Unterziehjäckchen, wollene Strümpfe und Bauchbinde

Textdaten
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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Unterziehjäckchen, wollene Strümpfe und Bauchbinde
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 558–559
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Schutzmittel gegen Krankheiten.
Unterziehjäckchen, wollene Strümpfe und Bauchbinde.

„Aber ich will mich nicht verweichlichen;“ – „was soll ich denn dann machen, wenn ich in’s Alter komme?“ – „nein, das kann ich nicht aushalten, das ist mir zu unbequem.“ Solche Reden muß der Arzt hören, wenn er eins oder das andere jener oben genannten heilsamen Kleidungsstücke zu tragen empfiehlt. Und so sprechen nicht etwa blos kerngesunde Menschen, nein, auch Solche, die aller Augenblicke den Pips haben, oder wohl gar schon an organischen Uebeln leiden.

Wie viel lebensgefährliche acute und chronische Leiden, ganz abgesehen von der Unzahl von Katarrhen, Rheumatismen und Brechdurchfällen, würden nicht aufkommen können, wenn man sich zur richtigen Zeit jener Schutzmittel bediente! Vorzugsweise sind es aber Herzkrankheiten und Lungenleiden, gegen welche dieselben zu schützen vermögen. Verf. fand unter der ihm zugänglichen nicht etwa geringen Masse von Kranken, die an der asiatischen Cholera litten, nicht einen einzigen, der eine Bauchbinde (aber auch bei Nacht) getragen hätte. Ja er selbst, Jahre lang ein Abhärtungs-Fanatiker, der aber trotz aller Abhärtung doch fortwährend schwächelte und kränkelte, am bösen Halse, an Husten und Heiserkeit litt, wurde, als er sich endlich in die Arme der Verweichlichung warf, kerngesund und konnte sich nun mit seinem lieben Jäckchen und wollenen Strümpfen ohne Nachtheil nicht unbedeutenden Strapazen [559] aussetzen. – Und das ist ja auch ganz natürlich, denn unser Körper ist nicht von Eisen, sondern vermöge seiner Einrichtung und in Folge unserer jetzigen sogen. Civilisation, zumal in gemäßigten Klimaten, so leicht und so oft schädlichen Einflüssen der Außenwelt ausgesetzt, daß man sich, will man gewissenhaft mit seiner Gesundheit umgehen, gegen diese Schädlichkeiten, so viel es nur immer geht, zu schützen verpflichtet ist.

Unter den Schädlichkeiten, welche am häufigsten gefährliche Krankheiten nach sich ziehen, steht die Kälte und vorzugsweise die Erkältung obenan, und deshalb haben die Menschen ihren Körper schon seit langer Zeit mit schlechten Wärmeleitern (Wolle, Seide, Pelzwerk, Flaum) umgeben, um theils jenes Maß von Eigenwärme, welches zum Gesundsein unentbehrlich ist, zu erhalten, theils um eine schnelle Abkühlung der erhitzten Haut mit Unterdrückung der Schweißabsonderung zu verhüten (s. Gartenl., Jahrg. 1858. Nr. 2).– Es sind nun aber gewisse Stellen unseres Körpers gegen Kälte empfindlicher als andere, und es werden deshalb durch die Erkältung dieser Stellen auch leichter Krankheiten hervorgerufen. Allerdings findet das nicht selten bei verschiedenen Menschen in verschiedener Weise statt, allein bei den Allermeisten sind die Erkältungen der Füße, des Bauches, des Rückens und der Achselhöhlen am schädlichsten.

Das Unterziehjäckchen, auf der bloßen Haut getragen, schützt ebenso den Rücken wie die Achselhöhlen und, wenn es noch über den Bauch (wenigstens über die Oberbauch- oder Magengegend) herabreicht, auch diesen vor Erkältung. Obschon man sich nun sehr bald an ein solches Jäckchen so gewöhnt, daß man dasselbe gar nicht wieder abzulegen wünscht, so kann es doch dadurch noch erträglicher gemacht werden, daß man die Aermel desselben sehr kürzt (aber Aermel muß es zur Verhütung der Achselhöhlenerkältung durchaus haben) und daß man die Brust damit unbedeckt läßt (da diese weit unempfindlicher gegen Kälte als der warme Rücken ist). Auch braucht dieses Jäckchen, wenigstens im Sommer, nur ganz dünn, aus Baumwolle gefertigt zu sein, während im Winter ein wollenes oder seidenes zweckmäßiger ist. Gerade im Sommer, wo in Folge des Schwitzens der heißen Haut das Hemd nach schneller und stärkerer Abkühlung naßkalt wird und dann eine oft recht gefährliche Erkältung veranlassen kann, gerade da ist das Unterjäckchen äußerst heilsam. Uebrigens erzeugt es auch gerade im Sommer, und zwar gegen alle Erwartung, dadurch noch ein großes Wohlbehagen, als es den größten Theil des Schweißes durch sich hindurch in das Hemd bringen läßt und so von der Haut das unangenehme Gefühl des Anklebens feuchter Leinwand abhält. Um nun aber seine Vorzüge ganz vollständig entwickeln zu können, muß das Jäckchen gestrickt oder gewirkt sein, denn dann kann die Hautausdünstung bequemer in und durch die Maschenräume hindurch in das Hemd dringen.

Wer sich starker Erhitzung mit nachfolgender schneller Abkühlung oder gar der Zugluft auszusetzen hat, wer in feuchten und kalten Localen zubringen und zumal darin schlafen muß, wer leicht und stark schwitzt, zu Rheumatismen (s. Gartenl. 1856. Nr. 47) und Katarrhen (besonders im Athmungsapparate) disponirt, wer sogar schon von Husten, Herzklopfen, kurzem Athem und herumziehenden Schmerzen heimgesucht ist, dem ist das Unterziehjäckchen geradezu ganz unentbehrlich. – Sollte ein Jemand, der sich den Gefahren der Erkältung auszusetzen hat (wie ein Arbeiter im Freien ober in naßkalten Räumen, der Landmann, Soldat, der Bewohner von heißen und Fiebergegenden), oder der sich überhaupt nicht einer Hausknechtsgesundheit zu erfreuen hat, eine ganz besondere Antipathie gegen das Leibjäckchen haben, nun, der trage wenigstens ein baumwollenes, wollenes oder seidenes Hemd. – Uebrigens ist das eine alte Großmutteransicht, daß, wer sich einmal bejackt hat, nun zeitlebens dem Unterjäckchen verfallen oder wohl gar von Jahr zu Jahr ein wärmeres Jäckchen zu tragen genöthigt sei. Davon nun aber, daß ein solches Jäckchen eine die Gesundheit ganz zerrüttende Schweißsucht hervorzurufen im Stande wäre, davon kann erst recht keine Rede sein. – Natürlich soll nicht jedem gesunden Menschen dieses Kleidungsstück zum fortwährenden Tragen hierdurch empfohlen werden, sondern nur dann, wenn derselbe bei Hauterhitzung eine schnelle oder heftige oder längere Zeit andauernde Abkühlung zu fürchten hat. Wer sich aber nicht einer ganz guten Gesundheit, die schon einen Puff aushalten kann, bewußt ist, der greife seinem Körper mit einem Unterziehjäckchen unter die Arme.

Die Bauchbinde (aus Baumwolle, Wolle, Seide oder weichem dünnem Leder), welche zum Theil mit durch ein langleibiges Brustjäckchen ersetzt werden kann, verhütet durch Warmhalten des Bauches Magen- und Darmkatarrhe, die sehr häufig sind und den Grund zu mannigfachen Verdauungsstörungen (besonders zu Durchfall mit und ohne Kolikschmerzen) abgeben. Diese Katarrhe, wenn sie nicht gleich bei ihrem Entstehen gehörig beachtet werden, laufen bei kleinern Kindern (wo sie Brechdurchfall veranlassen) in den allermeisten Fällen tödtlich ab und können recht gut durch Warmhalten des Bauches, zumal in der Nacht, wo sich die Kinder gern bloß strampeln, verhütet werden (s. Gartenl. 1854, Nr. 17). Freilich läßt sich hier die Bauchbinde, weil sie in der Regel über den Bauch in die Höhe geschoben wird, besser durch eine Art Schwimmhose oder durch einen über die Füße und den Unterleib gezogenen Sack ersetzen, die aber beide an ihrem hintern Theile, gewisser Bedürfnisse wegen, aufgeschlitzt sein müssen. – Erwachsene, die (zumal auf Reisen) leicht von Magenbeschwerden und Durchfall heimgesucht werden, finden in der Bauchbinde, und wenn sie auch noch so dünn ist, ein ganz treffliches Schutzmittel, doch müssen sie dieselbe vorzugsweise auch in der Nacht und zumal bei heißer Witterung tragen. Die meisten Brechdurchfälle, die man so gern dem Obst-, Salat-, Eis- und dgl. Essen zuschreibt, verdanken ihr Entstehen dem Bloßliegen des Bauches in der Nacht. Und daß der Ausbruch der asiatischen Cholera, der gewöhnlich in den Morgenstunden erfolgt, bei den allermeisten Kranken der nächtlichen Baucherkältung zuzuschreiben ist, steht fest. – Wo’s überhaupt nicht richtig im Bauche ist, da ist die Bauchbinderei am Platze.

Wollene Strümpfe werden zwar von den meisten Damen, auch wenn dieselben fortwährend an kalten Füßen und Kopfschmerzen leiden, doch und zwar theils aus Eitelkeit (weil der dickere Strumpf einen größern Fuß macht), theils aus Empfindlichkeit (weil das Wollene Jucken erzeugt) verdammt, allein sie – ich meine nämlich nicht die Damen, sondern die wollenen Strümpfe – sie sind trotz alledem gut, sehr gut, denn wenn es auch einzelne Glückliche giebt, deren Füße gegen Nässe und Kälte unempfindlich sind, so ist doch bei den allermeisten Menschen der Fuß insofern ein schwacher Punkt, als Erkältung desselben (zumal durch kalte Nässe) in diesem oder jenem Theile des Körpers, am liebsten aber im und am Kopfe, Krankhaftes nach sich zieht, und eine solche Erkältung können in den meisten, allerdings nicht in allen Fällen, die wollenen Strümpfe verhüten. Aber sie machen einen schweißigen Fuß! Nun, wenn das auch wirklich einmal der Fall wäre, so ist das kein Unglück und jedenfalls den nicht selten sehr gefährlichen Krankheiten, welche durch Fußerkältung veranlaßt werden können, weit vorzuziehen. Auch erfährt man darüber, wie der schwitzende Fuß nicht unangenehm wird, das Nöthige in dem Aufsatze der Gartenlaube 1858, Nr. 47.

Da die Feinde der Verweichlichung, also auch des Unterjäckchens, der Bauchbinde und der wollenen Strümpfe jedenfalls von Zeit zu Zeit Erkältungen erdulden werden, so wollen wir denselben aus reiner Menschenliebe, damit sie nicht etwa den Folgen der Erkältung unterliegen, nicht blos unser in der Gartenlaube (1858, Nr. 2) besprochenes diätetisches Verhalten dagegen, sondern auch die von Hering empfohlenen homöopathischen Heilmittel, ersteres im Ernste, letztere im Spaße, empfohlen haben. Herr Constantin Hering[1] schreibt nämlich: bei Verkältungen im Frühjahre paßt Weißnieswurz, Sumach oder Holzkohle; im Sommer Tollkirsche, Zaunrübe, Antimonmetall oder Holzkohle; im Herbste Weißnieswurz, Quecksilber oder Sumach; im Winter, wenn es trocken ist, Sturmhut, Tollkirsche, Zaunrübe, Krähenaugen, Kamille oder Schwefel, manchmal auch Brechwurzel, wenn’s aber feucht ist, Muscatnuß, Bittersüß, Weißnieswurz oder Holzkohle. Sollte man sich auf der rechten Seite erkältet haben, dann ist nach dem Hrn. lebensmagnetisch-homöopathischen Sanitätsrathe Dr. Lutze Tollkirsche, bei linkseitiger Verkältung dagegen Sturmhut, Quecksilber, Krähenaugen oder Schwefel anzuwenden. Gegen Blödsinn empfiehlt Dr. Hirschel Muscatnuß; diese würde demnach auch für einen Dummen passen, der sich im Winter, wenn’s naß ist, erkältet hat.

Bock.

  1. Es ist hier der amerikanische, ja nicht etwa mein Freund, der leipziger Hering, gemeint.