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Textdaten
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Autor: Johannes Scherr
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Titel: „Nur eine Hausfrau“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 158–159
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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„Nur eine Hausfrau.“


Freitags, den 7. Februar 1873, Abends vier Uhr, bewegte sich von der Helferei zum St. Peter in Zürich aus ein Leichenzug nach dem Friedhofe von St. Jakob in Außersihl, – der Leichenzug von Marie Susanne Scherr, geb. Kübler, welche, jählings vom Schlage gerührt, Dienstags, den 4. Februar, Abends acht Uhr, nicht unter ihrem eigenen Dache, aber doch unter dem eines Sohnes, in den Armen ihres Gatten gestorben war.

„Die beste Frau ist die, von welcher man am wenigsten spricht“ – bei ihren Lebzeiten, ja! Wenn aber über einer Frau, welche ich mit voller Ueberzeugung den besten ihrer Zeit beizähle, das Grab sich geschlossen hat, dann ist es nur Gerechtigkeit, auch die Welt wissen zu lassen, was alle Freunde und Freundinnen der Hingegangenen längst gewußt und anerkannt hatten.

Oft fühlte ich mich getrieben, bei dieser oder jener passenden Gelegenheit die unendliche Summe des Dankes, die ich der Frau, welcher ich dieses Todtenopfer bringe, meiner Frau, schuldete, auch öffentlich zu bekennen. Einmal stand das Bekenntniß schon gedruckt, aber sie strich die bezügliche Stelle eigenhändig aus der Correcturfahne, indem sie sagte: „Mach’ mich nicht eitel! Ich weiß ja, was ich Dir bin, und das genügt mir.[1] Ach, sie gehörte zu den nicht gerade allzu zahlreichen Menschen, welche nicht verstehen, nicht verstehen wollen, was es denn Besonderes, was es Preiswürdiges sei, wenn man seine Pflicht erfüllt, auch mit blutendem Herzen, mit höchster Selbstverleugnung erfüllt. Ihre edle, stets sich gleich gebliebene Anspruchslosigkeit hat nie nach Lob verlangt. Gerade darum lege ich jetzt einen vollen Kranz auf ihr frisches Grab, und ich darf es, denn jedes Blatt desselben ist verdient, zehnfach verdient. Wohl weiß ich, daß Lessing im Januar 1778 nach dem Tode seiner Eva geschrieben hat: „Man sagt, es sei nichts als Eigenlob, seine Frau zu rühmen.“ Aber mit Lessing setze ich zu meiner Rechtfertigung hinzu: „Wenn ihr diese Frau gekannt hättet! Wenn ihr sie gekannt hättet!“

Ihre ungewöhnlichen Geistesgaben hatten von Seiten eines liebevollen Vaters schon frühzeitig eine sorgfältige Entwickelung erfahren. Die Schulen ihrer Vaterstadt Winterthur, welche für ihr Schulwesen mehr thut, als irgend eine andere Gemeinde in Europa, leisteten schon damals Gutes. Das Röderer’sche Institut in Yverdon, welches eines großen Rufes genoß, vollendete ihre Ausbildung, namentlich in fremden Sprachen. Sie verstand Englisch und Italienisch; sie redete das Französische so, daß Kenner ihre Aussprache fein fanden. Von Haus aus besaß sie ein großes Lehrtalent, und daß sie dieses zu verschiedenen Zeiten pflichttreu und wirksam geübt habe, wird eine nicht geringe Anzahl von Schülerinnen gerne bezeugen.

In weiteren, weitesten Kreisen, soweit Deutsch gesprochen wird, hat sie dann später ihre Lehrgabe erfolgreich bethätigt, insbesondere mittelst ihrer zwei bedeutendsten Bücher: „Das Hauswesen“ und „Das Buch der Mütter“. Tausenden und wieder Tausenden von jungen Mädchen, jungen Frauen und jungen Müttern ist sie dadurch eine Lehrerin und Führerin, geradezu eine Wohlthäterin geworden, und gar mancher junge Ehemann hatte, ohne es zu wissen, vollauf Ursache, der „Marie Susanne Kübler“ dankbar zu sein. Im Januar d. J. schrieb sie noch die Vorrede zur sechsten, sorgfältig revidirten Auflage vom „Hauswesen“, dem sie das wie aus ihrem eigensten Wesen gesprochene Motto vorgesetzt hat: „Suche gut zu sein, doch wünsche nicht groß zu sein! Was einer Frau am besten ziemt, ist Zurückgezogenheit, ihre schönste Tugend häusliches Wirken, das, fern der Oeffentlichkeit, jedes zu starke Licht scheut.“

So glaubte sie, so that sie, so war sie. Als eines Tages – es war auf dem Weißensteine bei Solothurn, wo sie so gerne weilte – ein in Constantinopel niedergelassener Deutscher, der sich ihr hatte vorstellen lassen, in warmen Worten ihr seine

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Die Gartenlaube (1873) b 159.jpg

Susanne Scherr (Marie Susanne Kübler).

Dankbarkeit bezeigte dafür, was sie mittelst ihrer Schriften an seinen Töchtern gethan, und dabei die „Schriftstellerin“ betonte, entgegnete sie mit jener Einfachheit, mit jener ungeheuchelten Bescheidenheit, welche alle ihre Freunde an ihr gekannt haben: „Ich bin keine Schriftstellerin. Ich bin nur eine Hausfrau, welche ihre Erfahrungen als solche und als Mutter auch anderen nutzbar zu machen versuchte, da es mich erbarmte, daß so viele sonst gut angelegte Ehen zu unglücklichen werden nur darum, weil die jungen Frauen, nicht aus üblem Willen, sondern nur aus Unkenntniß und Ungeschicklichkeit ihren Pflichten nicht nachkommen können, wie sie sollten und gewiß gerne wollten.“

Nur eine Hausfrau! Ja, eine solche, daß ich alle die Jahre lang, welche mit ihr zu verleben mir gegönnt war, gar nicht wußte, was es für kleine und große Haushaltsfragen giebt. Eine solche, daß sie Alles und Jedes bis zu ihrem letzten Tage mit unvergleichlicher Ein- und Umsicht, mit unermüdlicher Arbeitslust, mit tactvollem Ordnungssinn, mit gewissenhafter Sparsamkeit im Gange und Zuge erhalten hat. Und diese eminent praktische Hausfrau war zugleich allem Schönen und Höheren mit offener Seele zugewandt und vollkommen befähigt, die stille Schönheit jener [2] griechischen Statue wie die Erhabenheit eines gothischen Münsters auf sich wirken zu lassen, eine Symphonie von Beethoven, ein Oratorium von Bach oder Händel feinfühlig zu genießen und den ewigen Gehalt von Dichtungen wie Lessing’s „Nathan“ und Goethes „Iphigenie“ verständnißvoll in sich aufzunehmen. Und wie alle guten Menschen verstand und liebte sie innig das Leben der Natur. Die eigentlichen Feier- und Festtage ihres Daseins erlebte sie auf unseren allsommerlich wiederholten Wanderungen durch die Alpenpracht ihres Heimathlandes. Da ging ihr das Herz auf, und von da brachte sie immer wieder jenen tapfern Muth mit heim, welcher in schwersten Prüfungen so groß und schön sich bewährt hat.

Nur eine Hausfrau! Ja, sie lebte der Ueberzeugung, daß das Haus das eigentliche Heim der Frau, die Stätte ihrer Wirksamkeit und ihres Glückes sei. Darum war ihr alles blos auf Aeußerlichkeit Abzielende, alles sich Vordrängende, Aufgespannte, Komödiantische in tiefster Seele zuwider. Gerade so auch die Windbeutelei, welche jetzt so vielfach mit der Frage der „Frauenarbeit“ getrieben wird. „Es hat noch keinem Mädchen und keiner Frau, welche wirklich arbeiten wollten, an Arbeit gefehlt,“ pflegte sie zu sagen. Ihr Gefühl war tief und von edelster Selbstlosigkeit. Ihre Aufopferungswilligkeit kannte keine Grenzen. Ihre höchste Freude war, ihren Lieben Freude zu bereiten. Eine liebevollere Tochter und Schwester hat es nie gegeben. Ein treueres Mutterherz hat nie geschlagen, leider, ach, wohl selten auch ein schmerzenreicheres! Mir war sie die Lebensgefährtin im Hochsinne des Wortes, die Mitstreiterin, und wenn vor Jahren ein wohlwollender Urtheiler mich „einen nie und durch nichts zu irrenden oder zu entmuthigenden Kämpfer“ genannt hat und ich dies annehmen durfte, weil ja „Mensch sein heißt, ein Kämpfer sein“, so bekenne ich heute leidvoll dankbar, daß ich den Ehrennamen nur erwerben[3] konnte, weil mir meine geliebte Frau zur Seite stand und ging als der beste aller „guten Cameraden“, die jemals einem kämpfenden Manne zur Seite gestanden und gegangen „in gleichem Schritt und Tritt“.

Johannes Scherr.
  1. Etwa zwei Monate vor ihrem Hingange bat mich mein verehrter Freund, der Eigenthümer der „Gartenlaube“, ohne alles Zuthun von meiner Seite, ihm eine gute Photographie meiner Frau zu senden, indem er ein Bild und eine Charakteristik von ihr in diesen Blättern zu veröffentlichen wünschte. Wissend, daß sie sich entschieden widersetzen würde, handelte ich diesmal – wohl mir, daß ich sagen darf, nur diesmal! – hinter ihrem Rücken, indem ich die Photographie absandte. Ich hoffte, sie mit der betreffenden Nummer der Gartenlaube an ihrem Geburtstage überraschen zu können. Heute, wo ich dieses schreibe, ist der Geburtstag –

    „But she is in her grave, and, oh,
    The difference to me!“

  2. Vorlage: "iener"
  3. Vorlage: erwarten. Berichtigung (Die Gartenlaube 1873/13)