BLKÖ:Weinberger, Rudolf

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Weinberger, Michael
Band: 54 (1886), ab Seite: 20. (Quelle)
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Weinberger, (Arzt und Fachschriftsteller, geb. am 3. Februar 1811, gest. zu Wien im Februar 1870). Ueber den Lebens- und Bildungsgang des in Rede Stehenden, der 1848 mehr durch sein politisches Auftreten denn in seiner Stellung als Arzt bemerkbar wurde, fehlen uns alle Belege. Vermuthlich ist er ein Sohn des israelitischen Traiteurs in Wien, Adam Weinberger, der am 15. October 1834 ein zehnjähriges Privilegium auf die Erfindung zinnerner Kochgefäße erhielt, in welchen die Wasserdämpfe zum Kochen der Speisen benützt werden. 1848 war er Studirender der Medicin, welcher er sich mit allem Eifer, aber auch unter großen Entbehrungen widmete. Als die Bewegung der Märztage ausbrach, trat auch Weinberger, der gleich Tausenden den Anbruch des geistigen Morgens in Oesterreich jubelnd begrüßte, als Garde in die akademische Legion, die sich bald nach den Märztagen zu bilden begonnen hatte. In dieser Zeit begegnen wir seinem Namen zum ersten Male auf einem Libell. Der „Constitutionelle Hans Jörgel“ hatte nämlich eine kleine Judenhetze in Scene gesetzt und den Juden mitunter nicht eben angenehme Dinge gesagt. Die Angegriffenen blieben ihm die Antwort auch nicht lange schuldig, und der Erste trat gegen ihn in die Schranke Rudolf Weinberger mit der Flugschrift: „Nur keine Judenemancipation oder der geputzte Hans Jörgel“ (Wien 1848, Klopf und Eurich, 8°.), auf welcher er sich „Garde im akademischen Corps“ unterzeichnete. Auf die Antwort, auf welche „Hans Jörgel“ nicht warten ließ, folgte von Weinberger ein großes Folioblatt, überschrieben: „Abfertigung und letztes Wort an Hans Jörgel u. s. w.“. An der Spitze des Blattes aber war eine Mißgestalt zu sehen, welche wohl den „Hans Jörgel“ vorstellen sollte. Nach diesem polemischen, im Ganzen höchst unschuldigen Vorspiel trat Weinberger, der sich indessen ganz entschieden der radicalen Partei angeschlossen hatte, mit großer Energie am 15. Mai auf, an dessen stürmischer Bewegung er sich lebhaft betheiligte. Er war Mitglied der sogenannten „Sturmdeputation“, welche den constituirenden Reichstag forderte und auch erlangte. In der Studentenlegion gehörte er zu den Tonangebern, und als es sich darum handelte, die radicale Partei durch eine Allianz mit der Arbeiterbevölkerung zu verstärken, betheiligte er sich an zahlreichen Journalen, um in diesem Sinne zu wirken. Damals lernte ich den rothhaarigen, äußerlich unschönen Legionär und seine Energie kennen, der mit aller Zähigkeit seine Ansichten und Pläne verfocht, denen Zielbewußtsein und Consequenz nicht abzusprechen war. So agitirte Weinberger bis in die Octobertage, in welchen er vom Wiener Schauplatze verschwand. In Kremsier aber tauchte er wieder auf, als der Reichsrath von Wien dahin verlegt worden war, und wirkte als ungemein thätiger Correspondent für verschiedene in- und ausländische Journale. Während der Säbelherrschaft entging auch er nicht ihren Wirkungen, da er aber muthig und standhaft auf seinem Standpunkte verharrte, geschah es, daß er öfter vor das Kriegsgericht geladen und von demselben immer wieder verurtheilt wurde. Als sich die politischen Aussichten in einer Weise gestalteten, daß es für einen Zeitungsreporter wenig zu thun gab, oder aber [21] die politische Correspondenz bei den obwaltenden Umständen sich zu gefahrvoll und doch nicht lohnend genug anließ, kehrte auch Weinberger zur friedlicheren Beschäftigung zurück und begann die ärztliche Praxis in der Vorstadt Landstraße, wo er seinen Wohnsitz genommen, auszuüben. Doch wendete er, soweit es ihm sein ärztlicher Beruf gestattete, den öffentlichen Zuständen stets seine Aufmerksamkeit und energische Theilnahme zu, war bei Beginn der neuen Aera Obmann des Gründungscomités für den ersten politischen Verein in Wien, candidirte, als die Wahlen für den Wiener Gemeinderath stattfanden, im Jahre 1851 und auch später für denselben, ohne jedoch ein Mandat erlangen zu können. Ferner setzte er sich auf das lebhafteste für die Gründung des deutsch-demokratischen Vereines im Bezirke Landstraße ein, und als der Deutschkatholicismus auch in Oesterreich an die Tagesordnung kam, betheiligte er sich lebhaft an der in der Bevölkerung zutage tretenden Bewegung für denselben. Auch schriftstellerisch wirkte er in seinem Fache und gab heraus: „Die Haare des Menschen im gesunden und kranken Zustande u. s. w., die bewährtesten Heilmittel gegen Ausfallen, Kahlköpfigkeit und frühzeitiges Ergrauen“ (Wien 1846, 12°.); – „Die Zähne des Menschen im gesunden und kranken Zustande, oder Grundsätze und Regeln zur naturgemässen Pflege und Erhaltung der Zähne und des Zahnfleisches bis in das hohe Alter u. s. w.“ (ebd. 1846), – „Die Behandlung des Krebses und der krebsähnlichen Krankheiten nach Landolfi“ (ebd. 1855, Groß, 8°.); – „Compendium der Arzeneimittellehre nach der neuesten österreichischen Pharmakopöe vom Jahre 1855 nebst wortgetreuer Uebersetzung dieser Pharmakopöe und der neuen Arzeneitaxe“ (1. Aufl. Wien 1855; 2. durchg. und verb. Aufl. Wien 1863, Gerold, 8°.); – „Die Krankheiten der Athmungsorgane (Heiserkeit, Keuchhusten, Halsbräune u. s. w.), ihre Erkenntniss und Behandlung mit dem weissen Brustsyrup des Herrn Dr. G. W. A. Mayer in Breslau u. s. w.“ (Leipzig 1863, 8°.); – „Compendiöse Darstellung einfacher und zusammengesetzter Arzeneistoffe, welche in der österreichischen Pharmakopöe vom Jahre 1855 nicht enthalten sind...“ (Wien 1865, Gerold’s Sohn, 8°.); – „Die Arzeneimittel der neuesten am 1. October 1869 in gesetzliche Wirksamkeit tretenden österreich. Pharmakopöe und pharmakodyn. Notizen u. s. w.“ (Erlangen 1869, Enke, 16°.). Doch weder seine politische noch seine ärztliche Thätigkeit halfen ihm auf die Beine. Sein ganzes Leben war ein Kampf ums Dasein, wohl zunächst veranlaßt durch eine zahlreiche Familie – acht Kinder und eine kranke Frau – die er in trostloser Lage zurückließ, als er, 61 Jahre alt, aus diesem Dasein abberufen wurde. Das Leichenbegängniß veranstaltete der Schriftstellerund Journalistenverein „Concordia“, dessen Mitglied Weinberger war.

Morgenpost (Wiener polit. Blatt) 1870, Nr. 48: „Dr. Weinberger“. – Neues Wiener Tagblatt, 1870, Nr. 48: „Dr. Rudolf Weinberger“.