ADB:Escher, Caspar

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Artikel „Escher, Johann Kaspar“ von Hermann Wartmann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 6 (1877), S. 359–362, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Escher,_Caspar&oldid=- (Version vom 25. Februar 2020, 10:48 Uhr UTC)
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Escher: Johann Kaspar E., Baumeister und Maschinenfabrikant, geb. den 10. August 1775, † den 29. August 1859. Hans Kaspar E., einer der würdigsten Sprößlinge der bekannten Züricher Familie dieses Namens, war eine jener Naturen, die bei der entschiedensten Befähigung, man darf wol sagen bei angeborenem Genie für ein gewisses Gebiet der menschlichen Wirksamkeit dennoch längere Zeit umhertasten müssen, bis sie das Arbeitsfeld gefunden haben, für welches sie berufen und auserwählt sind. Bei aller Lebhaftigkeit des Geistes zeichnen sie sich bei den Lehrern gewöhnlichen Schlags nirgends aus; sie mühen sich redlich ab in dem ihnen zuerst von wohlwollenden Eltern und Verwandten zugewiesenen praktischen Berufe, ohne den auf sie gesetzten Hoffnungen und Erwartungen zu entsprechen und ohne sich selbst zu genügen; sie werden endlich durch unwiderstehlichen inneren Drang auf das ihnen vor Augen liegende, dem noch immer verdeckten wirklichen Lande der Verheißung nächst verwandte Gebiet getrieben, bis erst in reiferem Alter eine glückliche Fügung, wie zur Belohnung für unverdrossenes, tüchtiges Streben sie mit jenem Element zusammenbringt, für welches sie eigentlich geschaffen sind. Wie Schuppen fällt es plötzlich von ihren Augen; fest und unbeirrt, wie eine Naturkraft, greifen sie ein mit schöpferischer Lust; fest und unbeirrt wandeln sie von diesem Augenblicke an ihres Weges in dem ruhigen Bewußtsein, ihre Bestimmung zu erfüllen. So stellt sich das Leben Escher’s dar.

Abgestoßen von dem trockenen, formal-sprachlichen Unterricht der damaligen Gelehrtenschule Zürichs, nicht sonderlich angeregt von dem Unterricht an der sogen. Kunstschule, in die ihn sein Vater auf dringende Bitten versetzte, fand der lebhafte Jüngling auch hinter den Schreibbüchern des väterlichen Comptoirs keine Befriedigung und begrüßte die Theilnahme an einer militärischen Grenzbesetzung bei Basel zur Wahrung der schweizerischen Neutralität in dem deutsch-französischen Kriege von 1793 als eine Erlösung. Er zeigte ebenso große Vorliebe, wie großes Geschick für den Militärdienst und kehrte als Feldwebel nach Hause zurück. Als Lehrling mußte der Jüngling nun zwar nicht wieder einstehen; [360] aber daß er sich als einziger Sohn dem väterlichen Seidengeschäft widmen werde, galt immer noch als selbstverständlich. In einem Geschäftshause zu Livorno sollte er sich für dasselbe tüchtig machen. Mit einem treuen Züricher Freunde zog der junge Mann frohen Muthes über die Alpen (October 1793).

Principale und Geschäftsverhältnisse an dem neuen Wohnorte trugen nicht dazu bei, die bisher vermißte Liebe zu dem ihm bestimmten Berufe zu wecken. Vor jenen konnte E. ebenso wenig Achtung gewinnen, wie vor den meisten seiner jugendlichen Standesgenossen, die sich in der Seestadt einem liederlichen Leben ergaben. Die Geschäfte lagen darnieder in Folge der französischen Revolutionskriege, in welche Italien immer mehr verwickelt wurde. Daß E. dennoch seine Pflichten gewissenhaft erfüllte, verstand sich bei seinem Charakter von selbst. In den Freistunden und Freitagen trieb ihn aber Neigung und Liebhaberei vor allem zum Studium des Schiffsbaues, wozu der belebte Hafen reichlich Gelegenheit bot, und zur eingehenden Betrachtung der Bauwerke und Kunstschätze in den benachbarten Städten Toscana’s. Schon damals schrieb er vorahnend in sein Tagebuch: „Gewiß werde ich mich nach meiner Rückkunft in die Heimath hauptsächlich auf mechanische Künste, Baukunst und Geometrie legen. Mein Kopf begreift solche Dinge leicht und scheint eher dafür, als für die Handlung geschaffen zu sein.“ Diese dem Sohne immer klarer zum Bewußtsein kommende, dem Vater gegenüber immer deutlicher ausgesprochene entschiedene Anlage, zusammen mit dem nachtheiligen Einflusse des Klimas von Livorno auf die Gesundheit des Sohnes und dem schlechten Geschäftsgang, führten nach Jahresfrist dazu, daß der Vater eine Reise durch Italien in Vorschlag brachte; E. wollte sie aber nur unter dem Vorbehalt antreten, daß er sich auf derselben zum Baumeister ausbilden dürfe. Was ihn zu diesem Berufe hinzog, war ohne Zweifel nicht so sehr der allerdings in gewissem Grade auch vorhandene ästhetische Sinn, als der unüberwindbare Zug zum Studium und zur Lösung der mechanischen Probleme, die der Baukunst zu Grunde liegen.

Die Einwilligung des Vaters wurde gegeben und im October 1794 siedelte E. nach Rom über, um sich dort beinahe drei Jahre mit der ganzen Energie seines Wesens der gründlichsten Ausbildung in dem neu ergriffenen Berufe zu widmen, in anregendem Umgange mit zahlreichen schweizerischen, deutschen und französischen Künstlern und Kunstbeflissenen. Ende Sommers 1797 vertrieb ihn nebst vielen Andern der zunehmende Haß gegen die Fremden, die ohne Unterschied der Nation als „Franzosen“ ihres Lebens vor dem aufgeregten Pöbel nicht mehr sicher waren. Als E. nach vierjähriger Abwesenheit wieder in das Vaterland zurückkehrte, stand dieses am Vorabende der schwersten Krise, die es jemals durchgemacht hat. Wo sollte in den schrecklichen Jahren 1798–1803 in der Schweiz der Muth kommen zu baulichen Unternehmungen, die einem aufstrebenden jungen Architekten ein erfreuliches Wirkungsfeld geboten hätten? Wenige kleinere öffentliche und Privatbauten sind aus dieser Zeit auf Escher’s Thätigkeit als Baumeister zurückzuführen. Eine Zeit lang arbeitete er als Bauführer an der jüdischen Schule und Synagoge in Karlsruhe. Aber volle, reiche Thätigkeit und wirkliche Befriedigung seiner ungeduldig vorwärts drängenden, nach kräftiger Wirksamkeit verlangenden Natur war noch immer nirgends zu finden.

Da stieg in ihm der Gedanke auf, sich an der Construction mechanischer Spinnstühle zu versuchen; sei es nun in Erinnerung an einen Besuch der ersten mechanischen Spinnerei in St. Gallen, sei es auf Anregung des sehr begabten Freundes Johann Rudolf Heß. Festzustehen scheint eine Reise der beiden jungen Männer nach Sachsen, um sich mit den dortigen, schon in größerem Maßstabe betriebenen Spinnereieinrichtungen näher bekannt zu machen, und die darauf erfolgte Anfertigung eines von Hand getriebenen Spinnstuhls durch E. (1803). [361] Mit diesem ersten Versuche in der Maschinenconstruction war E. endlich auf das seiner innersten Natur und Anlage wirklich entsprechende Gebiet gekommen. Er gewann zunächst das Interesse und Vertrauen des Vaters für seine Projecte, dann, nach einem gelungenen Versuche des Betriebs einer selbstgefertigten Maschine durch Wasserkraft (1804), auch das Vertrauen anderer wohlhabender Männer in das Gelingen einer größeren Unternehmung. Wie in St. Gallen schon im Jahre 1801, so bildete sich nun 1805 auch in Zürich eine Actiengesellschaft zur Einführung der mechanischen Baumwollspinnerei, mit einem Actiencapitale von 80000 Gulden. Sie kaufte die am nordwestlichen Ende der Stadt Zürich, auf dem rechten Ufer der Limmat gelegene Paradies- oder Neumühle und begann 1807 ihre Geschäfte unter der Firma Escher, Wyß & Comp. E. war Kopf und Seele des ganzen Unternehmens. Er war sofort nach Constituirung der Gesellschaft in Begleitung eines Mechanikers nach Paris und Rouen gereist, um unter Ueberwindung zahlloser Schwierigkeiten die besten Modelle und Maschinentheile jeder Art zu erwerben und nach der Schweiz zu bringen; denn an einen Bezug der ängstlich als Geheimniß gehüteten ganzen Maschinen von auswärts war nicht zu denken. Unter seiner Leitung wurde dann die Constructionswerkstätte erstellt, wurden Spinnstühle und Vormaschinen ausgearbeitet und die ganze Spinnerei eingerichtet. So guten Absatz ihre Garne fanden, so zeigte sich doch noch lebhafteres Begehr nach den trefflichen neueren Maschinen, und die Gesellschaft besann sich nicht lange, diesem Begehr zu entsprechen. Damit war es schon 1810 entschieden, daß das Geschäft Escher, Wyß & Comp. in erster Linie Maschinenwerkstätte werden würde, gegen welche die eigene Spinnerei bald zurücktrat und mehr zur Erprobung neuer Maschinen und Erfindungen, als für eine regelmäßige Garnproduction ihre Bedeutung beibehielt. Sehr rasch dehnte sich noch während des Continentalsystems die mechanische Spinnerei in der Ostschweiz und bald auch über die Grenzen der benachbarten Staaten aus, seitdem die vollständige Ausstattung für die zahlreichen kleineren und größeren Fabriken von der Neumühle bezogen werden konnte. Ganz freie Bahn aber zur kräftigsten Entfaltung erlangte die Schöpfung Escher’s erst, als durch den Sturz der Napoleonischen Herrschaft über den Continent England mit allen Wundern seiner jugendlichen Maschinenindustrie wieder zugänglich wurde. Im J. 1814 betrat E. zum ersten Male den Boden des gelobten Landes, wo er sich endlich ungehemmt an dem Studium der ihn rings umgebenden mechanischen Einrichtungen ersättigen durfte und ohne Zögern regelmäßige Verbindungen mit den tüchtigsten Fachmännern anknüpfte. Ein neuer Geschäftszweig nach dem andern wurde nun in den Bereich der Thätigkeit der Neumühle gezogen, ein Gebäude nach dem andern der ersten Anlage beigefügt und alles so, daß es den geordneten Gang des Ganzen in keiner Weise störte. Transmissionen, Wasserräder, Turbinen, Dampf- und Wasserheizungen, Werkzeugmaschinen, Dampfkessel, dann ganze Dampfschiffe und Locomotiven wurden angefertigt, neben den Baumwollspinnereien auch Flachsspinnereien und Papiermühlen ausgerüstet, schließlich neben dem einheimischen Etablissement Filialen in Ravensburg (Würtemberg) und in Leesdorf bei Wien gegründet. Mit dem Anfang der vierziger Jahre war die Neumühle unbestritten nicht blos die erste mechanische Werkstätte in der Schweiz, sondern auch eine der größten und berühmtesten des europäischen Festlandes. Sie arbeitete für alle Länder desselben. Von ihren Verbindungen mit England, wohin E. wiederholte Reisen unternahm, kam ihr immer neue Kraft und Anregung, die ausgiebigste durch die Ausbildung des vielleicht noch höher begabten Sohnes Gustav Albert E. (geb. 1807) in Manchester. Mit allen Fachkenntnissen ausgerüstet und voll kühner, weitausgreifender Entwürfe war der Sohn dem Vater zur Seite getreten, zuerst als technischer Chef der Neumühle, dann als wirklicher Geschäftstheilhaber. Da [362] wurde er in der Blüthe des Lebens von der Lungenschwindsucht ergriffen und erlag derselben im J. 1845. Ein schwerer Schlag für die entferntere Zukunft des großartigen Geschäftes, ein schwererer für den Vater, dessen unerschöpfliche Arbeitskraft und geistige Frische bei ziemlich zartem Körper trotzdem vollkommen ausreichten, um die Neumühle bis an seinen friedlichen Hinschied auf ihrer vollen Höhe zu erhalten. Die ursprünglichen Actienantheile des Unternehmens waren schon seit Ende 1850 durch Auslösung sämmtlich in dem Besitze Escher’s selbst und der Familie v. Muralt, welcher seine Gattin angehörte.

An dem öffentlichen Leben betheiligte sich E. nicht in hervorragender Weise. Er suchte keine Aemter, saß aber einige Jahre in der cantonalen gesetzgebenden Behörde und zeigte in derselben mehr Vorliebe für Erhaltung des Bestehenden, als für hastige Neuerungen. Die Bewegung des J. 1830 entfernte ihn daher aus dem Cantonsrathe. In seinem Geschäfts und Privatleben erwies sich E. als ein Mann von vollendeter Rechtlichkeit, von wahrer Herzensgüte und ausnehmender Bescheidenheit und Einfachheit des Auftretens bei aller raschen und ruhelosen Thatkraft. Was ferner ihn, wie seinen frühe verstorbenen Sohn besonders auszeichnete, war ein merkwürdiger Scharfblick in der Auswahl und ein nicht geringes Geschick in der Behandlung der zahlreichen Angestellten, die er zur Leitung seiner großartigen Schöpfungen bedurfte. Die größten Anforderungen stellte der Mann an sich selbst, große, doch billige an seine Mitarbeiter vom obersten bis zum untersten; für deren Wohl war er bedacht, wie für sein eigenes. E. wird wahrscheinlich der erste Unternehmer in der Schweiz gewesen sein, der mit der Errichtung wohlgelegener und wohleingerichteter Wohnungen für seine Arbeiter begonnen hat, von denen, wo nicht die meisten, so doch die besten sich für ihr Leben mit der Neumühle und deren Schöpfer verbunden fühlten.

Lebensbild des Johann Kaspar Escher im Felsenhof. Neujahrsschrift des Waisenhauses in Zürich 1868 (von Prof. Mousson).