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Titel: Aus Lengenfeld
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 675
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[675] Aus Lengenfeld wird die Redaktion brieflich aufgefordert, den dortigen, so wie den im übrigen Medicinalbezirk L. wohnenden Lesern der Gartenlaube darüber Auskunft zu verschaffen, ob der Herr Bezirksarzt Dr. S. daselbst die Wissenschaft auf seiner Seite gehabt habe,

„indem er bei der Kirchenbehörde darauf angetragen hatte, daß sämmt-
„liche auf dem Friedhofe zu Lengenfeld stehende Bäume öffentlich ver-
„steigert und umgehauen werden, weil Bäume die Träger schäd-
licher Ausdünstungen seien.

Die Redaktion hat auf den Wunsch des Herrn Briefstellers dem Unterzeichneten diese Aufforderung zugefertigt, welcher hierauf Folgendes erwiedert:

„Aus dem Briefe geht hervor, daß die Bäume, etwa 20 an der Zahl, 30 bis 5Ojährige Linden, Kastanien und wilde Kirschbäume gewesen sind (denn dem bezirksärztlichen Gebote ist Genüge geschehen). Sie werden „die Träger“ schädlicher Ausdünstungen genannt, und damit ohne Zweifel entweder gemeint, daß die Bäume durch ihre Laubkronen das Entweichen der Fäulnißaushauchungen der Gräber, welche sich in den untern Luftschichten anhäufen, verhindern, sie gewissermaßen diese Aushauchungen in ihren Laubkronen festhalten; oder, daß die Bäume die in dem Boden durch die Wurzeln aufgesogenen Gase durch ihre Blätter in die Luft verbreiten. In einem wie im andern Falle ist die Wissenschaft anderer Meinung. Sie muß vielmehr sagen, daß die Bäume mit ihren tiefgehenden Wurzeln die Verwesungsstoffe als ihnen gedeihliche Nahrung aufnehmen, und dadurch wenigstens theilweise deren Empordringen und Mischen mit der atmosphärischen Luft verhindern. Die von den Wurzeln eingesogenen Stoffe werden aber von den Blättern nicht als solche wieder ausgehaucht, indem dieselben wesentlich blos Wasser in Gasform und Sauerstoff ausscheiden und in letzterem der Atmosphäre fortwährend das Element zuführen, welches allein das Athmen der Menschen und Thiere möglich macht (weshalb bekanntlich früher das Sauerstoffgas Lebensluft genannt wurde), während die Pflanze Kohlensäure (das Erzeugniß aller Verbrennungs- und Verwesungsvorgänge) als eins ihrer hauptsächlichsten Nahrungsmittel einsaugt, welche die Menschen und Thiere aushauchen. Dies ist das bekannte große Ausgleichungsgesetz zwischen den zwei organischen Reichen. Menschen und Thiere athmen Sauerstoff ein und hauchen Kohlensäure aus, bei den Pflanzen ist es umgekehrt. Kohlensäure ist jenen, in die Athmungswerkzeuge gebracht, tödtenden Gift, den Pflanzen ist sie gedeihliche Nahrung. – Durch Aushauchen der von den, Wurzeln aufgenommenen Gase können die Bäume also sicher nicht schaden, denn diese findet nicht statt.

Wären die Bäume unveränderliche, leblose, trockne Gebilde, wie es das erstorbene Laub, wenn es am Baume bliebe, während den Winters sein würde, so wäre es allerdings denkbar, daß in ihnen die schädlichen Aushauchungen eines Friedhofes festhaften könnten, denn die Luft besitzt in hohem Grade das Anhaftungsvermögen. Aber auch dann noch müßten wir die Luftströmungen hinwegdenken, welche nicht dulden, daß sich Gase in einem ihnen zugänglichen Raum dauernd ansammeln. Jeder Regen würde übrigens die an den todten Blättern anhaftenden Gase abwaschen, und in sich aufnehmen und als düngende Stoffe den am Boden wachsenden Pflanzen zuführen. Da wir nun obendrein wissen, daß die Pflanzen am Tage ohne Unterlaß Sauerstoff aushauchen (bei Nacht hauchen sie wie die Thiere Kohlensäure aus), der, wie es seine Eigenschaft, man könnte sagen, Leidenschaft ist, Alles zersetzt, so ist auch nicht anzunehmen, daß sich schädliche Ausdünstungen in dem Sauerstofflaboratorium, was eine Laubkrone ist, lange unverändert halten können. Ich kann deshalb die Bäume nicht für Träger solcher halten, und ist mir diese Auffassung derselben neu. In den pontinischen Sümpfen werden die Bäume als Luftreinigungsmittel angesehen.

Demnach muß ich, bis ich eines Andern belehrt werde, glauben, daß jene Bäume einer gut gemeinten, aber wissenschaftlich nicht gerechtfertigten Ansicht zum Opfer gefallen sind.

E. A. Roßmäßler.