Anti-Syllabus

Textdaten
Autor: Friedrich Krasser
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Titel: Anti-Syllabus
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aus: Internationale Bibliothek 3 (Juni 1887), S. 12–16.
Herausgeber: John Müller (d.i. Johann Most)
Auflage:
Entstehungsdatum: 1869
Erscheinungsdatum: 1887
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Erscheinungsort: New York
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Quelle: Scan des Exemplars der Staatsbibliothek PK zu Berlin auf Commons
Kurzbeschreibung: das "verbreitetste religionskritische Gedicht in der Sozialdemokratie zwischen 1863 und 1890" (Sebastian Prüfer: Sozialismus statt Religion. Göttingen 2002, S. 80) wendet sich gegen den päpstlichen Syllabus Errorum
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Internationale Bibliothek (Müller, New York, 1887-1891) Heft 03 Seite 12.jpg
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[12]
Anti-Syllabus.
Von Dr. Hermann Krasser.

Schon vor fünfzigtausend Jahren, wie die Wissenschaft bewies,
Lebten Menschen auf der Erde – lange vor dem Paradies –
Eh’ die Bibel ward gedichtet, eh’ des Schöpfers Werderuf,
Laut der eig’nen Offenbarung, Himmel, Erd’ und Menschen schuf.

5
Ist die Offenbarung richtig, dann beweist sie sonnenklar,

Dass der Mensch schon lange lebte, eh’ er noch vorhanden war,
Dass der Himmel und die Erde schon Jahrtausende bestand,
Eh’ sie „Gott der Herr“ zu schaffen und zu lenken nöthig fand.

[13]

Eh’ vom Baume der Erkenntniss Adam ass in schnöder Lust,

10
Hat die Menschheit von Jehova sicherlich kein Wort gewusst.

Gab es Fürsten da und Priester, waren solche nicht wie jetzt
Von Jehova eigenhändig auserwählt und eingesetzt.
War vielleicht auch gar nicht nöthig – seht euch an den Bienenstaat,
Welcher nebst den Arbeitsbienen immerdar auch Drohnen hat;

15
Seht die menschliche Gesellschaft, wo der eine Karrengaul

Ziehen muss für zwanzig and’re, die zum Karrendienst zu faul;
Denkt der Bürger, denkt der Bauern, die in harter Knechtesfrohn
Millionen steuern müssen für den Glanz von Fürst und Thron.
Denkt dazu der steh’nden Heere müss’gen Volks zu Pferd und Fuss,

20
Die der Mensch zur eig’nen Knechtung nothgedrungen füttern muss.

Denkt des schwarzen Heer’s der Kutten, das zu Gottes Ruhm und Preis
Um erlog’ne Himmelsmanna tauscht der Erde blut’gen Schweiss;
Denkt des Adels, schnöder Wuch’rer und des grossen Kapitals,
Denkt des Weibes und der Kinder und des Hilfepersonals,

25
Die der Eine muss ernähren, weil er eben fleissig ist.

Obendrein, zum Rasendwerden, muss er noch als guter Christ
Mästen eine Schaar von Lumpen, Gaunervolk und Tunichtgut,
Bettler, Schwindler, Vagabunden, Räuber, Mörder, Diebesbrut!
Jedem, der zu faul zur Arbeit, baut der brave Unterthan

30
Kerker-, Armen-, Siechenhäuser, muss sie pflegen höchst human,

Während seines eig’nen Jammers keine Seele sich erbarmt,
Bis er selber wird zum Diebe, weil zum Hungerstod verarmt.

Also lag’s von Olims Zeiten in der menschlichen Natur;
Wenn die Einen dienstbefliessen, die, gequält von Hungersnoth,

35
Emsig spekuliren mussten auf des Thät’gen saures Brod.

Waren solche Lung’rer mächtig, übten sie das Kolbenrecht,
Schwangen sich empor zu Herren und der Fleiss’ge ward zum Knecht!
Waren sie dagegen schwächer, suchten sie mit Hinterlist
Fremde Ernten zu erschleichen, wie das heut’ noch üblich ist;

40
Durch Sophismen aller Arten pflanzten sie mit frecher Stirn

Transzendenten Schwindelhafers tolle Saat ins Menschenhirn,
Lehrend, dass ein wohlgekochter, unverstand’ner Phrasenbrei
Für das Seelenheil der Menschen unumgänglich nöthig sei.

Also theilen sich von jeher in die Last des Regiments

45
Jene beiden Urgewalten ohne himmlischen Assens,

Hierarchen, Potentaten, bar des Gottesgnadenthums,
Herrschten kraft des autonomen, eig’nen Privilegiums!
Wie sie ihres Amts gewaltet vor der Embryonenzeit
Der mosaischen Genese, schwebt in tiefer Dunkelheit.

50
Schlimmer war’s in keinem Falle, als es später offenbar,

Laut der biblischen Geschichte, um die Zeit der „Sündfluth“ war,
Wo des „Himmels Stellvertreter“ ihre Sünden so gehäuft,
Dass sie Gott der Herr im Zorne sammt dem Pöbel hat ersäuft.
Doch Jahrtausend um Jahrtausend ging dahin in raschem Flug,

55
Und noch immer keucht der Bauer darbend hinter seinem Pflug,

Und der Proletar der Städte hungert noch bei allem Fleiss,
Und es hungern Weib und Kinder, die er nicht zu nähren weiss;

[14]

Von der „besseren Gesellschaft“ ausgenützt und müdgehetzt,
Von der „öffentlichen Meinung“ insultirt und tiefverletzt,

60
Geht der Arme ewig trauernd durch der Erde Paradies,

Stumm verzweifelnd an sich selber, weil die Menschheit ihn verstiess.
Allen Andern lacht das Leben, lacht der Freiheit volles Glück,
Ihn allein, den Hoffnungslosen, stösst des Bruders Hand zurück.
Von dem reichen Freudenmahle, welches aller Welt bescheert,

65
Seinen Antheil zu geniessen, wird dem Bettler streng verwehrt.

Und was hat er denn verschuldet, dass er wie ein räudig Schaf,
Ausgestossen wird von Jenen, die das Glück ereilt im Schlaf,
Die gestützt auf ihren Stammbaum, deduziren ganz absurd,
Wie das Menschenrecht datire von dem Zufall der Geburt,

70
Die da schwelgen in ererbtem oder in geraubtem Gut,

D’ran als Edelstein und Perle klebt des Armen Schweiss und Blut,
Die in Amt und Würden sitzen, weil ihr Vetter sitzt im Rath
Oder sonst als Würdenträger glänzt im würdelosen Staat?
Sagt, ihr Reichen und Beglückten, was verbrach der Proletar,

75
Wenn das Weib, das ihn geboren, eure Konkubine war?

Welcher tiefe Abgrund gähnet zwischen euch und eurem Knecht –
Seine Weiber, seine Töchter waren euch doch nie zu schlecht!
Mittelst Geld und glatter Worte, in Genüssen raffinirt,
Habt ihr in der Armuth Hütten Gift und Schande eingeführt,

80
Mittelst Zölibat der Pfaffen und Soldatenzölibat

Fröhnt dem Laster und der „Sünde“ der entnervte Christenstaat.
Und nun wollt ihr den verdammen, der verwahrlost und verarmt,
Euren Lüsten fiel zum Opfer, weil sich niemand sein erbarmt?
Hat der Arme, Unterdrückte hinter der gefurchten Stirn

85
Nicht ein gleich entwicklungfähig, vollgewichtig Menschenhirn?

Trägt er hinter Schmutz und Lumpen nicht ein Herz, das menschlich schlägt,
Gleich empfänglich für das Gute, wie der Glückliche es trägt?

Doch das habt ihr längst errathen, habt von „Menschlichkeit“ beseelt,
Schul’ und Kirchen ihm errichtet, um zu geben, was ihm fehlt,

90
Aber wollt ihr wirklich helfen, gründlich lindern seine Noth –

O verweigert ihm nicht länger des Jahrhunderts geistig Brod!
Gebt ihm Wahrheit, gebt ihm Wissen, statt dem alten Firlefanz,
Dass er menschenwürdig blühe im modernen Völkerkranz.
Schliesst die alten Trödelbuden, die man „Bildungsstätten“ nennt,

95
Wo das Alter seine Thorheit uns vermacht im Testament;

Andre Schulen braucht das Leben, braucht der neue Geist der Zeit,
Soll die Schule sich erheben aus der alten Dunkelheit.

Ob dereinst des Weltenvaters allbekannter Werderuf
Jenes Licht, das nicht geleuchtet, an dem zweiten Tage schuf –

100
Ob er drauf am vierten Tage Sterne, Sonn’ und Mond gemacht,

Um zu leuchten auf die Erde und zu scheiden Tag und Nacht –
Ob Jehova, der Allmächt’ge, ruhen musste hintennach,
Weil er innerhalb der Woche täglich ein’ge Worte sprach –
Ob mit seiner eig’nen Rippe sich ein Erdenklos gepaart,

105
Dann vom Baume der Erkenntniss ass und d’rum verstossen ward –
[15]

Ob das Ebenbild des Schöpfers, ob der erste Menschensohn
Zum verruchten Brudermörder ward im Paradiese schon –
Ob die Reihenfolge richtig spät’rer Genealogie,
Wo sie lebten, zeugten, starben, gleichsam wie das liebe Vieh –

110
Ob zur Sühne fremder Fehler Abraham das Messer schliff,

Um den eig’nen Sohn zu schlachten, opfernd einen Wahnbegriff –
Ob den Loth die eig’nen Töchter zu berauschen so gewusst,
Dass sie sich mit ihm besudelt in verbot’ner Fleischeslust –
Ob in den famosen Schriften Salomonis Dinge stehn,

115
Die der Anstand streng verbietet, schwarz auf weiss gedruckt zu seh’n,

Ob am eig’nen Haare zuppelnd hing am Baume Absalon –
Ob die Juden schrecklich stahlen, eh’ sie aus Egypten floh’n,
Und, dieweil den Raub’ durch Moses „Gott“ befohlen und gewollt,
In der Wüste ganz behaglich tanzten um ein Kalb von Gold –

120
Ob Jehova, der Gerechte, Pharao’n mit seinem Heer,

Weil sie flugs den Räubern folgten, hat ersäuft im rothen Meer –
Ob der Simson die Philister mit dem Eselskinn erschlug –
Ob Rebekka ihren Sprössling unterrichtet im Betrug,
Bis er seinen blinden Vater also hinter’s Licht geführt,

125
Dass er seinen Bruder Esau um die Erstgeburt geschnürt –

Ob Jehova dann zum Lohne für das sündige Geprell
Ihn ernannt zum Stammesvater seines Volkes Israel –
Ob die Schwalbe dem Tobias wirklich hat ins Aug’ gedruckt –
Ob der Wallfisch den verschlung’nen Jonas wieder ausgespuckt –

130
Ob Maria erst empfangen, dann den Jesussohn gebar,

Und dabei doch eine reine, unbefleckte Jungfrau war –
Ob sie sich darnach gereinigt, wie es in der Bibel steht,
Was bei andern Erdentöchtern im Verborg’nen vor sich geht –
Ob der Heiland uns’re Sünden so getilgt vor Gottes Thron,

135
Dass von allem Fluch gereinigt glänzt die – Inquisition

Ob er wohl sein erstes Wunder gar so trefflich angebracht,
Wie er den besoff’nen Juden hat aus Wasser Wein gemacht –
Ob er wirklich Staub genommen in die Hand und drein „gespützt“
Und dem Blindgebor’nen solche Wundersalbe viel genützt –

140
Ob die Teufel wirklich fuhren, seinem Willen unterthan,

In die Gergeneser Säue, die sich dessen nicht versah’n –
Ob das Weiblein, das zwölf Jahre an der Mutterblutung litt,
Durch Berührung seines Kleides von der Krankheit wurde quitt –
Ob der alte Nikodemus mit dem klügelnden Verstand

145
Jugend, wie zum Mutterleibe wiederum die Rückkehr fand –

Ob das uns’re Kinder lernen, wenn sie kaum im zehnten Jahr –
Ob sie alles das begreifen, zweifellos und sonnenklar –
Ob ein solcher patentirter Adamitenunterricht
Ihre Sittlichkeit befördert oder ihr den Nacken bricht –

150
Nun, ihr Priester, „Volkserzieher“, – unbeschadet eurer Huld –

Dazu braucht’s von uns’rer Seite übermenschlicher Geduld,
Blinder Glaube, den ihr fordert als gebührenden Tribut,
Nun, das wisst ihr selbst am besten, dieser ging ja längst kaput.
Doch das Schlimmste, was die Schule alten Stils den Kindern bot,

155
War die Kreuzigung des Geistes, war der Denkgesetze Tod.
[16]

Wer die Wahrheit jener Mährchen nur zum zehnten Theil geglaubt,
Wurde des vernünft’gen Denkens für sein Leben lang beraubt;
Zu geschweigen jenes Schadens, dass dem Fortschritt abgespart,
So viel Zeit und Geistesarbeit, schlecht benützt, vergeudet ward.

160
Und mit solchem abgeleg’nen, tollen Unrath allerwärts

Wagt ihr heut’ noch zu verpesten uns’rer Kinder Geist und Herz?
Heute, wo ein mächtig Wissen in der Welt emporgeblüht,
Gleich befruchtend für die Seele, wie veredelnd das Gemüth?
Heute, wo der Schriftgelehrte, der die Neuzeit nicht versteht,

165
Durch die glanzgefüllten Stätten der Kultur als Fremdling geht?

Wo der ernste Mann der Arbeit, der dem Fortschritt ferne war,
In dem schweren Kampf um’s Dasein untergeht als Proletar?

Fort mit Kabbala und Traumbuch nächtiger Vergangenheit;
Baut vernünft’ge Menschenschulen dem Geschlecht der neuen Zeit!

170
Tief bedauern wir die Alten, die im Irrthum unterthan,

Nicht die wunderbare Klarheit heutiger Erkenntniss sah’n.
Die bei hohen Geistesgaben, seufzend unter Müh’ und Qual,
Selbst ihr Leben freudig wagten für der Wahrheit Ideal.
O wie würden sie sich freuen, säh’n sie uns’rer Tage Glück,

175
O wie blickten sie mit Wehmuth auf die alte Zeit zurück!

Könnten Sokrates und Christus aufersteh’n in uns’rer Welt,
Und sie säh’n das einst’ge Dunkel gar so zauberhaft erhellt,
Welcher Jubel, welch’ Entzücken, o wie tauchten sie sogleich
Mit der ganzen Kraft der Seele in das neue Geisterreich!

180
Und wir sollten ewig hangen am ererbten Mummenschanz,

Statt uns selig zu versenken in der Zeiten Licht und Glanz?
Und wir sollten rückwärts greifen, Kinder einer grossen Zeit,
Die so weit das Abgelebte überstrahlt an Herrlichkeit?
Fort mit allen Rumpelkammern voller Schutt und Moderduft!

185
Menschheit, bade deine Schwingen in der frischen Morgenluft!

Dulde nicht, dass eine Stunde unbenützt verübergeht,
Eh’ sie ihre goldnen Saaten auch in deine Brust gesä’t!
Dulde nicht, dass die Minute unverstanden weiter rückt,
Eh’ sie ihren Hohheitsstempel auf die Stirne dir gedrückt!

190
Dulde nicht, dass deiner Kinder unverdorb’ner Geisteskraft

Ferner vorenthalten bleibe die moderne Wissenschaft!
Tritt ein Pfäfflein dir entgegen, mit Kapuze und Tonsur,
Singend seinen Bibelsegen – sing’ du Psalmen der Natur,
Schlägt er mit dem Kruzifixe, mit Konzil und Krummstab d’rein.

195
Um dich wieder zu bekehren zu den alten Litanei’n, –

Dann mit Teleskop und Spektrum demontir den armen Wicht,
Oder schleud’re ihm der Neuzeit Blitz und Dampf ins Angesicht!