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Titel: Eine Carriere
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aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 560
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[560] Eine Carriere. Zu der revolutionairen Erhebung, die im Mai des Jahres 1849 am Rheine stattfand, stellte die Jünglingsschaar der Universität des revolutionären Bonn ihr Contingent in drei Studenten, von denen der eine sich Karl Schurz nannte. Der von hier auf das benachbarte Zeughaus zu Siegburg unternommene Putsch mißglückte und führte die Leiter desselben nach der Pfalz, um sich der Bewegung, die dort in voller Blüthe stand, anzuschließen. Ihnen folgte Schurz. Er trat in die pfälzische Bürgerarmee ein, die gerade in ihrer Bildung begriffen war, und wurde nach deren Organisirung zum Adjutanten des Obersten Anneke ernannt. Der Ausgang dieses Feldzuges ist bekannt; das Schicksal vieler seiner Führer in den Mauern von Rastatt verhallt; dasjenige der Flüchtigen über Länder- und Meeresweiten dunkel und großen Theils traurig.

Nur von einem Fall weiß ich zu erzählen, der nicht nur seine heitern Lichtseiten aufweist, sondern in diesem Augenblicke sogar blendende Strahlen eines glänzenden Glücks von sich wirft. Es ist die einfache Geschichte Karl Schurz’s, eines Sohnes armer Eltern, aus der Gegend von Bonn, der sich von dem rauhen Pfade eines geächteten Verbannten zu der glatten Bahn eines Diplomaten, zu dem Vertreter einer großen Nation an dem stolzesten Hof der Höfe, in einem der schönsten Länder der Erde emporgeschwungen hat. Auf der Kanone zu Rastatt vor Müdigkeit nach dem Tage des Kampfes entschlafen, ward er nach der Cernirung der Festung durch die Preußen zum Gefangenen in den Mauern. Sein guter Genius verbarg ihn den Augen der Häscher eine kurze Zeit, bis er, Dank seinem außerordentlichen Scharfblick, bei Nacht und Nebel einen Ausweg durch einen engen unterirdischen Graben entdeckte, der ihn aus der Festung in’s freie Feld hinausführte auf den Weg zur Flucht, zur Freiheit.

Nach einem raschen, glücklichen Uebergang über den Rhein langte der Jüngling in der Schweiz an, wo seine Freunde in tiefer Sorge um ihn trauerten und die Tage des Exils trostloser noch, als um ihr eignes Geschick, um dasjenige ihrer tapfern Brüder, die dem Standrecht verfallen waren, empfanden. Während es einiger Monate für den ohnehin schwächlichen jungen Mann bedurfte, sich von den erlittenen Strapazen zu erholen, sann sein Geist nur dem einen Gedanken nach, nämlich seinen mit in die Gefangenschaft gefallenen und zugleich schwer verwundeten Freund und Lehrer Gottfried Kinkel, dem der ewige Kerker oder gar die Kugel des Standrechts drohte, zu befreien. Er schrieb zu dem Ende von seinem Exil in der Schweiz aus nach Bonn an die edle Frau den gefangenen Dichters und fragte an: ob und was eigentlich zur Rettung ihres Gatten geschehen sei? – Sie antwortete: nur einige vergebliche Versuche seien gemacht, sonst nichts; Jeder aber sei von dem Gedanken durchdrungen, daß er auf eine oder die andere Weise befreit werden müsse. Schurz antwortete ihr und erbot sich, das Werk zu unternehmen, sie solle nur für die Mittel, die es erfordere, sorgen.

Der kühne Jüngling, selbst ein Landflüchtiger, verließ darauf sein sicheres Asyl und reiste auf verschiedenen Kreuz- und Querzügen nach Köln ab. Dort blieb er einige Zeit, um Vorbereitungen zu seinem Werke zu treffen, consultirte mit Johanna Kinkel, dieser herrlichen und muthigen Seele, und ging dann, da sein geheimer Aufenthalt in Köln anfing aufzufallen und es in Bonn gar bekannt geworden war, daß er dort sei, nach Brüssel und Paris. Unterdessen hatte die edle Johanna sich dem Anscheine nach ruhig in Bonn verhalten, aber auf schwierigen und geheimen Wegen das zur Bewerkstelligung der Flucht ihres Gatten nothwendige Geld herbeigeschafft. Damit ausgerüstet ging Schurz nach Moabit und Spandau, um hier, wie es in der Anklageschrift gegen einen Mitschuldigen heißt, „das mit außerordentlicher List und Verwegenheit ausgeführte Unternehmen“ zu Ende zu führen.

Wer die doppelt umzingelte Festung Spandau kennt, wer je von der Wachsamkeit der preußischen Wächter, mit der sie besonders des Dichters Zelle umstellt hatten, gehört hat, wird die Schwierigkeit des Unternehmens begreifen, für welches selbst die Ankläger dem neuen „Blondel“ das Prädicat der „List und Verwegenheit“ beilegen. Obwohl von dem kaum zwanzigjährigen jungen Mann das Wagniß mit der größten Umsicht, die weder den kleinsten noch den größten Umstand außer Acht läßt, eingeleitet war, so scheiterten doch viele Versuche, ehe der letzte gelang. Die endliche Ueberredung des Gefängnißwärters Brune, dieses hochherzigen Mannes, der die Flucht wesentlich unterstützte, das Nachmachen der verschiedenen Schlüssel, waren nicht das Geringste, was zum glücklichen Gelingen des Werkes beitragen mußte; die hundertfachen Einzelheiten sind zur Zeit oft genug zur Sprache gekommen, und einer spätern vielleicht bleibt es aufbewahrt, genauere Aufschlüsse noch über dieselben zu geben. So viel mag hier noch am Platze sein, daß in jener wilden und stürmischen Nacht vom 6. auf den 7. November 1850, in welcher Kinkel der Freiheit zurückgegeben wurde, der tapfere und jugendliche Freund am Fuße der schaurigen Veste stand, von deren hohen Mauern der Entfesselte mit entsetzlicher Todesgefahr hinabgelassen wurde, dem Befreiten mit hochklopfender Brust entgegenharrte und eine rasende Flucht mit ihm unternahm bis zum Meere und über das Meer, auf welchem ein furchtbarer Sturm die im elenden Zweimaster Dahinschaukelnden endlich an das Ufer von Schottland verschlug, woselbst sie dann in Edinburg landeten. Von dort setzten sie in einem bessern Fahrzeuge nach Frankreich über, wo in Paris die in Todessehnsucht harrende Gattin sich mit dem Dichter wieder vereinigte.

Der muthige Befreier theilte darauf das Exil mit seinen Freunden in London. Nach einem Aufenthalte von etwas länger denn einem Jahre daselbst, in welchem er die Bekanntschaft seiner jungen Frau, einer Dame aus einem geachteten Hause Hamburgs gemacht, ging er nach den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika. Mit dem Schatz einer gründlichen Kenntniß der englischen Sprache und einem Schatz von wissenschaftlichen Vorkenntnissen überhaupt ließ er sich in Philadelphia nieder, legte sich hier eifrig auf das Studium der Rechtskunde und lernte dabei die Geschichte des Landes und insbesondere die seiner Parteien kennen. Dann ging er ein Jahr später nach den Staate Wisconsin, wo deutscher Fleiß und deutsche Intelligenz unsern Landsleuten eine bereits achtunggebietende und einflußreiche Stellung erworben hatte. Nahe der Hauptstadt Madison, in einer Stadt, Watertown genannt, siedelte er sich mit seiner jungen Familie an und nahm Theil an dem politischen Streben in den beschränkten Kreisen städtischer Verwaltung. Dann richtete er sein Augenmerk weiter auf die Politik des jungen aufstrebenden Staates, dessen herrliche Constitution denkenden Republikanern ein Fundament bietet, auf welchem sie die stolze Freiheitshalle weiter bauen können. Er bethätigte sich daher in den berathenden Versammlungen, hielt Reden in den öffentlichen Meetings und suchte namentlich für die republikanische Partei Propaganda zu machen. Mit dieser ging er dann aber auch – um den localen Kunstausdruck zu gebrauchen – durch „Dick und Dünn“. Wenn das Parteicommando lautete: links! so hielt er links; wenn es hieß: rechts! so bog er auch dahin aus. Seine Argumente hatte er, ein echter Advocat und Diplomat, eben so gut für eine Parteifrage als gegen dieselbe bereit liegen. Die entschiedenen Leute vom Princip wollten ihm ein solches Verfahren zum schweren Vorwurf machen, allein er ließ sich nicht irritiren und folgte der Parteifahne getreu und mit bewunderungswürdiger Disciplin.

Sein Talent und seine Ausdauer, Eigenschaften, die bald von den Amerikanern wie von den Deutschen, besonders aber von den Parteigängern anerkannt wurden, sollten belohnt werden, und zwar trotz seiner Jugend mit dem höchsten Amte im Staat, dem des Gouverneurs. Dieser voreilige Versuch scheiterte, nicht, wie man behaupten wollte, an dem Nativismus der Eingeborenen, nein, vielmehr an der ruhigen Beurtheilungskraft der einfachen amerikanischen Bürger und Farmer, die dem Herrn Schurz alle mögliche Gerechtigkeit zollten, ihm die Verdienste, die er sich um die Partei erworben, in deren Lager er allerdings die große Masse der Deutschen mit überzeugender Redekunst hinüber geführt, dankend anerkannten, aber behaupteten: die Staatsruder ihres Landes nicht den Händen eines Jünglings anvertrauen zu dürfen, der, obgleich sehr wissensreich, doch von der eigentlichen Administration eines Staates durchaus keine Kenntniß haben könne. Schurz wurde dadurch nicht entmuthigt, vielmehr warf er sich mit Todesverachtung in den „heißen Kampf“ der letzten Präsidentschafts-Campagne der Vereinigten Staaten und errang hier ein Thatenfeld, auf welchem er die goldenen Lorbeeren davon trug, die die Republik ihren Getreuen spendet nach dem Grundsatze: „Wem der Sieg, dem die Beute!“

Herr Schurz beanspruchte nun in Folge dessen Anfangs seine Sendung nach Turin als Gesandter. Warum man ihm diesen Wunsch nicht gewährte, ist nicht bekannt; in der amerikanischen Presse cursiren darüber die verschiedensten Meinungen. Dagegen hat die Administration der gegenwärtig an das Ruder getretenen republikanischen Partei der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika ihn mit einer andern eben so glänzenden und noch wichtigern Mission betraut. Sie hat den ehemaligen armen Studenten aus Bonn, den landflüchtigen und nicht amnestirten Sohn Preußens, sie hat ihren Adoptivbürger zum Vertreter ihrer großen Nation gemacht und ihn als Gesandten an den Hof der Königin Isabella von Spanien nach Madrid instruirt und dirigirt, an dem er bereits vor einigen Wochen angekommen ist.

Herr Schurz ist der erste deutsche Bürger in Amerika, der mit einer Mission ersten Ranges beehrt wurde. Es ist kein Zweifel, daß er nicht nur ein würdiger Repräsentant seines neuen Adoptivvaterlandes, sondern auch seiner alten Heimath stets eine Ehre sein wird. Er übernimmt die schwere Verantwortlichkeit desselben in einem kritischen Augenblick. Seine ihm angeborene und in vielen Fällen bewährte Diplomatie wird ihm im Verkehr mit denjenigen am Hofe Isabella’s, zu Statten kommen. Spanien ist den Vereinigten Staaten nicht freundlich gesinnt und glaubt aus den gegenwärtigen Mißständen desselben einen Vortheil ziehen zu können. Der deutsche Plebejer Schurz wird der holden Isabella und ihren spanischen Granden – gleichviel ob mit Courtoisie und Grandezza – aber eindringlich und beharrlich darthun, daß die stolze Union feststeht, einerlei ob einige ihrer Sterne verdunkelt oder gar als Irrwische für eine geraume Zeit verschwunden sind.