Albertus Magnus (Die Gartenlaube 1881/24)

Textdaten
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Autor: Dr. Sepp
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Titel: Albertus Magnus
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aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 397–398
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Artikel über Albertus Magnus, dem ein Denkmal in Lauingen errichtet wird
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Albertus Magnus.

Zur bevorstehenden Enthüllung seines Denkmals.

Unter den Geistesmännern des Mittelalters, welche wie Könige im Reiche der Gedanken hervorragen, ist es außer dem Geschichtsschreiber Otto von Freising, dem Oheime Kaiser Barbarossa’s, einzig Albert Graf von Bollstädt bei Lauingen, welcher den Ehrennamen der Große führt.

Albertus Magnus heiß’ ich,
Und Sanctus nennt die Kirche
 mich.

Er war das Universalgenie, das zuerst alle Wissenschaften umfaßte und in erstaunlichem Umkreis beherrschte, sodaß man ihn eine Leuchte der Welt nannte: Mundo luxisti, quia totum scibile scisti – der Welt hast Du geleuchtet, weil Du alles Wißbare gewußt hast. Er war als der christliche Aristoteles um so mehr gefeiert, als er auch zuerst den schärfsten Denker des Alterthums und Lehrmeister Alexander’s des Großen wie einen Kirchenvater an den Universitäten einführte.

Das Jahr seiner Geburt ist nicht bestimmt bekannt; es schwanken die Angaben zwischen 1193 und 1206, doch verdient ersteres Jahr den Vorzug. Wenn aber der heiligmäßige Fiesole das Bildniß unseres weltberühmten schwäbischen Landsmannes naturgetreu gemalt hat, muß Graf Albert ein stattlicher Mann gewesen sein.

Die Gartenlaube (1881) b 397.jpg

Das projectirte Albertus Magnus-Denkmal in Lauingen.
Nach einer Photographie.

Als Jüngling zum höheren Studium an die Hochschule von Padua gesendet, erwählte er dort Jordanus von Sachsen, den gefeierten Dominikanergeneral, zum Lehrer, welcher den Ordensstifter noch persönlich gekannt hatte. Er wurde von ihm 1223 um so leichter zum Eintritt in diesen Orden veranlaßt, als dieser damals die ganze kirchliche Diplomatie leitete. Albertus Ratisbonensis nennen ihn die Urkunden, da er als Magister zuerst an der Ordensschule zu Regensburg auftrat, wo sie noch seine Lehrkanzel zeigen (der Stuhl ist aber bereits aus der gothischen Zeit). Nach Köln übergesiedelt trägt er den Ruhm des Beinamens Albertus de Colonia. Dahin folgt ihm als Schüler Thomas von Aquin, „der große Schweiger“, der, bald selber als Doctor angelicus gepriesen, heute als neuer Kirchenlehrer eingeführt werden soll. Wie hätte aber ein Mann von Albert’s wachsendem Rufe der berühmtesten theologischen Lehranstalt zu Paris fern bleiben und nicht auch dort seine Stimme vernehmen lassen sollen! Und er eiferte hier zuerst gegen das kirchliche Verbot des Aristoteles. Er selbst kannte den griechischen Weltweisen nur aus lateinischer Uebersetzung, und es ist sein und anderer zeitgenössischer Bischöfe Verdienst, daß sie eigene Uebersetzer nach Cordova und den höchsten Lehranstalten der Araber in Spanien sandten, um, wenngleich nach zweimaliger Seelenwanderung des Originals bei der linguistischen Uebersetzung, den Gedankeninhalt des hellenischen Philosophen auszuschöpfen. Alexander der Vierte berief ihn nach Rom, wo er als Magister sancti palatii amtirte und ebenfalls das Lehramt übte, dessen Monopol in der Theologie sich die Italiener damals noch nicht angeeignet hatten.

Albertus’ Werke sind sehr schwer zu zählen, weil viele Spätere ihre Schriften unter seinem Namen herausgaben, um die Welt der Gebildeten anzuziehen. Umfaßte er doch das gesammte philosophisch-theologische, naturwissenschaftliche und medicinische Wissen seiner Zeit. Die unbestreitbar echten Schriften allein füllen einundzwanzig Folianten und bieten nicht etwa einen Leichenhügel unfruchtbarer Lehren, todter Fragen und begrabener Meinungen, sondern Albertus ist der Riese, auf dessen Schultern sich alle Nachfolgenden stellen und der den Uebergang aus den eisernen Jahrhunderten durch den Strom der Zeit zur Reform der Wissenschaften bildet.

Wie Karl Martell bei Tours die Saracenen bekämpfte, so eröffnet unser Heros, zu dessen Füßen gelehrig Deutsche, Italiener und Franzosen saßen, mit dem Aquinaten den geistigen Kreuzzug für die christliche Civilisation Europas und schlägt die Geisterschlacht gegen Averroes und seine Schule, „die mit dem Körper läßt die Seele sterben“, wie Dante eifert. Um so höher preist der Sänger der „Göttlichen Komödie“ unsern Geisteshelden, welcher, erst Lesemeister und Provinzial, nach dem Sturze des lateinischen Kaiserthrons in Constantinopel 1261, wie vordem der heilige Bernhard, von Urban dem Vierten noch zuletzt zum wirklichen Kreuzprediger in Deutschland auserlesen worden – doch die Zeit dafür war vorüber.

Ein Jahr vorher hatte der Papst ihm das Bisthum Regensburg übertragen, ihm jedoch das hohe Amt wieder abgenommen mit der Erklärung: zum Bischof könne er Jeden machen, aber die Kirche habe einen einzigen Albertus. Wie ein Salomo seiner Zeit [398] hat der Stern des dreizehnten Jahrhunderts Licht in die Naturwissenschaften getragen, und von der Ceder bis zum Ysop die Pflanzen- wie die Thierwelt aufgehellt, obwohl er den Theophrast noch nicht kannte. Der Verfasser des „Kosmos“, Alexander von Humboldt, der seine Schriften nur dürftig kennen lernte, hat ihn so gewürdigt. In der Chemie zieht Albertus den Paracelsus nach sich, was er aber in Botanik und Physiologie geleistet, namentlich die Theorie vom Pflanzenschlafe, wird in den fünf Jahrhunderten bis Linné nicht überboten. Die außerordentlichsten Leistungen erzählte man sich von ihm in der Mechanik. Sein Jünger Thomas soll den ersten Automaten, eine wandelnde Bildsäule mit Sprechapparat, zertrümmert haben, weil er dieses Werk für Teufelsspuk hielt, da aber der Meister hinzukam, jammerte er. „Wehe mir! Du hast mich um die Arbeit meines halben Lebens gebracht.“

Wir befassen uns hier mit keiner Literaturgeschichte, sondern stellen tatsächlich die Geistesgröße des Mannes dar, welcher, nicht zufrieden, wie Augustinus, die Tiefen der Gottesweisheit zu ergründen, auch die weltliche Wissenschaft erweiterte. Mit überwältigender Kraft hat er auf allen Gebieten seine Zeit beeinflußt, sodaß die Spuren seines Daseins sich durch Jahrhunderte verfolgen lassen. Wir sind heute weiter gekommen, aber wenn die Sonne den Himmelsraum durchmißt und sich zur Abendröthe neigt, denken wir preisend an den Schimmer des Morgenrothes. Und war Albertus denn nur Gelehrter? Regensburg rühmt, daß er die dortige Dominikanerkirche erbaute, nicht minder Köln. Doch was sagen wir? Der Plan zum Kölner Dom, diesem Wunderwerk christlicher Architektur, im Vergleich mit welchem St. Peter in Rom ein kolossaler Mauerkasten ist, soll durch eine Vision ihm offenbart worden sein. In der That stellt der Chor der Barfüßerkirche in Köln den entsprechenden Grundriß der Kathedrale fest.

Achtzigjährig, wohnte er noch dem Unionsconcil zu Lyon 1274 bei. Zuletzt erging es ihm wie Newton, daß er, der in der Jugend anfänglich hart lernte, drei Jahre vor seinem Tode sein Gedächtniß einbüßte und nun um seine eigenen Schriften nicht mehr wußte. Der Kreislauf des Lebens schloß sich für den wieder zum Kinde Gewordenen am 15. November 1280; vielmehr soll er, im Starrkrampfe liegend, lebendig begraben und bei der Beisetzung in dem später erst fertig gestellten Dominikanerchor in veränderter Lage betend gefunden worden sein.

Den Zeitgenossen war bei seinem grenzenlosen Wissen fast unheimlich zu Muthe, und es fehlte wenig daran, daß sie ihm sogar ein Bündniß mit dem Bösen zuschrieben, wie Salomo dem weisen König, dem die Geister unterthänig. Er kommt darin Gerbert gleich, dem ersten Franzosen, der als Sylvester der Zweite den römischen Stuhl einnahm.

Gleich Virgil wird er der persönliche Träger der Zaubersage: nicht nur, daß er König Wilhelm von Holland zu Köln im Winter in den blühendsten Garten einführte und die Tafel mit den frischen Früchten aus allen Jahreszeiten besetzte (vergl. „Gartenlaube“ 1881, Nr. 9), er soll sogar Sturm erregt und die feindlichen Schiffe vertrieben haben, um den Papst vor seinem Gegner Manfred zu erretten, wofür ihm zum Danke Rom die Ausübung der Schwarzkunst freistellte. Der Mann der Geschichte wird, wie später Faust, als Repräsentant der wissenschaftlichen Reformbewegung mit dämonischem Nimbus umgeben, ja der Gottseibeiuns soll ihm, wie dem Dr. Luther auf der Wartburg, erschienen sein.

Er verstand als Alchymist die Kunst, Gold zu machen, und man dichtete ihm den Stein der Weisen an: das Museum zu Köln bewahrt noch seinen Zauberbecher. In Hildesheim hat er die Fliegen vom Kloster für ewige Zeiten verbannt, an verschiedenen Orten sich gleichzeitig sehen lassen und Messe gelesen - und die Scene in Auerbach's Keller in Leipzig geht auf ihn zurück. Selbst Wodan's Roß stand ihm zu Gebote: auf dem riesigen Lauinger Schimmel, dessen Abbild am Stadtthurme das Wahrzeichen bildet, soll er über die Mauern und die Donau durch die Luft gesetzt sein.

Lauingen hat den Mohr im Wappen - dieser Mohr hat seine Schuldigkeit gethan. Dem Manne, der den Stolz des Schwabenlandes ausmacht, wurde zum sechsten Säcularfest seines Todes in der reizenden Donaustadt, welche noch sein Geburtshaus weist, der Grundstein zum Monumente von Erz gelegt, wobei das Standbild von acht Fuß mit dem Postament von Syenit auf dreifache Höhe zu stehen kommt. Die Albertus-Statue ist soeben vollendet worden und kommt in diesem Sommer zur Aufstellung.

Der Gedächtnißtag des verwichenen Jahres gestaltete sich zu einem Feste der ganzen Christenheit. Rom beging es mit, indem der deutsche Cardinal Hergenröther die Festpredigt hielt. Köln restaurirte nicht blos die Grabcapelle in der Dominikanerkirche, sondern beging dazu auch noch eine achttägige Festfeier. Beiträge zum Monument wurden aber bis aus Tokio in Japan eingesandt. Das Erzdenkmal ist nach Modell und Guß aus der berühmtesten Erzgießerei der Gegenwart Ferdinand von Miller's, hervorgegangen. Der Meister pflegt das letzte Geheimniß seiner Kunst bei sich zu behalten, hier aber hat er, bevor er seinen Lebenslauf vollendet, es in Anwendung gebracht, und einen Zauber mit der Statue dessen verbunden, welcher dem Mittelalter selber als Magier erschienen. Es gilt unsern Albertus Magnus und Magus würdig zu ehren und in der Volkssage zu verklären. Ein Buch hält er in der Rechten, das die Fülle seines Wissens enthält; sein Blick ist aber zur Beobachtung in die weite Welt gerichtet. Merke man wohl: so oft ein Jahrhundert abläuft, wird ein Blatt in diesem Buche sich umwenden. Geht es mit uns vorwärts, so wird ein neues Blatt aufgeschlagen und mit dem Griffel der Klio die Geschichte der deutschen Nation in großem Stile eintragen. Kommen wir aber - was Gott verhüte! - wieder rückwärts und auf die früheren Zustände der Zerrissenheit, dann schlägt ein Blatt oder es schlagen mehrere verkehrt um, und der alte Text erscheint. Wer Mittags um 12 Uhr am 1. Januar 1901, wenn das zwanzigste Jahrhundert anbricht, auf dem Albertus-Platze vor dem Schlosse in Lauingen steht, kann zum ersten Male diesen Vorgang beobachten.

Dr. Sepp.