Anmerkung über die Erzeugung der Kornwürmer

Textdaten
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Autor: Johann Gottlob Lehmann
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Titel: Anmerkung über die Erzeugung der Kornwürmer
Untertitel:
aus: Physikalische Belustigungen. Siebenzehntes Stück, S. 522–525
Herausgeber:
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Entstehungsdatum: 1752
Erscheinungsdatum: 1752
Verlag: Christian Friedrich Voß
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[522]

4.
Anmerkung
über die
Erzeugung der Kornwürmer.


Mein Herr.

Ich muß mich einmal auch an die Ungeziefer machen, und ihnen, mein Herr, etwas davon berichten. Doch ersuchen sie in meinem Nahmen alle Wirthschaftsverständige, wenn ich bey dieser die Haushaltung betreffenden Sache nicht allezeit der unter ihnen gewöhnlichen Kunstwörter mich bediene, mir solches zu vergeben. Da ich mich, wie sie wissen, ietzo an einem Orte aufhalte, wo ich wenig Umgang haben kann, auch außer denen wenigen zu meiner Verrichtung nöthigen Büchern, keine ander bey der Hand habe; so muß ich auch auf allerley Mittel bedacht seyn, die Abende auf eine gute Art, und doch nicht ganz unnützlich hinzubringen. Ich nehme also bald einige Steine, bald andre Sachen zur Hand und besehe solche, um meine Gedanken dabey zu haben.

Neulich klagte jemand, daß sein Roggen voller Kornwürmer wäre, und zwar von derjenigen Art welche klein, schwarz, und geflügelt sind. Es ist bekannt, wie schädlich diese Ungeziefer dem Korne sind. Sie fressen es aus, und fangen gemeiniglich an derjenigen Spitze an, wo der Kern sitzet, und machen es also besonders zur Aussaat ganz untüchtig. Der arme Mann vermeinte, sie müßten doch in denen wenig Wochen gewachsen seyn, da er das Korn auf seinem Boden liegen hätte, denn als er es gekauft, wäre es ganz rein gewesen, und glaubte er, weil es zu der Zeit scharf geregnet, als es ihm der Fuhrmann gebracht, so müste es seyn feucht gewesen, und würde sich also auf seinem Kornboden erhitzet haben, und daraus müßten diese [523] Kornwürmer erwachsen seyn. Die Sache schien mir eines mehrern Nachdenkens werth zu seyn, ich entschloß mich also, einen kleinen Versuch damit anzustellen, und sehen sie, wie ich es gemacht habe. Ich ließ mir ohngefehr[WS 1] 2 Loth ganz reines, trocknes Korn geben, worinne noch kein Kornwurm zu spüren war; dieses Korn feuchtete ich, doch gar sehr wenig an, schüttete solches in ein breites reines Bierglaß, welches ich oben mit weissem Pappier zudeckte, in das Pappier aber einige kleine Löcher mit einer Nadel stach. Dieses geschahe den 20sten des verwichnen Wintermonats. Dieses Glas setzte ich auf einen warmen Ofen. Sie werden, mein Herr, wohl selbst einsehen, daß ich es nicht auf einen nach hiesiger gewöhnlicher Art halb glühend gemachten eisernen Ofen werde gesetzet haben; denn es war ein Glas; sondern ich setzte es in die Höhe, da ich nur immer die Hand ganz gemächlich leiden konnte, und wo es also nur laulich war. Den 21sten besagten Monats sahe ich wieder nach, und fand keine Verändrung an meinem Korne, außer daß es sich in sich selbst etwas erhitzet hatte; Diese Erhitzung hatte sich den 22sten noch vermehret, und die Körner waren etwas aufgelauffen; Ich machte einige derselben auf, und betrachtete solche durch ziemlich starke Vergrößerungsgläser, ohne daß ich etwas anders wahrgenommen hätte, als daß das innerliche Mehlige weich, feucht, und als ein Brey geworden war, welcher aus sehr zarten Fäsern bestund. Den 23sten hatte auch dieser Umstand mehr zugenommen, den 24sten aber war dieser innerliche Kern, wie ich ihn nennen will, als eine dicke Milch anzusehen, die vorigen Fäsern konnte ich auch nicht mehr so wahrnehmen, daraus ich schloß, daß solche durch die vorgegangne Gährung ganz aufgelöset worden. Uebrigens waren die Körner noch ganz, aber sehr ausgedehnet, so daß sie halbdurchsichtig, und der Farbe nach nicht mehr grau, wie sonst, sondern gelblich aussahen. Den 25ten hatte diese Durchsichtigkeit noch mehr zugenommen, und das innerliche mehlige Wesen, war noch wie des vorigen Tages ganz milchig und von Farbe etwas blaulig. Ich öffnete einige derselben behutsam, und fand in verschiednen durch Hülfe der Vergrößerungsgläser, recht in der Mitten einen kleinen rothen [524] Punkt, an welchen ein zarter Fasen[WS 2] hieng, der durch eines meiner stärksten Vergrößerungsgläser, kaum als ein Haar stark zu seyn schiene. Mehreres konnte ich vor dieses mal nicht endecken. Den 26. war dieser Punkt schon etwas größer geworden, aber nicht mehr so schön roth, sondern mehr dunkel oder braunroth, auch war der daran befindliche Fasen etwas stärker geworden. Den 27. fand ich schon, daß in meinem Korne ein paar Kornwürmer ausgekrochen waren, und sich darinne nährten. Bey Eröffnung einiger Körner aber sahe ich, daß der rothe Punkt schwarz, der Fasen dicker, das Ganze aber lebendig war. Der Fasen war bräunlich und an dem gewesnen schwarzen Punkte konnte ich die Augen durch die Vergrößerungsgläser wahrnehmen. Den 27sten konnte ich wegen Abwesenheit nicht nachsehen. Den 28. fand ich daher meine Würmer im Glase sehr vermehrt, in einigen aufgemachten Körnern aber diese Ungeziefer in ihrer gehörigen Größe, doch nicht so dicke und noch ohne Flügel; Ich nahm wahr, daß, wenn, sie zu dieser Größe gelanget waren, so fraßen sie sich bey dem Keime durch, und da ich den 29. einige zu belauren so glücklich war, daß sie fast durch waren, so bemerkte ich, daß sich alsdenn ihre kleinen Flügel erst entwickelten. Hätten mich meine andre nöthige Verrichtungen nicht verhindert, so würde ihnen vielleicht noch ein weitläuftigeres Tageregister von dieser Kornwürmerhecke übersenden können; allein so habe ich nach der Zeit nicht alle Tage so genau mehr Achtung geben können, weil ich bald abwesend, bald aber bis in die Nacht außer dem Hause gewesen, bey Lichte aber solche Bemerkungen vorzunehmen, gehet, wie sie wissen, nicht wohl an. Ueberhaupt aber muß ich freylich gestehen, daß dieser meiner Bemerkung ein großes Theil der gehörigen Vorsichtigkeit fehlet: allein ich bin außer Schuld. Ich hätte sollen das Gewichte des Wassers anmerken, allein wo habe ich hier eine genaue Wage? Ich hätte sollen die Grade der Wärme nach dem Thermometer anzeigen, aber wo habe ich eines? Sollte diese Bemerkung vielleicht schon bekannt seyn, so lassen sie solche ja aus ihren Belustigungen, und nehmen solche bloß als ein Zeichen an, daß ich an sie und an die physikalischen Belustigungen gedenke. Glauben sie aber, daß solche nicht ganz unnütze sey, so stehet solche zu ihrem Befehl. Wenigstens glaube ich, daß solche Wirthschaftsverständigen [525] nicht ganz unangenehm seyn wird. Bey diesem Versuche muß ich nun noch meine Meinung mit wenig Worten entdecken. Ich glaube, daß die Erzeugung dieser Würmer, aus den hineingelegten Eyergen der Kornwürmer entstehe, und daß derselben Ausbrüthung bloß auf den gehörigen Grad der Wärme ankomme, diesen erhalten sie durch die innerliche Erhitzung eines solchen feuchten, und dichte über einander liegenden Kornes. Es erhellet aber auch zu gleicher Zeit hieraus das Mittel, wie solches zu verhüten ist; wenn man nämlich ein dergl. Korn, 1) dünne aufschüttet, 2) auf einen solchen Boden, welcher nicht über einer Stube gelegen, von welcher eine beständige Wärme in die Höhe steiget. 3) Wenn man solches fleißig umwendet, und wie es die Hauswirthe nennen, durchwurfelt. Was mich in dieser Meynung noch mehr bestärket; ist 1) daß das Korn des gleich Anfangs erwehnten Mannes von den Eseltreibern gebracht worden. Diese Leute haben den Gebrauch, daß wenn das Korn nicht durch den Regen feucht wird, so feuchten sie es ein wenig an, damit es aufquillt, und im Messen desto besser scheffelt. 2) Hatte dieser Mann es über seiner Wohnstube liegen, welche auf eine unerträgliche Art tägl. geheitzet ward. 3) Giebt es der Augenschein und die Erfahrung, daß, wenn zur Erntenzeit große Näße einfällt, und das Korn auf dem Halme sehr naß wird, so entstehet das sogenannte Brand- und Mutterkorn daraus, welches durch die Nässe sich innerlich erhitzet, schwarz, groß und ausgedehnet wird, in sich aber einen milchweissen Saft hat, welcher nicht selten ganz blaulig wird, auch ein blaues Mehl giebt, und wenn es gar zu häufig unter dem andern Korne ist, nicht selten Krankheiten denenjenigen zuziehet, die es genießen. Diese Krankheiten entstehen aus der Gährung, welche dieses davon gebackne Brodt verursachet. Doch halte ich mich zu weitläuftig bey dieser Sache auf, besonders da der unermüdte Herr D. Lange, schon vor einiger Zeit seine Gedanken von dem Brandkorne und dem daraus entstehenden blauen Mehle und Brodte mitgetheilet hat. Leben sie wohl.

Benneckenstein, den 14. des Christm. 1752.

D. Johann Gottlob Lehmann.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: ohngegefehr
  2. „Der Fasen, des -s, plur. ut nom. sing. Dimin. das Fäschen, Oberd. Fäslein, der dünne Abgang von einem Faden, und alles was dem ähnlich ist, Haare, zarte Wurzeln der Bäume und Pflanzen, u.s.f. Nicht einen trocknen Fasen an sich haben, im gemeinen Leben. Sein Kleid ist so zerrissen, daß die Fasen herab hangen. Die Fasen, die auf die Kleider gefallen sind, ablesen. Die Fasen an den Wurzeln“. (Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch: Der Fasen. Leipzig 1808, Band 2, Sp. 51 Wörterbuchnetz)