Amerikanische Gerichtsscene

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Titel: Amerikanische Gerichtsscene
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aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 85–86
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Artikel über Archibald Yell in der Wikipedia
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[85] Amerikanische Gerichtsscene. Archibald Yell, ein in Amerika bekannter Staatsmann, hatte zum ersten Male seinen Sitz als Richter in Arkansas eingenommen. Der erste Prozeß auf der Registrande ward aufgerufen und der Kläger stand in Bereitschaft. Es war ein Rechtsstreit, der sich bereits fünf Jahre hingezogen hatte. Der Advokat, General Snoot, erhob sich im Namen des Angeklagten und sprach in hochfahrendem Tone.

„Unser Zeuge ist abwesend und ich verlange daher, daß die Verhandlung bis zum nächsten Gerichtstermin ausgesetzt werde.“

„Lassen Sie das Affidavit (die eidliche Aussage) zu den Acten nehmen, denn nur erst dann kann ich dem Antrage auf Vertagung Statt geben,“ erwiderte der Richter gelassen.

„Zweifeln Sie etwa an der Wahrheit meiner Worte?“ rief General Snoot in gereiztem Tone und erhob unwillkurlich seinen großen Degenstock.

„Keineswegs,“ entgegnete der Richter mit dem freundlichsten Lächeln, „allein das Gesetz erheischt, daß die Gründe, welche eine Vertagung veranlassen, zu den Acten genommen werden und der Gerichtshof hat weder die Macht, noch die Lust, das Gesetz zu anihiliren.“

Des Richters ruhiges und geschäftsmäßiges Benehmen diente nur dazu, die Wuth des Klopffechters aufzustacheln und seinen Stock heftig gegen denselben schüttelnd, rief er:

„Was immer das Gesetz erheische, ich bin ein für allemal nicht Willens, es aus dem Munde eines elenden Demagogen und feigen Lumps zu lernen.“

Richter Yell’s Augen schossen Blitze, – doch faßte er sich, wendete sich ruhig zu dem Secretär und sagte:

„Herr Secretär, Sie werden in das Strafbuch eine Geldbuße von 50 Dollars für General Snoot wegen grober Mißachtung des Gerichts eintragen und für schleunige Eintreibung derselben sorgen.“

Kaum hatte er diesen Befehl ertheilt, als General Snoot, blaß wie eine Leiche, und alle Züge von Wuth verzerrt, mit geschwungenem Stocke gegen ihn heranstürzte.

Aller Blicke hefteten sich auf das Gesicht des Richters. Jeder war gespannt, wie er den wilden Anfall des furchtbaren Raufboldes aufnehmen würde.... Doch war nicht die geringste Veränderung an ihm zu bemerken. Seine Wangen wurden weder roth, noch weiß, kein Nerv schien sich zu regen; sein ruhiges Auge maß den herandringenden Gegner mit demselben Gleichmuthe, womit ein Chemiker die Wirkung eines neuen Präparates beobachtet. Er saß vollkommen ruhig, ein kleines eisernes Spazierstöckchen zwischen den Fingern der rechten Hand balancirend.

Snoot sprang auf die Platform und zielte einen furchtbaren Hieb mit seinem enormen Degenstock gerade auf den Kopf seinem Gegners. Bei diesem Streiche bebten hundert Herzen und mehr als ein Dutzend Stimmen schrieen laut auf, denn man erwartete nichts Anderes, als des Richters Schädel zu Stücke zertrümmert zu sehen. Man kann sich das allgemeine Erstaunen denken, als man das kleine Eisenstäbchen mit Blitzesschnelle eine kühne Curve beschreiben und den großen Degenstock Snoot’s mit lautem Geklapper zwanzig Fuß entfernt im Saale niederfallen sah. Der überraschte Raufer stieß ein Wuthgebrüll aus, wie ein verwundeter Stier, und riß sein Bowiemesser aus der Scheide, allein ehe er noch einen Ausfall damit machen konnte, beschrieb das Stöckchen noch einmal eine Wendung und das große Messer folgte dem Stock. Nun zog er einen Revolver aus der Tasche, aber ehe er nur Zeit hatte, den Hahn aufzuspannen, sank sein Arm machtlos an seiner Seite herab.

Und nun zeigte sich zum ersten Male im Aeußern Yell’s eine bemerkbare Aufregung. Er stampfte mit dem Fuße auf, daß die Platform unter seinem Tritte erzitterte und rief mit Donnerstimme:

„Herr Secretär, Sie werden den Namen dieses Banditen sofort aus der Liste der Rechtsanwälte streichen. Herr Sheriff, führen Sie den Verbrecher in’s Gefängniß.“

Der zuletzt genannte Beamte sprang sofort herbei, dem ihm gewordenen Befehle zu genügen und es erfolgte nun eine Scene der Verwirrung, die keine Feder zu beschreiben im Stande sein würde. Die Bravos und Spießgesellen Snoot’s drängten sich heran, den Sheriff in der Ausübung seines Amtes zu hindern, während viele Bürger demselben beisprangen, um das Ansehen des Gerichtshofes aufrecht zu erhalten. Drohungen, wildes Gebrüll, Flüche, das Klirren gekreuzter Messer, Wuth- und Schmerzensrufe mischten sich mit dem unheilvollen Knallen von Feuerwaffen und machten den Auftritt zu einer wahren Gräuelscene. Doch durch all diesen Aufruhr und all dies Toben konnte man zwei Personen als Führer in diesem Ungewitter sich hervorthun sehen. Der neue Richter gebrauchte seinen Eisenstab mit furchtbarem Effekte, auf jeden Schlag irgend einen Arm oder ein Bein zerschmetternd, obschon immer das Leben schonend. Bill Buffon, die Milde seines Freundes sich zum Muster nehmend und den Gebrauch des Messers oder der Pistole gänzlich bei Seite lassend, trampelte effektiv allen Widerstand zu Boden und brüllte bei jedem zentnerschweren Faustschlage: „Das ist die Art, Anstand und Ordnung im Gerichtshofe aufrecht zu halten.“

In wenigen Minuten hatte in der That die von Archibald [86] Yell angeführte Ordnungspartei einen completten Sieg erfochten, die Clique des Generals Snoot eine schmähliche Niederlage erlitten und der Raufbold selbst ward in’s Gefängniß geschleppt.

Solcher Art war das Debut Archibald Yell’s in Arkansas und von jenem Tage an wuchs seine Popularität als Mensch, als Richter, als Held und als Staatsmann in solchem Maße, daß er bald die ältesten und beliebtesten Namen in den Hintergrund zurückdrängte.