Aus der Rumpelkammer des modernen Aberglaubens

Textdaten
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Autor: Dr. Julius Schwabe
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Titel: Aus der Rumpelkammer des modernen Aberglaubens
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 21–22, S. 329–331, 350–352
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Aus der Rumpelkammer des modernen Aberglaubens.

Von Dr. J. Schwabe.
Die Scala des Aberglaubens. – Tischrücken. – Prophetische Träume. – „Zweites Gesicht“. – Die Hellseherin und der Arzt. – Einfluß des Freitags und des Mondwechsels auf das Wetter. – Der Fisch im Wasserglase. – Zusammenhang von Ebbe und Fluth mit den Todesfällen. – Die Mondsucht.

Es ist eine zweifellos feststehende Thatsache, daß die Naturwissenschaften, die Jahrtausende lang ein kümmerliches Dasein fristeten, seit den großen Entdeckungen der neueren Zeit bedeutenden Einfluß auf unsere gesammte geistige Bildung gewonnen haben. Diesem Einfluß mußte es gelingen, das Gebiet des Aberglaubens von Tag zu Tag mehr einzuengen. Allein man darf den bis jetzt erreichten Erfolg doch nicht überschätzen. Trotz der aufklärenden Richtung unserer Zeit sehen wir den Aberglauben noch in üppiger Blüthe wuchern, und wenn die Naturwissenschaften auf anderen Gebieten, z. B. dem der Technik, mit Siebenmeilenstiefeln vorschreiten, so ist das doch leider hinsichtlich ihres aufklärenden Einflusses zur Zeit noch in viel geringerem Grade der Fall. Die Ursache liegt klar am Tage. Dem Menschen ist eine tiefe Hinneigung zum Wunderbaren und somit zum Aberglauben angeboren. Die Phrenologie nimmt bekanntlich ein besonderes Organ für das Wunderbare an. Sollte auch, wie von manchen Seiten behauptet wird, die Phrenologie eine leere Hypothese sein, so hat sie doch gewiß in dem einen Punkte Recht, daß sie jene Eigenthümlichkeit des menschlichen Geistes bezeichnet hat und ihr eine besondere Residenz in unserem Gehirn anweist. Wie an einer gewissen Stelle der Netzhaut des Auges kein Bild gesehen wird, so wird an jener Stelle des Hirns keine Wahrheit erkannt. Das Seltsame, Unerklärliche, Geheimnißvolle wird, je mehr es sich dem Ungeheuerlichen nähert, um so lieber geglaubt. Der andere Grund, weshalb die Naturwissenschaften bisher nicht vermochten, eine gründlichere Aufräumung in der Rumpelkammer des Aberglaubens zu bewirken, liegt darin, daß die Naturwissenschaften noch lange nicht das sind, was sie sein sollten, nämlich Gemeingut der gebildeten Classen. Wir verlangen von einem gebildeten Mann, daß er richtig sprechen und schreiben, daß er in einer oder mehreren Wissenschaften oder Künsten zu Hause sein soll; aber noch hält man es nicht für einen Mangel an Bildung, wenn Jemand von seinem eigenen Körper, der ihn doch außerordentlich nahe angeht, kaum die Oberflache, die Haut, kennt und vom Stoffwechsel, Blutumlauf und Athmungsproceß nicht viel mehr weiß, als ein Tertianer vom Sanskrit; wenn er die einfachsten, jeden Augenblick seinen Sinnen sich darbietenden Vorgänge sich nicht zu erklären weiß, weil das Fallgesetz, die Lehren von der Reibung, vom Schall etc. ihm böhmische Dörfer sind.

Und hier finden wir den speciellen Grund, wie es möglich ist, daß der Glaube an unmögliche Dinge, der Aberglaube, selbst bei übrigens gebildeten Leuten so oft zu treffen ist. Aber natürlich! abergläubisch will Niemand sein. Man beruft sich gewöhnlich darauf, daß man den Aberglauben gar nicht so leicht definiren könne; es werde ja von dem Einen das als Aberglaube angesehen, was dem Andern ganz verständig und begründet erscheine. Die bekannte Definition des Aberglaubens als eines Glaubens, bei dem ein Aber ist, will nicht recht genügen. Versuchen wir einen anderen.

Der Aberglaube besteht entweder im Glauben an solche Vorgänge, welche einem als solches erkannten und von der Wissenschaft anerkannten Naturgesetz widersprechen, oder in der Annahme von übernatürlichen, also den Naturgesetzen widersprechenden Ursachen für gewisse wirklich beobachtete natürliche Vorgänge. Für den Aberglauben der ersten Gattung bietet uns in der neuesten Zeit der berüchtigte Hexenmeister Hume ein Beispiel, der den Versammlungen gebildeter Leute in Paris, vor welchen er seine Kunststücke machte, ein direct gegen das Gesetz der Schwere verstoßendes Schauspiel gab. Er erhob sich nämlich durch magische Kräfte frei bis zur Decke des Zimmers und schwebte eine geraume Weile daran umher. Im Zimmer war es freilich dunkel, und es ist nicht recht klar, auf welche Weise dieses merkwürdige Schweben beobachtet worden ist. Wie schade, daß dies Thomas Mayerne, der freilich schon vor zweihundertundvierzehn Jahren starb, nicht erlebt hat! Dieser ausgezeichnete Arzt hat uns den vortrefflichen Ausspruch über Dämonomagie (Geisterzauberei) hinterlassen: diese sei nur dann anzunehmen, wenn ein ungebildeter Mensch sich über wissenschaftliche Dinge gut auszudrücken und sein Körper sich einige Zeit in freier Luft schwebend zu erhalten vermöchte.

Ein Beispiel aus der zweiten Kategorie obiger Definition des Aberglaubens liefert die vor etlichen Jahren herrschende Epidemie des Tischrückens. Eine durch bekannte mechanische Gesetze einfach zu erklärende Erscheinung wurde mit einem einer besseren Sache würdigen Eifer gewissen bisher unbekannten magischen Kräften zugeschrieben.

Der Aberglaube giebt sich in den verschiedenen Individuen auf die verschiedenste Weise kund. Vom crassen, handgreiflichen Aberglauben bis hinauf zum Erkennen einer mathematischen Wahrheit kann man eine Scala bilden, auf welcher freilich die Grade nicht so scharf gezeichnet erscheinen, wie auf einem Thermometer. Steigen wir auf unserer Scala aus dem umnachteten Gebiete des „crassen“ Aberglaubens, wo bei gänzlicher Unkenntniß der Naturgesetze und bei ebenso völligem Mangel an unbefangener Beobachtung handgreifliche Unmöglichkeiten geglaubt werden, wo allerlei Ungeziefer gehext wird, wo der feurige Drache in die Essen fährt, wo die Wünschelruthe vergrabene Schätze entdeckt, wo gehörnte und ungehörnte Gespenster sich umher treiben, – aufwärts in die von tiefer Dämmerung umfangene Region, wo uns spiritualistisches Gesäusel empfängt, wo Tische tanzen und Geister klopfen, wo es „sich eignet“, prophetische Träume geträumt werden und wo „das zweite Gesicht“ die herrliche Function des ersten Gesichts, unseres wackeren Sehorgans, in den Schatten stellt.

Weiter aufwärts! Noch immer herrscht starke Dämmerung, doch ist sie nicht mehr gar so dick wie auf der vorigen Stufe. Ein furchtbarer Anblick trifft unser Auge: ein Mensch mit gespaltenem Schädel, ein Ermordeter, liegt am Boden; man nimmt eines der starrenden Augen aus dem Kopfe der Leiche, öffnet es, und hinten auf der Netzhaut zeigt sich das wohlgetroffene photographische Abbild des Mörders. Hinweg von dem düstern Schauspiel; doch ehe wir diese Gegend verlassen, treten wir in jenes stattliche Haus, in welchem tiefe Stille herrscht. Ein Livreebedienter empfiehlt uns mit auf die Lippen gelegtem Finger, wie wir uns verhalten sollen, und öffnet uns leise die Thür zu einem Zimmer, in welchem eine magische Beleuchtung dämmert. Auf einem Ruhebett hingegossen, von einem in malerische Falten sorgfältig drapirten Shawl bedeckt, liegt eine bleiche junge Dame mit geschlossenen Augen. Um sie herum stehen in andächtigem Schweigen mehrere Herren und Damen, zunächst am Bett ein junger Mann, der mit theilnehmendem Auge die Schlummernde betrachtet und bisweilen ihren Puls fühlt. Hinter ihm steht ein alter Herr, dessen stechender kalter Blick gleichfalls unverwandt auf der Schlafenden ruht. Jetzt öffnen sich ihre Lippen; mit süß flötender Stimme sagt sie: „ich werde schlafen, fast zwei Stunden lang; vier und einhalb Minuten vor neun Uhr werde ich erwachen.“ Wieder tiefes Schweigen. „Doctor!“ ruft die Schlafende ängstlich, „legen Sie schnell ab, was Sie in der linken Rocktasche haben; das Gold brennt mich, und die Diamanten senden schneidende Strahlen in mein Gehirn.“

Mit dem Ausdruck des tiefsten Staunens zieht der junge Arzt ein rothes Maroquinetui aus der Tasche und reicht es den [330] Umstehenden, die es öffnen und einen Brillantring darin finden. Eine ältere junge Dame fällt, ergriffen von dem Wunder, in Ohnmacht, während ein maliciös ironisches Lächeln über das Gesicht des alten Herrn fliegt. Tiefere Athemzüge heben jetzt den Busen der Somnambule. Der junge Arzt nimmt einen Brief aus der Tasche, legt ihn auf die Magengegend der Schlafenden und ersucht sie, den Brief vorzulesen, was ohne Zögern und Stocken geschieht. Wieder eine Pause. Ein seliges Lächeln überfliegt das Antlitz der Somnambule.

„O Mond,“ beginnt sie wieder zu flöten, „holder, lieber Mond! Wie freut sich meine Seele, wieder auf deinen lichten Fluren zu wandeln!“

„Jetzt,“ flüstert der junge Arzt dem alten Collegen zu, „jetzt ist der höchste Grad des Hellsehens eingetreten, jetzt ist die Somnambule ein rein geistiges, für alle irdischen Eindrücke, selbst für den heftigsten Schmerz unempfindliches Wesen.“

„Gut,“ erwidert der alte Aesculap, „dann ist es jetzt an der Zeit, zum Besten der Wissenschaft und zur Ueberzeugung der Ungläubigen eine durchgreifende Probe zu machen. Brennen wir die Dame mit einem glühenden Eisen ein wenig an der Fußsohle und sehen wir, ob sie gefühllos bleibt. Ich habe das Nöthige mitgebracht, auch Verbandmittel und eine schmerzstillende Salbe.“

Der junge Arzt versichert, die Dame werde den Schmerz, den sie nach dem Erwachen fühlen werde, gern zum Besten der hohen Wissenschaft erleiden. Das Brenneisen wird in die Kohlengluth im Kamin gesteckt, der alte Arzt breitet seine Verbandstücke aus, und die ältere junge Dame fällt abermals in Ohnmacht. Da durchzuckt ein Krampf den Körper der Schlafenden, sie seufzt tief auf, erwacht und klagt über Uebelbefinden. Der alte Arzt wirft ihr einen durchbohrenden Blick zu, kühlt sein Eisen in einem Glas Wasser ab, steckt es ein, nimmt Hut und Stock und geht von dannen, während ihm eine reichliche Anzahl indignirter Blicke nachgesandt werden. E. T. A. Hoffmann, der uns diese Historie berichtet, vergaß hinzuzufügen, daß der alte Arzt mehrere seiner Kunden, die bei jenem Vorfall zugegen waren, verlor, daß dagegen die Somnambule ihr Geschäft mit ungeschwächten Fonds fortsetzte.

Die Bewohner der eben bezeichneten Gegend unserer Scala möchten sich nicht gern lossagen von gewissen Dingen, durch welche ihrer lebhaften Phantasie so angenehm genügt wird, aber sie haben doch einen gewissen ehrlichen Respect vor der Mutter Natur, indem sie sich bei ihrem Glauben an jene wunderbaren Vorgänge darauf berufen, es gebe noch gewisse, nicht hinreichend erforschte Naturkräfte, welche in jenen Vorgängen thätig seien. Wir kommen hierauf zurück und wollen, ehe wir weiter steigen, nur noch beiläufig bemerken, daß in dieser Region das Wetter sich an jedem Freitag und bei jedem Mondwechsel ändert und daß hier jeder Märznebel in ein verborgenes Reservoir eingepackt und nach genau hunderttägigem Verschluß als stattliches Gewitter wieder losgelassen wird.

Zeit und Raum drängen zu rascherer Wanderung. Werfen wir nur einen Blick in jenes sonderbare Land, das ein magisch beleuchteter Nebel überdeckt, durch den hindurch alle Gegenstände in verschwommenen Umrissen erscheinen. Das ist das Land der Naturphilosophen, vor einigen Jahrzehnten noch stark bevölkert, doch heute nur noch von wenigen in gedankenvollem Sinnen umherwandelnden Leuten bewohnt. Die Naturphilosophen bauen wunderliche Systeme. Obenan stellen sie ihr Prinzip und leiten von ihm die beobachteten Naturerscheinungen ab, wobei es nicht ohne Zwang abgeht. Gerade umgedreht ist der jetzt allgemein als richtig anerkannte Weg, auf welchem die Naturforschung rüstig vorwärts geht.

Rasch passiren wir jetzt diejenige Stufe unserer Scala, auf welcher die naturwissenschaftlichen Dilettanten stehen. Wir begegnen hier der lebhaften Neigung, auf einem nicht allzubeschwerlichen Wege Einsicht und Kenntniß von dem großartigen Wirken der Naturkräfte zu erlangen. Zu eigenem, mühevollem Forschen fehlen Kenntnisse und Beruf; die Dilettanten bedürfen daher eines Führers. Von der Wahl desselben hängt es ab, ob der Dilettant gute Fortschritte macht, oder ob er auf Irrwege geleitet wird. Zum Glück ist die Zahl der guten Führer weit überwiegend, seit die Fachmänner es nicht mehr verschmähen, ihre Wissenschaft in einer für alle Gebildete verständlichen und schmackhaften Sprache vorzutragen. Bücher, wie des großen Astronomen Bessel populäre Vorlesungen, Schleiden’s Leben der Pflanze, Cotta’s Briefe zum Kosmos, Vogt’s Ocean und Mittelmeer, Pöppig’s Reisen etc. zählen in jeder Hinsicht zu den Zierden unserer Literatur.

So sind wir denn am obersten Ende unserer Scala angelangt, wo der Standpunkt der Männer der Wissenschaft ist, welche mit ernstem Fleiß die Natur und ihre Gesetze zu erforschen suchen und „das Gold der Wahrheit zu Tage fördern“. Aus dem Bereich ihrer Arbeiten halten sie die Phantasie als wahren Störenfried fern.

Es ist eigentlich mißlich, auszusprechen, daß man schwerlich einer größeren Versammlung gebildeter Leute gegenüber stehen kann, ohne annehmen zu müssen, daß wenige darunter sind, die nicht hie und da auf einer der mittleren Stufen unserer Scala einkehren. Ich kenne so manche durch hohe Bildung ausgezeichnete Männer, die selbst in einzelnen Künsten und Wissenschaften, nur nicht in den Naturwissenschaften, Vorzügliches leisten. Sie huldigen, wie sich von solchen Männern von selbst versteht, aufrichtigen Herzens der Aufklärung und verlachen, wie wir Alle, den Aberglauben. Doch bei jedem von ihnen fand ich, sei es auch im hintersten Eckchen der Seele versteckt, eine, mehrere, ja viele Ansichten und Ueberzeugungen, welche zu dem gehören, was man, mit einer sogenannten contradictio in adjecto naturwissenschaftlichen Mystizismus nennt, wenn man den gehässigen Ausdruck Aberglauben vermeiden will. Bei den über dergleichen Meinungen sich entspinnenden Disputationen wurde mir mit unfehlbarer Regelmäßigkeit der Einwand entgegen gehalten: Die Naturforscher haben die Natur noch bei Weitem nicht ganz erforscht, es giebt ohne Zweifel noch manches bisher unentdeckt gebliebene Naturgesetz, durch welches diese und jene in das Gebiet des Aberglaubens verwiesene Erscheinung ihre natürliche Erklärung finden würde. Dieser Einwand wird so unendlich oft in Anwendung gebracht, daß es wohl hier am Platze ist, ihn mit einigen Worten zu beleuchten.

Keinem Naturforscher wird es einfallen, zu leugnen, daß seine Wissenschaft noch in ihrer jugendlichen Entwicklung sich befindet, und mit Freude wird er zugeben, daß das Feld der von der Zukunft zu hoffenden Entdeckungen ein unbegrenzt großes ist. Daß zu diesen Entdeckungen auch bisher unbekannte Naturkräfte oder Naturgesetze gehören können, ist als möglich nicht zu verneinen. Ja, in Bezug auf das höchste Problem der Naturforschung muß ohne Weiteres zugegeben werden, daß das Gesetz, auf welchem das menschliche Denken, die Erhebung des Individuums zum Selbstbewußten beruht, noch unbekannt ist und wohl auch nie völlig erkannt werden wird.

Aber abgesehen hiervon, ist zweierlei als gewiß festzuhalten, wenn man von noch zu entdeckenden Naturgesetzen spricht: einmal, daß nie und nimmer ein Naturgesetz entdeckt werden wird und kann, welches einen Widerspruch oder eine Ausnahme zu einem der bereits bekannten Naturgesetze bildet. Selbst scheinbare Abweichungen von einem Naturgesetz liefern bei näherer Beobachtung stets eine neue Bestätigung des letzteren. Ein glorreiches Beispiel hiervon geben uns die aus den Unregelmäßigkeiten im Laufe des Uranus von dem berühmten Bessel bereits im Jahre 1840 mit Bestimmtheit vorausgesagte und sieben Jahre später nach Leverrier’s Berechnungen bewirkte Entdeckung des Planeten Neptun. In menschlichen Gesetzbüchern können wohl Widersprüche vorkommen, nie aber in dem Gesetzbuch, welches, keineswegs mit sieben Siegeln verschlossen, in der Natur vor uns aufgeschlagen liegt.

Zweitens ist es ebenso gewiß, daß der ganze bisherige Entwickelungsgang der Naturwissenschaften weit mehr auf eine Vereinfachung, auf eine Reduction, als auf eine zu erwartende Vervielfältigung der Naturgesetze oder -Kräfte hinweist. Ich erinnere daran, daß man vor noch nicht vielen Jahren die Elektricität, den Galvanismus, den Magnetismus als verschiedene, selbständig wirkende Kräfte betrachtete; jetzt weiß man, daß alle drei nur Modificationen einer und derselben Kraft, oder sagen wir lieber Grundeigenschaft der Körper sind. Aehnliches bereitet sich bezüglich der Wärme, der chemischen Processe und mancher Vorgänge im organischen Leben vor. Es ist daher durchaus unwahrscheinlich, daß die Entdeckungen, welche die Wissenschaft noch machen wird, in der Auffindung neuer Naturgesetze bestehen werden. Aber ohne Zweifel wird man bisher unbekannte Modificationen oder Wirkungsweisen der bekannten Naturkräfte auffinden. So unbegrenzt das Reich des Forschens ist, so zahllos die Erscheinungen sind, [331] welche den Fleiß und Scharfsinn des Naturforschers herausfordern, so wird doch seine wichtigste Aufgabe im Wesentlichen darin bestehen, die unendlich vielen gegebenen Erscheinungen aus einigen und zwar sehr wenigen Naturgesetzen abzuleiten und den ursächlichen Zusammenhang zwischen diesen und jenen nachzuweisen. Diese Aufgabe ist eine unendlich große, nie völlig zu lösende; unser Wissen wird zu jeder Zeit ein unvollständiges, begrenztes sein, aber die zu jeder Zeit vorhandene Grenze wird von der nächstkommenden Zeit überschritten werden. Cotta hat dies schön und kurz mit den Worten ausgesprochen: „Keine ewige Grenze ist dem Forscher gesetzt, aber ewig eine Grenze.“

Aus dem Gesagten geht hervor, daß man Erzählungen von neuen wunderbaren Erscheinungen und Thatsachen, welche den bekannten Naturgesetzen zu widersprechen scheinen, nicht sofort gläubige Aufnahme, sondern Zweifel, selbst Mißtrauen entgegenbringen soll. Denn in unendlich vielen Fällen dieser Art ergiebt sich bei unbefangener Prüfung, daß die Sache nicht in der Wirklichkeit, sondern in Täuschung beruht, oder auch in einer einfachen, nur den Unerfahrenen überraschenden Wahrnehmung, die dann, von der Phantasie ausgeschmückt, weiter getragen und um so lieber geglaubt wird, je wunderbarer sie ist.

Ein paar Beispiele mögen darlegen, wie leicht, ja wie leichtsinnig Dinge geglaubt werden, die bei der einfachsten Prüfung in nichts zerfallen. Das eine Beispiel erzählt Bessel. In St. Malo in Frankreich, wo die Ebbe und Fluth eine ungewöhnliche Höhe erreicht, wurde es als ausgemacht angesehen, daß die Todesfälle nur zur Zeit des fallenden Wassers sich ereignen. Man hatte seit Jahrhunderten Gelegenheit gehabt, diese auffallende Erscheinung zu prüfen, allein sie wurde nie bezweifelt. Endlich wurde von Seiten der Pariser Akademie ein Ausschuß hingesandt, um sich an Ort und Stelle von der merkwürdigen Thatsache zu überzeugen – da fand sich, daß die Menschen starben sowohl bei steigendem wie bei fallendem Wasser, daß seit hundert Jahren, nach dem Zeugniß der Kirchenbücher, weder Ebbe noch Fluth auf die Todesfälle gewirkt hatte.

Bekannt ist die Behauptung, daß ein mit Wasser gefülltes Gefäß nicht an Gewicht zunehme, wenn man einen lebenden Fisch hineinsetzt. König Georg won England wünschte den Grund dieser merkwürdigen Erscheinung zu erfahren und forderte die Gelehrten seiner Akademie auf, ihm dieselbe zu erklären. Das veranlaßte die Abfassung mehrerer tiefsinniger Abhandlungen, in denen allerlei wunderliche Hypothesen aufgestellt wurden. Nur einer unter den gelehrten Herren hatte den sonderbaren Einfall, das Ding doch erst einmal zu versuchen, und siehe da! es ergab sich, daß das Gefäß um genau ebenso viel schwerer wurde, als das Gewicht des hineingesetzten Fisches betrug.

Ergiebt sich aber nach gehöriger Prüfung, daß eine überraschende, der Erklärung durch die bekannten Naturgesetze sich nicht sofort fügende Erscheinung eine wirklich beobachtete ist, so sei man doch ja nicht so schnell mit der scheinbaren Erklärung durch ein neuentdecktes Naturgesetz bei der Hand. Reichen unsere Kenntnisse und Beobachtungen nicht aus, das Gegebene zu erklären, so warten wir ein wenig in Geduld, wir werden es bald erleben, daß es der ruhigen, wissenschaftlichen Forschung Anderer gelingt, die neue Erscheinung den alten Gesetzen unterzuordnen. Aber ein für allemal hinweg mit diesen seinsollenden Erklärungen von etwas Dunkelem durch etwas, ebenso Dunkeles, hinweg mit diesen „man kann ja nicht wissen, ob“ und „es könnte ja sein, daß“; hinweg mit diesen Berufungen auf etwas, das eben zur Zeit für uns gar nicht existirt, auf ein unbekanntes, noch unentdecktes Naturgesetz! Und vor Allem hinweg mit jedem Mysticismus bei der Betrachtung und Erklärung natürlicher Erscheinungen! In der Natur giebt es keine Mystik, in ihr ist nur Klarheit, Ordnung und strenge Folgerichtigkeit, und in jedem Falle ohne Ausnahme wollen wir diese Ueberzeugung a priori für unser Urtheil maßgebend sein lassen.

Die Art der Anwendung dieser Grundsätze mögen zum Schluß einige Beispiele erläutern.

Wie steht es nun aber mit jener geheimnißvollen Krankheit, der Mondsucht? Ist es denn zu bestreiten, daß der Mond die Mondsüchtigen zum Nachtwandeln veranlaßt? Ich antworte: nein! prüfen wir aber, in welcher Weise der Mond wirkt, um zu sehen, daß er nicht daran denkt, im Gebiete des Mysticismus Geschäfte zu machen. Wir dürfen annehmen, daß das Nachtwandeln ein abnorm lebhaftes Träumen ist und zwar nicht nur des Vorstellungsvermögens, sondern auch des Willensvermögens. Nun steht es fest, daß dergleichen lebhafte Träume durch Alles begünstigt werden, was einen unruhigen Schlaf veranlaßt, z. B. durch eine reichliche Abendmahlzeit, durch den Genuß aufregender Getränke und anderer Ursachen. Es ist eine vielfach beobachtete Thatsache, daß die Mondsüchtigen oder Schlafwandler in Folge solcher Einflüsse oft auch zu Zeiten, wo kein Mondschein im Kalender steht, ihre Wanderungen vornehmen. Bekanntlich giebt es viele, übrigens ganz gesunde Personen, die nicht oder nur schlecht schlafen können, sobald ein ihnen ungewohntes Nachtlicht im Zimmer brennt. Ganz die gleiche Einwirkung hat die Beleuchtung der mondhellen Nächte auf den Schlaf der zum Nachtwandeln disponirten Personen. Da hat man denn den sehr gesunden Einfall gehabt, dem Mondlicht durch Läden oder dichte Vorhänge den Zugang zum Schlafzimmer des Mondsüchtigen abzuschneiden, und siehe da! der Mondsüchtige blieb ruhig schlafend im Bette liegen, ohne sich um den draußen hell scheinenden Vollmond zu kümmern. Man kehrte dann den Versuch um und brachte, zu einer Zeit, wo kein Mondschein war, ein hell brennendes Licht in die Kammer des Mondsüchtigen und sah nun, daß dieser nachtwandelte, wie beim schönsten Vollmond.

Aus jedem populären Handbuch der Astronomie können wir uns unterrichten über die physikalischen Verhältnisse unseres nächsten Nachbars im Weltenraum, des Mondes, über seine Entfernung, Größe, Schwere, Achsendrehung – kurz über alles das, was die Wissenschaft seit etwa zweihundert Jahren über den Mond erforscht hat. Aber giebt es denn nicht auch eine Menge Wahrnehmungen über den Mond, welche in der langen Reihe von Jahrhunderten vor Galilei und Newton gemacht worden sind? Ist es nicht bekannt, daß der Mond das Wetter, das Wachsthum der Pflanzen mächtig beeinflußt? daß er auf das Nervenleben der Menschen wirkt und so Manchen nöthigt, Nachts das warme Bett zu verlassen und Mondscheinpromenaden auf den Firsten der Dächer anzustellen? daß sein magischer Einfluß selbst dahin sich erstreckt, wohin keiner seiner milden Lichtstrahlen dringen kann, nämlich auf die Würmer im menschlichen Darmcanal? Wenn die Männer der Wissenschaft es unterlassen haben, uns über diese und tausend andere Einwirkungen des Mondes auf die Erde Mittheilung zu machen, so werden sie wohl ihren guten Grund dazu gehabt haben: sie wollen nur Reelles, durch exacte Beobachtung Begründetes, nicht aber „Mondscheinphantasien“ vortragen. Gehen wir jetzt ein wenig auf jene angeblichen Einflüsse des Mondes ein; es gilt, die Phantasie von einem Gebiete zu vertreiben, wohin sie nicht gehört.

Wie schon erwähnt, es wird etwas um so lieber geglaubt, je mehr dabei die Phantasie gekitzelt wird, und es ist daher gar kein genügender Grund, etwas deshalb für wahr zu halten, weil es schon viele Jahre oder gar Jahrhunderte hindurch geglaubt worden ist. Die vorurtheilsfreie Beobachtung entscheidet, und diese beweist aus tausend und aber tausend Fällen, daß der Abgang der Eingeweidewürmer und die Wirkung der wurmtreibenden Mittel sich zur Zeit des wachsenden Mondes völlig ebenso verhält, wie zur Zeit des abnehmenden. Giebt es gleichwohl noch heute Aerzte, die nur bei abnehmendem Monde Wurmmittel reichen, so haben sie die beruhigende Gewißheit, daß diese nicht schlechter wirken werden, als wenn sie bei zunehmendem Monde gegeben würden.

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Der Mond und sein Einfluß auf das faulende Holz und das Wetter. - Anziehungskraft des Mondes. - Das Freitagswetter. - Die Hellsehenden und ihr Traumleben. - Die Magengrube und die verschlossenen Briefe. - Eine Somnambule in Halle. - Die Phantasie und die Naturerscheinungen.


Der Glaube an einen besonderen Einfluß des Mondes auf das Wachsthum der Pflanzen beruht auf ganz mangelhafter Beobachtung und entbehrt jeder Begründung. Da heißt es, Holz, das bei zunehmendem Monde gefällt sei, faule schneller, als bei abnehmendem Monde gefälltes. Aber nie und nirgends hat man davon gehört, daß diese Behauptung auch nur durch ein einziges verständig angestelltes Experiment geprüft worden wäre. Einer schwatzt jene Albernheit dem Andern nach, aber keiner von ihnen hat daran gedacht, zwei gleich gesunde, gleich alte Bäume von gleicher Art, den einen bei zu und den andern bei abnehmendem Monde zu fällen und unter gleichen Verhältnissen aufzubewahren und dann das Verhalten des Holzes zu beobachten. Eben so steht es mit der Behauptung, daß gewisse Pflanzen nur gedeihen, wenn sie bei abnehmendem Monde gepflanzt werden, während es sich bei anderen umgekehrt verhält. Bekanntlich gedeiht nicht Alles, was gepflanzt und gesät wird, und trifft es sich nun hier und da, daß die nicht gedeihenden Gewächse bei zunehmenden Monde gepflanzt wurden, während dies bei abnehmendem Monde hätte geschehen sollen, so wird der Fall als eine neue Bestätigung jener Regel wohl gemerkte die Fälle aber, wo Pflanzen nicht gedeihen, die zur rechten Mondzeit gesät waren, werden den Witterungsverhältnissen zugeschrieben!

Nun aber das Wetter! Auf dieses hat doch der Mond erfahrungsgemäß einen bedeutenden Einfluß? Die Antwort lautet: nein! der Mond hat nicht nur keinen bedeutenden, sondern nicht einmal den mindesten nachweisbaren Einfluß auf unser Wetter, und wenn man sich auf die Erfahrung beruft, so erwidere ich, daß es gerade die Erfahrung ist, welche die Meinung von der Wettermacherei des Mondes widerlegt. Freilich meine ich nicht diejenige Erfahrung, welche der einzelne ungeübte Beobachter macht, der es sich gelegentlich merkt, wenn einmal Regenwetter zur Zeit des Neumondes oder heiteres Wetter bei Vollmond eintritt, sondern diejenige Erfahrung, welche man auf Sternwarten und meteorologischen Stationen macht, wo Tag für Tag mehrmals die allgemeine Beschaffenheit des Wetters, der Barometerstand, die Windrichtung und der Feuchtigkeitsgrad der Luft schriftlich aufgezeichnet werden. Nun ergeben die über vierzig Jahre lang auf der Münchener Sternwarte mit großer Sorgfalt geführten Tabellen, daß an den Tagen des Vollmondes, des Neumondes und der beiden Viertel das Wetter sich nicht häufiger und nicht seltener ändert, als an jedem beliebigen anderen Tage. Nur solche Erfahrungen können Anspruch auf Geltung machen.

Man überschätzt im gewöhnlichen Leben überhaupt den physikalischen Einfluß des Mondes auf unsere Erde gar sehr.

Dieser Einfluß kann nach den uns bekannten Naturgesetzen nur auf dreierlei Wegen stattfinden. durch die Anziehungskraft des Mondes, durch das reflectirte Sonnenlicht, welches er uns zusendet, und durch Zuführung von Wärme. Die Anziehungskraft (Schwerkraft) des Mondes, an sich schon fast siebenmal geringer als die der Erde, verschwindet für die auf der Erde befindlichen Gegenstände zu nichts, da der Mond zweiundfünfzigtausend Meilen entfernt ist und seine Anziehungskraft daher von der Erde unendlich [351] weit überwogen wird, so daß die Wirkung der Schwerkraft des Mondes auf die irdischen Dinge wohl mathematisch berechnet werden, aber ihrer extremen Kleinheit wegen nicht zur Wahrnehmung gelangen kann. Läßt man, wenn der Mond über uns steht, eine Seifenblase oder eine Flaumfeder in der Luft schweben, so bemerkt man nicht die leiseste Wirkung von der Anziehung des Mondes. Wie verhält es sich nun aber mit jener Naturerscheinung, die wir Ebbe und Fluth nennen? Sie hängt bekanntlich von der Anziehung des Mondes und der Sonne ab, wobei die des viel kleineren, doch viel näheren Mondes um ein Drittel stärker wirkt, als die Anziehung der Sonne. Der durch diese vereinte Anziehung entstehende Fluthhügel enthält ungefähr hundert Kubikmeilen Wasser, eine Masse, die in runder Summe die Kleinigkeit von tausend Billionen Centnern wiegt. Aber man würde sehr irren, wenn man sich das Verhältniß so dächte, als würde jene enorme Last vom Monde in der Weise gehoben, wie etwa ein Mann ein Centnergewicht hebt oder wie ein Magnet einen Nagel anzieht. Blickt man auf die spiegelglatte Fläche eines noch so großen Landsees, während der Mond in unserem Zenith steht, so wird man nicht die mindeste fluthartige Erhebung des Wassers bemerken. Die Bedingungen zur Entstehung des Fluthhügels sind durch die außerordentlich große Verschiebbarkeit der Wassertheilchen an einander und durch die ungeheuere Ausdehnung des Wasserbeckens, welches man den stillen Ocean nennt, über mehr als einen Erdquadranten gegeben. Es wirken hierbei Ursachen zusammen, die hier auseinander zu setzen zu weit führen würde. Jede physikalische Erdbeschreibung giebt darüber Aufschluß.

Zur Bestätigung des Einflusses des Mondes auf das Wetter hat man sich darauf berufen, daß er, wie auf den Wasserocean, auch auf den Luftocean, die Atmosphäre, wirken und hier eine Art Fluth und Ebbe hervorbringen müsse. Theoretisch war dies auch schon lange angenommen, aber jahrelanger, subtiler Beobachtungen an den feinsten Barometern bedurfte es, ehe es gelang, außerordentlich kleine Schwankungen als die Wirkung der Anziehungskraft des Mondes nachzuweisen. Was wollen diese Schwankungen sagen gegen das in unseren Breiten oft mehrere Linien auf einmal betragende Schwanken des Barometers, welches in seiner letzten Ursache durch Wärmedifferenzen bewirkt wird und also auf die Sonne zurückbezogen werden muß? Wir finden demnach auch hier keinen Grund, dem Mond Einfluß auf das Wetter zuzuschreiben.

Die andere Art der möglichen Einwirkung des Mondes auf die Erde beruht in dem Licht, mit welchem er die dunkeln Erdennächte erleuchtet. So schätzbar dieses Licht für den nächtlichen Wanderer ist, wie für die städtischen Cassen, deren Straßenbeleuchtungsbudget durch den Mond wesentlich erleichtert wird, so ist doch der physikalische Einfluß, welchen das Licht des Mondes auf die Erde ausübt, ein äußerst geringer. Das Licht, welches uns der Vollmond spendet, beträgt nach zuverlässigen Berechnungen jedenfalls weniger als ein Zweihunderttausendstel von dem, welches wir von der Sonne empfangen. Wenn wir also von dem Einflusse des Lichtes auf das Gedeihen und Wachsen irdischer Organismen sprechen, so darf man ja die Sonne nicht vergessen und muß ihr immer eine wenigstens zweihunderttausend Mal größere Einwirkung zuschreiben, als dem Monde. Hieraus erhellt auch, daß es allen verständigen Haltes entbehrt, wenn man dem Eintritte der Lichtphasen des Mondes eine besondere Wirkung zuschreibt. Diese Phasen treten ja auch nicht auf einmal, sondern ganz allmählich wachsend oder abnehmend ein, und ebenso allmählich wie der volle Mond bis zum Neumond abnimmt, so vermindert sich auch sein Lichteinfluß von jenem kleinen Bruchtheil des Sonnenlichtes bis auf Null.

Noch weit kläglicher aber sieht es mit der Wärme aus, die der Mond der Erde zuführt. Nur durch langwierige Beobachtungen und mit Hülfe äußerst feiner Instrumente brachte es Melloni dahin, Wärmestrahlen des Mondes nachzuweisen. Ihre Wärme ist aber so gering, daß eine brennende Kerze aus einer Entfernung von fünfzehn Fuß uns dreimal mehr Wärme zustrahlt, als der Mond.

Es giebt bekanntlich noch sehr viele andere Arten des Mondaberglaubens. Beschränken wir uns auf die angeführten Beispiele und lassen wir den „guten Mond“ still am Wolkenhimmel hingehen, ohne ihm Dinge aufzubürden, an denen der harmlose Freund unserer Nächte völlig schuldlos ist.

Aber auf das Wetter muß ich doch noch einmal zurückkommen. Es giebt einen weit verbreiteten Glauben, dem zufolge das Wetter sich vorzugsweise gern und häufig Freitags ändern soll. Ja es existirt sogar ein altes Sprüchwort:

„Was wir den Sonnt’g für Wetter han,
Das fängt den Freit’g zu Mitt’g an.“

Es läßt sich nichts, was einem vernünftigen Grunde auch nur entfernt ähnlich sieht, hierfür anführen, und man pflegt daher auch in diesem Falle zu sagen, obgleich man den Grund der Erscheinung nicht kenne, so stehe doch die Thatsache fest. Diese Thatsache steht nicht nur nicht fest, sondern sie wird durch die Erfahrung gradezu widerlegt. Man sieht indeß aus diesem Beispiel auf’s Neue, wie höchst mangelhaft die Beobachtungen gewöhnlich angestellt werden. Wenn einer einmal an zwei oder drei Freitagen nach einander bemerkt hat, daß sich das Wetter änderte, so hält er sich für berechtigt zu sagen, nach seiner Erfahrung habe der Freitag Einfluß auf das Wetter. Nach den bereits erwähnten vierzig Jahre lang geführten meteorologischen Tabellen fielen von zweitausend Wetterveränderungen zweihundertneunundsiebenzig auf den Sonntag, zweihundertfünfundachtzig auf den Montag, zweihundertzweiundneunzig auf den Dienstag, zweihundertneunundsiebenzig auf den Mittwoch, zweihundertneunundachtzig auf den Donnerstag, zweihundertdreiundachtzig auf den Freitag und zweihundertdreiundneunzig auf den Sonnabend. Summa zweitausend. Die Thatsachen oder vielmehr die Zahlen sprechen!

Wollen wir den naturwissenschaftlichen Prüfstein: sorgfältige Beobachtung überall, und ganz besonders da, wo etwas gegen den streng gesetzlichen Gang, den die Natur immer einhält, zu verstoßen scheint – wollen wir diesen Prüfstein noch an einem letzten Beispiel anwenden, so lade ich meine Leser zu einer kurzen Betrachtung dessen ein, was man Hellsehen oder Somnambulismus im weiteren Sinne dieses Wortes nennt.

Es giebt unleugbar Zustände von krankhafter Reizung oder Erhöhung der Nerventhätigkeit. Wir beobachten z. B. nicht selten bei nervösem Zahnschmerz, daß die Geruchsnerven eine ungewöhnliche Schärfe ihrer Function entwickeln. Gewisse auf das Gehirn einwirkende krankhafte Reize, wie Wurmkrankheit, fehlerhafte Blutbildung etc. veranlassen häufig einen entweder abnorm tiefen oder einen sehr unruhigen Schlaf mit mehr als gewöhnlich lebhaften und zusammenhängenden Träumen und lautem Sprechen. Einzelne solcher, namentlich bei sensiblen bleichsüchtigen jungen Mädchen vorkommender Fälle gewähren nun allerdings einen ganz interessanten Beobachtungsgegenstand. Das Verworrene, Zusammenhangslose, was der Traum gewöhnlich hat, macht einem geordneten, zufammenhängenden Traumleben Platz, welches sich für den Beobachter in ebenso zusammenhängenden Schlafreden kund giebt. Im Traum erhält aber nie und nimmer jemand Kunde, weder über sich selbst noch andere Personen und Gegenstände, die er nicht schon auf gewöhnlichem Wege empfangen hätte. Der Traum ist immer nur ein Erinnern, Reproduciren, wobei freilich der Phantasie des Träumenden voller Spielraum zu den buntesten und wunderlichsten Combinationen gegeben ist. Dasselbe gilt auch von jenem erhöhten Traumleben, welches man Hellsehen oder Somnambulismus genannt hat. Für den psychologischen Forscher wird die Beobachtung der Aeußerungen dieses Traumlebens immer von großem Interesse sein. So wie wir aber hören, daß die Schlafende – denn wir haben es hier fast immer mit jungen oder alten Mädchen zu thun – daß also die Schlafende Dinge spricht, von denen ihr erst im Traume die Kunde zu kommen scheint, wenn sie beginnt zu prophezeien, wenn sie sagt, wo Dinge verborgen sind, von denen sie dem Anschein nach keine Kenntniß haben konnte, und ganz besonders, wenn sich dann jene Dinge an dem von der Somnambule angegebenen Platze zum allgemeinen Erstaunen wirklich finden: dann waffnen wir unser geistiges Auge mit der Brille des stärksten Zweifels, und dulden wir nicht, daß das edelste Geschenk, welches wir vom Schöpfer empfangen haben, unser gesundes Urtheilsvermögen, von den Nebeln einer krankhaften Phantasie umdüstert werde! Sollte aber jemand Gelegenheit haben, einer somnambulistischen Vorstellung beizuwohnen, wo ein Magnetiseur am Bett der Schlafenden steht, die niest, sobald der erstere eine Prise nimmt, wo die Somnambule einen auf ihre Magengegend gelegten versiegelten Brief liest, – dann empfehle ich ihm des Herrn von Bockum-Dolffs geflügeltes Wort: „ich verlange, daß man mir meinen Hut bringe.“

Unzählige Mal ist das Kunststück des Lesens verschlossener, [352] auf die Magengegend gelegter Briefe schon producirt worden. Darum ist es sehr zu verwundern, daß jener Preis von zehntausend Franken, welchen vor mehr als vierzig Jahren die Pariser Akademie der Wissenschaften ausgesetzt hat, noch bis heute nicht verdient worden ist. Jene Summe ist nämlich derjenigen Somnambule versprochen worden, die vor einer Kommission der Akademie ein von dieser mitgebrachtes, versiegeltes, auf die Magengrube der Somnambule gelegtes Schriftstück zu lesen vermag. Wie gesagt, der Preis ist noch heute zu verdienen, und wenn ich recht unterrichtet bin, so hat sich in dieser langen Zeit, ungeachtet der erlassenen öffentlichen Bekanntmachungen, noch nicht einmal eine einzige Somnambule dazu gemeldet, jene Prüfung zu bestehen. Ich denke, die Somnambulen werden selbst am besten wissen, daß gewisse Vorbereitungen dazu gehören, um einen verschlossenen Brief mit dem Magen zu lesen; vor allem Andern, daß man vorher wissen muß, was darin steht. Wie vortrefflich gleichwohl diese mysteriöse Lectüre bisweilen ausgeführt wird, davon finden wir eine hübsche Probe in Schleiden’s Studien. Es sei mir gestattet, sie hier mitzutheilen.

Es waren, so erzählte dem Verfasser der Studien der bekannte Arzt Himly, es waren alle meine sorgfältigsten Bemühungen, mich von der Wahrheit der magnetischen Erscheinungen zu überzeugen, vergebens gewesen; immer hatte meine Gegenwart den Eintritt der Ekstasen verhindert, oder ich war auf so grobe Täuschungen gestoßen, die keiner weiteren Beobachtung würdig waren. Da beschloß ich endlich, eine Reise nach Halle zu unternehmen, wo unter der Aufsicht eines der berühmtesten Professoren und Gelehrten eine, wie behanptet wurde, ganz unzweifelhaft hellsehende Somnambule die wissenschaftliche Welt in Erstaunen setzte. ich wurde von jenem Manne freundlich aufgenommen, wohnte allen Erscheinungen bei, und selbst bei der allerkritischesten Prüfung war es mir unmöglich, auch nur eine Spur eines gespielten Betruges zu entdecken. Eines Morgens, als die Somnambule im Schlaf lag und soeben vorhergesagt hatte, daß sie sich diesmal, wie auch sonst zuweilen geschehen, recht wohl aller Begebenheiten, die während ihres Schlafes vorgefallen, erinnern werde, wurde ein Billet von einer Freundin gebracht. Ich nahm es dem Ueberbringer ab, und im Einverständniß mit dem Arzte erbrach und las ich es (in Gegenwart der Schlafenden) laut vor. Es enthielt die Bitte um eine Stickerei. Der Brief wurde der Somnambule auf die Magengrube gelegt und von ihr ohne Schwierigkeit wörtlich abgelesen. Wir warteten mit Interesse das Ende des Schlafes ab, welches nach einer Stunde erfolgte. Nach einigen Reden über ihr Befinden fragte die Dame, ob nicht ein Billet an sie gekommen sei. Wir erstaunten und wünschten den Inhalt desselben von ihr zu erfahren, den sie auch sogleich ganz wörtlich mittheilte. Da entfaltete ich das in meiner Hand gebliebene Papier; es enthielt nichts, als das von mir selbst geschriebene Wort: Attrapée! (ertappt!) ich reiste natürlich sogleich völlig aufgeklärt ab. Die Somnambule fuhr aber nichtsdestoweniger fort, noch lange unter der Leitung jenes berühmten Mannes ihre Rolle zu spielen, den ich seitdem nicht für einen Betrüger, aber für einen sehr einfältigen Betrogenen halte. So weit Himly, und gleichen Erfolg haben, setzt Schleiden hinzu, ohne eine einzige Ausnahme, alle mit gleichem Scharfsinn angestellte Proben gehabt.

Obgleich man von Denen, die sich für eine Somnambule interessiren, gewöhnlich behaupten hört, es liege für die Kranke gar kein denkbarer Grund vor, jenen Zustand zu simuliren, so trage ich doch nicht das geringste Bedenken, alle Fälle der höheren Schlafkunst in zwei Kategorien zu bringen; in der einen herrscht das Motiv der Gewinnsucht, und man muß leider gestehen, daß der gewerbmäßige Somnambulismus meist ein sehr lucratives Geschäft ist; zu der zweiten Kategorie zähle ich die Fälle, wo der Wunsch, sich interessant zu machen, das Motiv zum Hellsehen bildet. Und man wird mir gewiß zugeben, daß es für ein bleichsüchtiges Mädchen, dem das Loos bisher zugetheilt war, ziemlich unbeachtet zu bleiben, etwas ungemein Reizendes hat, plötzlich der Gegenstand andachtsvoller Aufmerksamkeit und Bewunderung zu werden. Hat doch dasselbe Motiv ein junges Mädchen im Krankenhause zu Kopenhagen vermocht, sich jahrelang fast täglich Glasscherben, Nadeln, abgebrochene Messerklingen etc. mit den größten Schmerzen unter die Haut zu bohren, wo sie dann Entzündungen und Geschwüre erzeugten. Sie dachte, man würde nicht begreifen können, wie jene Gegenstände unter die Haut kämen, und hoffte sich dadurch den Aerzten und dem Publicum interessant zu machen, wie sie selbst gestand, als man sie endlich bei ihren Manövern ertappte.

Noch Vieles wäre über diesen Gegenstand zu sagen, auch über Anderes noch, was in dieses Thema einschlägt, wie Psychographie, Sympathie, moderne Gespenster etc. Allein es ist Zeit, mich der Regel zu erinnern, daß, wenn an einem Aufsatz nichts zu loben ist, es doch immer bereitwillige Anerkennung findet, wenn er zur rechten Zeit schließt.

Ich wünsche nicht den Eindruck gemacht zu haben, als sei ich ein Feind der Phantasie. Nur da möchte ich die Phantasie mit Erfolg bekämpfen, wo sie nun einmal nicht hingehört; wo es gilt, Naturerscheinungen zu beobachten und zu erklären, leitet sie unser Urtheil irre und ist daher von diesem Gebiete streng fern zu halten. Die Phantasie ist etwas Schönes, aber die Wahrheit ist so schön, daß, wenn beide sich im olympischen Saal begegnen, Goethe’s Lieblingsgöttin vor der Wahrheit sich demüthig neigt und den schönsten ihrer Blumenkränze ihr auf das strahlende Haupt drückt. Und ständen der Phantasie auch nicht die unergründlichen Tiefen des Menschenherzens zu Gebote, stände ihr nicht das Reich der Farben und der Töne offen, sie würde immer noch genug Stoff in der ästhetischen Naturbetrachtung finden; denn nicht davon, nur von der Beobachtung und Forschung möchte ich sie ausgeschlossen wissen. – Die Welt als Ganzes wie im Einzelnen betrachtet, der gewaltige Lichtball, unsere Sonne, wie das Vergißmeinnicht am Bache, die unzähligen Weltkörper, welche uns vom nächtigen Himmel herab ihre Strahlengrüße aus unermeßlicher Ferne zusenden, wie die unscheinbare Muschel am einsamen Meeresstrand – das Alles sind so große Wunder, daß es wahrlich der Phantasie bei der Naturbetrachtung nie an Nahrung fehlen kann; sie wird immer dem bunten Schmetterling gleichen, der über tausend duftigen Blüthen einhergaukelt und vor Uebermuth und in der Luft vor all’ dem lockenden Ueberfluß nicht weiß, auf welche Blüthe er sich zuerst niederlassen soll.