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Titel: Allerlei Recorde
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aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 282
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1896
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[282]
Allerlei Recorde.
Von Richard March.

Unsere Zeit steht im Zeichen der Geschwindigkeit! Auf allen Gebieten herrscht ein rastloser fieberhafter Thätigkeitsdrang: man begnügt sich nicht mehr mit der Güte der Leistung an sich, sie soll auch in möglichst kurzer Zeit vollbracht sein. Der Wettbewerb, auf welchem ja auch aller gesunder Fortschritt beruht, ist dadurch ins krankhafte gesteigert worden: wir hasten und jagen, wo unsere Vorfahren gemächlichen Schrittes auf das gesteckte Ziel losgingen. Zu Lande sucht eine Eisenbahngesellschaft die andere in der Schnelligkeit ihrer Züge zu überbieten und zu Wasser eilen die Dampfer um die Wette. Der Verkehr gestaltet sich zu einem Wettrennen, und der gilt als Sieger, der in kürzester Zeit das ferne Ziel erreicht. Dieselbe fieberhafte Hast regiert in der Industrie: Scharfsinn und Maschinenkraft werden aufgeboten, um allerlei Dinge, die unsere Bedürfnisse befriedigen sollen, in kürzester Zeit zu erzeugen. Ein ähnlicher hastiger Zug macht sich selbst in den Vergnügungen und der Erholung der modernen Menschen bemerkbar. Leibesübungen und Bewegungsspiele haben in weitesten Kreisen den Charakter des Sports angenommen. Im Laufen und Springen, im Rudern und Schwimmen, im Radfahren und Marschieren sucht einer den andern zu übertreffen; als Meister gilt auch hier, wer in kürzester Zeit die größte Leistung zustande gebracht hat. Eine solche Leistung wird seit einiger Zeit bei uns mit dem englischen Worte „Record“ bezeichnet, und man sucht nicht nur in Wettspielen Recorde zu schaffen. Das Verlangen, in der Geschwindigkeit als Meister zu gelten, hat die verschiedensten Kreise wie eine Sucht ergriffen. Neben den sportlichen giebt es heute noch allerlei andere Recorde, die zusammengenommen einen bezeichnenden Charakterzug unserer Epoche bilden. [283] Höchst eigenartig sind zunächst die beruflichen Recorde. Einen solchen wollten z. B. im Jahre 1891 die Londoner Friseure schaffcn. Zwei Jahre später folgten ihnen die Wiener Haarkünstler, und es gelang ihnen als beste Leistung zu erzielen, daß ein Damenkopf in einer Stunde völlig frisiert wurde. Aber die Wiener wurden schon am 16. Dezember 1894 von den Pariser Kollegen geschlagen. Dielselben haben nämlich am genannten Tage in der Salle du Grand Orient ein Schaufrisieren veranstaltet, wobei meist blonde Damenköpfe gekämmt, gebürstet, pomadisiert, gekräuselt, gewellt und gelockt wurden. Die Künstler keuchten und schwitzten und die Damen, die sich für 50 Franken verpflichtet hatten, zu lächeln, auch, wenn ihnen in der Hast Haare ausgerissen würden, saßen hold und lieblich als Opferlämmer unbeweglich da. Nach 45 Minuten war die erste fertig frisiert und die Wiener „beste Zeit“, wie der Record auch genannt wird, erschien somit um volle 15 Minuten geschlagen.

Die Küche wurde gleichfalls schon zum Schauplatz eines derartigen Ringens nach der „Meisterschaft“. In einem Berliner Restaurant erbot sich im August des Jahres 1891 ein ehemaliger Koch des Fürsten Bismarck, in einem Zeitraum von 6 Minuten ein Huhn zu schlachten, zu rupfen, auszunehmen und gebraten auf den Tisch zu setzen. Das gelang dem Meister der Kochkunst vollständig, aber schon nach zwei Jahren wurde dieser Record von dem Küchenchef eines Berliner Restaurants um 54½ Sekunden geschlagen.

Die Zunft der Schuhmacher kann gleichfalls mit ähnlichen Meisterstücken der Geschwindigkeit dienen und ein New Yorker Schuhmacher war imstande, selbst das schadhafteste Schuhwerk binnen 10 Minuten wieder gebrauchsfähig zu machen. In der Schneider-Welt, hat der vor einigen Jahren von dem berühmten Worth in Paris aufgestellte Record - eine Damensoireetoilette prachtvollster Art binnen 12 Stunden fertig zu stellen, eine lebhafte Bewegung hervorgerufen. Er ist aber bereits auf 5 Stunden herabgedrückt worden, so daß die Pariser Modedamen, „schon unter den Händen des Friseurs, noch den Anzug bestellen können, den sie am Abend bei irgend einem Feste tragen wollen.“ Einem sächsischen Schneider gelang es, auf dem Gebiete der Anfertigung von Herrenkleidern einen nicht minder erstaunlichen Record zu machen: während einer dreistündigen Eisenbahnfahrt nähte der Tausendkünstler einen Frack fix und fertig!

Nicht nur in der Geschwindigkeit, sondern auch in der Ausdauer wollen sich die Menschen als Meister zeigen und wählen sich dabei mitunter recht absonderliche Ziele. So galt lange Zeit der Klavierspieler W. S. Waterbury, der zehn Stunden lang ununterbrochen die Tasten schlagen konnte, als unübertrefflich in dieser Spezialität – aber schon wenige Monate später konnte man einen „Dauerklavierspiel-Record“ von 18 Stunden 57 Minuten verzeichnen. So lange hat nämlich Miß Adar Melville in Huberts Museum zu New York unausgesetzt gespielt, während ihr Partner nach 18 Stunden 52½ Minuten erschöpft aufhören mußte. Seine Finger waren hoch angeschwollen und die Nägel schwarz mit Blut unterlaufen. Miß Melville hatte die Vorsicht gebraucht, die eine oder die andere Hand, die gerade wenige Augenblicke unbeschäftigt war, in lauwarmes, mit Spiritus versetztes Wasser zu tauchen.

Die Recorde der Handwerker kann man immerhin gelten lassen. Dem Handwerker soll es nicht verwehrt sein, eine besondere Geschicklichkeit, die er sich erworben hat, zu zeigen. Unter Umständen kann sein Beispiel auf andere anregend und nutzbringend wirken. Schnelle Arbeiter werden in allen Zweigen gern gesucht und es giebt im Leben Lagen genug, in denen die möglichst schnelle Ausführung einer Bestellung dringend gewünscht und gut bezahlt wird. Der „Dauerklavierspiel-Record“, den ein englischer Pianist Namens Bird neuestens auf 40 und der Mailänder „Tastenschlager“ Camillo Baudio auf 48 Stunden „erhöht“ hat, ist aber eine jener Verirrungen, in die der menschliche Ehrgeiz leider so häufig verfällt. Beschränkte Ruhmsucht, eitle Renommage stecken sich gar oft recht bedauerliche Ziele. Ihnen haben wir auch eine Anzahl unsinniger oder geradezu verwerflicher Recorde zu verdanken.

So hat z. B. in Wien ein Recordwassertrinken stattgefunden. Es zeigte sich dabei, daß ein Mensch in einer Stunde 7 Liter Wasser hinter die Binde gießen konnte. In München veranstaltete man ein Wettessen von Leberknödeln und binnen einer Stunde konnte der Sieger 32 Stück vertilgen. Wie es heißt, waren, die beteiligten Kreise durch die Geringfügigkeit der Leistung sehr enttäuscht, da man auf ein Verzehren von 4 bis 5 Dutzend gerechnet hatte. Ein drittes Beispiel dieser traurigen Art sei noch erwähnt. Vor einigen Jahren hatte Lord Carlington gewettet, binnen acht Tagen 1000 Stück Havannacigarren zu verrauchen, und als dies glückte, war sogleich ein Mann zur Stelle, der diese Aufgabe in vier Tagen lösen wollte und dadurch, daß ihm dies gelang, einen Rauchrecord schuf, der unumstößlich schien. Doch siehe da, ein Sachse, der einem Dresdener Rauchklub angehörte, rechnete sich aus, daß jener Recordmacher in einer Stunde „bloß“ etwa 14 Stück Cigarren verdampft hatte, und flugs erbot er sich, in diesem Zeitraume 25 Glimmstengel in Asche zu verwandeln. Man zweifelte an der Ausführung dieses Vorhabens, aber der Mann hatte seine Aufgabe bereits in 45 Minuten gelöst und rauchte danach in aller Lust noch 6 Cigarren.

Das Aufstellen solcher Recorde, zu denen auch das Wetttrinken von Spirituosen gezählt werden muß, kann nicht scharf genug verdammt werden. Es handelt sich da um ein Beginnen, das nicht nur sinnlos, sondern geradezu für Leben und Gesundheit gefährlich ist. Es giebt leider immer unerfahrene und nicht gerade geistreiche Menschen, die sich zu solchen Kunststücken verführen lassen. Ihnen sollte es dringend zu Gemüte geführt werden, daß der „Ruhm“, den sie zu erwerben glauben, ein sehr fragwürdiger ist. Wenn die Welt von ihrer „Leistung“ spricht, so geschieht es darum, weil sie den Fluch der Lächerlichkeit auf sich geladen haben. Vom Erhabenen zum Lächerlichen giebt es ja nur einen Schritt und der Ehrgeiz pflegt ihn nur zu leicht zu machen. Aber die närrisch Veranlagten waren seit jeher ruhmsüchtig. Wohl ihnen, wenn sie dabei nicht in den Größenwahn verfallen, dem wir gleichfalls Recorde zu verdanken haben. Da zeigt ein Mann sein Meisterstück, indem er 28 Tage lang auf einem Punkte unbeweglich stehen bleibt wie eine Statue und täglich nur eine Stunde ausruht. Ein anderer wieder hungert wochenlang. Das sind Leistungen, die nur Menschen zu vollbringen pflegen, deren Nervensystem gestört ist, die mitunter schon in Irrenheilanstalten behandelt wurden. Die Schöpfer solcher Recorde sind nicht bewundernswert, sondern bedauernswert im vollsten Sinne des Wortes.

Eine Leistung, die der Allgemeinheit dient, ist sicher der schönste Record, ja noch mehr als dieses ist sie eine That, die vielleicht nicht immer Lorbeerkränze einbringt, stets aber ihrem Urheber den herrlichsten Lohn, innere Befriedigung, gewährt.