Beschreibung des Oberamts Marbach/Kapitel A 3

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III. Einwohner.


1. Statistik der Bevölkerung.
A. Bewegung der Bevölkerung im allgemeinen.

Die Bevölkerung des ganzen Bezirks und zwar

die ortsangehörige ortsanwesende
war im Jahr männl. weibl. zus. männl. weibl. zus.
1811 12.563 12.834 25.397 25.074
1812 12.716 13.125 25.841 25.521
1813 12.868 13.257 26.125 25.413
1818 12.827 13.291 26.118 12.335 13.201 25.536
1819 12.968 13.436 26.404 12.509 13.299 25.808
1822 13.313 13.968 27.281 12.847 13.808 26.655
1825 13.835 14.427 28.262
1828 14.273 14.791 29.064
1831 14.694 15.205 29.899
1832 14.563 15.129 29.692 nach der jährlichen Zählung
14.243 14.910 29.153 nach der 12jährigen Zählung
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die ortsangehörige ortsanwesende
war im Jahr männl. weibl. zus. männl. weibl. zus.
1834 14.149 14.797 28.946 13.003 14.092 27.095
1837 14.573 15.177 29.750 13.480 14.576 28.056
1840 14.952 15.461 30.413 13.669 14.753 28.422
1842 15.213 15.638 30.851
1843 15.293 15.647 30.940 13.950 14.835 28.785
1846 15.718 16.001 31.719 14.214 14.999 29.213
15.754 16.087 31.841 nach der 14jährigen Zählung
1849 15.931 16.200 32.131 14.245 15.067 29.312
1852 16.139 16.397 32.536 13.998 14.939 28.937
1855 15.465 15.916 31.381 12.751 13.923 26.674
nach der 12jährigen Zählung von
1858 15.108 15.652 30.760 12.827 14.062 26.889
1861 15.326 15.824 31.150 12.685 13.920 26.605
1864 15.440 15.882 31.322 12.817 13.987 26.804

Von 1811 bis 1852 war somit die ortsangehörige Bevölkerung des Bezirks – mit Ausnahme der Periode von 1813–1818 wo eine Verminderung um 7 und der Periode von 1831–1834 wo eine Abnahme um 953 Seelen eintrat, in steter Zunahme begriffen, und zwar vermehrte sich dieselbe von 25.397 bis auf 32.536 Seelen also um 28 %. – Von 1852–1858 dagegen sank solche auf 30.760 herab, verminderte sich also in diesen 6 Jahren um 5–6 %, stieg dagegen in den nächsten 6 Jahren also bis 1864 wieder auf 31.332 oder vermehrte sich um ca. 2 % des Standes von 1858. Wird der Stand von 1811 gleich 100 angenommen, so beträgt die Zunahme von 1811–1864 im Ganzen 23 %.

Wegen der unter der ortsangehörigen Bevölkerung begriffenen Zahl derjenigen Württemberger die ohne förmlich ausgewandert zu sein im Ausland leben, sowie in Folge der Fehler bei den alljährlichen Aufnahmen, die namentlich bei den Umzügen innerhalb des Landes immer einen Überschuß der Hereingezogenen über die Hinausgezogenen erscheinen lassen, ist die Zahl der Ortsangehörigen immer größer als die Zahl der Ortsanwesenden. – Soweit bei den älteren Zählungen zugleich die Zahl der Ortsanwesenden ermittelt wurde, war die Differenz zwischen Ortsangehörigen und Ortsanwesenden eine unbedeutende, denn im Jahr 1811 war die Zahl der Ortsangehörigen nur um 323 im Jahr 1822 nur um 626 größer als die Zahl der| Ortsanwesenden. Im Jahr 1834 dagegen war sie um 1851, im Jahr 1846 um 2506 (beziehungsweise 2628), im Jahr 1858 um 3871 höher als diese, und übersteigt nun im Jahr 1864 die Zahl der Ortsanwesenden um 4518 Personen. Vorausgesetzt, daß die Zahl von 31.322 Ortsangehörigen am 3. Dezember 1864 ganz richtig aufgenommen worden wäre, müßten somit 14,42 Procent aller Ortsangehörigen des Bezirks im Ausland leben. Die in den letzten 30 Jahren erfolgte Ausbildung des Verkehrswesens, die in andern Ländern vorangeschrittene und höher entwickelte Industrie und die größere Leichtigkeit der Niederlassung hat ohne Zweifel das Meiste dazu beigetragen, die Zahl der im Ausland lebenden Württemberger so sehr zu vermehren, denn wie im Oberamtsbezirk Marbach so überstieg bei der Zählung vom 3. December 1861 in den meisten Oberamtsbezirken die Zahl der Ortsangehörigen die der Ortsanwesenden und nur in 10 Oberämtern fand das umgekehrte Verhältniß statt. In Folge dessen muß aber auch die Aufnahme der ortsangehörigen Bevölkerung von Jahr zu Jahr um so mehr an statistischem Werth verlieren je mehr sie von der Zahl der faktischen oder ortsanwesenden Bevölkerung abweicht.

Aus nachstehender Tabelle kann die ortsanwesende Bevölkerung der einzelnen Gemeinden des Bezirks in verschiedenen Jahrgängen entnommen werden:

Zahl der ortsanwesenden Bevölkerung in den

Orten Jahren
1811 1822 1834 1846 1858 1864
1. Marbach 2075 2256 2319 2468 2182 2216
2. Erdmannhausen 1025 1001 1003 1044 965 971
3. Rielingshausen 804 890 918 985 948 879
4. Kirchberg 1309 1411 1495 1581 1479 1476
5. Burgstall 442 467 481 509 557 546
6. Erbstetten 519 563 565 630 547 547
[1]7. Weiler z. Stein 629 660 675 746 742 782
[1]8. Affalterbach 1197 1340 1394 1476 1213 1219
9. Steinheim 1248 1251 1214 1245 1105 1071
10. Murr 897 840 879 918 897 911
11. Pleidelsheim 1260 1360 1291 1485 1395 1284
12. Höpfigheim 806 863 878 904 805 779
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Orten Jahren
1811 1822 1834 1846 1858 1864
13. Mundelsheim 1345 1544 1533 1787 1692 1658
14. Ottmarsheim 603 672 738 797 777 804
15. Winzerhausen 870 920 944 1068 1037 1068
16. Kleinbottwar 864 814 838 842 805 776
17. Großbottwar 2323 2353 2251 2560 2347 2324
18. Hof u. Lembach 366 392 443 420 380 361
19. Oberstenfeld 1207 1272 1345 1390 1147 1191
20. Beilstein 1270 1398 1453 1516 1393 1408
21. Auenstein 948 1033 1113 1111 985 994
22.007 23.300 23.770 25.482 23.398 23.265
22. Schmidhausen 494 587 569 685 659 647
23. Gronau 471 506 461 563 494 537
Prevorst 347 364 365 380 392 396
24. Nassach u. Kurzach 220 259 297 284 304 314
25. Kleinaspach 1535 1186 1182 1336 1203 1203
26. Allmersbach
(1811 Parzelle
des ersteren)
453 451 483 439 442
3067 3355 3325 3731 3491 3539
25.074 26.655 27.095 29.213 26.889 26.804
Von den 26 Gemeinden des Bezirks nehmen die hier besonders zusammengefaßten im Neckar-, Bottwar- und Murrthal oder unfern derselben gelegenen 21 Ortschaften mit fruchtbareren Markungen einen Flächengehalt von 58.848 Morgen, die in und auf den Löwensteiner Bergen gelegenen 5 Gemeinden einen solchen von 12.853 Morgen ein. Bei einer Bevölkerung von 22.007 beziehungsweise 3067 Seelen im Jahr 1811 kamen damals in der ersteren Gruppe auf 100 Einwohner 267 in letzterer 419 Morgen. Die Dichtigkeit der Bevölkerung verhielt sich somit wie 156:100. Der Zuwachs der Bevölkerung von 1811 bis 1846 war nun in den ersteren Ortschaften im Ganzen 16 % in den letzteren 22 %. Von 1846 bis 1858 nahm die Bevölkerung in den Waldorten um 6,5 % ab, von 1858 bis 1864 wieder um 1,3 % zu und die Verminderung von 1846 bis 1864 beträgt 5,1 %. Der ganze Zuwachs aber von 1811 bis 1864, die Bevölkerungsziffer von 1811 = 100 gesetzt, beträgt ca. 15 %. – In den in den Thälern und auf dem| Flachland gelegenen Orten nahm die Bevölkerung von 1846–1864 um 8,7 % ab, und der ganze Zuwachs von 1811–1864 beträgt hier nur 5,7 %. Obgleich also die in den Bergen gelegenen Orte von der Natur weniger begünstigt sind und ihnen die Bedingungen eines allgemeinen Wohlstandes weniger zu gut kommen, so war dennoch die Zunahme der Bevölkerung gerade in den ärmeren Gegenden eine größere als in den wohlhabenderen. – Der Zuwachs der ortsanwesenden Bevölkerung des ganzen Bezirks beträgt von 1811–1846 16,5 %, die Abnahme von da bis 1864 8,3 %, der Zuwachs von 1811 bis 1864 im Ganzen 6,9 %, während bei der ortsangehörigen Bevölkerung im gleichen Zeitraum ein Zuwachs von 23 %[2] erscheint.

Bei den früheren Darstellungen des Bevölkerungszuwachses ist stets die ortsangehörige Bevölkerung zu Grund gelegt worden und wenn hiebei die Bevölkerungszunahme im Oberamtsbezirk Marbach mit der anderer Bezirke verglichen wird, so steht derselbe in dieser Hinsicht hinter vielen zurück, und fortwährend unter dem Landesdurchschnitt. –

Der Zuwachs der ortsangehörigen Bevölkerung war nämlich per Jahr auf je 1000 Personen

in der
Periode
im
ganzen
Land
im
Neckarkreis
im
Oberamtsbezirk
Marbach
O.-Z.
1812/22 5,50 5,8 5,40 36.
1822/32 9,16 9,2 8,83 35.
1832/42 8,58 8,5 5,82 55.
1842/52 5,59 6,4 5,46 34.
B. Geburten.

Ungeachtet dessen ist der Überschuß der Geburten über die Todesfälle im Oberamtsbezirk Marbach wie nachstehende weitere Tabelle zeigt, ziemlich stark, denn er hat auf je 1000 Einwohner nach jährlichen Durchschnitten betragen

in der
Periode
im
ganzen
Land
im
Neckarkreis
im
Oberamtsbezirk
Marbach
O.-Z.
1812/22 6,14 07,52 09,14 8
1822/32 9,54 10,72 11,34
1832/42 8,92 09,46 09,63 27
1842/52 9,05 10,40 10,23 14
| und der Bezirk übertrifft also hierin nicht nur viele andere Oberämter, sondern in der ganzen 40jährigen Periode von 1812/52 das Landesmittel und von 1812/42 auch den Durchschnitt des Neckarkreises, während er von 1842/52 nur unbedeutend hinter diesem zurücksteht. – Auch die Anzahl der Geburten selbst ist verhältnißmäßig ziemlich bedeutend, denn das Verhältniß der Geburten zur Bevölkerung war nach jährlichen Durchschnitten der Geburten und der Bevölkerung etc.
in der
Periode
im
ganzen
Land
im
Neckarkreis
im
Oberamtsbezirk
Marbach
O.-Z.
1812/22 1:26,25 1:26,20 1:25,40 19
1822/32 1:26,10 1:26,10 1:25,60 27
1832/42 1:23,12 1:22,90 1:22,56 27
1842/52 1:24,68 1:24,59 1:25,03 32

und die Häufigkeit der Geburten war somit im Oberamtsbezirk Marbach von 1812/42 etwas großer als durchschnittlich im ganzen Land und im Neckarkreis, von 1842/52 aber um Weniges geringer als dieser Durchschnitt. Dagegen steht das Oberamt Marbach in der Zahl der Ausgewanderten obenan, indem der Bezirk in den 10 Jahren 1822/32 mit der O.-Z. 8, von 1832/42 mit der O.-Z. 2 und von 1842/52 mit der O.-Z. 14 den meisten übrigen Bezirken vorging. Der Überschuß der Auswanderer über die Eingewanderten war nämlich von 1822/32 756, die Zahl der Auswanderer 792. Im folgenden Jahrzehnt 1832/42 war die Zahl der Auswanderer 734 und von 1842/52 1261, so daß auf je 252 Einwohner ein Auswanderer kam. Auch in Beziehung auf die in andere Bezirke des Landes Hinausgezogenen steht der Oberamtsbezirk Marbach obenan, denn es kamen auf 100 Hinausgezogene in der Periode von 1842/52 durchschnittlich nur 87,27 Hereingezogene und nur 6 Bezirke des Landes weisen in dieser Zeit einen noch größeren Überschuß der Hinausgezogenen über die Hereingezogenen auf.

Auch für die Periode von 1846/56 ergibt sich für den Oberamtsbezirk Marbach hinsichtlich des Überschusses der Geburten über die Todesfälle und der Anzahl der Geburten in Vergleichung mit dem Durchschnitt des ganzen Landes und des Neckarkreises, ungefähr das gleiche Verhältniß, wobei jedoch zu bemerken ist, daß bei dieser Berechnung die ortsanwesende Bevölkerung zu Grund gelegt wurde. Es beträgt nämlich der Überschuß der Geburten über die Todesfälle auf je 1000 Einwohner durchschnittlich|
im
ganzen
Land
im
Neckarkreis
im
Oberamtsbezirk
Marbach
6,42 7,68 7,39
und es verhält sich die Zahl der Geburten zur Einwohnerzahl wie
1:26,30 1:26,64 1:25,67.

Auch die Auswanderung aber hat im Oberamt Marbach in den 1850er Jahren zugenommen. 1853 kam ein Auswanderer auf 98 Einwohner (O.-Z. 16), 1855 1 Auswanderer auf 69 Einwohner womit der Bezirk allen übrigen voranging, und auch im Jahr 1856 stand der Bezirk bei 1 Auswanderer auf 170 Einwohner mit der O.-Z. 4 den meisten Oberämtern voran.

Hieraus ist erklärlich, daß im Oberamtsbezirk Marbach ungeachtet des starken Überschusses der Geburten über die Todesfälle der Bevölkerungszuwachs im Ganzen ein verhältnißmäßig unbedeutender blieb.

Das Verhältniß der unehelich Geborenen zu den Geborenen überhaupt war nach jährlichen Durchschnitten der Geburten in den Decennien

im
ganzen
Land
im
Neckarkreis
im
Oberamtsbezirk
Marbach
1812/22 1:9,08 1:10,60 1:10,75
1822/32 1:8,10 1:09,20 1:08,60
1832/42 1:8,68 1:10,10 1:09,60
1842/52 1:8,35 1:09,69 1:09,48

Wie im ganzen Neckarkreis war auch im Oberamtsbezirk Marbach die Zahl der unehelichen Geborenen im Verhältniß zu den Geborenen überhaupt etwas unter dem Landesmittel, gegenüber dem Durchschnitt des Neckarkreises jedoch war sie im Oberamt Marbach von 1812/22 etwas kleiner, von 1822/52 dagegen etwas größer.

Das Verhältniß der Geschlechter ist bei den Geborenen folgendes:

Es kommen auf 100 weiblich Geborene, männlich Geborene

in der
Periode von
im
ganzen
Land
Neckarkreis Oberamt
Marbach
1842/52 106,28 106,33 107,96
1846/56 106,31 105,67 107,66.

Nach den Berechnungen für beide Perioden war mithin die Zahl der männlich Geborenen im Oberamt Marbach größer als der Durchschnitt des Neckarkreises und als das Landesmittel.

Ferner kamen von 1846/56 auf 100 Geburten durchschnittlich 98,7 einfache und 1,3 Zwillingsgeburten, welches Verhältniß dem Durchschnitt des ganzen Landes gleichkommt.

| In Beziehung auf die Fruchtbarkeit des weiblichen Geschlechts überhaupt steht der Bezirk ziemlich weit voran, denn die Zahl der Geburten verhält sich zu der Zahl der über 14 Jahre alten Personen weiblichen Geschlechts in der Periode von 1846/56
im
ganzen
Land
im
Neckarkreis
im
Bezirk
Marbach
wie 1:9,39 1:9,36 1:8,75 (O.Z. 16)

Aber auch die Zahl der Todtgeborenen ist im Bezirke von 1846/56 verhältnißmäßig weit größer als in anderen, denn es kamen Todtgeborene

im
ganzen
Land
im
Neckarkreis
im
Oberamt
Marbach
O.-Z.
auf 100 Geborene 04,07 04,82 05,11 5
auf 100 natürliche Geburten 02,90 03,46 03,76 5
auf 100 künstliche Geburten 26,25 31,70 38,82 8.

Unter 100 Geborenen waren ferner von 1846/56

im
ganzen
Land
im
Neckarkreis
im
Oberamt
Marbach
O.-Z.
reif Geborene 96,57 96,25 96,43 42
unreif Geborene 03,43 03,75 03,57 42

Von 100 Gebärenden starben von 1846/56

im
ganzen
Land
im
Neckarkreis
im
Oberamt
Marbach
O.-Z.
bei Geburten überhaupt 0,39 0,40 0,38 25
bei natürlichen Geburten 0,14 0,15 0,14 26
bei künstlichen Geburten 0,22 0,22 0,17 52.

Auf 100 Geburten kommen von 1846/56

im
ganzen
Land
im
Neckarkreis
im
Oberamt
Marbach
O.-Z.
Zangengeburten 2,09 1,80 1,02 59
Manuelle Operationen 2,09 2,12 2,28 18
Nachgeburtslösungen 1,98 2,07 1,77 37
Kaiserschnitte 0,02 0,01 0,04 05
Zerstücklungen 0,04 0,04 0,04 26
zus. Geburtshilfliche
Operationen überhaupt.
6,22 6,04 5,15 46
C. Todesfälle.

Das Verhältniß der Gestorbenen zu der Bevölkerung nach jährlichen Durchschnitten der Gestorbenen (einschließlich der Todtgeborenen) und der Bevölkerung war

|
in der
Periode
im
ganzen
Land
im
Neckarkreis
im
Oberamt
Marbach
1812/22 1:31,30 1:32,43 1:33,10
1822/32 1:34,20 1:35,40 1:35,20
1832/42 1:28,81 1:29,00 1:28,62
1842/52 1:31,78 1:33,05 1:33,65
1846/56 1:31,64 1:33,50 1:31,68

Die Zahl der Gestorbenen war somit von 1812/22 und von 1842/52 geringer, von 1832/42 unbedeutend größer als der Durchschnitt des ganzen Landes und des Neckarkreises, in der Periode von 1822/32 und von 1846/56 dagegen erscheint die Zahl der Todesfälle zwar geringer als das Landesmittel aber größer als der Durchschnitt des Neckarkreises, im Ganzen ist also hier keine stetige und auffallende Abweichung von den durchschnittlichen Verhältnissen bemerkbar.

Unter 100 Gestorbenen (incl. Todtgeborenen) in der Periode 1. Juli 1846/56 standen

in
Württemberg
im
Neckarkreis
im
Oberamt
Marbach
im 1ten Lebensjahr 42,18 38,55 37,32
im 2–7ten Lebensjahr 09,99 10,74 10,88
im 8–14ten Lebensjahr 02,39 02,63 02,68
im 15–20ten Lebensjahr 01,91 02,15 02,00
im 21–45ten Lebensjahr 10,83 12,10 10,87
im 46–70ten Lebensjahr 20,69 22,13 25,20
über dem 70ten Lebensjahr 12,01 11,70 11,05

Die Sterblichkeit im Oberamtsbezirk Marbach war also in dieser Periode geringer als der Durchschnitt des Landes und des Neckarkreises im 1ten Lebensjahr und bei den Personen über dem 70ten Lebensjahr; größer als das Landesmittel und der Durchschnitt des Neckarkreises erscheint sie in der Altersklasse vom 2–7ten, 8–14ten und 46–70ten Lebensjahr, größer als das Landesmittel aber geringer als der Durchschnitt des Neckarkreises in den Altersklassen vom 15–20ten und 21–45ten Jahre.

Von 100 Gestorbenen der gedachten Periode sind gestorben

in den
Monaten
in
Württemberg
im
Neckarkreis
im
Oberamt
Marbach
im benachbar-
ten Oberamt
Heilbronn
Juli–September 24,16 24,59 23,02 25,49
Oktober–December 24,76 25,26 26,06 24,39
Januar–März 27,45 27,70 29,48 26,67
April–Juni 23,63 22,45 21,44 23,45
somit sind die Sterbefälle nach dieser Berechnung vom April bis September seltener, vom Oktober bis März häufiger als im ganzen| Land und im Neckarkreis, während in dem benachbarten Bezirk Heilbronn nahezu das umgekehrte Verhältniß stattfindet.

Von 100 Gestorbenen derselben Periode haben

in
Württemberg
im
Neckarkreis
im
Oberamt
Marbach
ärztliche Hilfe genossen 45,36 50,95 43,53
keine solche genossen 54,64 49,05 56,47.

Der Bezirk hat also in dieser Richtung sehr ungünstige Ziffern, wogegen die Verhältnißzahlen der Verunglückten und Selbstmörder sehr günstig sind denn es waren pro 1. Juli 1846/56 unter 100 Gestorbenen (excl. Todtgeborenen)

in
Württemberg
im
Neckarkreis
im
Oberamt
Marbach
Verunglückte 0,85 0,90 0,77
Selbstmörder 0,36 0,44 0,23.
D. Trauungen.

Die Anzahl derselben betrug nach der für die 20 Jahre 1838/57 stattgehabten Aufnahme in den Jahren

1838 211.       1845 246.       1851 174.
1839 197. 1846 212. 1852 145.
1840 250. 1847 203. 1853 135.
1841 194. 1848 219. 1854 114.
1842 231. 1849 228. 1855 162.
1843 215. 1850 261. 1856 181.
1844 272. 1857 172.

Es war somit von dem Jahre 1850 bis 1838 einschließlich zurück die geringste Zahl der jährlichen Trauungen 194, die höchste 272, nach dem Jahre 1850 bis 1857 einschließlich die geringste Zahl 114, die höchste 181, das Maximum der Trauungen nach dem Jahre 1850 bis 1857 erreicht also nicht das Minimum derselben vor dem Jahre 1850, und es sind also auch in den statistischen Zahlen des Oberamtsbezirks Marbach die ungünstigen Verhältnisse bemerkbar, welche in den 1850er Jahren die Gründung eines Hausstandes erschwerten.

In der ganzen Periode von 1838/57 kommt durchschnittlich jährlich

in
Württemberg
im
Neckarkreis
im
Oberamt
Marbach
eine Trauung auf
ortsangehörige Einwohner.
151 149 151
Der Durchschnitt der jährlichen Trauungen im Oberamtsbezirk| ist somit dem Landesmittel gleich, aber größer als der Durchschnitt des Neckarkreises.

Nach der im Jahr 1865 vorgenommenen Zusammenstellung der ortsanwesenden Bevölkerung Württembergs pro 3. Dec. 1864 nach Altersklassen

1) sind unter 100 2) beträgt das Lebensalter
der mittleren
Verheirathungs-
Wahrscheinlichkeit
für
25–30 40–45
Jahre alten
männl. weibl. männl. weibl.
Personen männliche weibliche
verheirathet unverheirathet Personen
in Württemberg 31,3 44,7 12,2 17,4 31 29
im Neckarkreis 34,0 47,0 11,0 17,0 31 29
im O.-A. Marbach 42,0 54,0 07,0 13,0 29 27

Die Verhältnisse des Bezirks sind also in dieser Beziehung relativ günstig, da die Anzahl der 25–30jährigen Verheiratheten erheblich größer, die der 40–45jährigen Unverheiratheten erheblich geringer ist als das Landesmittel und der Durchschnitt des Neckarkreises und auch das Lebensalter der mittleren Verheirathungswahrscheinlichkeit um zwei Jahre weiter zurück liegt als für das ganze Land und den Neckarkreis.

Im Ganzen sind im Oberamtsbezirk von 1838/57 4044 Paare getraut worden. Hierunter sind begriffen

Trauungen von Junggesellen Wittwern geschiedenen
Männern
mit Jungfrauen 2979 630 23
Wittwen 0205 150 05
geschiedenen Frauen 0019 010 01
3203 790 29

4022.

Sämtliche Trauungen von 1838/57 waren protestantische, katholische und israelitische sind im Bezirk gar keine vorgekommen; dagegen sind unter diesen protestantischen Trauungen 38 gemischte Ehen begriffen worunter 27 bei denen der Bräutigam evangelisch und 11 bei denen er katholisch war.

E. Vertheilung der Bevölkerung nach Confessionen, Familienverhältniß, Geschlecht, Alter, Beruf und nach den verschiedenen Wohnplätzen.
In Beziehung auf die Vertheilung der Confessionen war der Stand der Bevölkerung in den beigesetzten Jahren folgender: Es waren im Bezirk, nach der Zählung der ortsangehörigen Bevölkerung:|
im Jahr Evangelische Reformirte Katholiken von andern
christlichen
Religionspartieen
Israeliten
1811 25.320 1 039 37
1822 27.177 3 079 22
1832 29.056 2 092 03
1846 31.718 120 03
1858 30.566 096 98
nach der Zählung der ortsanwesenden Bevölkerung im Jahr
1861 26.488 084 33
1864 26.671 118 15

Das Oberamt Marbach zeichnet sich also dadurch aus, daß bei den oben angegebenen Aufnahmen der ortsangehörigen und ortsanwesenden Bevölkerung innerhalb der langen Periode von 1811 bis 1864 auch nicht eine einzige Person israelitischen Glaubens gezählt worden ist.

Hinsichtlich der Berufsklassen war die Vertheilung der Bevölkerung im Jahr 1811 und 22 folgende. Es waren unter den 6339 Personen die dem Beruf nach aufgenommen wurden:

im Jahr I. Bedienstete und zwar
in Königlichen in
Gutsherrschaftlichen
Diensten
in
Gemeindediensten
Militär- andern
Diensten
1811 360 126 14 513
unter 6195 Personen im Jahr
1822 375 115 08 373
II. III. IV. V. VI.
im Jahr ohne bürgerl. Gewerbe
von eigenem Vermögen
lebend
Handelsleute
Professionisten
und Wirthe
Bauern und
Weingärtner
Taglöhner im Almosen
stehend
1811 164 1792 2753 403 214
1822 117 1674 2736 535 262

Nach der im Jahr 1865 angeordneten Zählung der ortsanwesenden Bevölkerung pro 3. December 1864 nach Familienstand und Beruf theilten sich 4610 männliche und 260 weibliche zusammen 4870 Haushaltungsvorstände, bei denen ein Beruf auf den Haushaltungszetteln überhaupt angegeben war – (188 männliche und 565 weibliche Haushaltungsvorstände laufen ohne Angabe eines Berufs) in folgende Berufsklassen. Es waren hierunter:

Ia. Angehörige des
öffentlichen Dienstes
in Staat, Kirche und
Schule (einschließlich
der niederen Diener.)
Ib. Angehörige
höherer Berufsarten
(Ärzte, Advokaten).
II. Hof- und
herrschaftliche
Angestellte.
III. Gemeinde- und
Korporationsdiener
(incl. der
niederen Diener.)
141 26 2 96
|
IV. Von
Renten und
Pensionen
lebend.
V. Gewerb-
treibend
VI. Landwirth-
schafttreibend
VII. Freie
Lohn- und
Handarbeiter.
VIII. Von
öffentlicher
Unterstützung
lebend.
männl. weibl. männl. weibl.
17 1744 149 2324 111 259 1.

Die Zahl der Gemeindediener ist jetzt deßhalb weit geringer weil man damals die Gemeinderäthe als Gemeindebeamte zählte. Die Zahl der Civilbeamten des Staats aber hat sich nur unbedeutend vermehrt.

Die Zahl der Taglöhner und Handarbeiter und der von Renten lebenden Personen hat sich vermindert.

Was die Familienverhältnisse anbelangt, so vertheilte sich die ortsanwesende Bevölkerung im Jahr 1861 und 1864 folgendermaßen. Es waren:

Verheirathete Verwittwete
männl. weibl. männl. weibl.
1861 4167 4204 584 997
1864 4348 4357 596 979
Geschiedene Unverheirathete Zusammen
männl. weibl. männl. weibl. männl. weibl.
1861 8 31 7926 8688 12.685 13.920
1864 5 15 7868 8636 12.817 13.987

Das Verhältniß des männlichen und weiblichen Geschlechts war folgendes. Es waren 1861 unter je 1000 Einwohner die Zahl der

in
Württemberg
im
Neckarkreis
im
Oberamt
Marbach
männl. Personen 482 486 476
weibl. Personen 518 514 524

somit ist die numerische Überlegenheit des weiblichen Geschlechts im Bezirk Marbach größer als im ganzen Land und im Neckarkreis.

Nach der im Jahr 1862 angeordneten Zählung der ortsanwesenden Bevölkerung pro 3. December 1861 nach Altersklassen und Civilstand war die Zahl der

im Alter
von Jahren
ledigen verheiratheten
männl. weibl. männl. weibl.
Einwohner
0–5 1902 1909
5–10 1287 1428
10–15 1556 1593
15–20 1328 1453 1 4
20–25 901 886 35 213
25–30 416 422 306 494
30–35 154 209 527 580
35–40 85 157 606 687
|
im Alter
von Jahren
ledigen verheiratheten
männl. weibl. männl. weibl.
Einwohner
40–45 52 110 665 715
45–50 58 102 608 586
50–55 48 96 580 619
55–60 41 87 519 530
60–65 24 58 414 352
65–70 19 42 259 237
70–75 8 18 150 128
75–80 4 12 71 63
80–85 2 2 31 20
85–90 1 3 8
90 1
7885 8686 4775 5236
26.582

Auf je 10.000 Einwohner kamen ferner Personen von

Jahren männl. weibl. zus. im
Bezirk Marbach
zus. in
Württemberg
0–05 716 718 1434
5–10 484 537 1021 2455 2200
10–15 586 599 1185
15–20 500 548 1048 2233 2118
21–25 352 451 803
25–30 272 344 616 1419 1628
31–35 256 297 553
35–40 260 318 578 1131 1244
41–45 270 310 580
45–50 251 259 510 1090 1100
50–55 236 269 505
55–60 211 232 443 948 944
60–65 165 154 319
65–70 104 105 209 528 535
70–75 59 55 114
75–80 28 29 57 171 199
80–85 12 9 21
85–90 1 3 4 25 31
über 90 1
10.000 10.000
| Die Vertheilung der Bevölkerung unter die verschiedenen Altersklassen im Bezirk Marbach weicht somit vom Landesdurchschnitt darin etwas ab, daß die Klassen der 0–10, 10–20 und 50–60 Jahre alten etwas, letztere aber nur ganz unbedeutend stärker, alle übrigen 10jährigen Klassen aber schwächer besetzt sind.

Die Vertheilung der Bevölkerung über den Bezirk ist folgende. Es wurden am 3. Dezember 1864 gezählt:

1) in den 2 Städten Marbach und Groß-Bottwar 2216 und 2324 zusammen 4540 Einwohner
2) in 9 Gemeinden mit einer Einwohnerzahl von 1000 bis gegen 1700 Personen 11.578 Einwohner
3) in 12 Gemeinden mit 500–1000 Seelen 9569 Einwohner
4) in 3 Gemeinden mit weniger als 500 Seelen 1117 Einwohner
zusammen 26.804 Einwohner.
2. Stamm und Eigenschaften der Einwohner.[3]
Der Menschenschlag des Oberamtsbezirks Marbach ist im allgemeinen kräftig. In Orten, namentlich auf den Löwensteiner Bergen, deren Bewohner wenig oder gar nicht an den Weinbau gebunden sind, zeichnen sich viele Familien durch Größe, kräftigen Bau und schöne Haltung des Körpers aus, dagegen sind die Thalbewohner und Weingärtner im allgemeinen von kleiner Körpergröße. Aber auch diese kleineren meist hageren Figuren sind muskulös und beweglich und zeigen in ihren oft schweren Handarbeiten eine Ausdauer, deren die kräftigste Person oft kaum gewachsen wäre. Bei glühender Sonnenhitze ist es dem Weingärtner nicht zu viel, vom frühen Morgen bis zum späten Abend seinen mit Erde gefüllten Butten hunderte von Treppen hinaufzutragen. Solche Körperanstrengungen werden nur möglich, wenn der Mensch von Jugend auf sich solchen Arbeiten unterzieht. In Folge dieses Buttentragens bildet sich auch beim Weingärtner auf dem hintern Theil der Beckenknochen eine Schwiele die sich oft wie Leder anfühlt. Wohl in Folge harter, einförmiger Arbeit und so häufig getäuschter Hoffnungen im Weinertrage finden wir nicht selten den Ausdruck des Gesichtes ernst und düster und kehrt Humor erst ein, wenn einige Gläser Wein die| Sorgen verscheuchten. Bei dem weiblichen Geschlechte ist eine große Flüchtigkeit der Jugendreize bemerklich.

Kretinismus ist selten und findet sich in den höher gelegenen Orten keine Spur. Kröpfe jedoch mit ihren leicht verwandten kretinischen Formen sind im Murr- und Bottwarthale nicht selten.

Nach einer 24jährigen Durchschnittsberechnung von den Jahren 1834–1857[4] waren in dem Bezirk unter 100 Konscriptionspflichtigen 18,47 wegen mangelnder Größe untüchtig, so daß derselbe unter den 64 Oberämtern des Landes die 63te Stelle einnimmt und somit zu den ungünstigsten gehört, (die günstigsten Resultate lieferte Wangen mit 4,22, die ungünstigsten Weinsberg mit 18,83). Wegen Gebrechen waren unter 100 Pflichtigen 35,88 untüchtig, so daß in dieser Beziehung der Bezirk unter den 64 Oberämtern die 5te Stelle einnimmt und somit zu den günstigsten gehört (die günstigsten Ergebnisse lieferte Saulgau mit 32,99 und die ungünstigsten Sulz mit 49,78). Überhaupt untüchtig waren 54,35, so daß in dieser Beziehung der Bezirk die 46ste Stelle einnimmt (die günstigsten Ergebnisse lieferte Saulgau mit 37,76 und die ungünstigsten Freudenstadt mit 63,86). Unter sämtlichen der ärztlichen Visitation und dem Messen unterworfenen Konscribirten (von 1834–1857: 4632) waren 836 wegen mangelnder Größe, 1624 wegen Gebrechen, im Ganzen 2460 untüchtig.

Der Gesundheitszustand ist im allgemeinen nicht ungünstig. Ist es auch selten, daß Leute in einem Alter von über 90 Jahren starben, so erreichen doch viele ein Alter von 70 und 80 Jahren.

So wurden im Jahr

1856–57 unter 698 Gestorbenen 72 über 70 Jahre alt.
1857–58 unter 948 Gestorbenen 89 über 70 Jahre alt.
1858–59 unter 878 Gestorbenen 82 über 70 Jahre alt.
1859–60 unter 892 Gestorbenen 79 über 70 Jahre alt.
1860–61 unter 754 Gestorbenen 87 über 70 Jahre alt.
1861–62 unter 979 Gestorbenen 86 über 70 Jahre alt.
1862–63 unter 805 Gestorbenen 86 über 70 Jahre alt.
1863–64 unter 892 Gestorbenen 89 über 70 Jahre alt.
1864–65 unter 958 Gestorbenen 90 über 70 Jahre alt.
Bei der Verschiedenheit in der Höhenlage über dem Meere sind natürlich die Krankheitsformen sehr verschiedene. Die Höhenlage| wechselt von 663 württ. Fuß beim Einfluß der Murr in den Neckar bei Marbach bis über 1800 württ. Fuß.

Während in den hochgelegenen Orten des nördlichen Bezirks in der Nähe des Stocksbergs, z. B. in Kurzach, Nassach, Prevorst bei 1700′ Höhe, ebenso in weitern Orten die über 1000′ hoch liegen, z. B. in Affalterbach, Ottmarsheim, Erbstetten, Allmersbach, Weiler zum Stein, hauptsächlich entzündliche Krankheiten vorherrschen, sind in den Thalorten Nervenfieber, Gastricismen und rheumatische Fieber häufiger.

Die häufigsten Krankheitsformen sind Entzündungen der Brustorgane, Lungen- und Rippenfellentzündungen, die bei Kindern häufig den Tod herbeiführen. Der Croup ist bei Kindern nicht selten und daß derselbe häufig günstig verläuft mag seinen Grund darin finden, daß derselbe von den Eltern bald erkannt und sogleich das Nöthige eingeleitet wird.

Einen großen Theil der Krankheitsformen bilden die Rothlaufformen, die hauptsächlich als Gesichtsrosen und Anginen auftreten.

Rheumatismen kommen in allen Formen vor, von begrenzten Muskelrheumatismen bis zu hitzigem Gliederweh, chronischer Gicht.

Wie überall, tritt in den Monaten Juli, August, September die Brechruhr in der verschiedensten Form auf, hauptsächlich sind es dann Kinder, die oft rasch solchen Ruhranfällen unterliegen. Lungentuberkulose ist selten, desto häufiger Asthma (Emphysem) der Lungen. Kranke mit Herzklappenfehlern und Herzhypertrophie stehen beständig in Behandlung. Gewöhnliche Folgen dieser Herzleiden sind Leberaffektionen, Brust-, Bauch- und Hautwassersuchten. Chronische Magenleiden sind nicht selten; Jahre hindurch werden Patienten von solchen geplagt und haben gewöhnlich ihren Grund in Erkrankungen der Magenschleimhaut, die bei unzweckmäßiger Kost meistens nur schwer zu beseitigen sind. Bleichsucht ist selten, ebenso Epilepsie und Geisteskrankheit. Die Syphilis ist meist eingeschleppt. Krätze beinahe ganz verschwunden; der Bandwurm nicht selten. Von chirurgischen Krankheiten kommen außer Beinbrüchen hauptsächlich veraltete Fußgeschwüre und viele Unterleibsbrüche, besonders in der Leistengegend in Behandlung.

Das Tragen schwerer Lasten in unebenem Terrain scheint bei Weingärtnern das Austreten der Unterleibsorgane sehr zu befördern.

Geburtshilfliche Operationen sind nicht häufig, indem von| Wöchnerinnen nur Hilfe gesucht wird, wenn die Beendigung einer Geburt durch Naturhilfe geradezu unmöglich wird. Leider treten häufige Nachkrankheiten ein, die eine natürliche Folge geringer Schonung sind. Schon nach einigen Tagen verlassen Wöchnerinnen ihr Bett wieder und unterziehen sich allen möglichen Arbeiten.

Größere Epidemien sind selten.

Masern, Scharlachfieber, Keuchhusten, Typhus, Pocken tauchen von Zeit zu Zeit eingeschleppt auf und verschwinden gewöhnlich bald wieder.

Die Lebensweise der Bevölkerung ist im allgemeinen eine ziemlich einfache. Die Nahrung der minder bemittelten Klasse besteht in Kartoffeln und Mehlspeisen. Vermöglichere genießen ziemlich viel Fleisch, hauptsächlich Schweinefleisch, das in geräuchertem Zustand nach Monaten erst genossen wird. Die Getränke sind Wein und Most, weniger Bier. Auch der Genuß des Branntweins ist ziemlich verbreitet und der Tod in Folge unmäßigen Trinkens in einzelnen Gemeinden nicht selten.

Der moralische Charakter der Bezirkseinwohner ist im allgemeinen gut; großer Fleiß, übertriebene Sparsamkeit, viel kirchlicher Sinn, der sich häufig bis zum Pietismus steigert, bilden die hervorragendsten Charakterzüge. Auffallend verschieden von den übrigen Bezirksbewohnern sind die Bewohner der Waldorte, wie Prevorst, Nassach etc. bei denen mehr froher aufgeweckter Sinn, Gewandtheit im Umgang und eine heiterere Lebensanschauung als in den übrigen Gegenden des Bezirks getroffen wird, wo sich ein stilles, zurückgezogenes Betragen geltend macht.

Eine Schilderung des vorherrschenden Charakters, der Sitten und Gebräuche der Bezirkseinwohner, die wir dem Herrn Dekan Merz in Marbach verdanken, lassen wir hier folgen:

Der Marbacher Bezirk als ein rein protestantischer und viel weinbauender zeichnet sich geistig durch große Nüchternheit und Einfachheit aus, welche sich bis zur vollendeten Ärmlichkeit und Kärglichkeit in der äußern Erscheinung steigern kann. Auch in den wohlhabenderen Orten und Häusern läßt die übergroße Sparsamkeit nicht leicht ein Übriges thun. Der Sinn für Schönheit und Kunst, für fröhliche Entfaltung und geselligen Genuß der natürlichen Gaben kann bei der rastlosen Arbeitsamkeit nicht aufkommen. Daher ist so wenig von Jugendspielen und Volksbelustigungen wahrzunehmen. Das Kegeln kennt die ländliche Jugend fast gar nicht. Nur vereinzelt sind die Kirchweih- oder Markt- und Feiertagstänze. In| Mundelsheim wird in guten Weinjahren am Schlusse des Herbstes ein „Weingärtnersball“ abgehalten. Der Volksgesang findet in der Bevölkerung eher Widerstand als Förderung. Das Hauptvergnügen der männlichen Jugend ist das Knallen mit Peitsche und Pistol. Beim Wandern der Knechte am Pfeffertag wird (in Klein-Aspach) anhaltend mit Peitschen geknallt. Beim Wandern der Mägde am Lichtmeßtag wird ohrbetäubende Musik mit Scheuerthoren und leeren Fässern gemacht. Bei Hochzeiten und Taufen – wenigstens bei der Taufe eines erstgebornen Buben – auch in der Neujahrsnacht, muß geschossen werden. In Mundelsheim wird jedes Jahr der Beginn der Weinlese Nachts 12 Uhr auf den Höhen der Berge „angeschossen“. In Großbottwar begnügt sich der „gspärsame“ Sinn der Bursche in der Neujahrsnacht wohl auch anstatt des Schießens mit bloßen Knüttelschlägen an’s Hofthor, womit die Gefeierten sich dann auch zufrieden geben.

Tauf- und Leichenschmäuße kommen selten vor. Nur in Pfarrorten mit Filialien werden Leichenschmäuße in den Wirthshäusern gehalten. Bei den Taufen gehen nur die Pathen – meist nur Ehepaare – und die Hebamme samt dem Vater in die Kirche, das Kind wird von einem verwandten Mädchen unter 14 Jahren in die Kirche getragen. In Murr gehen auch noch mehrere weibliche Angehörige mit. Nachher gibt’s Kaffee und Käs zu Most und Wein. Kaffee und Kuchen wird in Murr auch reichlich an Bekannte und Nachbarn ausgesandt.

„Zechhochzeiten“ gehören zu den Seltenheiten. Allermeist werden die Hochzeiten im Privathause gefeiert. Die Kinder gehen – nicht einmal mit Kranz oder Strauß überall – voran zur Kirche, dann kommen die Ledigen, sofort die Braut und der Bräutigam mit den „Kirchführern und Führerinnen“, geschmückt mit Sträußen und Kränzen stets aus gemachten Blumen. Bis vor kurzem trug die Braut in Mundelsheim noch eine Krone von Gold und Silberflitter. Jetzt ist der städtische Myrtenkranz Sitte geworden und die Unsitte der „Hochzeitsträuße“ bereits eingenistet. Im übrigen Bezirk ahnt man noch nichts von solchem Luxus.

Die Leichen werden ganz einfach gehalten. Eine Viertelstunde vor der Beerdigung erscheint Schulmeister und Schuljugend am Trauerhause, jedes Kind erhält ein Brod und ein Glas Most, dann wird gesungen vom Haus bis zum Kirchhof ein und ein anderes geistliches Lied. Der Schulmeister hält die „Abdankung“; sofort geht’s zur Predigt in die Kirche. In der „Klage“ gehen – bei Männern| die Männer, bei Weibern die Weiber, einzeln voraus. Nur von besonders „sich anständig haltenden“ werden etwa noch fremde Gäste nebst dem Schreiner und Todtengräber zum Leichentrunk in’s Haus geladen.

So viel auch getrunken wird, so viel es auch Wirthshäuser und Trinkexcesse im Bezirke geben mag, nicht leicht wird irgendwo das Wirthshaus im Ganzen eine so geringe Rolle spielen, als hier. In manchen Orten geht der Bauer nie in’s Dorfwirthshaus; es wäre ihm Schade und gälte als Schande, solche Verschwendung von Geld und Zeit. Bei solcher Sparsamkeit erscheint es als besonders gemüthlich, wenn etwa in Großbottwar ältere ehrbare Weingärtner in der Feierstunde zusammensitzen und einander zutrinken: „I b’sieh Di!“ – „Und Du freust mi!“

Von besondern Volksspielen findet sich kaum eine Spur. Am Ostermontag kommt noch hie und da das Eierlesen vor. Die Kinder haben als einziges Spiel das „Steintätschen“ oder „Dopfelspiel“, dessen übrigens die Knaben sich schämen.

Besondere Volkssitten und Bräuche gibt es nur wenige und überdieß nicht auffallende. Beim Beginn der Ernte zieht in Mundelsheim die Schuljugend, in aller Frühe geistliche Lieder singend, durch den Ort. Am Konfirmationstage ziehen die Konfirmanden daselbst unter geistlichem Gesang in die – wie überall „bis an die Hörner des Altars“ mit Kränzen geschmückte Kirche. In Rielingshausen singt die Schuljugend am Weihnachtsabend mit einem Kästchen, an welchem transparente Engel angebracht sind, mit den Worten: „Freuet euch, denn euch ist heute der Heiland geboren“ im Dorfe herum. – In der Nacht vom Gründonnerstag wird fast überall eine Menge Laugenbretzeln von den Burschen im Wirthshaus verzehrt und den Mädchen an’s Fenster gebracht. Mädchen, welche keine Liebhaber besitzen, finden am Charfreitag-Morgen zum Spott eine mit Kohle gemalte Bretzel an ihrem Hause.

Die anständige, gut kleidende Volkstracht nähert sich täglich mehr der städtischen und ein geschmackloses Mittelding zwischen städtischer und bäuerlicher Tracht ist vorherrschend geworden, was selbstverständlich in den Städten am meisten hervortritt; dagegen hat sich in manchen Orten, wenigstens bei den ältern Personen, die altherkömmliche Tracht noch erhalten; man trifft bei den Männern noch den dreispitzen Hut, schwarze, gelbe, auch weiße Lederhosen zu langen Stiefeln, das manchesterne, dunkelfarbige oder auch das scharlachrothe Brusttuch mit eng aneinander gereihten Rollknöpfen, den blauen| Überrock oder das Wamms von derselben Farbe. Bei den ledigen Burschen macht sich die Stulpmütze immer geltender und die mit Pelz verbrämte und goldenen Quasten gezierte Sammtmütze, wie auch die Lederhosen und die altherkömmlichen Brusttücher werden immer seltener. Die Tracht der weiblichen Personen ist im allgemeinen etwas düster, dunkelfarbig und neigt sich ebenfalls auffallend zur städtischen Mode, die hauptsächlich von Mädchen, welche längere Zeit in Städten gedient haben, eingeschleppt und von andern nachgeahmt wird. Übrigens trifft man nicht selten noch das anständig kleidende schwarze deutsche Häubchen und die vielgefälteten dunkeln Wilflingröcke. Im allgemeinen ist die ländliche Tracht in Orten, die ausgedehnten Weinbau treiben, mehr abgegangen, als in den vorherrschend Ackerbau treibenden. Erdmannhausen zeichnet sich durch Beibehaltung der alten Tracht und Sitte rühmlich aus.

Die Mundart ist im allgemeinen die etwas breite schwäbische, nur in den Waldorten und namentlich in denen auf den Löwensteiner Bergen gelegenen macht sich die fränkische Sprechweise etwas geltend, wie überhaupt die Bewohner dieser Gegend sich in vielen Beziehungen den Hohenlohern mehr nähern als den Schwaben.

Die Vermögensumstände der Einwohner gehören im allgemeinen zu den mittelguten und in manchen Orten herrscht ein vermöglicher Mittelstand vor; einzelne Orte, wie Affalterbach, Erbstetten, Erdmannhausen, die Parzellen von Kleinaspach, Kirchberg, Murr, Ottmarsheim etc. dürfen wohlhabend genannt werden. Dagegen gibt es auch Orte wie z. B. Burgstall, das einzelne sehr wohlhabende Bürger zählt, während die Mehrzahl minder bemittelt ist. Zu den unbemittelsten Orten gehören Hof- und Lembach, Kleinbottwar, Weiler zum Stein etc.


  1. a b Die Bevölkerung der Parz. Stainächlenshof ist 1811 unter der von Weiler zum Stein, von 1822 an unter der von Affalterbach begriffen.
  2. Bis hieher ist der Zuwachs überall nur für die Periode im Ganzen berechnet, in der Weise, daß die Bevölkerungszahl am Anfang derselben = 100 gesetzt wurde.
  3. Von Oberamtsarzt Dr. Schwandner in Marbach.
  4. S. Württemb. Jahrb. 1857. S. 158.
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