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Autor: Marie Bernhard
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Titel: „Onkel Zigeuner“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, 19, S. 300–306, 318–323
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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„Onkel Zigeuner.“

Novelle von Marie Bernhard.

Er sah wirklich so aus wie ein Zigeuner: geschmeidiger Wuchs, gelenke Glieder, straffes Haar, rabenschwarz, mit bläulichen Lichtern durchsetzt – ein Kolorit wie Bronze und ruhelose dunkle Augen. Er war aber Germane von reinstem Geblüt, und kein Mitglied seiner Familie hätte zu sagen gewußt, wie er zu diesem Aeußern kam. Gewiß, es hatte brünette Leute unter den Gräfenbergs gegeben und Leos Mutter hatte dunkles Haar, dunkle Augen gehabt, allein von sarmatischem Typus keine Spur! Selbst in größeren Städten blieben die Leute oftmals auf der Straße stehen und sahen ihm nach, weil er ein so auffallendes Aeußere hatte.

Freilich gab er den Leuten in großen Städten selten Gelegenheit, ihm nachzuschauen. Leo Gräfenberg war Landmann, er haßte den Lärm, die Hitze und das rastlose Treiben der Stadt. Es war ihm auch unangenehm, so dreist und fragend gemustert zu werden, wie viele dies thaten, er hätte diese neugierigen Augen immer von sich abwehren mögen wie zudringliche Mücken. Da er dies nicht konnte, vermied er die Städte soviel wie irgend thunlich und blieb lieber in seiner grünen Einsamkeit, auf seinem von Wäldern umgebenen, von einem großen See bespülten Landsitz. Grünholm hatte er von seinem Vater geerbt und die umwohnenden Gutsbesitzer behaupteten, es möchte nicht leicht jemand geben, der mit gleicher Liebe an seiner Scholle hinge, wie Leo Gräfenberg dies that. Ja, sie pflegten hinzuzusetzen, diese guten Nachbarn, die Scholle sei überhaupt das einzige auf der Welt, was Leo wirklich liebte.

Verhielt sich das in Wahrheit so? …

Ein kleines Knäbchen war er gewesen, kaum vier Jahre alt, als ihm die Mutter starb. Er bewahrte keine Erinnerung mehr an sie, nur noch an die Zeit, die auf ihren Tod folgte, da der Vater viel abwesend war und da er selbst, ein scheues, eigenwilliges und verschlossenes Kind, sich zwischen Dienstboten, Hunden und Pferden herumtrieb, mehr daheim in den Ställen als in seinem hübsch eingerichteten Kinderzimmer, wo seine Spielsachen ihn ansahen wie tote Dinge, seit keine Mutterhand mehr da war, sie aufzustellen und zu beleben.

Dachte er später an jene Zeit zurück, so erschien es ihm, sie habe sehr lange gedauert – jedenfalls hatte sie hingereicht, ihn völlig verwildern zu lassen, zum Verkehr mit gesitteten Menschen beinahe untauglich zu machen.

Da geschah es eines Tages, daß sein Vater nach längerer Abwesenheit wiederkehrte, das ganze Haus und den Garten neu in stand setzen ließ, sich um seinen Sohn kümmerte, mit Entsetzen die Verfassung, in welche derselbe geraten war, entdeckte und von einer schleunigst engagierten Erzieherin nichts mehr und nichts weniger als das Kunststück verlangte, sie solle auch den verwahrlosten Leo schleunigst „neu in stand“ setzen, damit er repräsentabel werde, und zwar binnen fünf bis sechs Wochen! – Die Dame, der diese Aufgabe zugemutet wurde, ging mit unerschrockenem Mut heran, allein sie hatte ihre Kraft überschätzt und diejenige ihres hoffnungsvollen Zöglings zu gering geachtet, denn sie mußte alsbald erkennen, es sei durchaus unmöglich, sich mit dem Knaben zu stellen oder auch nur zu verständigen, wenn es nicht gelänge, sich seine Zuneigung zu erwerben – und diese blieb ihr konsequent versagt.

Als daher, nach Ablauf der anberaumten sechs Wochen, Gräfenberg der Vater wieder anlangte, mußte er zwar der pädagogischen Dame das ausgemachte Gehalt zahlen, zugleich aber einsehen, das Resultat ihrer Bemühungen sei gleich Null gewesen, wofern sie nicht die Sache noch verschlimmert, das Kind noch ungebärdiger und menschenfeindlicher gemacht habe.

Er war es nicht allein, dem sich diese Wahrnehmung aufdrängte. Mit ihm kam eine sanft aussehende blonde Dame, die den Insassen des Hauses als dessen neue Herrin, dem kleinen Leo als seine neue Mutter vorgestellt wurde. Sie brachte ein etwa zwölfjähriges Mädchen mit, blond wie sie, ihre Tochter Käthe, denn Frau Merwin war seit acht Jahren Witwe gewesen und nahm ihr einziges Töchterchen mit hinüber in die zweite Ehe.

Leo bereitete der neuen Mama keinen verbindlichen Empfang. Er stand, die Hände zu Fäusten geschlossen sein dunkles Zigeunergesicht auf die Brust gesenkt, die Lippen trotzig aufeinandergepreßt, mitten im Zimmer und hatte auf alles Zureden, Bitten, Versprechen, endlich Drohen nichts weiter als ein verstocktes Schweigen und Kopfschütteln, bis sein Vater ihn ergrimmt beim Kragen faßte und in ein leeres, abgelegenes Zimmer setzte, wo er „zur Vernunft“ kommen sollte! – Ach, weder kam er zur Vernunft, noch kam sie zu ihm, statt dessen bearbeitete er die verschlossene Thür mit Fußstößen und Faustschlägen und schrie so lange, bis er ohne Stimme war. Endlich schlief er, auf dem Boden liegend, vor lauter Erschöpfung ein, und als er erwachte, dunkelte draußen der Abend, und am Fenster auf der breiten Brüstung kauerte eine helle, zierliche Gestalt, die klopfte mit leichtem Finger an die Scheiben und bat um Einlaß.

Verwirrt und schwindlig, mit brennenden, schmerzhaften Augen und pochenden Schläfen erhob sich der Knabe von den Dielen und öffnete das Fenster … und durch dies offene Fenster zog Liebe und Frieden und der ganze unsagbare Segen einer glücklichen Kindheit in das vereinsamte, mißverstandene kleine Herz. Die neue Schwester Käthe war’s, die Leo vor kaum vier Stunden mit ebenso mißtrauischen finstren und feindlichen Augen angestarrt hatte wie ihre Mama, die ihm die Mutter ersetzen sollte. Käthe hatte den eigenwilligen Jungen mit dem dunklen Gesicht zwar sehr unartig gefunden, aber nebenbei hatte er ihr leidgethan, und sie nahm sich’s sofort vor, sobald sie nur unbemerkt abkommen könnte, ihn trösten zu gehen. Dies hatte sich schwer ausführen lassen, da Besuch erschienen war und Mama die Anwesenheit des Töchterchens wünschte. Jetzt, während der Dämmerung, achtete niemand auf Käthe, und so kam sie zu Leo durchs Fenster. Sie brauchte keinerlei Ueberredungskünste und keine pädagogischen Kunstgriffe dem Knaben gegenüber, ihr gesunder Sinn lehrte sie instinktiv das Richtige. Sie kauerte neben Leo auf den Fußboden nieder und schob ihm ein Stück Kuchen in den Mund mit der Bemerkung: „Das hab’ ich mir in aller Stille für dich in die Tasche gesteckt – du mußt ja fürchterlichen Hunger haben!“

Der Junge nickte, halb zornig, halb kummervoll, und kaute dann tapfer drauf los.

„Du weißt doch, daß ich die Käthe bin?“ hieß es nach einer kleinen Weile.

Wieder stummes Kopfnicken.

„Und wir werden sehr fein zusammen spielen. Ich kann allerhand schöne Sachen!“

„Na – was denn für welche?“ kam es zögernd, halb widerwillig heraus.

„Figuren ausschneiden und antuschen und kleben und schnitzen –“

„Auch Pferde? Auch Hunde? Auch Soldaten?“

„Natürlich! Hat mir alles meine Mama gezeigt!“

„Die will ich nicht! Die soll wieder weggehen!“

„Soll ich denn auch mit fort?“

„Nein! Du nicht! Du kannst bei mir bleiben!“

„Ja, aber nicht ohne meine Mama! Wo die ist, da muß ich auch sein!“

„Aber die kann ich nicht leiden! Die ist nicht meine Mama!“

„Dein Papa ist auch nicht meiner, und ich muß ihn doch leiden können!“

Leo versank in Nachdenken, während er den Rest des Kuchens verzehrte. Er sah Käthe von der Seite an, wie sie da neben ihm kniete und zu ihm sprach. Die neue Mutter war ihm sehr unbequem, aber Käthe wollte er keineswegs wieder hergeben, das stand bei ihm fest.

Und er gab sie nicht wieder her – gab sie nie wieder aus seinem Herzen heraus für sein ganzes Leben. Wie sie es verstanden hatte, rasch, unvermittelt sich des Knaben Liebe zu gewinnen, so wußte sie ihn allmählich an die Mutter zu gewöhnen, wußte ihm das Herz des Vaters zurückzuerobern, bekam es fertig, ihn aus Ställen und Scheunen herauszubringen und dem ausschließlichen Verkehr mit Knechten und Kutschern zu entfremden. Käthe war es, die dem Wildling das Stillsitzen im Zimmer, das [302] ruhige Zuhören und Abwarten beibrachte, Käthe, die ihm, halb spielend, den ersten Unterricht erteilte und das erste Zeugnis ausschrieb. Oft genug war er unlenksam und widerspenstig, aber die neue Schwester besaß ein Zaubermittel, das niemals fehlschlug: sie kümmerte sich dann nicht um ihn, sondern ging ruhig ihres Weges, als existierte er nicht für sie. Und das konnte Leo nicht ertragen, sie sollte da sein, durchaus und immer da sein! Die neue Mutter, eine sanfte, passive Natur, gewann wenig Einfluß auf den Knaben, ihr genügte es, wenn er nicht trotzig und unartig war, sobald sie ihn beschäftigt wußte, und die Ueberzeugung, er habe weiter keine Abneigung mehr gegen sie, sondern begegne ihr ohne jeden Zwang freundlich, befriedigte sie vollkommen. Käthe forderte viel mehr von ihm, und sie erreichte auch viel mehr. Beide hatten jetzt Unterricht, selbstverständlich gesonderten, da sie mehr als sechs Jahre älter war als er. Wie sie sich auszeichnete und beinahe immer vorzügliche Censuren davontrug, so erwartete sie es von ihm … und erwartete es nicht vergebens. In Arbeit und Spiel, in Wald und Feld, in Haus und Schulzimmer unzertrennliche Gefährten so wuchsen die zwei zusammengebrachten Geschwister heran, für zahlreiche Eltern unverträglicher Kinder in der Nachbarschaft ein willkommenes Beispiel. „Seht doch Leo und Käthe an, wie sie sich lieben, und das sind nicht einmal rechte Geschwister!“

Der neuen Ehe blieben Kinder versagt, und vielleicht trug dieser Umstand dazu bei, das Band, welches Bruder und Schwester umschloß, noch fester zu knüpfen, da sie mit niemand zu teilen brauchten und ganz aufeinander angewiesen waren. Groß war der beiderseitige Kummer, als es nach einigen Jahren glücklichsten Beisammenseins zur ersten Trennung kam, das fünfzehnjährige junge Mädchen sollte den landesüblichen „letzten Schliff“ in der Residenz bekommen, der neunjährige Junge mußte auf’s Gymnasium, zunächst auf dasjenige einer nahen Kleinstadt, wo die Eltern ihn besser überwachen und des öfteren sehen konnten.

Leidenschaftlich schmerzliche Abschiedsscenen wechselten fortan mit stürmischem Wiedersehensjubel. Käthe gefiel sich wohl in der Residenz und ging mit Eifer ihren mannigfachen „Studien“ nach, aber was war das alles gegen ihr Leben mit dem „Zigeuner“ – sie nannte ihn unweigerlich so! – gegen ihre gemeinsamen Streifzüge durch Wälder und Wiesen, ihre endlosen Plaudereien, ihre Kindheitserinnerungen und Zukunftspläne. Und was waren Leos Schülererlebnisse, sein Pensionsleben, seine Lehrer und Kameraden gegen diese „seine Käthe“, der man alles sagen konnte, die alles verstand – Freundin, Schwester, Lehrerin, „famoser Kerl“, alles in einer Person. Sie wollten nie heiraten, die beiden, das stand für sie ganz fest! Nach ihrem Lebensplan wurde Leo Landwirt, übernahm später Papas Gut und Käthe zog zu ihm und führte sein Hauswesen … Punktum! –

Doch der Mensch denkt, und Gott Amor lenkt! Leo war knapp vierzehnjährig und eben zur Obertertia aufgerückt, da nahmen die Briefe der zwanzigjährigen Käthe eine sonderbare Färbung an, die Schreiberin verwickelte sich in schwierige und langatmige Perioden – – wie man nie wissen könne, was da komme – und wie man sich hüten müsse, in wichtigen Dingen etwas vorauszubestimmen – und wie sie jetzt leider kein Kind mehr sei … das heißt, sie meinte eigentlich nicht „leider“, denn sie wolle um keinen Preis wachsen – und von dem Zug des Herzens, den man durchaus als des Schicksals Stimme ansehen müsse, selbst wenn man sich genötigt sehe, darüber wortbrüchig zu werden – ihrer schwesterlichen Liebe sei ihr goldener, lieber, alter „Zigeuner“ ja für allezeit sicher … Der arme Leo griff sich an den Kopf und citierte. „Herr, dunkel ist der Rede Sinn“. Aber er blieb ihm nicht lange mehr dunkel!

Eine schöngestochene Anzeige klärte ihn alsbald auf, und diese Anzeige besagte in wohlgesetzten Worten, daß Fräulein Katharina Merwin sich mit Herrn Rechtsanwalt Trautwein in der Residenz verlobt habe. Der arme kleine „Zigeuner“ war wie vom Donner gerührt, er weinte in der Einsamkeit seines Zimmers die bittersten Thränen, er schwor sich zu, diesen Rechtsanwalt Trautwein zu hassen wie seinen ärgsten Feind, er sagte sich, diese verlobte Katharina Merwin sei gar nicht „seine“ Käthe mehr, sei eine fremde Dame, mit der er nichts zu teilen habe und sein Gratulationsbrief, der achte, der endlich fertig wurde, denn sieben hatte er als unbrauchbar zerrissen, war ein nichtssagendes, steifes, wohlstilisiertes Schriftstück, an dem keine Schwester der Welt ihre Freude haben konnte. Es half alles nichts! Käthe schrieb umgehend, Leos Brief sei einfach „ein Scheusal“ gewesen, im übrigen aber sei sie so grenzenlos glücklich durch ihren Gustav und ihr Gustav durch sie, daß niemand und nichts in der Welt diese Seligkeit stören könne, und ihr goldiger „Zigeuner“ solle nur zu den Ferien kommen und sehen, was Gustav für ein seltener Mensch wäre – ein Mensch, wie er überhaupt nur einmal im Leben vorkäme! Und Gustav ließe seinem Schwager Zigeuner sagen, er liebe ihn jetzt schon brüderlich und freue sich von Herzen, im Bunde der Dritte zu sein … Ach, eine goldechte Brautepistel, für die nur der arme Leo nicht das mindeste Verständnis besaß und kein Atom von gutem Willen, um zu einigem Verständnis zu gelangen!

Es war nicht zu umgehen, den geliebten Gustav kennenzulernen, und trotzdem Rechtsanwalt Trautwein in der That ein liebenswürdiger Mann war und alles that, die Sympathie seines jugendlichen Schwagers zu gewinnen – es wollte nicht recht werden. Der Zigeuner ballte zwar nicht mehr die Fäuste, noch setzte er die Zähne aufeinander und ließ sich einsperren, aber er blieb kühl und förmlich dem neuen Anverwandten gegenüber, und zu einem Bündnis zu Dreien kam es nicht. Leo ließ in seinem Herzen dem Rechtsanwalt jede Gerechtigkeit zu teil werden … er gab zu, der Mann war gut aussehend, intelligent, angenehm – alles recht! Nur hätte er ihm die Käthe nicht wegnehmen sollen, das konnte, nein, das konnte ihm der Zigeuner nimmermehr vergeben! Die Schwester hatte seine anfängliche Reserve bald überwunden, ihr gegenüber hielten Förmlichkeit und Kälte nicht stand, aber je mehr Leo sie, die in ihrem Glück doppelt reizend war, liebte und bewunderte, um so mehr zürnte er dem „fremden“ Menschen, der sie „ihm fortgenommen“ hatte.

Auf der fröhlichen Hochzeit, die mit allem Glanz, den das Gräfenbergsche Haus irgend aufzubieten wußte, gefeiert wurde, war der „kleine Zigeuner“ wie die ganze Nachbarschaft ihn nannte, ein stiller Gast – ja, wirklich, man konnte beinahe „Gast“ sagen, obwohl er in seinem Vaterhaus war. Da der Wohnsitz des jungvermählten Paares die Residenz und diese eine Tagereise von Leos Provinzstadt entfernt war, so gab es für den Knaben so bald kein Wiedersehen mit Schwester Käthe, nicht eher, als bis nach Jahresfrist dort ein Töchterchen geboren und der Bruder zur Taufe geladen wurde.

Wieder erschien ihm „seine Käthe“ in einem ganz neuen Licht, wie sie ihm nun zum erstenmal entgegentrat in ihrem jetzigen Heim, mit dem schlafenden Kindchen im Arm, das Leos Nichte sein sollte.

„Zum Paten kann ich dich natürlich nicht nehmen, mein Zigeuner,“ sagte Frau Käthe und fuhr ihm mit liebevoll streichelnder Hand über das dunkle Gesicht, „weil du nämlich noch nicht konfirmiert bist. Aber ich hab’ etwas anderes für dich gethan, was dir hoffentlich beweisen wird, wie du immer in meinen Gedanken bist und welchen Platz du, nach wie vor, in meinem Herzen einnimmst, trotzdem du dich die ganze letzte Zeit hindurch, gelinde gesagt komisch benommen hast.“

Und als der feierliche Taufakt vollzogen wurde, da erwies es sich, daß die „Kronprinzessin“ den Rufnamen Leonie erhielt dem „Onkel Zigeuner“ zu Ehren, trotzdem Rechtsanwalt Trautwein sowohl als seine Gemahlin eine entschiedene Antipathie gegen alle ungewöhnlichen Namen hegten. – Leo stand mit einem scheuen, gerührten Lächeln, in unbeholfener Haltung da und sah auf das winzige Ding von einem Menschenkinde, das man ihm in die Arme gelegt hatte, nieder.

„Denk’ nicht, daß du nichts weiter mit der Sache zu thun hast, als ‚Schön Dank’ zu sagen“, bemerkte Frau Käthe schelmisch. „Da du in einem halben Jahr ganz hierher übersiedelst, um der Wohlthat eines Residenzgymnasiums teilhaftig zu werden, und dann ein Mitglied unserer Häuslichkeit sein sollst, so hast du dich um diese deine angestammte Nichte Leonie Trautwein zu bekümmern hast, sie zu lieben, an ihrem leiblichen und geistigen Gedeihen den lebhaftesten Anteil zu nehmen und deinerseits alles dazu beizutragen, daß sie ein Glück und Stolz ihrer Eltern wird, befähigt, Götter und Menschen zu erfreuen!“

[303] Der Zigeuner erwiderte zunächst kein Wort auf diese wohl gesetzte Rede, aber als er nach Verlauf von sechs Monaten wirklich nach der Residenz und zu Trautweins ins Haus kam, traf er alle Anstalten, die Ermahnungen seiner Schwester in Thaten umzusetzen. Er hatte nie irgend welches Interesse für kleine Kinder gehabt – und welchem fünfzehnjährigen jungen Menschen könnte man das ohne weiteres zumuten? – aber die kleine Leonie … ja, das war eben eine Ausnahme! Konnte es auf Gottes weiter Welt noch andere Kinder geben, die so entzückend, so reizend waren, so lieblich zu bitten, so lustig zu lachen, so klug auszusehen wußten? Leo war felsenfest davon überzeugt, daß die Kleine einzig in ihrer Art sei. Er trug seine Bücher und Hefte ins Kinderzimmer hinüber, um dort zu arbeiten, während sie schlief, und ihr auch dann nahe zu sein, er fuhr sie in ihrem Wägelchen im Garten spazieren und nahm sie auf den Arm, sobald sie unruhig wurde. Er war nicht dazu zu bewegen, sich schlafen zu legen, sobald das Kind einmal krank war, er leitete ihre ersten Gehversuche und brachte ihr die erste Puppe. Wenn Leonies Eltern in Gesellschaft gingen, so wußten sie ihre Kleine bestens aufgehoben.- Leo war ja da und hütete sie wie sein Augenlicht.

Jedermann kann es sich denken, daß „Onkel Zigeuner“ sich für ein kleines Kind, das eben reden lernt, ganz besonders schwer ausspricht, dennoch war dies das erste, was die „Kronprinzessin“ sagte … so verstümmelt und undeutlich zwar, daß nur die geschärften Sinne des zärtlichen Onkels herausfanden, was das Kind eigentlich meinte. Aber das Glück und der Stolz von „Onkel Zigeuner“! Er mußte sich die Neckereien damit noch jahrelang gefallen lassen. Ach, mochten die Leute … Er wußte, was er gehört hatte!

Vier Jahre war Leonie alt, da hatte der Onkel das Gymnasium absolviert und sollte auf die landwirtschaftliche Akademie gehen, um sich auf seinen künftigen Beruf vorzubereiten. Was ihn die Trennung von dem Kinde kostete, erfuhr niemand, und das Kind selbst verstand es noch nicht. Er hatte geglaubt, sich von Schwester Käthe schwer losreißen zu können, er fühlte jetzt, welch’ leichter Abschied das gewesen war, nun es galt, von seiner Nichte Leonie zu scheiden.

Reizend genug war sie, seine „Angebetete“, wie die Freunde des Hauses sie nannten. Fein und zierlich gebaut wie ein Wachspüppchen, mit behenden Gliedern ganz hellem weichem Seidenhaar und lichtblauen Augen. Wenn sie auf „Onkel Zigeuners“ Knieen saß und er sein dunkles Haupt auf sie herabneigte, welch’ wunderlichen Kontrast dann diese beiden bildeten! Es hörte niemand, wenn er, ihr Händchen an seine Lippen gedrückt, dicht an ihrem Ohr ganz leise fragte. „Wirst du mich auch nie, nie vergessen?“ Die Kleine sagte jedesmal sehr ernst. „Nein, nie!“ und auf die zweite Frage. „Wen hast du am liebsten?“ lautete regelmäßig die Antwort. „Onkel Zigeuner!“

Ach, aber Trennung ist eine gefährliche Sache bei Kindern! „Aus den Augen, aus dem Sinn!“ – wenn überhaupt, so paßt das schlimme Sprichwort bei ihnen. Das wußte Leo nur zu genau, und er traf seine Maßregeln, so umsichtig er nur konnte. Er schickte die schönsten Geschenke an das Nichtchen, er schrieb zahlreiche kleine Briefe, die Mama ihr vorlesen mußte, so lange, bis Leonie selbst in die Geheimnisse des Lesens und Schreibens eingeweiht war. So oft er irgend konnte – auch später, als er die Oekonomie praktisch auf Gütern lernte – machte er die weite Reise zu den Seinigen, und jedesmal fand er das Kind schöner, klüger, liebreizender denn je. Es waren im Verlauf der Jahre zwei Brüder dazugekommen, aufgeweckte hübsche Jungen … aber, wie Leonie die einzige Tochter des Hauses blieb, so blieb sie auch die „Einzige“ in Onkel Zigeuners Herzen. Seine ernste, verschlossene Art – bei ihr legte er sie ab, wußte zu lachen und zu erzählen, von fremden Ländern und Menschen, wußte sich zu interessieren für Puppen und Bänder und kleine Schulgeschichten, wußte Bilder zu zeichnen und Märchen zu erfinden und hatte Geduld, so viel und so oft, daß Frau Käthe kopfschüttelnd sagte. „Mein Zigeuner, du bist mir lieb und wert, wenn du kommst, aber, verzeih’, ich seh’ es nicht ungern, wenn du wieder abfährst! Du verwöhnst uns ja das Mädchen in Grund und Boden!“ Dann pflegte er zu erwidern. „Das geschieht mit Absicht! Sie soll an mich denken, wenn ich fort bin!“

That sie das? – –

Sie war nicht so wie die meisten Kinder, darin hatte Leo recht. Sie konnte sehr heiter sein mit den Brüdern und Freundinnen lustig lachen, aber für das, was ihr das innerste Herz bewegte, fand sie keine Worte. Einmal war die Mutter zum Tode krank gewesen – die Knaben waren in Thränen aufgelöst, sogar den Vater hatte man weinen gesehen, Leonies süßes Gesichtchen war blaß bis in die Lippen, aber sie fand keine erleichternde Thräne und keine Klage, ebensowenig vermochte sie es, später in den lauten Jubel der Ihrigen einzustimmen. Sie sprach selten von Onkel Zigeuner, sie liebte es nicht, seine Briefe herumzuzeigen und ausführlich zu erzählen, was sie ihm geschrieben – „er läßt grüßen, er ist gesund“ oder „er wird im nächsten Monat herkommen“, mehr erfuhr man nicht von ihr.

„Es ist förmlich, als ob der Zigeuner ihr mit seinem Herzen zugleich etwas von seinem Temperament und seinem wunderlichen Wesen gegeben hätte!“ bemerkte Rechtsanwalt Trautwein oft halb lachend, halb ärgerlich. „Ich weiß wahrhaftig nicht, so tüchtig und ehrenwert er auch als Mensch ist, ob ich mich für das Mädel darüber freuen soll! ’s ist ein Kunststück, aus den beiden klug zu werden!“

Bevor Leo Gräfenberg nach England und Amerika ging – er sollte demnächst das väterliche Gut übernehmen, zuvor aber noch sich „drüben“ umsehen und die dortigen Systeme, Einrichtungen und Maschinen kennenlernen – kam er noch einmal zu den Seinigen, voraussichtlich sollte es für lange Zeit das letzte Mal sein. Leonie war innerhalb des letzten Jahres ungemein gewachsen, man hatte ihr lange Kleider anschaffen müssen, trotzdem sie erst etwas über vierzehn Jahre alt war. Ihr schönes freihängendes Haar war zusammengeflochten, ihr Kindergesicht mit den feinen, weichen Zügen war dasselbe geblieben, dennoch war der Eindruck, den ihre ganze Erscheinung machte, auffallend verändert, wenn man zurückdachte an das kleine Mädchen, das sie vor kaum einem Jahr noch gewesen war.

Onkel Zigeuner dachte ganz entschieden daran zurück. Und, sei es, daß ihm das Kind von damals besser zugesagt hatte als das heranreifende Mädchen von heute, sei es, daß die lange Trennung, die ihm so nahe bevorstand, ihm bereits in den Gliedern lag, sie fanden es alle im Trautweinschen Hause, daß sich in seinem ganzen Benehmen, namentlich Leonie gegenüber, ein gewisser Zwang fühlbar machte, den man früher niemals an ihm beobachtet hatte. Viel Gelegenheit zu Beobachtungen bot er seinen Verwandten freilich auch jetzt nicht. Er mußte mächtig viel Vorbereitungen zu seiner überseeischen Reise zu treffen haben, denn er blieb ganze Stunden vom Hause fort, und fragte man ihn, wo er gewesen wäre, so lautete die Antwort jedesmal: „Ich habe Einkäufe gemacht!“ Was man von diesen Einkäufen zu sehen bekam, stand übrigens in keinem Verhältnis zu dem großen Zeitaufwand, den sie erforderten.

Früher hatte der „Zigeuner“ mit anerkennenswertem Geschick jede mögliche Gelegenheit auszuspähen gewußt, um mit seinem Liebling Leonie unter vier Augen zu sein. Es schien jetzt beinahe, als wenn er eben dieselbe Geschicklichkeit aufbiete, um dem Mädchen auszuweichen. Nie mehr hieß es in der Familie. „Leonie ist natürlich wieder mit Onkel Zigeuner im Garten!“ oder „Wo der Onkel steckt?“ Frag’ nur Leonie, die muß es wissen!“ Jetzt fragte sie niemand, und sie hätte auch nichts antworten können.

Wie das Mädchen selbst diesen veränderten Stand der Dinge auffaßte, bekam natürlich kein Mensch zu erfahren. Leonie, die als „höhere Tochter“ viel für ihre erste Klasse zu arbeiten hatte, ging scheinbar unbekümmert ihres Weges und fragte nach „Onkel Zigeuner“ genau so viel wie er nach ihr … mithin so gut wie gar nicht. Auch der Trennungsakt vollzog sich leichter und rascher, als sie alle gedacht hatten, und Frau Käthe meinte hinterher. „Glaubt es mir, der Leo war schon die ganze letzte Zeit mit seinen Gedanken mehr drüben als hier bei uns. Er hat es für seine Pflicht gehalten, uns noch einen Abschiedsbesuch zu machen, aber sein Herz war nicht mehr dabei und darum hat sich der verdrehte Junge so albern benommen!“

Aber auch kluge Frauen und Schwestern können sich gründlich irren, und manche Mütter werden erst dann scharfsichtig, wenn ihre Töchter aus den Kinderschuhen heraus sind!

Thatsache war, der arme Zigeuner nahm ein sehr, sehr [304] schweres Herz mit über den Ocean. Vergeblich blieb es, daß er sich energisch vorhielt, es sei geradezu unsinnig, sich einzubilden, ein vierzehnjähriges Kind zu lieben, noch dazu die eigene Nichte, die er als Wickelpuppe im Arm gehalten hatte. Es war eben keine „Einbildung“, wie er sich’s so gern vorgeredet hätte, es war Wirklichkeit! Er nahm das Bildnis des „Kindes“, der „Nichte“ mit hinüber in seinem leidenschaftlichen, verschlossenen Herzen, und er konnte diesem Herzen nicht wehren, einen heimlichen Kultus damit zu treiben. Seine praktischen Zwecke verfolgte Leo Gräfenberg gründlich in England und Amerika, studierte Land und Leute, las einschlägige Schriften, besuchte Musterwirtschaften und besah Maschinen, ebenso gründlich aber nahm ganz gegen seinen Willen sein eigenwilliges Herz stets den nämlichen Kurs und flog der Heimat zu und einem blonden, zartgliederigen Mädchen mit schönen, tiefen Augen, die ihn, er mochte beginnen, was er wollte, beständig anblickten, als wollten sie sagen. Warum fliehst du vor uns und spielst Verstecken mit deinem eigenen Herzen? Wir sehen in dich hinein, wir wissen genau, wie es um dich steht, und lägen noch so weite Länder und Meere zwischen dir und uns!

Keinen Augenblick kam ihm im Ernst der Gedanke, nach einiger Zeit zurückzukehren und um das Mädchen zu werben. Sie sah in ihm nur den Onkel, mußte ihn sehen, und der Gedanke, ihn sich als ihren künftigen Gatten vorzustellen, konnte nie und nimmer Eingang bei ihr finden. Sie war ja, hatte sie auch die klügsten, schönsten Augen von der Welt, ein Kind, ein reines Kind, das hatte ihm ihr Benehmen bewiesen; zutraulich und liebreizend, solange er sich eingehend mit ihr beschäftigte, verschlossen und scheu, sobald er nur im mindesten nachließ, sie zu suchen. Es war noch kein eigenes Wollen und Fühlen in ihr, die Seele war noch nicht wach!

So wollte er fern bleiben und warten, bis sie verlobt oder gar verheiratet war, das konnte vielleicht solange nicht mehr dauern und dann wollte er heimkommen und „vernünftig sein“ und für Leonie ein Erbonkel werden, es mußte ja auch solche Leute geben auf der Welt.

Mithin ließ er die verwunderten Bemerkungen und Anspielungen in den Briefen von „zu Hause“ unbeachtet, ließ es geduldig über sich ergehen, wenn man ihn fragte, ob ihn eine Tochter Albions oder eine „freie Amerikanerin“ dort fessele und wie man gespannt sei auf das überseeische Ehegespons, das er sich mitbringen würde. Er litt ruhig alle Schelte, daß er nicht einmal zu Leonies Konfirmation herüberkommen wolle, zu Leonies, die doch früher sein erklärter Liebling gewesen sei. Früher – guter Gott! Er schickte eine sehr schöne, schwere Goldkette samt Perlenmedaillon („zu den Bildern der Eltern“, wie er schrieb) hinüber und blieb, wo er war.

Es traf ein Dankesbrief von Leonie ein, sehr gut stilisiert, sehr wohlgesetzt, aber herzlich nichtssagend. Sie fand die Schmuckgegenstände, die er ihr geschickt hatte, wunderschön, sie erzählte ihm von ihren sonstigen zahlreichen Geschenken, schilderte ihm den Konfirmationstag und zählte all die Wissenschaften und Künste her, in denen sie jetzt noch, nach Absolvierung der Schule, „privatim“ unterrichtet werden sollte. Der ganze Brief war wie ein wohlgelungener Aufsatz für die Selekta, es war von diesem Standpunkt aus schlechterdings nichts gegen ihn zu sagen.

Selbstverständlich lautete die Ueberschrift „Lieber Onkel!“ und die Unterschrift „Deine Nichte“. Wie sollte das Mädchen anders schreiben? Es waren die einzigen beiden Bezeichnungen, die ihm und ihr zukamen. Leo Gräfenberg sagte sich das so oft und so eindringlich vor, daß er es am Ende hätte begreifen müssen, aber immer von neuem, wenn er den Brief vornahm – und er nahm ihn leider recht oft vor – blieben seine Augen mit brennendem Vorwurf auf den Worten „Lieber Onkel!“ und „Deine Nichte“ haften, und er wiederholte voller Bitterkeit in seinem Herzen. „Natürlich! – Onkel und immer Onkel! Natürlich! Nichte – und nichts als Nichte!“

Er hatte sich’s in den Kopf gesetzt, Leonie müßte sich jetzt, da sie „endlich“ eingesegnet sei (sie zählte sechzehneinhalb Jahre!), durchaus schleunigst verloben. Er wartete förmlich darauf. Warum geschah es denn jetzt nicht, da es doch ohne allen Zweifel sehr bald geschehen mußte? Was dachte sich das Schicksal dabei, ihn so raffiniert zu martern, anstatt die Folter abzukürzen. Er war nun reichlich lange genug „drüben“ gewesen und sehnte sich nach Deutschland, nach der heimischen Scholle, auch nach den Seinigen. Zuerst aber mußte Leonie verlobt oder verheiratet sein, dann wollte er „den Strich ziehen“ und hinübergehen.

Aber mehr als ein Jahr verging, und das mit solcher Bestimmtheit erwartete Ereignis blieb aus. Statt dessen stellten sich bei Leo beunruhigende Nachrichten von dessen Vater ein. Er war mittlerweile ein alter Herr geworden und litt an einem Herzübel, das bedenklich rasche Fortschritte machte und seinem Leben keine allzulange Dauer mehr versprach. Der Hausarzt schrieb, die Stiefmutter schrieb, beide schilderten den Zustand des Kranken und wie er den einzigen Sohn herbeisehne, um ihm noch allerlei Verhaltungsmaßregeln, die ihm auf der Seele brannten, zu geben, um ihm sein Erbe, das väterliche Gut, recht warm ans Herz zu legen.

Da half kein Zögern, kein Ueberlegen. Hier war eine ernste Pflicht, die da rief, und Leo war nie der Mensch gewesen, sich einer solchen zu entziehen. Er tröstete sich mit dem Gedanken. „Ich brauche ja gar nicht nach der Residenz zu fahren, ich darf sie gar nicht wiedersehen, wenn ich nicht will!“ und so schnürte er mit einiger Umständlichkeit sein Bündel und dampfte nach Europa hinüber.

Seinen Vater fand er weit kränker, als er sich’s vorgestellt hatte. Es half nichts, sich die Wahrheit zu verhehlen – die Tage des Patienten waren gezählt, und rührend war die Freude des alten Herrn, den weitgereisten Sohn noch um sich zu haben, dessen Ansichten gegen seine eigenen einzutauschen, die überseeischen Eindrücke und Erfahrungen zu prüfen, hier zu billigen, dort zu widerraten und alles immer auf das Stammgut zu beziehen, das zu heben und zu verbessern Zweck seines Lebens gewesen war. Der Sohn war voll Pietät und Verständnis, er weilte fast immer am Bett oder Lehnsessel des kranken Mannes, reizte ihn nie durch Widerspruch, besprach eingehend Dinge mit ihm, die ihm selbst, dem jüngeren Gräfenberg, oft entweder selbstverständlich waren oder nebensächlich erschienen. Mit einem Wort, er liebte und pflegte den Vater voller Hingebung und stand in aufrichtigster Trauer an seinem Sarge, als sich die müden Augen nach hartem Kampf endlich geschlossen hatten. Es war eine stattliche Beerdigung, an der die ganze Umgegend Anteil nahm, und auch die Verwandtschaft kam von weither zugereist, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Frau Rechtsanwalt Trautwein, die sich mit Recht dessen rühmte, stets vortrefflich mit ihrem Stiefvater gestanden zu haben, ließ es sich nicht nehmen, gleichfalls zur feierlichen Beisetzung zu erscheinen, und sie brachte ihre Tochter Leonie mit.

Es war weder Ort noch Zeit für Liebesgedanken günstig, aber mitten in seinem ehrlichen Leid um den Vater schlug Leo Gräfenbergs Herz zum Zerspringen, als er das blonde Mädchen in der tiefen Trauerkleidung vor sich sah – sie war so unendlich viel reizender, als er sie in der Erinnerung bewahrt, als selbst seine geschäftige Phantasie sie ihm vorgezaubert hatte.

Er erfuhr beiläufig durch diesen und jenen, daß sie für eine Schönheit gelte und trotz ihrer achtzehn Jahre schon einige namhafte Freier heimgeschickt hätte, daß sie aber im Ruf stände, sehr wählerisch und „apart“ zu sein und nicht sonderlich viel Gemüt zu besitzen. Er mußte es mit ansehen und erleben, daß einer der umwohnenden jungen Gutsbesitzer, ein außerordentlich gut sanierter und recht hübscher Mann, die Sehnsucht vieler Mütter und Töchter, sich Hals über Kopf in die schöne Leonie verliebte und alles dransetzte, sie sich zu gewinnen; er mußte es mit ansehen und anhören, daß seine Stiefschwester Käthe, des Mädchens Mutter, demselben in seiner, Leos, Gegenwart zuredete, „nur nicht wieder die Prinzessin zu spielen“, sondern zu bedenken, was ihr hier geboten wurde, und er mußte ein Lächeln und Erröten auf diesem Gesicht sehen, das ihn um den Verstand zu bringen drohte. Es gab in der That nach des Vaters Tod viel zu thun und zu ordnen. Aber solange Schwester Käthe mit ihrer Tochter unter seinem Dach weilte, übertrieb der Hausherr diese Seine Obliegenheiten noch um ein Bedeutendes, fuhr und ritt stundenlang umher, ließ sich abends, unter dem Vorwand, zu müde zu sein, bei den Damen entschuldigen, war in aller Morgenfrühe wieder auf und davon, kam niemals heim, ohne davor zu zittern, Leonie als Braut begrüßen zu müssen, und legte sich nie nachts nieder, ohne ein [306] erleichtertes Aufatmen: „Gott sei Lob und Dank! Ich hätte auch nicht gewußt, wie ich es ertragen sollte!“

Sein eigenes Verhältnis zu dem Mädchen war kühl und förmlich. Je mehr Leonies Mutter in voller Harmlosigkeit die alten, innigen Beziehungen früherer Jahre betonte und Onkel und Nichte ermahnte, dieselben zu erneuern, je mehr sie das „Einst“ mit dem „Jetzt“ verglich und, nach Frauenmanier, zahlreiche Details beibrachte, um das damalige gute Verhältnis der beiden zu einander zu beleuchten, um so aussagender zog sich das Mädchen zurück, um so steifer und fremder benahm sich der Mann. Ihn quälte es mehr, als er es je hätte in Worten sagen können, dies Mädchen in seinem Hause zu wissen, es täglich in seiner Nähe zu haben. Dabei sagte er es sich unausgesetzt vor, wie er sie vermissen würde, wie ihm Haus und Garten, Wald und Feld leer und ausgestorben erscheinen müßte ohne sie. Er kostete jetzt schon den Trennungsschmerz durch, malte sich’s aus, wie es sein würde, von Zimmer zu Zimmer zu gehen und nie mehr die schlanke, leichte Gestalt mit dem holden zarten Gesicht zu sehen. Wenn auch! Ihr Schritt trieb ihm das Blut zum Herzen, ihre Stimme ließ ihn zusammenschrecken, wie wenn er eine böse That begangen hätte, und als er vollends zufällig einmal hörte, wie sie ihre Mutter bat, bald mit ihr heimzureisen, war seine Seele randvoll mit Bitterkeit angefüllt. „Natürlich! Sie will mit Gewalt fort! Sie kann es schon nicht mehr abwarten, aus der Nähe von mir häßlichem Kerl zu kommen.“

Der Zigeuner war nie eitel gewesen und hatte aus der Betrachtung seines äußeren Menschen nie ein Studium gemacht. Jetzt that er das und das Resultat fiel nicht zu seinem Trost aus. Er fand sich häßlich, unsagbar häßlich mit seinem braunen Kolorit, den dichten schwarzen Brauen, den finsteren dunklen Augen. „Solch’ ein Gesicht, wie ich es habe“, entschied er bei sich, „kann nie und nimmer einem jungen Mädchen gefallen“. Kein Wunder, wenn die Leute oft auf der Straße stehen bleiben und mir nachstarren! Wie ein Verbrecher seh’ ich aus, wie ein Mensch, der einen Mord auf seinem Gewissen hat! Wenn mich ein Mädchen zum Mann nehmen würde, so wär’ es höchstens eine Arme oder Häßliche, die Angst hat, sonst keinen Mann zu bekommen, oder die mich für eine gute Partie hält. Bei ihr fällt das natürlich ganz fort, es wäre also lächerlich, auch nur den leisesten Versuch zu machen, ob ich ihr am Ende gefallen könnte. Und lächerlich machen will ich mich nicht!“

[318] Die Furcht, sich lächerlich zu machen, teilte Leo Gräfenberg mit unzähligen Männern, ist es doch nicht zu sagen, wieviel aufkeimende Neigung, wieviel stilles Wohlgefallen durch diese übertriebene Furcht schon zerstört worden ist. Das Bewußtsein seiner Häßlichkeit lähmte Leonie gegenüber alle Energie des sonst so thatkräftigen Mannes. Als er sich eines Abends zufällig neben ihr vor einem deckenhohen Spiegel befand und das Glas ihm die blonde, elfenhafte Erscheinung und dicht dabei sein dunkles Zigeunergesicht mit den finstern Augen zurückstrahlte – des jungen Mädchens Bewerber war zugegen, und Leo war halb toll vor Eifersucht – da schrak er förmlich zusammen, und der bloße Gedanke, ein so holdseliges Wesen für sich begehrt zu haben, erschien ihm als eine Art Frevel. Er machte schleunigst kehrt, ließ sich sein Pferd satteln und trug dem Bedienten auf, ihn bei den Damen zu entschuldigen, er habe eine wichtige Besprechung auf einem der Nachbargüter und werde voraussichtlich vor Anbruch der Nacht nicht zurück sein.

Unterwegs, da er einsame Wege ritt – an der Bestellung war natürlich kein wahres Wort gewesen – dachte er, wie dies seit der Anwesenheit seiner Stiefschwester auf Grünholm ihm öfter begegnete, über sein früheres Verhalten zu dieser vor ihrer Verheiratung nach. Er übersah es jetzt, nun er ein gereifter Mann war, ganz klar: es war schon in seinem Empfinden ihr gegenüber eine große, unbewußte Liebe gewesen, eine Liebe, die ihn antrieb, Käthe ganz für sich allein haben zu wollen, die ihn eifersüchtig und grollend beiseite stehen ließ, als es sich herausstellte, daß er keine erste Rolle mehr in ihrem Leben spielte. Er hatte das damals nicht zu unterscheiden vermocht, aber jetzt wußte er es: In seiner knabenhaften, ungestümen Manier hatte er seine Stiefschwester geliebt, und es hatte Jahre gedauert, ehe er dies Gefühl und diesen Schmerz in sich einigermaßen überwunden hatte. Die Liebe zu Käthes Tochter hatte nichts Unbewußtes mehr, aber sie war viel tiefer, viel empfindlicher noch, und derselbe eifersüchtige Grimm und Gram spielte heute, wie damals, seine Rolle. Sie lag tief in Leos Natur begründet, diese Ausschließlichkeit seines Gefühls … was er liebte, wollte er für sich allein besitzen, kein anderer sollte daran rühren dürfen.

Er brachte von seinem ausgedehnten späten Ritt den Entschluß mit nach Hause, sich durch irgend eine fingierte Botschaft abrufen zu lassen und für eine Zeit lang fortzugehen. Er konnte nicht so ungastlich sein, seine Schwester zur Abreise zu nötigen. Blieb sie aber und Leonie mit ihr, so mußte er das Feld räumen, denn dabei stehen und abwarten, ob sich das Mädchen nicht doch vielleicht unter dem Dach seines Hauses mit ihrem reichen Bewerber verlobte, und hinterher den Unbefangenen spielen – nein, das ging über seine Kräfte, das konnte er wirklich nicht! Er wurde in der Wirtschaft sehr notwendig gebraucht und konnte es eigentlich vor seinem Gewissen kaum verantworten, jetzt wegzugehen, aber es handelte sich um sein inneres Gleichgewicht, um die Ruhe seines Herzens, da mußte alles andere zurückstehen!

Es kam nicht dazu, diesen Plan in die That umzusetzen, denn am Morgen nach jenem Ritt eröffnete Frau Käthe ihrem Stiefbruder die Absicht, schleunigst abzureisen, und er konnte, unter den obwaltenden Umständen, kein Wort sagen, um sie zurückzuhalten – der junge Gutsbesitzer hatte am Tage zuvor um Leonies Hand geworben und sich dabei einen Korb geholt.

Frau Käthe war recht ärgerlich auf ihre Tochter. Nicht, daß sie das achtzehnjährige Mädchen schon aus dem Hause haben wollte oder daß sie um Leonies Zukunft in Sorge gewesen wäre … aber ihr, der Mutter, hatte der in Rede stehende junge Mann sehr gut gefallen, sie fand, ihre Tochter könnte sich keinen besseren Gatten wünschen, abgesehen davon, daß die „Partie“ eine der besten war, die es geben konnte und den weitestgehenden Ansprüchen genügt hätte. Leonie mochte diese weitestgehenden Ansprüche durchaus nicht. Sie hatte dem Bewerber, ebenso wie ihrer Mutter, in ganz knappen, kurzen Worte erklärt, sie habe gar nichts gegen ihn, aber sie liebe ihn nicht genügend, um ihn heiraten zu können. Der Freier hatte gefragt, ob sie Bedenkzeit wünsche – ob sie seine Liebe auf irgend welche Probe stellen wolle, er sei bereit, sich in alles zu fügen. Das junge Mädchen hatte sowohl die Bedenkzeit als auch die Probe dankend abgelehnt, sie wisse genau, was sie sage und thue, sie könne ihn nicht heiraten. Was war zu machen? Zwingen konnte und wollte die Mutter sie nicht, und so reiste sie denn in möglichster Eile mit dem „eigensinnigen, starrköpfigen“ Ding ab und betonte immer von neuem nachdrücklich. „Papa wird schön böse sein!“

Es war alles so rasch, so rasch gegangen. „Onkel Zigeuner“, der ziemlich schwerfällig war und zu allem gehörig Zeit brauchte, war kaum zur Besinnung gekommen, da waren sie schon fort. Er hatte die Nichte kaum mehr gesehen, die Mama hatte ihm alles erzählt, während Leonie in ihren Zimmern mit Einpacken beschäftigt war. Als der Wagen schon vor der Thür stand, war sie erst zum Vorschein gekommen, ein wenig blaß unter ihren weißen Schleier, hatte ihm die Hand gegeben und ein paar Worte gesagt – er wußte nicht mehr, was es gewesen war, doch wohl ein Dank für seine Gastfreundschaft. Es fiel ihm später ein, daß er sie sonst immer beim Abschied wenigstens auf Stirn oder Wange geküßt hatte, daß das sein gutes Recht als Onkel war; in seiner Verwirrung und Bestürzung hatte er sogar auf dies gute Recht verzichtet!

[319] Die nächste Zeit brachte ihm Mühe und Arbeit überreichlich, so daß er wenig zur Besinnung kam. Es war ihm recht so, wohin führte das viele Grübeln und Brüten? Es geschah ihm aber doch oft, daß bei ganz unerwarteten Anlässen, in Gesellschaft der gleichgültigsten Menschen, plötzlich das reizende Blondköpfchen seiner Nichte mit einer so greifbaren Deutlichkeit vor ihm auftauchte, daß er meinte, es mit Händen greifen zu können. Er sprach mit irgend einem Händler über die Kornpreise, er ging mit den Herren von der Hagelkommission durch die Felder, um den Schaden den das letzte Unwetter angerichtet hatte, zu besichtigen; er ließ sich ein neues Pferd vorführen – alles das waren doch wahrlich keine Gelegenheiten, die für Liebesgedanken günstig waren – aber, günstig oder nicht, das verlockende Bild war da und ließ sich nicht verscheuchen.

So ging der Rest des Sommers, ging der Herbst hin, kam der Winter ins Land. Das war ein gestrenger Herr diesmal, und er machte den alten Spruch, daß strenge Herren nicht lange regieren, gänzlich zu schanden. Er türmte weiße hohe Wälle um Häuser und Hütten auf, ließ das Sternenheer in goldfunkelnder Pracht am nachtschwarzen Himmel erscheinen, hing klirrende Eiszapfen an Dächer und Bäume und wandelte den Atem der frierenden Menschheit in Reif. Leo Gräfenberg hatte solchen Winter seit Jahren nicht mehr erlebt; er fuhr, in seine Wildschur gewickelt, Tag für Tag durch den verschneiten Wald, der wie ein weißer Feenpalast dastand, und er hätte seine Freude an dem schönen Anblick gehabt, wenn ihm nicht bei seiner Rückkehr sein Haus gar so öde und verlassen erschienen wäre. Die Stiefmutter hatte, eines hartnäckigen Hustens wegen, nach dem Süden gehen müssen, so schritt er denn gesenkten Hauptes von einem dunklen Gemach ins andere, bis er sich zuletzt in seinem Arbeitszimmer vor das rotflammende Kaminfeuer setzte und sich ausdachte, wie entzückend es sein müßte, jetzt eine junge, liebliche Hausfrau sich gegenüber zu haben, der er vorlesen, zu der er sprechen könnte. Ja, ihr würde er alle seine Gedanken, all’ die Ideen und Pläne, die er hatte, sagen können, würde ihr von seiner Kinderzeit von seiner Jugend erzählen – guter Gott, wie weit, weit das alles hinter ihm lag! – würde sie um Rat fragen, alles mit ihr teilen … Prasselnd sanken die Holzscheite zusammen – ein Funkenregen stob knisternd aufwärts – die rote Glut erblich – kalt schauerte es über den einsamen Träumer hin.

An einem schneidend kalten Märztag war’s – von Frühling noch immer nicht die leiseste Spur! – da langte ein Brief an Herrn Rittergutsbesitzer Leo Gräfenberg auf Grünholm an, mit seines Schwagers Trautwein Handschrift. Besagter Herr war ein Feind alles Briefschreibens, es mußte mithin etwas wichtiges sein.

„Lieber Zigeuner! In dieser lieblichen Jahreszeit, wo alles fußhoch voll Schnee liegt, kann es für Dich auf dem Lande schlechterdings nichts zu thun geben. Dagegen giebt es das hier für Dich ganz entschieden. Thu mir den Gefallen, setz’ Dich auf und komm’ hierher, Du leistest mir einen veritablen Dienst damit, und es ist das erstemal, daß ich Dich drum bitte. Wenn Du fragen willst, ob die Sache sich nicht schriftlich erledigen läßt, so sag’ ich Dir: nein! Du mußt schon so gut sein, Dich in Person herzubemühen! Frau und Kinder würden grüßen lassen, wenn sie wüßten, daß ich an Dich schreibe.

Also ich erwarte Dich in kürzester Frist hier. Du kannst bei uns wohnen. Gott befohlen!
Dein Gustav Trautwein.     

„Der gute Gustav wird irgend eine ungeheure Dummheit gemacht haben, die ich ihm helfen soll, in aller Stille in Ordnung zu bringen!“ dachte Leo Gräfenberg, als er vorstehenden Brief gelesen hatte. „Er ist zwar bis jetzt ein vorsichtiger Geschäftsmann gewesen und ich habe immer gedacht, er hätte sein Schäfchen längst im Trockenen. Aber wer kann wissen, was der Mensch angestellt hat, während ich in Amerika und in England saß. Die klügsten Leute können ’mal hereinfallen, gewiß steckt eine böse Wechselreiterei dahinter und ich soll ihm heraushelfen, soll Hypotheken auf Grünholm aufnehmen oder sonst wie beispringen. Frau und Kinder wissen von nichts – das ist schon ein Indicium! Kommt mir zwar nicht sehr gelegen, weil ich doch all’ die großen Reformen ins Werk setzen will: Wiesendrainierung, Hopfenplantage, Kanalbauten – aber, er ist mein Schwager. ’s ist auch wirklich die erste Bitte, die er in diesen zwanzig Jahren an mich richtet – und vor allem: ist er nicht Leonies Vater?

Ich muß suchen, meine Hände einigermaßen frei zu bekommen und dann soll er haben, was er sich wünscht!

Nach diesem Entschluß nahm Leo einen Briefbogen schrieb die umfassende Mitteilung darauf. „Ich werde morgen vormittag gegen zwölf Uhr bei Dir sein!“ und ließ sich im Schlitten zur nächsten Kreisstadt kutschieren, von wo er noch des Abends mit dem Schnellzug abdampfte. Der Empfang bei seinem Schwager bestätigte seine Voraussetzungen. Das Hausmädchen, offenbar instruiert, half ihm ablegen und führte ihn direkt in das Zimmer ihres Herrn, der ihm mit ausgestreckter Hand entgegenkam.

„Wir sind ganz allein, Zigeuner! Hab’ Dank, daß du gekommen bist. Meine beiden Frauensleute hab’ ich weggeschickt, sie bleiben ’n paar Stunden fort, und die Jungens sind bis nach eins in der Schule! – Cigarre gefällig?“

Leo acceptierte und schnitt mit seinem kleinen Messer das Köpfchen von der Cigarre so subtil und behutsam herunter, als vollzöge er eine schwierige Operation.

„Du kannst mir lieber gleich sagen,“ bemerkte er, immer noch die Augen gesenkt, „wieviel du haben mußt!“

„Wieviel ich haben muß?“ fragte der Schwager zurück, im Ton äußerster Verständnislosigkeit.

„Ja, denn ich werde doch eine Hypothek aufnehmen müssen, weil ich für meine eigenen Pläne augenblicklich ziemlich stark engagiert bin!“

Es herrschte ein Weilchen tiefe Stille im Zimmer. Offenbar versuchte der Rechtsanwalt, irgend einen Sinn aus Leos Bemerkung herauszufinden.

„Sag’ ’mal,“ bemerkte er endlich, „es ist wohl scheußlich kalt da oben bei dir in Grünholm?“

„Ja, gewiß, aber was …“

„Und du hast dir bei all’ der Kälte mittlerweile einen kleinen sogenannten Knack zugelegt, wie?“

„Erlaube, lieber Schwager, du bist –“

„Erlaube du mir zunächst ’mal. Was in aller Welt vermutest du, das ich von dir haben will?“

Leo stockte einen Augenblick. „Geld!“ sagte er endlich in resolutem Ton.

„Geld?“ Des Schwagers Gesicht spiegelte das äußerste Erstaunen wieder.

„Herrgott, ja! Ist denn das etwas so Unerhörtes?“ Der andere fing an, ärgerlich zu werden. „Es kann doch vorkommen, daß ein sonst ganz vernünftiger Mensch ’mal eine – eine Thorheit macht – spekuliert oder so etwas –“

„Hm! Und weswegen hätt’ ich Frau und Kinder wohl expreß ferngehalten?“

„Ich dachte, es wär’ dir peinlich, und sie sollten davon nichts wissen.“

„Da hast du gründlich vorbei gedacht, lieber Zigeuner! Aber gründlich! Ich werde mich auf meine alten Tage auf solchen hellen Blödsinn einlassen und meine paar Kröten, die ich als guter Familienvater zurückgelegt habe, verspekulieren!“

„Ja, es kam mir auch unwahrscheinlich vor! Aber ich konnte mir absolut keinen andern Vers darauf wachen, weshalb du mich so plötzlich –“

„Herbeicitiertest, meinst du! Lieber Freund und Schwager, kam dir keine Minute lang der Gedanke, es könnte eine wichtige – Familienangelegenheit sein, die ich mit dir durchsprechen wollte?“

„Nein!“ sagte Leo unwillig. „Du hast so lange deine Familienangelegenheiten allein besorgt, daß ich nicht darauf verfiel, du könntest plötzlich meine Mitwirkung dabei erwarten!“

„Laß dir ein Glas Sherry eingießen, alter Sohn und sieh gefälligst nicht so giftig aus, als ob du mich fressen wolltest! Es war mir in allem Ernst drum zu thun, mit dir zu reden –“

„Und das konnte nicht auf schriftlichem Wege –“

Der Rechtsanwalt wehrte mit beiden Händen ab. „Gott straf’ mich – nein! Wenn ich mir ausdenke, ich hätte sollen ein halb’ Dutzend ausführliche Briefe in der Sache schreiben und ebensoviel mindestens von dir lesen, dann bricht mir der kalte Angstschweiß aus! Nein, lieber ließ ich dich schon hierher reisen!“

„Jawohl, ich dank dir ergebend. Möchtest du jetzt vielleicht die Freundlichkeit haben, mir zu sagen, um was oder um wen sich’s eigentlich handelt?“

„Gewiß will ich. Es handelt sich um meine Tochter Leonie!“

[322] Leo Gräfenberg rückte unruhig seinen Stuhl herum. „Was ist’s denn mit ihr?“

„Ach, was soll sein? Verrückt ist sie geworden!“

Der Zuhörer fuhr empor. „Du willst doch nicht sagen –“

„Daß ich sie ins Narrenhaus stecken muß? Gott sei Dank, nein, obgleich sie leider in gewisser Hinsicht reif dafür wäre! Na, um vernünftig zu reden, Zigeuner. Wir haben Zeiten und Scenen mit dem Mädel durchgemacht und sie hat uns einen Tanz aufgespielt, daß mir und meiner Frau Hören und Sehen vergangen ist!“

„Um Gottes willen! Sie ist doch nicht etwa ernstlich krank?“

„Körperlich so gesund wie ich und du, im Kopf ist bei dem sonst so prächtigen Geschöpf ’ne Schraube los, das laß ich mir nicht nehmen. Ich bin ja der Vater, aber schließlich hat man doch auch seine Augen im Kopf und weiß, was hübsch und was häßlich ist. Na, daß meine Leonie sehr hübsch ist, beinahe schon mehr als das, kann ich doch nicht leugnen, will es auch nicht! Andere Leute finden’s ja auch! Partien haben sich ihr schon geboten – du wirst bloß von dem einen Gutsbesitzer da oben bei euch wissen – aber auch hier –“

„Ich glaube schon!“ Leo ballte vor Ungeduld die Hände. „Aber inwiefern –“

„Ich komme schon zur Sache. Du kannst dir denken, daß wir, Käthe und ich, das Kind zu nichts überreden wollen – schließlich aber ist’s doch unsere Pflicht, die Sache mit ihr durchzusprechen, das Für und Wider abzuwägen, ihr die sich bietenden Vorteile klarzumachen. Kurz, das hat des öfteren geschehen müssen, und da erklärt sie uns denn eines schönen Tages kurz und bündig, sie gedenke überhaupt nicht zu heiraten. Solche Schrullen kommen bei jedem Mädel ’mal vor, wirst du sagen, und darauf ist nichts zu geben. Schön! Wir sagten das auch! Aber nun kommt sie mit dem Schlagwort der Zeit. Sie will sich nützlich machen, sie schämt sich, so im Hause bei uns als Zierrat herumzusitzen, das sei vergeudete Kraft, die brach liege, anstatt zum Wohl der Menschheit beizutragen, und was sie da sonst jetzt alles reden und drucken, was so auch seine Berechtigung hat bei vielen, ich geb’ das zu! Aber nun unsere Leonie – einzige Tochter – und neunzehn Jahre – mit dem Gesicht!! Meine Frau und ich setzten denn nun alle Segel der Beredsamkeit bei, namentlich Käthe, und du weißt, Zigeuner, was die in dem Punkt leisten kann! Wir wollten sie im Hause anspannen, sie sollte den Jungens bei den Arbeiten nachhelfen, sie sollte kochen, sollte meinetwegen bei meinen Schreibereien helfen, wir wollten ihr die Zeit schon vertreiben! Meinst du, das machte Eindruck? Keine Spur! Das wären alles bloß kleine Mittelchen, dabei käme nichts Vernünftiges heraus, wir wären zu gut mit ihr, wollten sie immer verwöhnen und schonen, sie aber wolle ihre Kraft bethätigen. Das Ende vom Lied war – sie will Krankenpflegerin werden, Diakonissin, in allem Ernst, und ist schon hingegangen, hat sich vorgestellt und ist zur Prüfung angenommen worden, und in drei vier Tagen soll’s losgehen. Was sagst du nun?“

Leo sagte kein Wort. Er saß nur da und starrte den Schwager an wie vor den Kopf geschlagen.

„Du bist ganz baff, seh’ ich! Na, das waren wir auch! Soll man sein Kind, ein bildhübsches zartes, feines Geschöpf, groß ziehen und durch neunzehn Jahre seine Freude dran haben und die schönsten Zukunftspläne schmieden … und dann tritt das vor dich hin und sagt dir, es will Krankenpflegerin werden! Und nicht etwa zeitweise, so und so lange im Jahr, nein, ein für allemal, also für uns wär’ sie verloren! Wir haben nochmals alles drangesetzt, Käthe mit Thränen und Bitten, ich mit Drohungen – ich sag’ dir, ich hab’ nicht schlecht gewettert, und nie in meinem Leben hätt’ ich mir’s träumen lassen, ich würde zu meinem Mädel ’mal solche Sprache führen müssen! Am Ende, da sie noch nicht mündig ist, hab’ ich’s ihr direkt verboten, aber das war erst recht Oel ins Feuer gegossen. Sie lasse es drauf ankommen, und sie werde es abwarten! Alles ganz gelassen und ganz ruhig, aber mit einem Ton und mit einem Paar Augen im Kopf, in denen zu lesen stand. In zwei Jahren bin ich doch eingekleidet!“

Der Rechtsanwalt seufzte tief auf und schwieg, es wunderte ihn auch nicht, daß sein Schwager ebenfalls schwieg. Er kannte ihn, seine Gedanken arbeiteten langsam, er mußte erst eine geraume Zeit alles in sich verwinden, ehe er sprach oder gar handelte.

Endlich brach Leo doch das Schweigen und sagte, aus seinem Sinnen heraus, mit halber Stimme, als wenn er einen Schlafenden zu wecken fürchtete:

„Und – und – was meinst du nun, daß ich – gerade ich …“

Der Rechtsanwalt rückte seinen Stuhl näher heran und legte seine Hand vertraulich auf das Knie des vor ihm Sitzenden.

„Die eigentliche Idee stammt von Käthe, aber ich für meine Person hab’ nicht umhin gekonnt, ihr beizustimmen. Sieh, lieber Zigeuner, du hast das Mädel, unsere Leonie, ’mal, als sie noch Kind war, sehr lieb gehabt, ich glaube, mehr als uns andere alle zusammen. Warum du dir jetzt nicht mehr so viel aus ihr machst, das weiß ich nicht, und Käthe weiß es auch nicht. Vielleicht hast du mehr von ihr erwartet, so oder so – mit einem Wort, wir wissen das nicht. Aber schließlich stehst du unserem Hause sehr nahe und das Mädel selber hielt immer große Stücke auf dich. Besinn’ dich nur, das erste Wort, was sie sprechen lernte, war ‚Onkel Zigeuner’ – sie konnte gefallen sein, so schwer sie wollte, und du nahmst sie auf den Arm, so war sie sofort still – immer nannte sie dich in ihrem Abendgebet zuerst, sie pflegte zu sagen, du kämest gleich hinter dem lieben Gott. Du weißt das alles vielleicht gar nicht mehr so genau?“

„Doch – – ich weiß es noch!“ Leos Atem ging schwer, seine schwarzen Brauen hatten sich über den Augen ganz zusammengezogen.

„Weißt es noch! Ist mir lieb! Und wie du nun übers Meer gingst – dir schien ja der Abschied nicht sonderlich schwer zu fallen –“ der Redner machte eine Pause und wartete, ob Leo etwas sagen würde.

„Das Kind aber,“ fuhr der Rechtsanwalt fort, da nichts erfolgte, „nahm die Sache nicht so leicht. Käthe sagt, sie hat sie oft in der Nacht in ihrem Ställchen bitterlich schluchzen gehört, auch hat sie in aller Stille beobachtet, daß sie einen heimlichen Kultus mit allerlei Dingen trieb, die irgendwie mit dir im Zusammenhang standen, sie hat da so dies und das, Kleinigkeiten waren es natürlich, beiseite gebracht und in ihrem Zimmer verwahrt. Käthe ist dahinter gekommen, hat aber gethan, als merkte sie nichts. Also hat die Kleine für dich so ’ne Art Schwärmerei gehabt, an der gewiß viel echtes Gefühl beteiligt gewesen ist. Da dachten wir nun, Käthe und ich, wenn du ’mal deutlich mit ihr reden möchtest, so gewissermaßen als letzte Instanz …“

„Ich?“

„Ja, du! Wenn ich dir das geschrieben hätte, würdest du dich wie ’n Aal aus der Geschichte herausgeschlängelt haben! Ich kenne meinen Zigeuner! Dir muß man allemal die Pistole auf die Brust setzen, wenn man dich zu etwas heran haben will. Um alter Zeiten willen und weil sie ’mal früher dein Liebling, dein Herzensliebling’ gewesen ist – ja, wohin denn?“

Leo war aufgestanden und sah sich suchend im Zimmer um.

„Ich – ich – werde fort müssen! Verzeih’ mir, Schwager, aber ich kann deine Bitte – gerade diese Bitte – nicht erfüllen. Alles, was du sonst von mir haben willst – du oder Käthe – will ich mit tausend Freuden …“

„Mann Gottes, wie kommst du mir vor? Wir wollen nicht ‚alles sonst’ von dir haben, sondern nur dies eine! Ein Vorwand für dein Hiersein ist bald gefunden. Du kannst ihr ja meinethalben sagen, daß ich wirklich Geld von dir haben will – oder was sonst – aber es ist doch am Ende nicht zuviel verlangt –“

„Ja, es ist’s, ist zuviel verlangt! Es – es geht entschieden über – ich kann – ich habe –“

„Hast du uns – hast du Leonie nicht lieb genug, um uns und ihr selbst diesen Wunsch zu erfüllen? Ihr selbst’ meine ich insofern, als sie später demjenigen nur danken dürfte, der sie jetzt von ihrem Vorhaben zurückhält.“

Draußen gab die Hausglocke rasch hintereinander zwei scharfe Schläge an.

„Käthes Signal!“ Der Rechtsanwalt erhob sich ebenfalls. „Lieber Kerl, nun hilft dir alles nichts, du mußt ins Feuer! Sieh zu, was du ausrichtest, und thu’ dein Bestes – wenn nicht dem Mädel zuliebe, dann um unsertwillen. Ich schick’ dir das ‚corpus delicti’ hier herein, sie hat keine blasse Ahnung, daß du da bist. Mach’ doch nicht so’n dramatisches Gesicht, Mensch, wie der Charakterspieler auf dem Theater, der das böse Gewissen hat! Was? Ich soll hier bleiben? Das hat gar keinen Zweck! Was ich ihr zu sagen gehabt habe, das hab’ ich gesagt, und [323] hübsch deutlich ist es gewesen. Jetzt mußt du ihr sagen, was du für gut findest. Benimm dich vernünftig, ’s ist eine ernste Sache, um die sich’s handelt!“

Mit diesen Worten nahm der Rechtsanwalt den Thürdrücker in die Hand und verschwand, ohne sich auch nur noch einmal nach dem Zurückbleibenden umzusehen. Leo strich sich das schwarze volle Haar aus der Stirn und versuchte, seine wirren Gedanken in geordnete Bahnen zu lenken, indessen, das war vergebene Mühe, denn er war kaum zwei Minuten allein gewesen, als sich die Thür die vom Korridor ins Zimmer führte, öffnete und Leonie hereintrat, hastig wie jemand, der in eines anderen Auftrag etwas holen will, um sofort wieder zu gehen. Sie hatte Mantel und Handschuhe bereits abgelegt, trug aber noch den Hut auf dem Kopf, einen schönen, malerischen Rubenshut mit dunklen Federn unter dem ihr von der Winterluft sanft gerötetes Gesichtchen wie eine junge Maienrose hervorsah. Sie erkannte den mitten im Zimmer Stehenden nicht sogleich und begann, mit einer leichten Neigung des Kopfes. „Sie verzeihen – ich wußte nicht … Ah, Onkel Zigeuner – du?“

Das sanft gerötete Gesichtchen wurde dunkelrot, die Stimme klang unsicher.

„Ja – ich, meine liebste – meine liebe – – Leonie!“ Er konnte sich nicht entschließen, „Nichte“ zu sagen – es fiel ihm auch zum Glück ein, daß er ihr damals im Herbst, als sie so rasch von Grünholm fortgefahren war, keinen Abschiedskuß gegeben hatte und daß es seine Pflicht sei, das jetzt nachzuholen. Auf die Stirn konnte er sie nicht küssen, der große Hut war ihm im Wege. In seiner Verwirrung küßte er sie auf den Mund, und er fühlte es wie einen elektrischen Schlag durch seinen ganzen Körper, als er das that. Auch sie zuckte zusammen, und dann sahen sie einander scheu von der Seite an, wie zwei Schuldbewußte.

„Wann – wann bist du gekommen?“

„Ich? Er schien sich erst auf die Thatsache besinnen zu müssen. „Laß sehen, es können zwei Stunden etwa sein. Ja – zwei Stunden sind es! Ich bin diesen Morgen gekommen.“

„Da wird sich Mama freuen. Ich will sie rufen, damit …“

„Nein, bitte, nicht!“ Er hielt sie bei der Hand zurück und behielt diese weiche Mädchenhand, wiederum in seiner Verwirrung, in der seinen. Er war bange, sie möchte sie zurückziehen, allein sie that es nicht, vielleicht aus Vergeßlichkeit.

„Willst du dich nicht setzen, Kind? Ich … ich möchte etwas mit dir besprechen!“

„Du – mit mir?“

„Ja! Wundert dich das so sehr?“

Hierauf entgegnete Leonie nichts, aber sie setzte sich gehorsam nieder und er zog seinen Stuhl sehr dicht an den ihren heran und hielt noch immer ihre Hand fest. Ihm klangen plötzlich die Worte seines Schwagers im Ohr, wie Frau Käthe ihm von dem Kultus erzählt hätte, den das Mädchen mit allerlei Dingen, die Onkel Zigeuners Eigentum waren, getrieben, wie sie dieselbe heimlich auf ihr Zimmer genommen und dort zur Erinnerung aufbewahrt, wie sie nachts bitterlich geschluchzt hatte, als er übers Meer gegangen war. Und er hatte keine Ahnung gehabt! Aber freilich, das war damals gewesen – damals! –

„Denkst du noch manchmal an frühere Zeiten, Leonie?“ fragte er halblaut, und er war sich dessen nicht bewußt, wie weich und innig dabei seine Stimme klang.

Das junge Mädchen nickte ein paarmal rasch nacheinander, wie wenn es das oft thäte.

„Und gern, Leonie?“

„Sehr gern, Onkel Zigeuner!“

Es wurde sehr leise gesagt, aber er verstand es.

„War es nicht schön damals?“

„Ja – sehr!“ Dies klang noch leiser.

„Und wäre es nicht noch schöner, wenn es wieder so käme?“

– – Stille – – –

„Möchtest du mir dein Vertrauen schenken, wie du es als Kind immer thatest?“

Ein rascher prüfender Aufblick der Augen – so wundervolle blaue Augen waren es – darauf ein beinahe unhörbares „Ja!“

„Ist es wahr, daß du Krankenpflegerin werden willst?“

Bestätigendes Nicken.

„Fühlst du so brennende Lust dazu?“

„Ich … ich … habe Neigung dafür!“

„Ist diese – diese – Neigung die einzige Ursache, weshalb du dir diesen schweren aufopferungsvollen Beruf erwählt hast?“

Keine Antwort.

„Hast du sie deinen Eltern als einzige Ursache genannt?“

„Ja!“

„Es giebt aber noch eine zweite Ursache? – Soll ich keine Antwort haben, Leonie? Wolltest du mir nicht vertrauen? Habe ich nicht dein Versprechen?“

Aus ihrem Gesicht war jeder Schimmer von Röte gewichen, als sie endlich, nachdem sie mehrmals vergebens zum Sprechen angesetzt hatte, erwiderte: „Ich kann dir in diesem einen Punkt nicht mein Vertrauen schenken!“

„Gerade nicht in diesem einen Punkt? Und gerade nicht mir?“

Das fragte er mehr sich selbst als sie, ihm war, als wäre er lange, lange im Dunkeln gegangen und mit einem Mal führe ein Blitz nieder, und er würde sehend. Immer noch hielt er die kleine Hand in der seinigen, sie zitterte, aber sie zog sich nicht zurück. Er hob plötzlich diese kleine Hand empor und preßte heiß und lange seine Lippen darauf.

„Was thust du, Onkel Zigeuner!“

„Muß es immer und immer Onkel heißen, Leonie? Kannst du nicht eine andere Bezeichnung für mich finden? Kannst du nicht?“

Sie konnte nicht, selbst wenn sie es gewollt hätte! Wie konnte sie reden, wenn er sie in seine Arme nahm und ihr den Mund mit seinen Küssen schloß und ihr die Thränen fortküßte und sie fest, fest an sein Herz drückte, daß sie nichts weiter sah, nichts weiter hörte und fühlte als ihn allein!!

„Hast du mich lieb, mein Herz, mein Leben, mein Glück – hast du mich lieb?“

„Ja!“

„Wie lieb denn?“

„Mehr als alles auf der ganzen Welt!“

„Wie lange schon?“

„Immer, solange ich denken kann!“

„Hast du um meinetwillen keinen andern haben wollen, auch den reichen Freiersmann nicht?“

„Um deinetwillen!“

„Hast du um meinetwillen unverheiratet bleiben wollen?“

„Ja!“

„Und jetzt willst du heiraten?“

„Ja!“

„Leonie! Noch kann ich’s nicht glauben, daß du mein eigen bist, wahr und wahrhaftig und unwiderruflich mein eigen! Kind, wie hab’ ich dich geliebt! Geliebt schon, als du ein kleines, kleines Mädchen warst! Und habe um dich gelitten und bin eifersüchtig gewesen und unglücklich und hab’ es nie zu hoffen gewagt, du, du schönes, süßes, junges Geschöpf, um das sie alle werben, könntest deinen alten, häßlichen, finstern Onkel Zigeuner –“

„Still! Das verbitte ich mir! Weißt du denn, von wem du sprichst? Von meinem Verlobten! Es existiert gar kein Onkel Zigeuner mehr, sondern nur noch Leonie Trautweins Bräutigam, und der heißt Leo Gräfenberg, und der ist – –“

„Na, wenn ihr da drinnen schon so lustig lachen und schwatzen könnt, kann die Sache nicht schlimm stehen! Mit diesen Warten riß der Rechtsanwalt die Thür auf und spazierte, seine liebe Gattin am Arm, wohlgemut ins Zimmer. „Wie steht’s denn, Zigeuner, hast du uns das Mädel bekehrt?“

„Ja – zur Liebe – und zur Ehe! Gustav – Käthe – ob ihr wollt oder nicht – ihr müßt mich zum Schwiegersohn nehmen!“

Es gab Fragen und Ausrufe und Küsse und Umarmungen ohne Ende. Auch ein paar Thränen kamen dazu, aber die wurden vor Freude geweint.

„Gott weiß es,“ sagte Frau Käthe, als sie endlich beim Sekt zusammensaßen „ich hab es nie gedacht! Ich hab’ nur meinem Alten zugeredet, er solle ihn herkommen lassen, damit er, der doch das Kind so geliebt hat, dem erwachsenen Mädchen jetzt Vernunft beibringen! Und was hat er ihr beigebracht? Die reine bare Unvernunft, denn, Kinder, das ist die Liebe, ja, ja macht mir nur Augen! Darum wollen wir aber dennoch unsere Gläser füllen und rufen. Hoch lebe unser Bräutchen! Und hoch Onkel Zigeuner!!“