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Artikel „Huschke, Emil“ von Nikolaus Rüdinger in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 13 (1881), S. 449–451, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Huschke,_Emil&oldid=- (Version vom 3. Oktober 2023, 08:37 Uhr UTC)
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Huschke: Emil H., Professor der Anatomie und Physiologie an der Universität Jena, geb. am 14. Decbr. 1797 als zweiter Sohn des herzogl. weimarischen Leibmedicus H. in Weimar († 1828). H. besuchte das Gymnasium in Weimar und bezog im Alter von 16 Jahren gemeinsam mit seinem älteren [450] Bruder die Universität Jena, wo beide dem Studium der Medicin oblagen. Bei der Gründung der deutschen Burschenschaft betheiligten sich die beiden Brüder und sie feierten auch das denkwürdige Fest auf der Wartburg mit. – Die damals in voller Blüthe stehende naturphilosophische Richtung fand in H. einen begeisterten Anhänger, denn er schloß sich an Oken innig an und beschäftigte sich eingehend mit dem Studium der Philosophie, besonders mit jener Kant’s, die er noch im späteren Alter mit Vorliebe pflegte. In den morphologischen und physiologischen Disciplinen war H. nüchtern genug, um eine ganz objective Bahn einzuschlagen und derselbe muß hier als Mitbegründer der exacten Methode der Forschung angesehen werden. Huschke’s Doctordissertation („Quaedam de organorum respiratoriorum in animalium serie metamorphosi generatim scripta et de vesica natatoria piscium quaestio“), welche er 1818 in Jena geliefert hat, wurde von den älteren Sachkundigen sehr günstig beurtheilt und ihm ein günstiges Prognosticon für die akademische Laufbahn gestellt. Nach seiner Promotion besuchte er Paris und zurückgekehrt von dort habilitirte er sich in Jena auf Grund der Abhandlung: „Ueber Physiognomik und Mimik“. Dieser Universität blieb H. ein treuer Anhänger bis zu seinem Tode, der am 19. Juni 1858 erfolgte. Im J. 1820 veröffentlichte H. noch eine weitere Schrift: „De embryologia hominis“ und von dieser Zeit an las er auch entwicklungsgeschichtliche Vorlesungen. Seine Lehrthätigkeit war eine sehr ausgedehnte, denn sie erstreckte sich auf Physiologie, vergleichende Physiologie, Naturgeschichte, Zoologie und medicinische Anthropologie, wobei er als vollständiger Beherrscher der lateinischen Sprache, dieselbe gerne verwerthete. – Nachdem H. im J. 1824 außerordentlicher Professor und 1826 ordentlicher Honorarprofessor mit dem Rechte eines außerordentlichen Beisitzers und dem Auftrage der Abhaltung von Examina in der medicinischen Facultät in Jena geworden war, erhielt er 1827, nach dem Tode von Loder, die ordentliche Professur für Anatomie und das Directorium über das anatomische Institut. Von dieser Zeit an entwickelte H. neben seiner Lehraufgabe, eine bedeutende litterarische Thätigkeit. Sehr häufig besuchte derselbe die in ihrem ersten Aufblühen begriffenen Naturforscher-Versammlungen und machte in den Sectionssitzungen gerne Mittheilungen über seine neuesten Forschungsresultate. Unter den anatomischen Arbeiten verdienen besonders hervorgehoben zu werden die Splanchnologie, als Abtheilung in dem von R. Wagner neu herausgegebenen Sömmering’schen Werke: Vom Baue des menschlichen Körpers. Diese Arbeit Huschke’s über die Eingeweide und über die Sinnesorgane ist eine meisterhafte und in vielen Beziehungen heute noch mustergiltige Originalschöpfung, die so manche Leistung der Gegenwart an Vollständigkeit und Originalität übertrifft. In diesem Buche sind auch zwei Tafeln, welche horizontale Durchschnitte der verschiedenen Rumpfabschnitte darstellen, deshalb erwähnenswerth, weil H. hierdurch zum Mitbegründer der topographisch-anatomischen Richtung wurde, welche in der neuesten Zeit die descriptive Anatomie so nachdrucksvoll erweitert und ergänzt hat, daß man diejenigen als in ihrer Disciplin zurückgebliebene Anatomen bzeichnet, welche keine Durchschnitte studirt haben. – Von 1845 an beschäftigte sich H. mit Fragen über Schädel, Hirn und Seele bei dem Menschen und den Thieren und nach 9jährigen Studien erschien eine Abhandlung unter diesem Titel, in welcher jener Abschnitt, der die Beobachtungen enthält, höchst bedeutungsvoll ist, während in den drei Kapiteln der Schlußbetrachtung, in denen H. „einen Ausflug in das geistige Land wagt“, der naturphilosophischen Speculation freies Spiel gelassen wird. Hält auch die speculative Betrachtung über „den Sitz der Seele und ihre Verbindung mit dem Körper; über das Hirn, ein elektrischer Apparat, und die Verbindung des Hirns und Geistes mit den Sinnen“ einer strengen Kritik gegenüber [451] nicht Stich, so muß doch die Jetztzeit H. als treuen Mitarbeiter bei Einführung der exacten Forschungsmethode ehren. Sicherlich hat seine philosophische Bildung nicht wenig zu seinen Fragestellungen bei der Beschäftigung mit dem Hirn beigetragen. Die Zahl der kleineren Aufsätze, Reden und monographischen Abhandlungen, welche H. verfaßt hat, ist ziemlich groß und alle liefern den Beweis, daß demselben jenes höhere Streben eigenartig war, welches nur das eine Ziel kennt: die Wissenschaft als solche zu fördern. In dieser Hinsicht zeichnen sich ganz besonders seine entwicklungsgeschichtlichen Arbeiten aus; so die „De embryologia hominis“, 1820, „Ueber die Umbildung des Darmkanales und der Kiemen bei den Froschquappen“, 1825; „Ueber die Kiemenbögen und Kiemengefäße beim bebrüteten Hühnchen“, Isis 1827, Heft III, Isis 1828, Heft II und jene schöne Entdeckung der Gehörzähne in der Schnecke des Vogelohres, Müller’s Archiv 1835.

H. war sehr glücklich in seiner Familie; mit seinem einfachen schlichten Rechtsinn hatte er in der medicinischen Facultät in Jena großes Ansehen; viele Akademien und naturhistorische Gesellschaften ehrten ihn durch Aufnahme in ihren Mitgliederkreis. Die nach seinen Wünschen neu erbaute anatomische Anstalt in Jena konnte er nicht mehr beziehen, denn kaum war die für das dreihundertjährige Jubiläum der Universität Jena bestimmte Abhandlung Craniosclerosis totalis rhachitica“ vollendet, erlag er am 19. Juni 1858 einer Gehirnentzündung. In der Geschichte der Morphologie wird H. noch nach Jahrhunderten als einer der besten Forscher und Förderer derselben gekannt sein.