Ueber die Nachtheile faulender Auswurfstoffe (Cholera)

Textdaten
<<< >>>
Autor: Carl Ernst Bock
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ueber die Nachtheile faulender Auswurfstoffe (Cholera)
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 510-511
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[510]

Ueber die Nachteile faulender Auswurfstoffe.

(Cholera)


Krankheiten zu verhüten ist weit leichter, als Krankheiten zu heilen, und dieses Verhüten wird sicherlich auch in der Zukunft die Hauptaufgabe nicht blos der Wissenschaft, sondern jeder wahren Bildung sein. Ich sage „in der Zukunft“, denn bei unserer jetzigen sogenannten Bildung, die den Menschen fast nur zum Artigsein und Geldverdienen dressirt, steht nicht zu erwarten, daß sich derselbe gehörig um die in der Natur und im menschlichen Körper herrschenden Gesetze bekümmere, oder die Kenntniß dieser Gesetze zu seinem eigenen und seiner Mitmenschen Wohle ordentlich verwerthe. Die eindringlichsten Reden, die klarsten Auseinandersetzungen und die deutlichsten Beweise sind ja heutzutage nicht einmal im Stande, selbst bei übrigens klugen Leuten, den dümmsten, von der Urgroßmutter herstammenden Aberglauben zu vernichten. Das kann aber auch nur dann erst anders und besser werden, wenn man dem Menschen von seiner ersten Jugend an richtige Ansichten über sich selbst und über das, was um ihn herum in der Natur vorgeht, beibringt. So lange dies nicht geschieht, bleibt’s bei der alten gefährlichen Dummheit.

Um Gefahren vermeiden zu können, muß man natürlich eine Idee von diesen Gefahren haben. Besitzen denn nun wohl die Menschen, trotz dem daß sie sich vor dem Kranksein und dem Tode entsetzlich fürchten, nur die geringste Kenntniß der Gefahren, welche ihrer Gesundheit und ihrem Leben fortwährend drohen? Nein! sie leben wie unverständige Kinder in den Tag hinein, wollen sich auch das Geringste nicht versagen und jammern und wehklagen bei jedem verdienten Unwohlsein. Wäre man schadenfroh, man könnte sich über die vielen Krankheiten, welche das Menschengeschlecht zur Zeit noch heimsuchen, freuen. Doch wir sind es nicht und wollen im Gegentheil, soviel als in unsern Kräften steht, unsern Lesern Winke zum Gesundbleiben geben; vielleicht sind einzelne derselben doch empfänglich für unsere Warnungen und Rathschläge.

Eine Ursache mancher, allerdings zur Zeit von der Wissenschaft noch nicht ganz genau gekannter Krankheiten, meistens von großer Gefahr und Ausbreitung, sind die schädlichen Luftarten (Gase), welche sich beim Faulen pflanzlicher, thierischer und menschlicher Stoffe (besonders bei großer Wärme und Nässe) entwickeln. Zu diesen Krankheiten scheint die Cholera und der Typhus (das Nervenfieber), das gelbe Fieber und die Pest zu gehören, ferner das Wechselfieber, sowie die Sumpffieber in den Tropenländern u. s. w. – Am meisten dürfte aber die Zersetzung (Fäulniß, Verwesung) menschlicher Auswurfstoffe (des Harns und Kothes) zur Quelle gefährlicher und heimtückischer Krankheiten werden, zumal wenn diese Stoffe oder deren Zersetzungsprodukte in den Boden eindringen und sich hier ausbreiten, auf welchem menschliche Wohnungen stehen. Bis jetzt hat man sich noch sehr wenig darum bekümmert, was mit diesen Auswurfstoffen geschieht und nicht darnach gefragt, wie viel davon, trotz des Verbrauches zu Dünger und Guano, in dem bewohnten Erdboden zurückbleibt und sich zu schädlichen Stoffen zersetzt. Pettenkofer, Professor der Chemie zu München, welcher äußerst verdienstliche Untersuchungen [511] über die Verbreitungsart der Cholera angestellt hat, schreibt: „man rechnet unter der wirklichen Größe, wenn man durchschnittlich für einen Menschen 3 Pfund Harn und Excremente täglich rechnet; aber bereits nach einer solchen Annahme ergeben sich für eine Stadt von 100,000 Einwohnern täglich 300,000 Pfunde und jährlich 109 1/2 Millionen, d. i. über eine Million Centner. Nehmen wir nun an, daß wir dieses Gewicht von nur menschlichen Auswurfstoffen gänzlich aus einer Stadt entfernen müßten, so brauchte man dazu jährlich 54,750 Fuhren, wenn wir auf eine zweifpännige Fuhre 20 Centner laden, oder täglich 150 Fuhren. Hieraus läßt sich etwa ersehen, wie viel in der Stadt zurückbleibt; denn von diesen Stoffen wird nicht der zehnte Theil entfernt. Der ganze Rückstand muß in der unmittelbaren Nähe unserer Wohnplätze verwesen und wir ersehen, daß wir durch das Quantum von Auswurfstoffen jährlich mehr Stoff für die Verwesung in die Erde bringen, als wenn wir jährlich 50,000 Leichen in der Stadt begraben würden.“

Die in der Verwesung und Fäulniß entweder schon begriffenen oder sich doch bald zersetzenden thierischen und menschlichen Stoffe werden nun aber um so mehr Schaden anrichten, je mehr sie sich im Erdboden ausbreiten können und dies wird um so leichter der Fall sein, je lockerer, feuchter und tiefliegender derselbe ist. Daß sich dies wirklich so verhält, beweist ganz deutlich die Verbreitungsweise der Cholera und mancher anderen epidemischen Krankheit, welche auf hochliegendem, trockenem, dichtem und felsigem Boden fast gar nicht auftreten (s. später). Kurz es ist erwiesen, daß der Grund und Boden, besonders einer Stadt, in welcher organische Stoffe, namentlich menschliche Auswurfstoffe eindringen, zu einer Stätte der lebhaftesten, der Gesundheit der Menschen Schaden bringenden Verwesung und Fäulniß wird, welche sich aber an hoch und trocken gelegenen Orten weniger nachtheilig, als an tief und feucht gelegenen zeigt.

Im Angesichte solcher Thatsachen sollte man auf die Gruben, in welchen die menschlichen Auswurfsstoffe aufbewahrt werden, weit mehr als dies jetzt der Fall ist, seine Aufmerksamkeit richten, überhaupt sollte man dahin streben, daß so wenig als nur möglich von diesen Stoffen in der Nähe menschlicher Wohnungen sich im Erdboden versickern und faulen könne. So lange aber für eine gänzliche und schnelle Entfernung der Excremente nicht gesorgt ist, dient es zur Wohlfahrt, dieselben durch Desinfection (Verhinderung nicht blos des übeln Geruches, sondern der Fäulniß) unschädlich zu machen. Man desinficirt die Abtritte (sowie Leibstühle, Nachtkübel und andere Behälter mit Exkrementen) mit Eisenvitriol, der aber nicht unaufgelöst in Stücken, sondern in Auflösung (1 Theil Eisenvitriol in 10 Theilen Wasser) angewendet werden muß. Liebig hat im Interesse der Landwirthschaft, um die Excremente noch als Felddünger benutzen zu können, anstatt des Eisenvitriols die schweflige Säure (in der Form von sauren schwefligsauren Salzen in Lösungen) vorgeschlagen, Pettenkofer aber empfiehlt dafür, weil die sauren schwefligsauren Salze als Handelswaare schwierig zu handhaben sein dürften, indem sie sich rasch verändern und fortwährend schweflige Säure abdunsten lassen, ein alkalisches Kalksalz (z. B. gebrannter und gelöschter Kalk wird mit schweflicher Säure gesättigt; diesen basisch schwefligsauren Kalk zertheilt man bei der Anwendung in Wasser und vermischt ihn mit Salz- oder Schwefelsäure). Das letztere Desinfektionsmittel hat den Vorzug, daß dadurch die Phosphorsäure aus den Kloakenflüssigkeiten in einer Form erhalten wird, welche den Zwecken der Landwirthschaft am meisten entspricht. – Bei der Desinfektion ist nun aber auch auf das Mauerwerk, die Schläuche, Röhren und Rinnen der Abtritte gehörig Rücksicht zu nehmen, denn sehr oft sind diese so mit Kloakenstoffen durchzogen, halbvermodert und in Verwesung begriffen, daß von ihnen die Entwickelung schädlicher Gase ausgeht. Deshalb sollten eigentlich hölzerne Abtrittsröhren gar nicht geduldet sein, nur solche aus Stein (Bohr- oder Rinnstein) oder aus gebrannter Krugmasse (Steinzeug) oder Gußeisen.

Auch auf die Construction der Abtritte, besonders aber der Abtritt- und Düngergruben ist ganz besondere Aufmerksamkeit zu verwenden. Letztere dürfen durchaus nicht, wie bei Schwindgruben, solche Wände haben, welche den flüssigen und gasförmigen Grubeninhalt hindurch in das benachbarte, besonders lockere und feuchte Erdreich nach andern Häusern hin dringen lassen, sondern müssen aus dichtem Hausteine und nach allen Seiten hin von dem umgebenden Erdreiche durch eine Lehmschicht isolirt sein. Die Erfahrung hat ja gelehrt, daß diese austretenden und faulenden Kloakenstoffe zur Quelle intensiver Krankheitsherde (z. B. der Cholera) werden können. Ebenso sind aber auch die mit verwesenden Exkrementen Theilen imprägnirten Nachtstühle und die Stellen der Wohnungen, wo diese gewöhnlich stehen, nicht gefahrlos. Es müssen deshalb die Nachtstühle von ausgezeichneter Construction, mit Wasserschluß versehen und überaus sauber gehalten sein, wenn sie in den Wohnungen nicht Nachtheil bringen sollen. – Wo die Abtritte in Straßenkanäle und Schleusen ausmünden, da muß stets für tüchtige Ausspülung derselben mit Hülfe durchfließenden Wassers (Wasserleitung) gesorgt werden, denn das Regenwasser allein reicht dazu nicht hin.

Das Hauptaugenmerk beim Baue und Beziehen menschlicher Wohnungen, wenn sie der Gesundheit ihrer Bewohner nicht nachtheilig sein sollen, muß hiernach vorzüglich darauf mit gerichtet sein, daß sich weder schädliche Gase daselbst bilden, noch, von einem andern Orte herkommend, dort ansammeln können. Deshalb ist auf die Einrichtung der Abtritte, der Abtritts- und Düngergruben, auf die Beschaffenheit des Erdbodens und der Umgebung zu achten. Man bedenke, daß Verwesung und Fäulniß von Kloakenstoffen, die in den die Grube umgebenden Erdboden ausgesickert sind, das ganze Jahr hindurch, sowohl Winter als Sommer fortgeht, denn die Temperaturveränderungen, welche die verschiedenen Jahreszeiten begleiten, und welche etwa durch ihre Höhe oder Tiefe den Zersetzungsproceß wesentlich modificiren können, erstrecken sich in unserm Klima kaum ein paar Fuß tief unter die Oberfläche. – Wie sich aber Gase im Boden leicht verbreiten können, davon geben die Erfahrungen bei Gasleitungen die deutlichsten Beispiele. Wie oft wurden nicht Menschen in Wohnungen, worin sich nicht ein einziges Gasrohr befand, krank und selbst getödtet, blos dadurch, daß ein in der Nachbarschaft liegendes Gasrohr einen Riß bekommen hatte. – Welchen gewaltigen Einfluß nun aber die erwähnten Verhältnisse auf Entstehung und Verbreitung der Cholera haben, davon soll der nächste Aufsatz handeln.

Bock.