten 281 eine Größe von 6′ und darüber (nur 10 Oberämter haben mehr; der Durchschnitt aller 64 Oberämter ist 237); 121 erreichten das Maß von 5′ 5″ nicht (Durchschnitt 136); wegen bestimmter Krankheiten oder krankhafter Zustände waren untüchtig (Gebrechliche) 340 (Canstatt 533, Durchschnitt 388); nur die Zahl der wegen allgemeiner Schwächlichkeit Untüchtigen zeigte ein etwas ungünstigeres Verhältniß, als der Durchschnitt, es waren deren 77, die Durchschnittszahl aber 70 (Ulm 157). Wohlgebaute hübsche Leute beiderlei Geschlechts sieht man besonders in Beuren, Hardt, Unter-Boihingen und Unter-Ensingen. Die Nahrungsmittel sind gewöhnlich Kartoffeln, Gemüse, Milch- und Mehl-Speisen, häufig auch Dürrobst, wenig Fleisch, das Getränke ist Obstmost, leider aber auch ziemlich viel Branntwein.


Die vorherrschenden moralischen Eigenschaften sind Biederkeit und Arbeitsamkeit. Das Landvolk erweist sich, je mehr es von den Verkehrswegen und Berührungen mit Auswärtigen und Städtern entfernt lebt, desto einfacher und anhänglicher an das Alte in Sitte und Tracht. Dieß gilt namentlich von Beuren, Groß-Bettlingen, Hardt und Wolfschlugen, wo die Leute gutmüthiger, dabei aber auch etwas rauher und derber sind als in den Neckarthal-Orten und in Neuenhaus, Aich, Grafenberg, Linsenhofen. Das Lob der Solidität gebührt besonders den Bewohnern von Hardt. Wo die ländliche Volkstracht sich erhalten hat, die aber bei dem jüngern Geschlecht immer mehr in Abgang kommt, ist ein blauer, rothgefütterter Rock, rothes oder blaues Brusttuch mit bleiernen Kugelknöpfen, gelbe Lederhosen mit langen Bändeln, schwarze Strümpfe mit Bundschuhen oder Stiefeln nebst dem Dreispitz-Hut der Sonntagsanzug der Männer. Das weibliche Geschlecht ist der alten Tracht besonders in Wolfschlugen treu geblieben, wo man z. B. die sogenannten Merlinhauben noch sieht, die anderwärts sehr selten geworden sind. Die meisten Kleidungsstoffe, so weit sie nicht selbst bereitet werden, wie Leinwand, Zeuglen etc., liefert für den größeren Theil des Bezirks das nahe Mezingen. Eigenthümliche Gebräuche, besondere Volksbelustigungen | finden sich nicht viele. Die Hochzeitsgebräuche sind in den meisten Orten die im Alt-Württembergischen gewöhnlichen. Zur Hochzeit wird in der Regel durch den Bräutigam und seine „Gesellen“ und durch die Braut und zwei ihrer „Gespielenin“ geladen, welchen in jedem Hause ein Laib Brod vorgelegt wird, um sich ein Stückchen abzuschneiden, deren sie dann ganze Taschen voll nach Haus bringen. Bei solennen Hochzeiten, die aber immer seltener werden, findet der Kirchgang vor dem Gottesdienste statt, das Hochzeitsgelage wird nach demselben im Wirthshaus mit öffentlichem Tanze gefeiert. Übrigens sind sich diese Gebräuche nicht allerorten gleich, namentlich weicht, wie wir bei der Ortsbeschreibung sehen werden, Kohlberg ab, und in Unter-Boihingen besteht die seltsame Sitte, daß dem Gang zur Kirche Zechen und Tanzen vorangehen, so daß, wie glaubhaft versichert wird, die hochzeitliche Gesellschaft sich oft in einem Zustand in der Kirche einfindet, wie man sie anderwärts wohl kaum an dem Abend eines solchen Festes trifft. In Erkenbrechtsweiler besteht der löbliche Gebrauch, daß man an solchen Tagen allen Kranken und Kindbetterinnen im Ort Nudeln und Rindfleisch ins Haus schickt; in der Kirche wird dort jedem Gast ein Rosmarinstengel mit Bändern gegeben, während Gesell und Bräutigam das Kränzchen am Hut und den Strauß an der Seite stecken haben. Bei Beerdigungen wird noch in manchen Orten ein „Leichentrunk“ gethan, wobei alsdann der Verstorbene um so besser geehrt und beweint ist, je benebelter die Leidtragenden aus dem Trauerhause gehen; hiebei ist jedoch zu bemerken, daß auch diese Sitte immer mehr und mehr abnimmt und in einigen Gemeinden bereits ganz abgeschafft ist. In Erkenbrechtsweiler besteht bei Leichen der sonderbare Gebrauch, daß jedem Träger ein Rosmarinstengel und 15 Kreuzer auf die Bahre gelegt werden, von welchen dieser aber nur 3 Kreuzer nehmen darf, „damit der Todte ruhen könne.“ Von Volksbelustigungen sind die Lichtkärze im Schwung, welche durch Genuß von Kaffee oder Wein, besonders in der Pfeffernacht verherrlicht werden. Eigenthümlich ist unserem Bezirk der seit alten Zeiten bestehende Bretzelnmarkt, welcher am Palmsonntag in der Mittagsstunde auf dem Krähschnabel bei Altenrieth gehalten wird und bei welchem die Mädchen von ihren Liebhabern mit Schürzen voll Bretzeln erfreut werden (s. auch die Ortsbeschreibung von Altenrieth). Eine Erwähnung verdient noch das Wettspiel des sogenannten Hahnenritts, womit die gut berittenen Wolfschluger seit alten Zeiten hin und wieder die Hochzeiten verherrlichen, wenn eine auswärtige Person sich in den Ort verheirathet. Es wird eine Henne mit einem Taffetband an einen Pfahl gebunden und dieser in die Erde befestigt. Nach diesem | Ziele rennen nun die ledigen Burschen, und wer zuerst ankommt und vom Pferde springend die Henne erobert – was nicht gerade leicht ist, weil das Thier durch seine heftigen Bewegungen mit den Flügeln die Pferde scheu macht – ist der Sieger und erhält ein Band, eine Maas Wein und einen Gulden von dem Brautpaar. Kegelschieben und Scheibenschießen sind bisweilen Unterhaltungen der Wohlhabenderen. Das landwirthschaftliche Fest, welches jährlich am 21. September von dem Verein des Bezirks in Nürtingen gehalten wird, hat weniger den Charakter eines Volksfestes, und der Nürtinger Maientag ist ein Fest für die Städter. Das Landvolk freut sich seiner Kirchweihen und Märkte, so weit ihm diese nicht verkümmert werden.

Die Mundart ist ohne merkliche Besonderheit die in Niederschwaben verbreitete, und fängt nur in Beuren an, der oberländischen sich zu nähern.


Fußnoten:

  1. In dieser Übersicht ist das Oberamt nach seinem Bestand vor dem 1. Sept. 1842 angenommen, d. h. mit Inbegriff von Grabenstetten und Weglassung von Altenrieth.
  2. Im Jahr 1832 betrug die Zahl der Kinder unter 6 Jahren 15 Proc., die der schulpflichtigen Kinder von 6–14 Jahren 17 Proc., die der jungen Leute von 14 bis 25 Jahren 20 Proc., die der Männer und Frauen vom 25. bis 60. Jahre 40 Proc., und endlich die der alten Leute von 60 Jahren und darüber 8 Proc. der ganzen Bevölkerung.
  3. Die Liste von 1822 gibt unter der Rubrik „Bedienstete“ folgende Unter-Abtheilungen:
    in Königl. Militärdiensten 371
    "      "     Civildiensten 100
    "   gutsherrschaftl. Diensten 3
    "   Commun. Diensten 354
    828
  4. Nach gütigen Mittheilungen des Herrn Distriktsarztes Dr. Moll in Neuffen.
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