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Textdaten
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Autor: Berthold Sigismund
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Titel: Auf der Schlittschuhbahn
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 122–124
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Auf der Schlittschuhbahn.

Von Berthold Sigismund.

„So gehn wir den schlängelnden Gang
Am langen Ufer schwebend dahin!“ –

„Wir schweben, wir wallen auf hallendem Meer,
Auf Silberkrystallen dahin und daher;
Der Stahl ist uns Fittich, der Himmel das Dach,
Die Lüfte sind eilig, sie schweben uns nach.“

So versuchten Klopstock und Herder unsere schönste Winterluft zu schildern. Aber was sind alle noch so flüssigen und leicht dahin gleitenden Rhythmen ihrer Verse gegen die schönen Wellenlinien, die der Schlittschuhläufer beschreibt? Vier unsrer größten Dichter (außer den genannten auch Goethe und Uhland), die als Jünglinge die herrliche Bewegung leidenschaftlich liebten und übten, haben das Schlittschuhlaufen besungen. Doch Laufen sollte die anmuthige Bewegung, die schaukelnd und wiegend über eine Spiegelfläche dahin trägt, gar nicht genannt werden; ist es doch vielmehr ein Gleiten, Schweben und Schwimmen, fast so leicht und schön, wie der oft beneidete Flug der Segler der Lüfte. Das Volk nennt es Schlittschuh-Fahren, und wirklich verhält sich das sanfte Gleiten auf stählerner Sohle zum Gehen und Laufen, wie eine Schlitten- oder Kahnfahrt, bei welcher die Insassen des Fahrzeugs kaum daran erinnert werden, daß sie auf dem rauhen und harten Boden der Wirklichkeit dahinschlüpfen, zum Fahren im alten, rumpelnden Postwagen.

Jedenfalls ist die Eisbahn einer der vorzüglichsten Reize, die unser Nord vor dem Süden voraus hat. Während der Italiener schauernd in seinem vom Kamin dürftig erwärmten Estrichzimmer sitzt und, die Hände über das qualmende Kohlenbecken haltend, den häßlichen Winter verwünscht: preisen wir die Annehmlichkeiten unserer kernhaften Frostzeit, wenn wir durch die frische, reine Luft, die wie erwärmender Wein in die Brust dringt, auf krystallener Fläche dahin fliegen, gleichsam losgesprochen von dem Gesetze der Schwere, das sonst unsere Sohlen an die Erde bindet; wenn wir in staubfreiem, reinluftigem Natursaale, den statt matter Kerzen die auf Millionen Reifkrystallen glitzernde Sonne beleuchtet, auf stählernen Flügelschuhen leichter und flüchtiger tanzen, als die wirbelnden Paare im prunkenden Ballsaale. Gewiß, hätte Homer den Eislauf gekannt, er hätte seinem flügelschuhigen Götterboten Stahlschuhe untergebunden und ihn über das gläserne Himmelsgewölbe dahin gleiten lassen.

Den höchsten Genuß findet der eifrige Fahrer, der seine Sehnsucht nach dem Eislaufe durch eine zehnmonatliche Entbehrung geschärft fühlt und gleich nach den ersten kalten Nächten, in denen der Fluß Treibeis führt, „seinen“ See oder Teich, oder auch nur „seine“ kleine Flußbucht aufsucht, wo das ruhige Wasser leicht erstarrt, wenn er als erster Entdecker seine Fahne auf einer neuen Eisinsel aufpflanzt. Ein auf den blanken Spiegel geworfener Stein hüpft klirrend und gurrend darüber hin bis zum andern Ufer, also die erste Probe wäre bestanden; nun wird vorsichtig der Saum der glasigen Decke betreten, sie schaukelt etwas, aber sie trägt; Glück auf, der erste Entdecker darf den jungfräulichen Boden, den noch nie ein Menschenfuß betreten, für eine Stunde sein eigen nennen! Glatt und glänzend breitet sich die Eisrinde über das braungrün durchscheinende Gewässer, hier und da schimmert eine perlweiße Luftblase oder das saftgrüne Blatt einer Wasserpflanze durch die glasige Decke, an einzelnen hervorragenden Schilfstengeln ist der Reif in prächtigen Gebilden angeflogen. Noch ist es nicht ohne Bedenken, die Mitte des dünnen Spiegels zu befahren, denn noch senkt er sich briezelnd[1] und knasternd unter dem Fuße, noch wird er durch leises Aufstampfen fast wie ein Spiegelglas zersplittert. Aber ein alter Praktiker weiß Grund und Boden rasch zu schätzen. Einen noch vollkommen blanken Spiegel, der sich bei jedem Schritte senkt und hebt wie eine athmende Menschenbrust, zieht er der dicken, starren Eisdecke, auf die sich auch Zaghafte wagen, eben so sehr vor, wie der Tänzer den elastischen Breterboden der Bühne einem Marmorgetäfel vorzieht.

Das Eis ist zart, aber es trägt. Nun wiegt sich der erfreute Fahrer sanft vorwärts, ohne einen Fuß vom Boden zu erheben, um nicht der zerbrechlichen Brücke durch jähen Druck zu viel zuzumuthen. „Kracht’s gleich, bricht’s doch nicht,“ ruft er, ungestört von dem etwas harten Klange des Uhland’schen Verses. Schon wagt er mehr zuversichtliche Bewegungen. In großen Halbkreiszügen, denen er durch leises Neigen und Schaukeln des Körpers in den Hüften, durch kaum merkliche Verrückungen des Schwerpunktes Rundung und Schwung verleiht, wandelt er weiter vom Ufer weg, bald in auswärts-, bald in einwärtsgekehrten Bogen, die er zu beiden Seiten der beabsichtigten Bahnlinie beschreibt, gleitet er sanft über die elastische Eisrinde, ohne sie zu ritzen. Denn kein Erfahrener fährt noch auf dem altüblichen Schlittschuh, dessen Stahlsohle mit einer Furche und zwei Schneiden versehen ist. Diesen schneidenden Kiel, der zwar einen sicheren Stand verschafft, aber auch viel schädliche Reibung und Hemmung verursacht, überläßt er dem Anfänger, der sich wohl thörichter Weise freut, beim Fahren und Einhemmen tiefe Schrammen in das glatte Eis zu reißen. Der Geübte wählt den holländischen Schlittschuh, dessen ebener Stahlkiel nicht einschmutzet und so wenig auf den Eisspiegel reibt, daß kaum eine Spur von dem eben beschriebenen Bogen zurückbleibt, ja daß sich der auf solchen Schuhen Stehende von einem mäßigen Winde auf glatter Fläche fast ohne alles eigene Schieben treiben lassen kann, wie ein Schiff. Kunststücke führt der ältere Fahrer selten oder nie aus. Sonst hat wohl auch der Ehrgeiz des Wetteifers den jungen Burschen getrieben, sich im Rückwärtsbogenfahren und im Ueberhüpfen von Hindernissen zu versuchen; sonst hat auch ihn wohl träumerische Sehnsucht bewogen, einen Namenszug, den er im Sommer in die Rinde einer Buche geschnitten, mit dem Stahle des Schlittschuhs in die Eisrinde zu ritzen. Aber der [123] gereifte Liebhaber der Eisbahn folgt dem Mahnrufe Klopstock’s: „Künstele nicht!“

So wiegt und schaukelt er sich denn in einfachen, sicher geschweiften Bogen, denen er bald größere, bald kleinere Halbmesser giebt, absichtslos und doch nicht unbedacht auf der frischen, elastischen Bahn und findet bei dem mühsamen, behaglichen Eistanze erwünschte Zeit und Lust, seinen Gedanken nachzuhängen. In der That giebt es kaum eine schönere Gelegenheit zum Meditiren, als ein solcher einsamer Eislauf. Leicht und rasch, wie ihm das Blut durch die Adern rollt, so fluthen dem Schlittschuhfahrer Gedanken- oder öfter Phantasien-Reihen durch den Kopf, die wie aus unbekannten Quellen in seine Seele strömen und sein geistiges Leben befruchten. Es ist fast, wie wenn ein Trunk edlen Weines die Gedanken beschwingte und in wohliger Leichtigkeit Erinnerungen und Phantasiebilder in muntern Schwärmen auffliegen ließen. Vor Allem schön ist eine solche einsame Fahrt auf dem Eise an einem Mondscheinabende, wenn die glasige Bahn in sanftem Goldschimmer glänzt, wenn die Erlen am Ufer lasurblaue Schatten auf den Schnee werfen und die Eisrinde geheimnißvoll schwermüthig tönt, als ob die unter ihr hausenden Nixen und Wassermänner einen Klagegesang über ihr verfallenes Reich anheben wollten.

Doch für lange Zeit ist es gewöhnlich einem solchen Schlittschuhläufer nicht vergönnt, einsam zu bleiben. Bald hat ein Trupp fahrlustiger Knaben die Gelegenheit erspäht; beginnt die Eisbahn mit jubelndem Lärm zu erfüllen und bietet dem Veteran manch belustigendes Schauspiel. Hier hetzt Einer mit kurzen, hastigen Schrittchen dahin, gewaltig mit den Armen fechtend und laut triumphirend, daß er es am schnellsten könne; dort fährt ein Anderer, dem in der Schule das Uebersetzen gar schwer fällt, prahlend im Kreise, um zu zeigen, wie gewandt er auf dem Eise über setze; ein Dritter reitet sich selber als rückwärts gehendes Schulpferd vor und schiebt sich schnickend und zappelnd nach Art der Krebse rücklings vorwärts, bis er auf einem Schilfblatt festfährt, den Schwerpunkt verliert und so wuchtig niederfällt, daß der krachende Spiegel in großen Sternsprüngen zerberstet. Daneben versucht sich ein Neuling in den ersten Schritten auf der schmalen Stahlsohle, die das Gleichgewichthalten fast so schwierig macht, wie das Gehen auf dem Seile; das kleine Männchen scheint durch den häßlichen populären Namen „Schrittschuh“ (welcher andere Schuh wäre nicht auch ein Schuh zum Schreiten?) das Vorurtheil eingesogen zu haben, er müsse auf dem ungewohnten Kothurn etwa wie auf Holzschuhen einhertrappen; er hebt seine Füße fast ’wie ein Haushahn, nur ohne dessen stolze Sicherheit, stapft zwei Schrittchen vorwärts, um wieder zu ruhen, und stapft unermüdlich fort, bis er einmal ausschlüpft und zu Boden sinkt.

„Fallen ist der Sterblichen Loos. So fällt hier der Schüler,
Wie der Meister; doch stürzt dieser gefährlicher hin!“

Das Distichon Goethe’s schwirrt dem alten Zuschauer durch den Sinn, dem jenes kleine Ereigniß seine eigene Jugend zurückruft.

Bald schafft der bildungslustige Winter, der an Grashalmen und Steinen, an Wasserfällen und sogar an den Fensterscheiben seine kunstreiche Hand walten läßt, eine umfänglichere Schlittschuhbahn. Immer größere Strecken des Flußspiegels erstarren, schon rücken sich die Eisränder der beiden Ufer näher und näher; endlich ist auch die Stelle, wo das Wasser am raschesten strömt, überrindet. Eine Ueberfluthung, bewirkt durch den Damm, den herzugeschwommene Eisschollen bildeten, hat die einzelnen Eisinseln zu einer großen, gleichartigen Spiegelbrücke verschmolzen.

Auf einer so stattlichen Eisbahn stellen sich nun auch solche Erwachsene ein, denen die bisherige zu klein dünkte, um die Mühe zu lohnen. Da entfaltet sich denn am Nachmittag jenes ergötzliche Schauspiel, das die niederländischen Winterlandschafter so gern und hübsch dargestellt haben. Läufer von jedem Geschlecht, Lebensalter und Stand, vom ersten Anfänger an bis zum fertigen Meister, trippeln und trappen, schwanken, schaukeln und sausen im bunten Gewimmel durch einander. Bald bedeckt sich die Eisfläche mit den Mehlspuren von vielen tausend Schritten, und die Kehrer haben alle Hände voll zu thun, um die Bahn rein zu fegen. Mit derselben Naturnothwendigkeit, wie sich in der Natur Flußläufe und Straßen ausbildeten, entstehen in dem Gewimmel bald gewisse feste Strömungen; eine schmale besonders glatte Stelle erzeugt einen flußartigen Menschenstrom, um ein Eisloch oder einen Schneehaufen entsteht ein Menschenwirbel.

Die Knaben schaaren sich zum Haschenspiel oder zur Darstellung eines Eisenbahnzuges; Jünglinge, die sich gern sehen lassen, machen, während sie mit dem Spazierstöckchen kokettiren, allerlei Kunststücke, bei denen nicht selten dem Beschauer Goethe’s Doppelzeilen einfallen:

„Willst Du schon zierlich erscheinen und bist nicht sicher? Vergebens.
Nur aus vollendeter Kraft blicket die Anmuth hervor.“

Andere fahren eine Schöne auf dem Stuhlschlitten, anfangs mit triumphirender Miene, aber bald lassen sie doch merken, daß auch eine süße Last eine Last ist, denn man sieht den Schieber verstohlen einen Bekannten zur Ablösung herbeilocken. Zwischen all’ diesen jugendlich raschen Läufern bewegen sich gemächlich alte Leute, die, weil heuer so herrliche Bahn ist, wie sie sich seit dreißig Jahren nicht erinnern, es auch noch einmal in ihrem Leben versuchen wollen. Wie bunte Blumen im Aehrenfelde erscheinen einzelne Jungfrauen, die mit vorsichtig gemessenen Schritten einhertrippeln, umschwärmt von jungen Herren, welche die Schönen im Paradebogen umkreisen, gleichsam um zu zeigen, daß der kühne große Sprung auf diesem Tanzplane doch nur dem bärtigen Geschlechte vergönnt sei.

Oft unterbricht ein mit Jauchzen begrüßtes Abenteuer den gleichmäßigen Strom der Bewegungen. Bald stürzt ein Paradefahrer mit Wucht zusammen und erinnert an den so hübsch malenden Vers des Virgil: Procumbit humi bos, der sich etwa so verdeutschen läßt: „Zu Boden der Ochs plumpt.“ Ein anderes Mal rennen zwei unachtsame Fahrer im vollen Schuß an einander und prallen zurück, wie zwei Widder, die krachend die Stirnen zusammengestoßen haben. Mehr als Lust, denn als Unfall wird das Hinfallen von Knaben betrachtet; ist einer gestolpert, so purzelt eine ganze Lawine mit Jauchzen über ihn her, bald ist kaum Einer auf der Bahn, dessen Kleider nicht bepuderte Stellen zeigen.

Zwischen all diesen bunten, immer wechselnden Strömungen bilden sich Inseln von Zuschauern, wie man sie auf dem Tanzsaal unter dem Kronleuchter entstehen sieht, es drängen sich Brezeljungen mit vollen Körben durch das Gewimmel, fliegende Cigarrenläden und Marketender versuchen die Eröffnung eines Handelsverkehres. Kurz, es entwickelt sich auf dem Flußspiegel ein wahres Volksfest.

Auf einer solchen Bahn findet der Fahrende natürlich nicht Zeit zum stillen Hegen beliebiger Eislauf-Träumereien, er hat, während er vorsichtig und behaglich durch die bunten Gruppen schlüpft, immer zu beobachten und an das Geschehene Betrachtungen zu knüpfen. Denn wenn auch der heimische Fluß oder Teich lange nicht so besucht ist, wie eine holländische Gracht, aus der die Bauernfrauen, die Marktkörbe auf dem Kopfe tragend, einher gleiten, oder gar wie die Seen der Londoner Parks, auf deren Spiegel man an einem Nachmittage sechs- bis zehntausend Fahrer beobachten kann – und welche Meister der Kunst stellt nicht der Skating-Club! – wenn auch der Flußspiegel nur von einigen Hunderten von Schlittschuhläufern belebt ist, was giebt es da nicht für eine Fülle ergötzlicher Beobachtungen anzustellen! Aeltere Frauen sitzen oft halbe Nächte längs der kalten Wände staubiger Ballsäle, um die junge Welt in ihren Wirbeln zu beaugenscheinigen. Wie viel reicher und bequemer ist die Gelegenheit zu solchen Beobachtungen für den Schlittschuhläufer, der sich behaglich zwischen dem bunten Gewimmel umhertreibt! Ueberdies spiegelt der Eislauf den Charakter der Einzelnen weit deutlicher und treuer ab, als der Tanz, da doch meist ein Tanzlehrer die schärfsten Ecken der Eigenarten abgeschliffen hat. Die Schlittschuhbahn ist in der That eine der günstigsten Gelegenheiten zum Charakter-Studium. Gieb einem sinnigen Beobachter einige Minuten Zeit, und er wird Dir den Charakter eines Schlittschuhfahrers genauer und zuverlässiger deuten, als es die Gesichts- und Handschriften-Deuter je vermögen! Ist es doch so leicht, die Hauptgattungen der Naturelle: das ängstliche, das kecke, das bescheidene, das eitle und pompöse, das wie im Geschäft aufgehende und das behaglich genießende, an der Art des Laufes zu erkennen.

Eine seltene und deshalb um so freudiger begrüßte Lust bietet ein recht harter Winter in der Gelegenheit, größere Ausflüge auf dem Eise zu machen. Auf langsam strömenden Flüssen und Canälen der Niederungen ist eine Schlittschuh-Reise wohl häufig vergönnt; in Gebirgsländern dagegen, deren Flüsse rasch dahineilen und nicht selten Rauschen, Stromschnellen und Wehre bilden, ist eine leidlich zusammenhängende Eisbahn von einer Stunde Länge schon etwas Außerordentliches. Aber gerade das Lückenhafte einer [124] solchen Bahn, die Hindernisse, welche bald offene Stellen, bald mit zerbrechlichem Blättereis bedeckte Flächen, bald dicht beschneite Strecken, bald gletscherähnliche Schollenmassen und überglaste Wehre bieten, so daß der Schlittschuhläufer öfter mehrere hundert Schritte weit aus dem Festlande vorwärts stapfen muß – kurz, gerade die Schwierigkeiten einer solchen Flußbahn machen die Fahrt, besonders wenn sie in Gesellschaft unternommen wird, zu einem ergötzlichen Abenteuer. –

Doch wozu – wird man fragen – soll dieser Katalog der Freuden auf dem Eise dienen?

Geneigter Leser, wenn Du selbst die edle Kunst liebst und ausübst, kann Dir alle Schilderung der köstlichsten Winterfreuden nichts Neues bringen und Dich höchstens an angenehm verlebte Stunden erinnern.

Aber wie Viele giebt es nicht, welche den Schlittschuhlauf nie versucht haben und ihn als eitles Spiel der Jugend verachten! In Mittel- und Süddeutschland ist die nicht genug zu empfehlende Kunst lange nicht so nach Gebühr verbreitet, wie in Holland und England. Unter hundert Dörfern meiner Heimath, die einen fahrbaren Fluß oder Teich besitzen, sind kaum drei oder vier, in denen ein Erwachsener Schlittschuhe anlegt, ja auch die jugendlichen Einwohner solcher Orte sind der gesundesten und ergötzlichsten Winterbewegung völlig unkundig. Es scheint fast, als ob in Thüringen noch die Regel eines im 17. Jahrhunderte erlassenen Schulgesetzes fortwirke, welche lautet: „Das kalte Baden und Schwimmen, ingleichen das Eißgehen und Gländern ist, als der Gesundheit schädlich und zuweilen Lebensgefahr nach sich ziehend, denen Schulkindern verbotten.“ Aber nicht nur in den Dörfern, auch in den Städten wird viel zu wenig Schlittschuh gelaufen. An Knaben fehlt es zwar in größeren Städten nicht auf dem Eise; aber die Männer, die leider auch das Ballspiel aufgegeben haben, benutzen die unschätzbare Erholung gar zu wenig. Fast betrachten es viele ältere Herren für ebenso natürlich und schicklich, in gesetzten Jahren die Schlittschuhe am Nagel hängen zu lassen, wie es rathsam und anständig erscheint, das Tanzen aufzugeben, sobald die Dreißiger passirt sind.

Dies ist aber ein völlig grundloses und recht nachtheiliges Vorurtheil, das unser alter Arndt – gesegnet sei sein Andenken! – durch die That widerlegt hat. Fragt nur einen solchen Kernmann um seine Meinung, und er wird gewiß den Schlittschuhlauf als das würdigste Männer-Vergnügen preisen und empfehlen.

Wollt ihr euere versessenen Leiber recken und strecken und frisch mit Saft und Kraft erfüllen – so ungefähr würde er sprechen – wollt ihr des Leibes und Geistes Gesundheit und Frische hegen und Pflegen, ei, dann lernt und übet die edle Kunst Thialf’s, auf die unser Nord wenigstens ebenso stolz sein kann, wie der Italiener und Spanier auf ihre Tarantellas und Fandangos!

Und zumal ihr,

„die ihr den Wasserkothurn
zu beseelen wißt und flüchtiger tanzt,“

kommt, wenn auch graue Haare sich unter den dunkeln eingeschlichen und selbst wenn das Haupt winterlichst aussieht, kommt auf die Eisbahn, die im bescheidenen Maßstabe fast jeder deutsche Winter bietet! Fahrt und führt auch eure Kinder in die köstliche Kunst ein! Bescheert Knaben und Mädchen Schlittschuhe und schult sie, wie der Vogel seine Jungen fliegen lehrt, im sausenden Eistanze!

Und ihr, würdige Vorstände der Städte und Dörfer, denen das Gedeihen der Jugend am Herzen liegt, schenkt neben den Eisenbahnen auch der Eisbahn geneigte Rücksicht! Verbietet nicht das Fahren auf Teichen, weil es den Fischen schade, denn die stört der Tänzer aus dem Krystalldache so wenig, wie der Wasserläufer im Sommer! Sorget vielmehr dafür, der Bevölkerung eine sichere und gute Schlittschuhbahn zu verschaffen! Ist kein Fluß und kein Teich in der Flur, laßt ein Becken ausgraben, das der Jugend zum Winterturnplatze diene, oder laßt einen Bach stauen, daß er eine ebene Wiese überschwemme und zur Eisbahn verglase! Ihr Alle, die ihr frische, muthige Knaben und mannhafte Jünglinge zu erziehen wünscht, begünstigt und fördert den Schlittschuhlauf, die wohlfeilste, gesundeste und schönste Bewegung! – Eine Anregung zu versuchen zur Förderung dieser edeln Leibesübung, welcher ich selbst für Kräftigung des Körpers und Erheiterung des Gemüths so viel Dank schulde – dies, geneigter Leser, war der Zweck, der mir vorschwebte, als ich mich auf der Eisbahn entschloß, diese Zeilen zu schreiben. Mögen sie nicht ohne Erfolg bleiben!

  1. „Briezeln“ (von Brezel abgeleitet) nennt man in Thüringen recht bezeichnend den Laut, den eine frische Brezel oder ein dünner Eisspiegel beim Drucke hören läßt.