Textdaten
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Autor: Anonym
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Titel: Von Koburgischen Künstlern
Untertitel:
aus: Journal von und für Franken, Band 6, S. 257–281
Herausgeber: Johann Caspar Bundschuh, Johann Christian Siebenkees
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1793
Verlag: Raw
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Erscheinungsort: Nürnberg
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: UB Bielefeld, Commons
Kurzbeschreibung:
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I.
Von Koburgischen Künstlern.
So viel ist bereits durch den Ausspruch bewährter Kenner schon entschieden: daß Koburg seit etwa 50 Jahren die geschicktesten Künstler von mancherley Art aufzuweisen hatte, und noch hat; Männer, die sich mit den berühmtesten Ausländern in ihrem Fache messen können, vielleicht auch wohl bisweilen solche noch übertreffen. Auch sind mehrere derselben schon in verschiedenen Schriften, deren Verfasser als competente Richter anerkannt sind, gelegenheitlich laut und öffentlich nach Verdienst gerühmt worden; aber gewöhnlich wurde ihrer nur überhaupt und im Allgemeinen gedacht, so daß, wer jene zerstreuten Nachrichten lieset, nicht viel mehr, als ihren Namen, und die Art ihres Gewerbes daraus kennen lernt. Denn, aus welchem Lande dieser oder jener gerühmte| Künstler sey; – wie und wo er sich bildete; – wodurch er sich vorzüglich auszeichnete; davon erfährt man meistentheils wenig, oder gar nichts. Und doch ist dieses alles das Angenehmste und Wichtigste. Da es nun so ganz eigentlich zum Zweck Ihres Journals mit gehört, genauere und vollständigere Nachrichten von Fränkischen, und folglich auch von Koburgischen Künstlern dem Publicum mitzutheilen: so will ich in diesem Aufsatze einen kleinen Beytrag zur Geschichte derselben liefern. Sollte er den gewünschten Beyfall finden, so könnten ihm vielleicht künftig mehrere folgen.
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 Ich mache den Anfang mit der getreuen Beschreibung einer Familie, die (ausser den weiblichen, welche uns hier nicht interessiren) aus 6 männlichen Gliedern besteht, die sammt und sonders geborne Künstler sind; – gewiß, eine wahre Seltenheit! Es ist dieß die Familie Walther in der Residenzstadt Koburg. Der Vater, und 3 seiner Söhne sind Steinschneider, 2 derselben aber Goldschmide und Juwelierer, welche es alle, vermöge der herrlichen Talente, die ihnen die gütige Natur gab, und durch ihren Fleiß zu einem ganz vorzüglichen, ja größtentheils ausserordentlich hohen Grad von Geschicklichkeit| und Vollkommenheit in ihrer Kunst gebracht haben, und es daher sehr wohl wehrt sind, daß ihr Ruf auf diese Art zu ihrer Ehre, vielleicht auch zu ihrem Nutzen, allgemeiner verbreitet, und ihr Andenken auf die Nachkommenschaft fortgepflanzt werde.
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 Johann Thomas Walther, der Vater, herzogl. Kabinetsteinschneider in der vorhin erwähnten Stadt, wurde am 19 Sept. 1717. in dem Hennebergischen Dorfe Goldlauter, eine Stunde von der Berg- und Handelsstadt Suhl, geboren. Er verlor seinen Vater, Johann Walther, Zwölfer und Köhler des Orts, schon als ein zartes Kind von vierthalb Jahren durch den Tod. Nach den Kursächsischen Rechten mußte die Mutter hierauf ihren ältesten Kindern das wenige väterliche Vermögen fast ganz abtreten. Es blieb ihr daher, als einer armen Wittwe, kein anderes Mittel übrig, sich mit diesem kleinen Waisen, welchen sie nach einer Pause von 11 Jahren geboren hatte, zu ernähren, als das Spinnrad, oder genauer zu reden, der Werkrocken, welcher bekanntlich nur solche äusserst schmale Bissen abwirft, daß man sich kaum des Hungers damit erwehren kann. Doch, ihr inbrünstiges, frommes Gebet, und anhaltender Fleiß war nicht umsonst.| Gott half ihr von Zeit zu Zeit. Der Knabe, dessen Nahrung und Erziehung ihr unzählige Seufzer und Thränen kostete, wuchs heran und wurde brav und emsig. Als er so viel Verstand hatte, einzusehen, daß die Ursache jener Seufzer und Thränen allzudrückende Dürftigkeit sey: so bat sie der gutherzige Knabe oft und dringend, daß sie doch ja den auf ihn gekommenen Erbtheil verzehren möchte und äusserte Muth genug, sich einst schon selbst, ohne diese Unterstützung, in der Welt fortzubringen. Und er zeigte wirklich immer solche Merkmahle, die ein glückliches Loos auf die Zukunft für ihn erwarten ließen. Denn je mehr er zum Jünglinge heran reifte, desto mehr verrieth er einen vortrefflichen Verstand nebst einer ausserordentlichen Liebe zur schönen Natur, zum Fleiß und zur Ordnung. Und da sein Herz und Wandel nicht minder vortrefflich war, als sein Verstand, so liebte ihn auch jedermann, der mit ihm zu thun hatte, und seinen Wehrt kannte. Schon als Knabe zog er durch seine schönen Anlagen die Aufmerksamkeit eines edeldenkenden Menschenfreundes, des Doctors der Medicin, Johannes Meyer, zu Goldlauter auf sich, der ihn liebgewann, ihm die nöthigen Schulbücher| schenkte, und das Geld für seinen Unterricht bezahlte. Eben diese Wohlthaten erzeigte er auch vielen andern gutartigen Kindern, wofür er nun den Lohn vor Gottes Throne genießt. Dieser Edle würde noch bey weitem mehr für Walthern gethan haben, wenn es ihm dessen, zwar arme, aber feinfühlende Mutter erlaubt hätte. Allein, nachdem ihr Sohn so weit gekommen war, daß er sein Brod verdienen konnte, gab sie es durchaus nicht zu, daß er weiter etwas von dem großmüthigen Arzte annehmen durfte, weil sie glaubte, dieß würde Mißbrauch seiner Güte seyn, die sie aber schlechterdings nicht mißbrauchen wollte. Nun arbeitete denn dieser Jüngling mir seinen Freunden bis in sein 20stes Jahr im Walde, und kohlete, wie weiland sein Vater, welches Geschäffte in der dasigen Gegend eben sowohl zur Winters- als Sommerszeit getrieben wurde. Alle seine Musestunden aber, deren er jedoch nur wenige hatte, verwendete er auf die sorgfältigste Betrachtung und Nachahmung der schönen Natur, an der er sich nicht satt sehen konnte. Der Gesang der Vögel war ihm die lieblichste, reizendste Musik. Er wußte ihn auch so täuschend nachzumachen, daß er sie dadurch oft zu sich lockte, worüber| er dann jedesmahl eine ungemeine Freude empfand. Er copirte diese holden Sänger, so wie auch diejenigen Gegenstände um sich her, die den meisten und angenehmsten Eindruck auf sein Gemüth machten, ohne je die mindeste Aufforderung und Anweisung dazu erhalten zu haben, bloß auf inneren Antrieb, und nach seinen eigenen besten Kräften und Ermessen. Gleichwohl brachte er es in kurzer Zeit so weit, daß seine Kameraden über seine Zeichnungen erstaunten, und oft zu ihm sagten: könnten wir, was du kannst, wir blieben nicht bey dieser bösen Waldarbeit. Diese Reden bevestigten endlich den Entschluß in ihm, welchen er schon lange im Stillen bey sich gefaßt hatte, die Steinschneiderkunst zu erlernen. Nur wollte er sich erst so viel erwerben, daß er sich reinlich kleiden, und seine Lehrjahre mit Ehren aushalten könnte. Kaum hatte er aber so viel Geld, als dazu nöthig war, so ließ er sich wirklich im Jahre 1737. am 29 September bey Johann Michael Keßler, Glasschneider zu Frauenwald in Thüringen, auf 4 Jahre einschreiben, und erwarb sich durch seine untadelhafte Aufführung, so wie durch seinen ernsten Fleiß, und durch seine täglich zunehmende Geschicklichkeit die vollkommenste Liebe, Achtung| und Zufriedenheit seines Lehrmeisters, dem er durch seine Zeichnungen und eigne Invention, ungemein nützlich und folglich doppelt wehrt war, welcher ihn auch am 21 April 1742 lossprach, oder wie man sonst zu reden pflegt, ihm ausgelernt gab. Ob nun gleich Walther nicht im Stande war, seinem Lehrmeister das bedungene Lehrgeld sogleich zu bezahlen, so entließ ihn dieser doch, weil er merkte, daß der junge Mann vor Begierde brenne, sich anderwärts noch mehr in seiner Kunst zu vervollkommenen, und die edle Denkart seines Schülers zu gut kannte, als daß er auch nur einen Augenblick hätte zweifeln können, er werde ihn, so bald als es nur möglich wäre, bis auf den letzten Heller bezahlen. Keßler irrte sich wirklich nicht. Denn kaum war ein Jahr verflossen, so schickte ihm Walther sein ganzes Lehrgeld, welches er sich an seinem Geburtsort, bey dem damahligen Glasschneider Johann Friedrich Hartleb, der zugleich Schulmeister des Orts war, verdient hatte. Unterdessen hatte sich sein guter Ruf schon weit verbreitet, und verschaffte ihm, ehe er es vermuthete, eine sehr vortheilhafte Condition bey dem damahligen, im Dienst des Herrn Marggrafen Friedrichs zu Bayreut stehenden Steinschneider| Hanf (welcher nach dem Tode des Herrn Marggrafen nach Berlin ging und daselbst starb.) Ehe aber noch Walther seine bisherige Station verließ, so kam der Hessen-Kasselische Hofsteinschneider zu ihm, und suchte ihn durch die größten Versprechungen zu bereden, mit ihm zu gehen. Weil aber jener sein dem Herrn Hanf gegebenes Wort, als ein ehrlicher Mann halten wollte, so stellte ihm der Hessen-Kassler frey, zu ihm zu kommen, wenn es ihm beliebte, mit der Versicherung, zu jeder Zeit gewiß so aufgenommen zu werden, daß es ihn nicht gereuen würde, zu ihm gekommen zu seyn.
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 Walther machte sich nun zur Abreise nach Bayreut fertig, behielt aber nach bezahltem Lehrgelde nicht mehr als 4 Groschen von seinem jährigen, zu Goldlauter erworbenen Verdienste übrig. Gleichwohl nahm er bey seinen Freunden Abschied, um zur bestimmten Zeit an Ort und Stelle einzutreffen. Unter diesen fand er nun einen armen Vetter, der krank war. Und diesem schenkte er, von dessen Noth gerührt, diese seine letzten 4 Ggr. ohne sich darum zu bekümmern, wovon er seine Reisekosten bestreiten wolle. Gott – dachte er – Gott wird schon dafür sorgen! Und er sorgte wirklich,| indem er in der nächsten Stunde das Herz eines andern Blutsfreundes, der in bessern Umständen war, rührte, daß dieser ihm ein ansehnliches Geschenk machte, wodurch er weit reicher wurde, als er vorher gewesen war. Gott gab ihm auch noch überdieß in seiner neuen Stelle das erwünschteste Gedeihen zu seinen Berufsarbeiten. Denn gleich im ersten Jahre seines Aufenthaltes zu Bayreut brachte er es schon so weit, daß er im Stande war, nicht nur sehr schöne Galanteriestücke von allerley Art zu verfertigen, sondern so gar auch hochgearbeitete Cälaturen auf solche selbst zu erfinden. Denn die vielen Künstler und Kunstsachen, die bey dem damahligen Marggrafen Friedrich anzutreffen waren, boten dem Genie und Fleiß eines jungen Mannes die manchfaltigsten, besten Mittel dar, sich zu bilden. Weil aber Hanf späterhin ein noch besseres Glück zu Koburg zu machen hoffte: so begleitete ihn Walther dahin. Allein ersterer war nur eine kurze Zeit daselbst, so rief ihn sein Marggraf, der ihn ungern vermißte, unter sehr vortheilhaften Bedingungen wieder nach Bayreut zurück. Walther aber blieb bey der Equipage seines gnädigsten Herzogs in Koburg. Und hier machte er sein Glück, welches er Gott,| und seinem huldreichen Fürstenhause, jetzt noch, im grauen Haare mit dem gerührtesten Herzen und tiefster Devotion verdankt, und bis zum Schluß seines Lebens, ja ewig verdanken wird.
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 Franz Josias, ein Kenner, Beschützer und Pfleger der schönen Kunst und Wissenschaften, ließ ihn rufen, und trug ihm seine Dienste an, die ihm auch um so willkommener und angenehmer waren, weil es ihm in Koburg wegen verschiedener schöner Einrichtungen, hauptsächlich in Absicht auf den öffentlichen Gottesdienst, vorzüglich wohl gefiel. Sein Decret als herzogl. Cabinet-Steinschneider, nebst lebenswierigen Engagement, erhielt er am 24 Nov. 1744, und wußte sich durch Fleiß und seine Arbeiten nach damahligen Geschmack beständig in der Gnade seines Fürsten zu erhalten, bekam auch von Zeit zu Zeit die erwünschten Versicherungen von dessen vollkommener Zufriedenheit mit ihm. Walther verdiente diese auch in der That. Denn er verfertigte solche Stücke, dergleichen vor ihm noch nie in Koburg gemacht, ja nicht einmahl gesehen worden waren. Sein erfinderischer Kopf und sein eiserner Fleiß bewirkte alles, was sein Gebieter nur wünschte. Und alle seine| Arbeiten geriethen ihm so gut, daß er sich, ausser der ihm schätzbaren Gnade seines Herzogs, den größten Beyfall der Kenner, die seine Arbeiten sahen, dadurch erwarb. Noch jetzt in seinem hohen Alter, wird seine ganze Seele lebendig, ja wonnetrunken, und strömt über von Freude, Dank und Preis gegen die gütige Vorsehung, wenn er an jene schönste Periode seines Lebens zurück denkt. Unter andern porträtirte er seinen Fürsten Franz Josias bereits schon vor 30 Jahren, und späterhin den Herrn Vater der jetztregierenden Frau Herzogin, auf Befehl, nach einem Gemählde.

 Im Jahre 1759 starb seine wohlbetagte Mutter zu Goldlauter, und hinterließ von seinem ihr geschenkten Erbtheil noch 5 fl. Fr. Ihr edler Sohn nahm aber diese nicht an, sondern ließ sie gleich dem dasigen Gotteskasten auszahlen, worüber ihm der damahlige Pfarrer eine Quittung zusandte, die er noch unter seinen Papieren aufbewahrt, aus welchen diese seine kurze Lebensgeschichte genommen ist.

 Im Jahre 1749 verehlichte er sich mit des Johann Scharfs, Kürschnermeisters zu Koburg, einzigen Tochter, wobey er weder auf zeitliche Güter, noch auf andere Vortheile,| sondern lediglich auf Güte des Herzens und andere Tugenden sah; – abermahls ein deutlicher Beweis von seiner edeln Denkart.
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 Der erstgeborne Sohn, Johann Walther, mit welchem ihn seine Gattin im nächsten Jahre, 1750, erfreute, erlernte von ihm die Steinschneiderkunst, die er gegenwärtig in Petersburg, wo er sich verheyrathet und häuslich niedergelassen hat, mit dem glücklichsten Erfolg treibt, und Ehre und Reichthum dadurch erwirbt. Er schneidet, was, und wie man es haben will, erhöhet und vertieft, auch nach Art der Griechischen und Römischen Gemmen. Er hat schon sehr viele Meisterstücke geliefert, worunter, vorzüglich die wohlgetroffenen Bildnisse vieler Großen des Rußischen Reichs gehören, nebst den mancherley Siegeln und Wappen derselben, die er in Stein schnitt, und die jedesmahl verändert und vergrößert werden, so oft ihre Besitzer neue Chargen bekommen. Den größten und allgemeinsten Beyfall aber erwarb er sich durch das Porträt seiner erhabenen Kaiserin, welches ganz herrlich ausfiel. Er erhielt dafür aus ihrer eignen Hand, was er verlangt hatte, nämlich hundert Species Ducaten, mit dem höchst schmeichelhaften| Zusatz: „hätte er 300 gefordert, er hätte sie auch bekommen, denn diese Arbeit ist es wehrt.“ Dieß sind ihre eigenen Worte.
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 Doch, so ausserordentlich geschickt auch dieser ist: so gibt ihm gleichwohl sein nächst folgender Bruder, Ludwig Friedrich Walther, geboren im Jahr 1758, nichts nach, wofern er ihn nicht noch übertrifft. Auch dieser erlernte die Kunst, Steine zu schneiden, von seinem braven Vater, und zwar mit unglaublicher Geschwindigkeit und Leichtigkeit, weil er noch mehr Genie und Anlage dazu hatte, als sein ältester Bruder. Schon in seiner frühen Jugend beschäfftigte, er sich am liebsten mit Arbeiten, die sich auf diese Kunst beziehen. So poussirte er unter andern als zarter Knabe schon sehr fein in Wachs, sogar in der Schule, so bald er sein Pensum aufgesagt hatte. Sein Lehrer bemerkte mit wahrem Vergnügen dessen Geschicklichkeit und schöne Anlagen zum einstmahligen Künstler, sahe auch oft durch die Finger, und tadelte nur eben diese seine Nebenbeschäfftigung als zweckwidrig, wenn seine Mitschüler zu aufmerksam darauf wurden, und ihre Pflicht darüber vergaßen. Nach zurückgelegten Schuljahren widmete er sich ganz seiner Kunst, studirte unter der Anweisung| und durch Unterstützung hoher und guter Gönner die Römischen und Griechischen Alterthümer, und brachte es in kurzer Zeit ausserordentlich weit. Schon seit vielen Jahren her verfertigt er die ausgesuchtesten Stücke aller Art. Er ahmt alles, was man ihm vorlegt, auf das vollkommenste nach. Besonders stark ist er im historischen Fach. Seine allergrößte Force aber hat er im Poträtiren. Er bildet jeden nach dem Leben, und trifft zum Sprechen, wenn er sich nur zuvor eine Copie in Wachs hat verfertigen können, wozu er sehr wenig Zeit braucht. Doch, in Ermangelung schneidet er eben so treu und gut nach wohlgetroffenen Gemählden, Medaillen, Zeichnungen und Kupferstichen. Ja, er vermag das sogar bloß durch Hülfe seiner glücklichen Einbildungskraft. Man darf ihm nur erlauben die Person, welche er porträtiren soll, so lange anzusehen, bis sich ihr Bild recht lebhaft in seiner Seele eingedruckt hat, und er schneidet dann bloß nach diesem Bild, das seiner Imagination vorschwebt, und trifft es sicher. Eben auf diese Art verfertigt er gegenwärtig das Brustbild seines gnädigsten Landesvaters Ernst Friedrich aufs neue. Dessen Frau Gemahlin, Sophia Antoinetta, hat er schon achtmahl| in Stein geschnitten; auch den Prinz Christian Franz, so wie dessen Herrn Bruder, den weltberühmten Helden und Türkenbändiger Friedrich Josias während seines letzten Besuchs zu Koburg, und zwar ersteren einmahl in die Größe eines Laubthalers auf einer Dose, welche nach Mecklenburg kam, einmahl tief zum Siegeln, und zweymahl zu Ringen, nicht minder den Herrn Erbprinzen daselbst auf einem Uhrgehäus, Ringe und Brasselets, und dessen Frau Gemahlin verschiedenemahle. Ausser diesen hat er den verstorbenen Kaiser Joseph II. sehr oft nach Medaillen, antik und modern, geschnitten; ferner, den vorigen König von Preußen, Friedrich den zweyten, zweymahl zu Siegeln, und zweymahl hoch, mit der Krone des Octav. Augustus, nach Gotha; eben denselben erst vor kurzem, nebst Voltairen, nach Kupferstichen, die ihm zu dem Ende waren zugeschickt worden, welche beyde für hohe, aber ungenannte Personen in Stuttgard durch den dasigen Herrn Goldarbeiter Eder bestellt waren, an den sie auch übersandt wurden. Dem Besteller dünkte der vom Herrn Walther vorher bestimmte Preis zu hoch; allein da er die Arbeit erhielt, wurde er ganz anders Sinnes, und schickte| ihm für jedes von beyden Stücken noch ein Ansehnliches mehr, als er nach dem Accord verbunden war, zum klaren Beweis seiner vollkommensten Zufriedenheit, wenn er auch diese nicht in so schmeichelhaften Ausdrücken schriftlich geäussert hätte, als er wirklich that, – höchst wahrscheinlich auf Befehl seiner hohen Committenten. Ferner porträtirte Herr Walther den jetzigen Pabst, Pius VI. zweymahl nach Mainz, so wie den jetzigen Kurfürsten daselbst; den Herzog von Gotha, und dessen Gemahlin, auf einen Stein, und deren Prinzen auf einen Ringstein; den Fürsten von Thurn und Taxis dreyßig mahl; den Graven von Reuß zu Köstriz und dessen Gemahlin mehrere mahle auf Uhren und Ringe, so wie auch die verwittibte Frau Gräfin von Reuß zu Ebersdorf, den Grafen von Stollberg 15 mahl, und noch viele andere Fürsten und Grafen mit ihren Gemahlinnen, die er selbst nicht mehr weiß, theils nach Zeichnungen, theils nach Gemählden, theils nach Kupfern.
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 Aber nicht bloß durch diese, sondern auch durch viele andere Arten meisterhafter Arbeiten hat er sich längst schon in und ausser seinen Vaterland den Ruhm eines ausgezeichnet geschickten Mannes in seinem Fache erworben.| Dahin gehören unter der Menge anderer, die er auf Uhrgehäuse, Stockknöpfe, Etuis und dergleichen geschnitten hat, vorzüglich folgende Stücke:

 1. Die Venus tändelt mit dem Amor, und hält ihm eine Rose vor, – ein Sinnbild, daß man mit Liebe der Jugend alles aufs angenehmste und spielend beybringt. Die Rose erinnert sie ihrer angenehmen Jugendjahre, die, wenn sie gut angewandt werden, die süßesten Früchte schmecken lassen.

 2. Eine Muse führet den Amor mit gebundenen Händen, und bläßt auf einer Pfeife Triumph. Der Sinn: man kann nicht eher über erlangte Vortheile triumphiren, bis die Vernunft gesiegt hat, als wozu Bildung der Seele und der Weisheit Muse führt.

 3. Venus bittet den Adonis, von der wilden Schweinsjagd abzustehen; – ein Bild der wohlmeinenden Liebe, die zum Gehorsam gegen hie Götter ermuntert. Und

 4. Jupiter sendet den Mercur an Paris, den Trojanischen Prinzen, mit dem goldnen Apfel der Eris, nebst dem Befehl: die schönste soll ihn haben! welchen Paris mit aller Aufmerksamkeit anhöret und annimmt; –| beyde zu Brasselets für die selige Markgräfin von Anspach verfertigt.

 5. Die Philologie, da Amor auf dem Pegasus reitet.

 6. Den Hercules auf vielerley Art, als Bild, wie die Standhaftigkeit der Tugend alle Ungeheuer der Laster bezwingt.

 7. Viele Gruppen von Thieren nach der Natur, wozu ihm oft der Stein selbst die Ideen angab.

 Nur noch einer einzigen Arbeit muß ich hier gedenken, die unter seine größten Meisterstücke gehört. Es ist dieß ein Centaur, auf welchem der Cupido reitet; ein Sinnbild, daß die Liebe selbst Ungeheuer bezähme. Der Grund des zwiefaltigen Holzsteines, worauf er es schnitt, war ganz schwarz und vollkommen rein, der Centaur aber, so wie der Cupido, hochroth, und beyde Farben verloren sich so schön aufeinander, daß das Ganze eine herrliche Wirkung aufs Auge machte. Lange hatte der junge Künstler diesen Stein, bloß oval zugeschnitten, auf seinem Fenster vor sich liegen, und weidete sein Herz an dessen Anblick, daher sein Vatter, der dieß merkte, mehrere mahle gleichsam spöttelnd zu ihm sagte: „du wirst wohl noch etwas Rechtes daraus machen!“ Und| siehe da! wider alle seine Erwartung, und zu seinem großen Erstaunen, bildete sein geschickter Sohn wirklich etwas Ausserordentliches aus diesem Steine, welches Stück der Herr Oberstallmeister von Kreilsheim in Anspach erhielt, der es in einen Ring fassen ließ. Als diesen der Herr Markgraf, ein großer Kenner der Kunst, der seinen Geschmack in Italien ausgebildet hat, sahe, nahm er ihn, ganz entzückt für Freude, zu sich, mit dem Ausruf: „Hier hat die Kunst den Meister übertroffen“ und schenkte ihn nachher, bey seiner Anwesenheit in Londen, dem König von England. Bey einem anderen Stück von Walthers Arbeit setzte er hinzu: „es wäre Schade, wenn ich diesem Manne nichts zu thun gäbe.“ Und er gab ihm zu thun. Und da er einstmahls ein neues Stück von Walthern an einer und einige schöne Arbeiten von dem, nunmehr verstorbenen berühmtesten Bildner zu Rom Herrn Pichler an der andern Hand trug, fragte er seine Gesellschafter, indem er ihnen diese Stücke zugleich vorzeigte: welches ist wohl von diesen Stücken das schönste? Und da keiner antworten wollte, vermuthlich, weil sie es nicht wagten, hier zu entscheiden, wo die Ehre des großen Pichlers auf dem Spiel| stand: so sagte endlich der Herr Markgraf, indem er beyder Arbeiten nochmahls gegen einander hielt und genau betrachtete: „nicht wahr? es ist schwer, zu sagen, welcher von beyden schönere Stücke liefert.“ Gewiß eine Äusserung, die dem Herrn Walther zu ausnehmender Ehre gereicht. Er gravirt auch sehr gut in Stahl und Meßing zu Siegeln. Doch so liebenswehrt auch diese seine seltne Geschicklichkeit ist, so dünkt mir dennoch die Güte und Vortrefflichkeit seines Charakters noch weit preiswürdiger. Denn er ist seit der Zeit, als sein ältester Bruder nach Petersburg abging, welches im Jahre 1772 geschah, mit Aufopferung seines eigenen großen Vortheils, die Hauptstütze seines alten Vaters, der sich durch seine vielen nächtlichen Arbeiten, die oft bis um 12 auch 1 Uhr dauerten, sein Gesicht so geschwächt hat, daß er alle seine Arbeiten seinen Söhnen überlassen muß, – und ist es mit Lust. Auf ihm ruht die größte Sorge für das Hauswesen. Meistentheils durch seinen Fleiß wird der Wohlstand seiner Familie erhalten. Bloß auf seine Kosten hat er seinen jüngsten Bruder, von dem ich nachher noch etwas sagen werde, viele Jahre lang das academische Gymnasium zu Koburg frequentiren lassen, aus eigener Erfahrung| überzeugt, wie viel die Cultur des Geistes Einfluß auch auf seine Kunst hat. Auch den Bruder, der vor kurzem nach Petersburg zu seinem ältesten Bruder abging, hat er nach seinen besten Kräften unterstützt, um sich möglichst gut auf seine Wanderschaft zuzubereiten, und endlich mit einem sehr ansehnlichen Reisegeld aus seinen Mitteln beschenkt.
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 Durch den berühmten Goldarbeiter und Juwelier Scharf; (von dem ich künftig vielleicht einige nähere Nachrichten gebe,) erhielte Herr Walther einen sehr vortheilhaften Ruf nach Holland; aber um des weinenden Vaters und seiner kleinen Geschwister willen schlug er ihn aus, so wie auch den zweyten, welchen er kurz darauf nach Meklenburg-Schwerin, und zwar durch den Prinzen Christian Franz, bekam, und im Jahre 1784 noch einen dritten nach Hessencassel zu dem berühmten Hof-Medailleur Kirchels. Dieser wünschte sich nämlich wegen seines hohen Alters, und weil seine Ehe kinderlos war, eines braven Mannes Sohn, den er an Kindes statt annehmen wollte, der aber auch zugleich geschickt genug wäre, seine Stelle künftig zu vertreten und auszufüllen. Er wendete sich daher an Johann Thomas Walther, und bat um diesen| seinen zweyten Sohn, theils weil er jenen, den Vater, als einen alten, theuren Freund liebte und hochschätzte, theils aber und allermeist deswegen, weil er von diesem seinem zweyten Sohn oft und viel hatte rühmen hören. Dieser hatte auch Lust, den Antrag anzunehmen; aber die betrübte, niedergeschlagene Mine seines Vaters weckte auch dießmahl das Gefühl kindlicher Liebe in seinem Herzen so, daß diese über den Reiz der glänzendsten Aussichten und aller zeitlichen Vortheile siegte, wofür Gott ihn segnen möge!
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 Der dritte im Jahr 1761 geborne Sohn des alten Walthers, Johann Georg, erlernte die Goldarbeiterkunst, und das so gut und vollkommen, daß er sich durch seine Arbeiten bereits bey hohen und niederen Gönnern und Kennern sehr viel Beyfall erworben hat. Er verfertigt auch allerley niedliche Gemälde von Haaren zum Faßen, so wie andere Verzierungen von kleinen Perlen, welche Künste er von seinem Lehrmeister, dem vorhin genannten Herrn Scharf, gelernt hat. Überhaupt kann er alle Arbeiten machen, die man von einem geschickten Goldarbeiter nur immer verlangen kann, und hat nicht nur von Koburg, wo er sich niedergelassen,| hat, sondern auch von auswärtigen Gegenden her beständig sehr viele Bestellungen, und folglich immer, so wie sein älterer Bruder, Arbeit in Menge, wenn nur auch immer ihre Arbeiten, wie die zu Paris, Londen, Petersburg und dergleichen, denen die ihrige nichts nachgibt, bezahlt würden.

 Auch sein vierter Sohn, Georg Julius, geboren 1765, ist ein Goldarbeiter und Haarmahler, und hat schon so manche schöne Probe von seiner Geschicklichkeit abgelegt, daß man mit Grunde hoffen kann, er werde sich einst ebenfalls als einen Meister in seinem Fache zeigen. Um sich nach Wunsch vervollkommnen zu können, reiste er im Frühjahre 1789 zu seinem ältesten Bruder nach Petersburg ab, welche kaiserliche Residenzstadt gegenwärtig für die hohe Schule aller schönen Künste gehalten wird, welchen Ruhm sie hauptsächlich den Teutschen zu verdanken hat.

 Johann Thomas Walthers fünfter und jüngster Sohn, Johann Jacob, geboren im Jahre 1767 hat von seinem Vater und zweyten Bruder die Steinschneiderkunst gelernt, besuchte aber 6 Jahre lang die ihm nöthigen und nützlichen Vorlesungen im Gymnasium zu Koburg dabey, und besucht| sie, so viel ich weiß, noch, um sich dadurch desto geschickter zu seinem Gewerbe zu machen. Eine Probe von seinen bereits erlangten schönen Kenntnissen legte er durch eine öffentliche, sehr gut ausgearbeitete Rede am ersten Weyhnachtsfeste 1790 im Casimirianischen Hörsale ab, die den Beyfall aller Kenner erhielt. Er schilderte den grossen Nutzen der bildenden Künste vortrefflich, den er unter andern daraus bewies, daß sie ein überaus dienliches Mittel wären, das Andenken, und die Geschichte großer Männer und Begebenheiten, so wie insbesondere das uns so selige Andenken unsers geliebten Heilandes zu erhalten und fortzupflanzen, dessen ausserordentliche Thaten und Schicksale uns durch gute Bilder am anschaulichsten und fühlbarsten gemacht würden, so, daß wir gleichsam Augenzeugen, und mit den stärksten, lebhaftesten, heiligsten und seligsten Empfindungen, und mit den frömmsten, vestesten Entschließungen erfüllt würden, womit er sehr fein und wahr theils auf die Geschichte des Festes selbst, theils auf sein Lieblingsstudium anspielte. Er versteht seine Kunst nicht bloß theoretisch, sondern auch praktisch. Beweise davon hat er schon viele gegeben. Er verfertigt sehr schöne Galanteriestücke,| welche Vorübungen zu den feinern Bildereyen sind. Er ist sehr fleißig, und treibt sein Geschäfft mit Lust und Geschick, und wird es daher höchstwahrscheinlich einst ebenfalls zu einem vorzüglichen Grade der Vollkommenheit in seiner Kunst bringen.