ADB:Muralt, Beat Ludwig von

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Artikel „Muralt, Beat Ludwig von“ von Emil Blösch in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 23 (1886), S. 51–53, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Muralt,_Beat_Ludwig_von&oldid=- (Version vom 4. Dezember 2020, 02:42 Uhr UTC)
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Muralt: Beat Ludwig v. M. (1665–1749), entstammte einer Familie, welche 1555 um ihres reformirten Glaubens willen aus Locarno vertrieben, in der Schweiz eine Zuflucht gesucht und zunächst in Zürich sich niedergelassen hatte. Ein Zweig derselben siedelte sich in der Folge in Bern an, erlangte hier 1570 das Bürgerrecht, trat bald in die Reihe der aristokratischen Geschlechter ein und gab dem Staate eine Anzahl hochverdienter Magistraten. Beat Ludwig, [52] getauft am 9. Januar 1665, ging ganz andere Wege. Zwar folgte er anfangs dem Beispiele seines Vaters, Franz Ludwig v. M., welcher als Offizier eines Schweizerregiments im Dienste Frankreichs stand. Er scheint jedoch an dieser Laufbahn, der üblichen Vorbereitung zum späteren Staatsdienst, wenig Gefallen gefunden, auch in keiner Weise sich militärisch ausgezeichnet zu haben. Dagegen benutzte er diese Zeit des Aufenthaltes im Ausland zur Erweiterung seiner Welt- und Menschenkenntniß und zur Aneignung einer über das Gewöhnliche hinausgehenden allgemeinen philosophischen und litterarischen Bildung. Das Ergebniß seiner Beobachtungen legte er, nachdem noch eine längere Reise ihn mit England bekannt gemacht hatte, in der Form von Briefen nieder. Im J. 1698 war er wieder in Bern und trat hier in die Ehe; aber seine religiöse Denkweise vermochte sich in das Bernische Staatskirchenthum nicht mehr zu fügen. Er hielt sich grundsätzlich vom öffentlichen Gottesdienste fern, wurde deshalb angeklagt und verhört, in einen eben damals gegen eine Anzahl von Pietisten schwebenden Proceß verwickelt, und nach beharrlicher Weigerung durch Regierungsbeschluß am 15. Februar 1701 aus seiner Heimath verbannt. Er begab sich zunächst nach Genf, und zog sich, auch hier beunruhigt, nach dem Dorfe Colombier im Fürstenthum Neuenburg zurück, wo er ein ansehnliches Landgut besaß. Von der Welt abgeschieden und als Sonderling betrachtet, führte er hier ein einsames beschauliches Leben und starb am 20. November 1749, nachdem er sich 1737 zum zweiten Male verheirathet hatte. Er soll Mitglied oder Haupt einer Secte von „Inspirirten“ gewesen sein und noch 1740, 75 Jahre alt, eine Reise nach Solingen unternommen haben, um Teerstegen zu sehen. Sein Hauptwerk sind die „Lettres sur les Anglais et sur les Français“. Wol in Folge seiner ernsten Gemüthsrichtung hatte er eine Anzahl dieser Briefe vernichtet, da indessen andere trotzdem bekannt geworden und verbreitet, zum Theil sogar gedruckt worden waren (es wird eine Ausgabe von 1712 erwähnt), so gestattete er schließlich einigen Freunden, die noch vorhandenen Briefe, 30 Jahre nach ihrer Entstehung, wie die Vorrede sagt, aber in umgearbeiteter Gestalt, 1725, erscheinen zu lassen, doch ohne den Namen des Verfassers zu nennen. Es enthalten diese in trefflichem Französisch geschriebenen Abhandlungen eine geistreiche Charakteristik der beiden Nationen, ihrer staatlichen, religiösen, litterarischen und gesellschaftlichen Zustände. Mit unverkennbarer Sympathie wird namentlich der Typus des englischen Landedelmanns geschildert, mit seiner materiellen und geistigen Unabhängigkeit und seiner Neigung zu excentrischem Wesen. Weniger gelungen, auch kürzer, ist der zweite Theil, der die Eigenthümlichkeiten des französischen Volkes zu zeichnen versucht. Bemerkenswerth ist, daß er Shakespeare besonders hervorhebt, während er hingegen im Lustspiele Molière über alle Engländer stellt. Die Schrift machte bedeutendes Aufsehen. Es werden im Ganzen 12 verschiedene Ausgaben – wohl meistens Nachdrucke – namhaft gemacht, und dazu kamen Uebersetzungen in die englische und in die deutsche Sprache (Weimar 1761. „Des Herrn v. Muralt Briefe“ u. s. w.). Ein Franzose (Abbé Desfontaines?) schrieb dagegen eine „Apologie du caractère des Français et des Anglais“. Einigen dieser Ausgaben sind noch andere Schriften beigefügt: „Lettres sur les voyages“, „Lettre sur l’esprit fort démasqué aprés sa mort“, „L’instinct divin recommandé aux hommes“. Im J. 1736 erschienen noch von ihm „Lettres fanatiques“, eine Vertheidigung des mystischen Christenthums gegen den orthodoxen und heterodoxen Rationalismus. Manche Schriften wurden ihm auch fälschlich zugeschrieben. M. galt als Pietist; wie aber aus seinen noch erhaltenen Rechtfertigungsschreiben hervorgeht, war er in seinen Ansichten wol eben so sehr vom damaligen englischen Deismus beeinflußt. Charakteristisch ist in dieser Beziehung die Art, wie er sich auf die „parole intérieure“, [53] und auf sein Gewissen beruft, und noch mehr die Bemerkung, die er über England macht: daß es in diesem Lande mehr ausgesprochene Freidenker gebe, als sonst, sei nicht in Abrede zu stellen; in dieser Erscheinung liege jedoch nichts, was der Nation Unehre mache, denn es seien dies nur die nämlichen Leute, welche in anderen Ländern Heuchler sein würden, und welche Species schlimmer sei, könne nicht zweifelhaft sein. Handschriftliche Tractate, welche seinen Namen tragen, beweisen indessen, daß er sich später wirklich einer schwärmerischen Richtung zuwandte.

Biographie universelle, tom. XXX. 419–20. – Walthard, Description de Berne, p. 224. v. Tillier, Geschichte von Bern, Bd. V, S. 460. 473. – Acta Pietistica. Handschriftliche Sammlung der Stadtbibliothek in Bern. – Originalacten des Berner Staatsarchivs. – Handschriftliche Notizen von Professor Dr. Ed. v. Muralt.