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Textdaten
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Autor: P. B.
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Titel: Berliner Straßenbilder - II.
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aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 838–841
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Berliner Straßenbilder.
II.

So viel auch in den verschiedenen Regionen der Gesellschaft nach Popularität, nach jenem verlockenden Kleinode der Volksgunst, nach der warmen Begeisterung der großen Massen gestrebt wird, nur den wirklich durch Herzens- und Geisteseigenschaften Bevorzugten kann es gelingen, ein andauerndes und tieferes Interesse unter den Menschen zu erwecken.

Die am wenigsten um diese Auszeichnung sich bemühen, schlicht und einfach in ihrer eigenthümlichen Weise ihren Weg wandeln, von denen man aber weiß, daß sie Gutes im Sinne haben, gehören oft zu den populärsten Gestalten eines Landes oder einer Stadt. – Vor uns im Bilde sehen wir auch einen solchen schlichten, einfachen, aber weithin bekannten und gern gesehenen Mann, der, auf den Stufen eines Thrones geboren, im Glanze eines Hofes erzogen, berufen war, als königlicher Prinz sein Leben in der vordersten Reihe eines in Bildung und Macht schnell voranschreitenden Staates leitend und fördernd zu verbringen, und der sich dadurch eine natürliche Anspruchslosigkeit und eine tief innere Einfachheit zu erhalten gewußt hat, die ihn überall, aber namentlich in Berlin, zu einer der populärsten Erscheinungen gemacht haben. Denn diese Eigenschaften waren es, die den verstorbenen Prinzen Adalbert von Preußen wirklich unter das Volk führten, sei es auf Reisen oder zu Hause, in den Straßen Berlins oder auf den verschiedenen Spaziergängen der Hauptstadt. Ausgestreckt auf den weichen Polstern einer Carosse, gezogen von feurigen Rossen, durch die Stadt dahin zu fliegen, wenig oder nichts zu sehen von dem pulsirenden Leben einer großen Stadt, das war nicht nach seinem Geschmack. Kunst, Wissenschaft und Industrie bildeten zu sehr die Beschäftigungen, das Interesse seines Lebens, als daß er es verschmäht haben sollte, ihre Erzeugnisse unter dem

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Die Gartenlaube (1873) b 839.jpg

Prinz Adalbert auf der Promenade.
Nach der Natur gezeichnet von Paul Bürde.

[840] Volke selbst, auf der Straße und an den Schaufenstern, aufzusuchen. Wie oft sah man ihn an den Buchläden stehen, eifrig forschend nach den Titeln der soeben erschienenen Bücher! Jeder Kunstladen war seiner besonderen Beachtung sicher. Oft weilte er lange vor einem Fenster, das Kupferstiche oder Photographien zur Ansicht darbot, und oft kam er dabei in wirkliches Gedränge; aber wenn etwa auch ein Tagelöhner in seinem Eifer, deutlicher zu sehen, sein vorgestrecktes Kinn fest auf die Schulter des vor ihm stehenden prinzlichen Admirals der deutschen Flotte legte, so genirte es diesen gar nicht, erst wenn auch er mit seinen Anschauungen fertig war, promenirte er weiter, um vielleicht an einer Anschlagsäule einen längeren Aufenthalt zu machen. Denn wie ein guter Bürger (als Hauseigenthümer war es der Prinz) studirte er auch hier Alles, was es im Städtchen Berlin Neues gab und was die echauffirte Reclame in einer Weltstadt alle Tage an die Säule kleistert.

In einer solchen Situation führt uns das beifolgende Bild den hohen Herrn vor. Welcher Berliner hat ihn nicht in der Bellevuestraße an der Thiergartensäule unzählige Male so stehen sehen?

Die neuen Anlagen-Verschönerungen und Vergrößerungen Berlins, für die sich der Prinz lebhaft interessirte, führten den Wißbegierigen oft in ganz entfernte Stadttheile, wo die Erscheinung einer königlichen Hoheit noch ein Ereigniß bildet. Sehr oft sah man ihn da sich mit den gewöhnlichsten Arbeitern unterhalten, um sich Auskunft über die Bauten oder auch eine tiefere Einsicht in die Verhältnisse, Verdienste und Lebensweise dieser Leute zu verschaffen. Die Theilnahme an dem öffentlichen Leben ist übrigens ein Charakterzug, der durch die ganze Familie geht. Denn schon der Vater des Prinzen machte zu seiner Zeit ganz in derselben Weise seine täglichen Wanderungen durch Berlin, war von jedem Kinde gekannt und wurde freudig begrüßt. Ebenso pflegte der hochbegabte, leider zu früh verstorbene Bruder, Prinz Waldemar, seine Spaziergänge durch die Stadt oder im Thiergarten allein zu machen.

Wenn es ein hohes Glück hier auf Erden ist, von edlen Eltern geboren und erzogen worden zu sein, und wenn kein Nachlaß so kostbar und theuer ist, als die tiefe und innige Verehrung für diese bis über das Grab hinaus, so ist unserem Prinzen dieses Glück in hohem Maße zu Theil geworden, und nicht alle Menschen können bei ihren Jugenderinnerungen aus dem elterlichen Hause sich so erhoben fühlen, wie es der Prinz und seine Geschwister konnten. Das schöne reine Bild ihrer Eltern war bei den Brüdern und ist bei den noch lebenden Schwestern ein Heiligthum, das wie eine Leuchte über ihre Tage schwebt, wie ein Compaß sie durch’s Leben führt. Und sicherlich, wer vor dreißig bis vierzig Jahren in Berlin lebte, wird viel und nur das Beste über den alten (so wurde er allgemein bezeichnet) Prinzen Wilhelm, Bruder des Königs Friedrich Wilhelm des Dritten, und seine Gemahlin, eine geborene Prinzessin von Homburg, vernommen haben, denn Jedermann interessirte sich für das schöne Paar, das sein Glück in seinen Kindern, seine Freuden in der Kunst und Wissenschaft, eine wahre Genugthuung aber nur im Geben und Wohlthun fand.

Schloß Fischbach in Schlesien, am Fuße der Schneekoppe höchst romantisch gelegen, war während langer Jahre der Lieblingsaufenthalt der prinzlichen Familie. Die Königin Maria von Baiern ist sogar von dem dortigen noch lebenden Pastor Götschmann confirmirt worden. Nach dem Tode der Eltern kamen die drei noch lebenden Geschwister, Prinz Adalbert, Prinzessin Elisabeth von Hessen-Darmstadt und Königin Marie – denn Prinz Waldemar war um einige Jahre seinem Vater im Tode vorangegangen – überein, dieses elterliche Besitzthum, das so viele glückliche Tage ihrer Jugend gesehen hatte, dem väterlichen Wunsche gemäß, gemeinschaftlich besitzen und alle Jahre in ländlicher Zurückgezogenheit dort auf einige Zeit sich wieder vereinigen und die glücklichen Erinnerungen vergangener Tage immer wieder durch gegenseitigen Verkehr in treuer Anhänglichkeit erhalten, sowie neu beleben zu wollen. So ist es auch viele Jahre hindurch geschehen. Jetzt ist nun auch der älteste Bruder dem so früh dahingegangenen jüngern gefolgt; die beiden Schwestern sind die alleinigen Besitzerinnen des Familiengutes geblieben und betrachten mit Freude und Wehmuth die von den Beiden hinterlassenen Erinnerungszeichen.

Aufgewachsen in einem so glücklichen Familienleben, war der Sinn dafür, das innere Bedürfniß danach gesund und kräftig in der Gemüthsanlage des Prinzen Adalbert entwickelt worden. Das Erreichen eines solchen Glückes ist ihm nicht ohne Kampf und Prüfungen beschieden gewesen; denn eine ungewöhnlich tiefe Neigung hatte sich seiner für eine damals hochgefeierte Künstlerin bemächtigt. Aber seine Stellung als königlicher Prinz, der Gehorsam gegen den König und gegen seine Eltern erlaubten ihm nicht, den Wunsch seines Herzens, sich mit diesem Gegenstande seiner Liebe für’s Leben zu verbinden, alsbald zur Ausführung zu bringen. Erst nach einer langen Zeit des Entsagens und Harrens, einer Zeit, in welche seine ausgedehnte Reise in Südamerika fällt – er legte die wissenschaftlichen Resultate derselben in dem Werke: „Aus meinem Reisetagebuche 1842–1843“ nieder – gelangte er zu dem Ziele seiner Wünsche; denn nachdem seine Eltern, angesichts dieser unwandelbaren Neigung ihre Anschauungen aufgebend, sich entschlossen hatten, dem einzigen Wunsche des trefflichen Sohnes fernerhin kein Hinderniß mehr in den Weg zu legen, kam endlich für den Prinzen die königliche Erlaubniß, mit Fräulein Therese Elster in eine von den Verhältnissen bedingte Ehe treten zu dürfen. Gewiß war dieser Tag seiner Vermählung einer der schönsten und glücklichsten seines Lebens.

Friedrich Wilhelm der Vierte, der seinem Vater auf dem Throne gefolgt war und die bedeutende Befähigung, sowie die außergewöhnlichen Herzenseigenschaften seines Vetters hochschätzte, gab in Anerkennung dessen der Gemahlin desselben den Namen einer Frau von Barnim. Durch die Geburt eines Sohnes war dem Prinzen nun ein wahres Familienleben mit seinem vollen Glücke beschieden worden, nach dem er sich so lange gesehnt hatte. Als aber auch das eigene Haus am Potsdamer Thore fertig dastand, um ihn mit den Seinigen unter einem Dache zu bergen, da hatte dieses Glück für ihn die höchste Höhe erreicht. Wer den Vorzug gehabt hat, als Freund des Hauses an dem geselligen Verkehre der Familie theilnehmen zu dürfen, der wird noch heute mit Freuden so manches dort verlebten köstlichen und glänzenden Abends gedenken. Gewiß steht ihm noch immer das Bild des Prinzen in seiner ganzen Liebenswürdigkeit und Harmlosigkeit unauslöschlich vor Augen.

Besonders erfreuten ihn an solchen Abenden die kleinen Maskeraden und theatralischen Aufführungen der Kinder, die von seinem hoffnungsvollen, begabten Sohne oft mit rechtem Geschick und Geschmack in Scene gesetzt wurden. Das Wohlgefallen, mit dem dann sein Auge auf diesem zu ruhen pflegte, war für den, der den vortrefflichen und schönen Jüngling näher kannte, leicht begreiflich. Der Verkehr zwischen Vater und Sohn war ein natürlicher und herzlicher, wurde aber noch dadurch, daß der sorgsam erzogene Sohn auch die geistige Richtung seines Vaters einschlug und sich für Länderkunde, Reisen, überhaupt naturwissenschaftliche Forschungen auf’s Lebhafteste interessirte, ein um so anregenderer; denn durch das reiche Wissen und die gesammelten Erfahrungen auf diesem weiten Felde war der Prinz befähigt und so glücklich, in langen Winterabenden seinem Sohne auch zugleich der beste Lehrmeister sein zu können. Wurden die Bücher an solchen Abenden endlich zur Seite geschoben, so kamen die Zeichenbücher und der Bleistift an die Reihe, und mancher landschaftliche Entwurf, besonders aber Gegenstände der Marine, wurden von Vater und Sohn mit geschickter Hand zu Papier gebracht.

Diese glücklichen Zeiten sollten dem Prinzen und seiner trefflichen Gemahlin leider nur zu schnell dahingehen. – Der bereits herangewachsene Sohn war bei dem 1. Garde-Dragoner-Regiment eingetreten, um seinen militärischen Verpflichtungen zu genügen. Ein inneres Leiden des jungen Mannes, wahrscheinlich die Folge des allzu schnellen Wachstums, veranlaßte die Aerzte einen längeren Aufenthalt in südlichem Klima anzurathen. Italien, das zuerst in’s Auge gefaßt wurde, war dem jungen Barnim zu nahe für seinen Wissensdrang; es zog ihn tiefer hinab nach dem Süden, nach unerforschten, dem Aequator näher gelegenen Ländern, und so kam es, daß, nachdem Aegypten gewählt worden war, der niedere gesunde Theil auch bald wieder verlassen und in die dem Europäer so gefährlichen oberen Nilländer eingedrungen wurde. Noch weit hinter Kartum, in dem Dorfe Rosères, erlag der jugendliche und noch unerfahrene Reisende dem so furchtbaren Klima-Fieber.

[841] Nur Die, die von einem ähnlichen Unglücke im Leben betroffen worden sind, werden die Größe des Schmerzes ermessen können, der die armen Eltern bei der Nachricht des Todes ihres einzigen und so innig geliebten Sohnes ergriff. Eine tiefe Trauer umhüllte für lange Zeit ihr von der Welt zurückgezogenes Gemüth. Die schönen, frohen Tage waren für immer aus dem Palais des Prinzen gewichen. Hoffnungen und Aussichten der ferneren Lebenstage lagen zusammengebrochen vor dem trauernden Elternpaare, aber es war ihnen, besonders der Mutter, ein großer Trost, nachdem die letzten Ueberreste ihres Kindes hierher gebracht worden waren, oft zur Grabstätte des Unvergeßlichen wandeln zu können.

Die großen Kriege, die wunderbaren Bewegungen der neuen Zeit traten mit ihren Anforderungen auch an den Prinzen heran. An Allem nahm er einen freudigen und fördernden Antheil. Die Marine groß und tüchtig und durch sie Deutschland nach außen mächtig zu machen, das war die ihn beherrschende Lebensidee. Aus dieser Idee heraus wirkte und strebte er. Was er nach dieser Richtung erreicht und geleistet hat, geziemt der Geschichte festzustellen. Unzertrennlich ist jedenfalls sein Name verbunden mit der Entstehungsgeschichte der jüngsten deutschen Kriegsflotte.

Als er im Jahre 1856 mit einer der Zahl nach geringen Macht, aber mit Heldenmuth, den blanken Degen in der Faust, bei Tres Forcas an’s Ufer sprang, um eine freche Räuberbande zu züchtigen, da lag bereits eine Ahnung zukünftiger Bedeutung und Größe in seiner Seele. Wenn er auch damals schwer verwundet und mit der Leiche des an seiner Seite erschossenen Adjutanten Niesemann auf sein Schiff, die „Danzig“, zurückkehren mußte, so erlitt dadurch sein Glaube an die Zukunft doch keine Erschütterung. Nach dem Ringen und Streben eines ganzen Lebens hat er noch die Freude, die Genugthuung erlebt, die drei größten deutschen Schiffe „König Wilhelm“, „Kronprinz“ und „Friedrich Karl“ mit gründen und schaffen zu helfen und sie mit deutscher Flagge, zum Schutze Deutschlands und deutscher Interessen, die fernen Meere durchziehen zu sehen. Persönliche Tapferkeit war ein zu hervorragender Zug im Charakter des Prinzen, als daß er hier, wo die Beziehungen seines Familienlebens allerdings vorherrschend in’s Auge gefaßt worden sind, ganz unerwähnt bleiben dürfte. Die Scheu vor der Gefahr des Todes war ihm ein unbekanntes Gefühl.

Obgleich nicht in Activität, hat er doch die beiden letzten großen Kriege gegen Oesterreich und Frankreich mitgemacht und in beiden die schlagendsten Beweise geliefert, daß er vor dem Kugelregen nicht zurückschreckte. Bei Nachod in Böhmen fiel sein Adjutant von Saint Paul, von einer Kugel durchbohrt, an seiner Seite. Bei Gravelotte wurde seinem Pferde, das ihn während der Schlacht trug, durch eine Kugel das Bein zerschmettert, daß es erstochen werden mußte. Vor Paris hat er noch oft Gelegenheit gehabt, diese erprobte Ruhe in der Gefahr zu zeigen. Er selbst legte nicht den geringsten Werth auf diese hohe Eigenschaft, und wenn sie an ihm gerühmt wurde, wies er solches Lob mit fast schüchterner Bescheidenheit und mit den Worten zurück: „Ich kann doch nicht weniger thun als jeder Andere.“

Obgleich von kräftiger Constitution, auf die sich zu verlassen er gewohnt war, da er von seinen mannigfachen und oft sehr anstrengenden Reisen stets mit guter Gesundheit zurückgekehrt war – überfiel ihn doch im Jahre 1865 ein fast bedenkliches Herzleiden. Schonung und ein zurückgezogenes Leben an den milden Ufern des Mittelmeeres in Nizza stellten ihn scheinbar vollständig wieder her. Doch war er in den letzten Jahren, vielleicht mit durch die Anstrengungen der Kriege, bereits recht gealtert. Der wiederholte Gebrauch von Karlsbad konnte nicht mehr gut umgangen werden. Auch in diesem Frühjahre war er mit seiner Gemahlin dahin gegangen und fühlte sich durch den Gebrauch des Brunnens diesmal ganz besonders gekräftigt.

Ohne jedes Zeichen von Unwohlsein hatte er sich am 5. Juni zur Ruhe begeben, doch in der Nacht kamen Beängstigungen über ihn, und nach wenigen Stunden befreite ihn vom letzten Schmerz ein rascher Tod. Es waren wohlverdiente Thränen, die an dem Sterbebette eines guten und vortrefflichen Menschen flossen, eines Menschen, in welchem das Streben, dem Vaterlande und der gesammten Menschheit nützlich zu werden, stets die leitende und anregende Lebensidee gewesen ist.

P. B.