Flüchtige Reisebriefe aus der Schweiz

Textdaten
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Autor: E. A. Roßmäßler
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Titel: Flüchtige Reisebriefe aus der Schweiz
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 511-514
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Füchtige Reisebriefe aus der Schweiz.

Von E. A. Roßmäßler.
Vor einem Flugloche der Schweiz.

Es ist bekannt, daß das emsige Völklein des Bienenstaates besonders geschäftiges Treiben an dem Flugloche zeigt. Wenn ich nun die Schweiz mit einem Bienenstocke und die Stadt Zürich mit einem Flugloche desselben vergleiche, so wird man von allen Seiten ausrufen, daß der Vergleich, wie jeder, aber ungleich mehr wie viele andere hinke. Denn hier in Zürich sind es ja nicht die Schweizer, die geschäftig ab und zu fliegen, sondern Ausländer, und diese sind im Gegentheile gewissermaßen Raubbienen, welche den von köstlicher Fülle strotzenden Waben der Schweizernatur den Honig wegnaschen und zu innerster Verdauung in ihren heimischen Zellen entführen. Am Ende macht sogar noch Der oder Jener geltend, daß die republikanische Schweiz doch wahrhaftig nur sehr unglücklich mit dem absolut monarchischen Bienenstaate verglichen werde. Ich muß das Alles zugeben, und dennoch halte ich meine Vergleichung aufrecht. Ich gebe das hinkende Bein derselben preis und steife mich desto zuversichtlicher auf das gesunde. Der botanische Physiolog weiß zwar meines Wissens gar nichts mit dem Honig anzufangen, wenn er sich nach dessen Bedeutung für das Pflanzenleben fragt, aber schon, indem er ihm in seiner Wissenschaftssprache den Namen Nektar gab, [512] stand er unter dem Einflüsse der Lebensauffassung, welche dem Honig, dem sprachgebräuchlichen Zwillingsbruder der Milch, die Bedeutung des Edelsten, des Geläutertsten unterlegt. Wer die Schönheit des Schweizerlandes geschaut hat, der muß mir beistimmen, wenn ich dasselbe das unerschöpfliche Nektarium Europa’s nenne. Ich errathe Euch vollkommen, liebe Leser und Leserinnen, wenn Ihr vielleicht jetzt erst recht über meinen Vergleich lacht. Aber Ihr müßt mir nicht nur erlauben, nein Ihr müßt mir das volle erweisbare Recht einräumen, das reizende Zürich ein Flugloch der Schweiz zu nennen. Dagegen will ich Euch nachgeben, indem Ihr den Bienenstock außerhalb desselben, vor demselben sucht und die nektarspendende Quelle hinter dasselbe verlegt. Streiten wir uns daher nicht darüber. Seht, ich gebe Euch darin nach, daß in unserer so eben abgeschlossenen Kapitulation der Bienenstaat gar kein Staat mehr ist, denn jede mit Honig reich beladene Biene summt nach einer anderen Himmelsgegend heimwärts und verarbeitet vielleicht in sehr einsamer Zelle, sei dies eine Stadt, eine Straße, ein Haus, ein Zimmer oder vielleicht gar blos das eigene Innere, das was sie einsammelte in dem engen von den bergenden Alpen umschlossenen Raume.

Im unverkennbarsten Gepräge des Touristen an Kleidung und Haltung stehen jetzt eben täglich Erwartungsvolle auf den beiden Limmat-Brücken oder auf der Zinne des Gasthofes „zum Storchen“ oder eines anderen und blicken, wie Columbus, westwärts. Aber die Alpenkette will sich immer noch nicht enthüllen. Nur bald silberweiße bald schiefergraue Wolkenmassen thürmen sich hinter den niedrigeren näher gelegenen Bergketten empor und erbarmen sich manchmal der sehnsüchtig Blickenden, indem sie, oft mit viel Glück, die Gestalten derjenigen nachahmen, die von ihnen verhüllt werden.

Zwischen diesen am Weiterfliegen verhinderten Ankömmlingen, die eben klareres Wetter lieber im behaglichen Zürich als auf dem unbequemen Gipfel des Rigi oder eines anderen Gasthofberges abwarten wollen, drängen und treiben sich die Abziehenden, welche von dem Wetter der letzten Woche begünstigt waren.

„Vergessen Sie nur nicht, sich durch den Telegraphen ein Bett auf dem Rigi zu bestellen!“ so ruft ein Erfahrener, einem Angekommenen noch nach; „die Depesche kostet nur einen Frank.“ Ich erkundige mich, ob das Ernst oder Scherz sei, und höre, daß nirgend so sehr wie in der Schweiz das Netz der Gedankendrähte ausgesponnen ist und daß wirklich sehr viel Fremde die eben gehörte Benutzung davon machen. Seitdem blicke ich hier mit weniger Scheu zu den feinen Drähten empor, welche sich mitten durch die Gassen Zürichs ziehen. Bisher sahe ich in ihnen immer nur das Netz der beiden bösen Spinnen, der Diplomatie und Börse. – Unter der geduldig wartenden – der ungeduldigen mögen allerdings mehr sein – befindet sich auch Ihr Freund. Während ich es ruhig dem Aeolus überlasse, seine Diener aus dem rechten Loche herausfahren zu lassen, um den Wolkenschleiern am besten beizukommen, schlendre ich durch die Gassen Zürichs, wo mir auch schon mancher bekannte deutsche Name begegnete, der nicht mehr deutsch sein darf und nicht schweizerisch werden kann, weil ihn das Vaterland, welches er fliehen mußte und welches ihn in seine Gefängnisse nicht einhaschen konnte, aus seinen Armen nicht officiell entlassen will. Die Republik will eben ihre Leute ganz, sie will sie von der Monarchie nicht blos borgen. – Neulich sagte mir ein vom deutschen Advokaten zu einem schweizerischen Tuchhändler Gewordener, „wenn Sie in einer Gemeinde nach der Schule fragen oder nach dem Gemeinde- oder nach dem Krankenhause, so suchen Sie nur nach dem größten und schönsten Hause und Sie haben das Gesuchte.“ Hier in Zürich finde ich es so. Die Blinden- und Taubstummen-Anstalt, die Canton-Schule, das Canton-Hospital sind so ziemlich die einzigen Paläste in dem rein bürgerlichen Zürich. In die Canton-Schule sehe ich täglich die älteren Schüler mit Muskete und in Uniformrock gehen. Am 2. September werden sich über 3000 solcher bewaffneter Knaben, die ältesten freilich bis 20 Jahre alt, aus der ganzen Schweiz in Zürich zu einem Manöver und Festschießen, wie ich höre sogar mit Artillerie einfinden. Daraus wird das „herrliche Kriegsheer“ der Schweizer gebildet, welches in einem Nachbarkantone Zürichs zu seinem Antheile von einem – Tuchhändler als Oberst befehligt wird. Was einem dabei für polizeiwidrige Gedanken aufsteigen! Doch da sie durch das Aussprechen ihre Zollbefreiung verlieren, so lasse ich sie unausgesprochen. Das Reisen nach der Schweiz sollte eigentlich nur Erprobten erlaubt werden, denn ich habe von fremden Europäern, die weder Frankfurter noch Bremenser, noch Hamburger noch Lübecker waren, über das, was sie in der Schweiz überall um sich sahen und nicht sahen, sehr bedenkliche Gespräche führen hören. Doch verzeihen Sie mir diese Zeilen, die eigentlich gar nicht in den Bereich meines Reisezieles gehören, von dem ich Ihnen einige kurze Berichte schreiben sollte. Das Ziel ist die schweizerische Natur, die für Alle eine res publica ist und daher auch die Kurhessen und Russen zu Republikanern machen darf. Vor meinem Fenster, aus welchem ich den villenumsäumten See überblicke, scheint sich eben das Ende des Wolken Dramas zu entwickeln, wenn es nicht wieder um einen überflüssigen Akt sich hinauszieht. Ich eile darum morgen sicher hinaus, hoffend, daß der Himmel vollends klar werden und daß endlich Jemand nach meinem guten Paß fragen werde.





Der Vierwaldstädter See.

Luzern, den 24. August 1856.

„Aber Sie werden im Rößli keine Aussicht haben!“ Mit diesen Worten wollte mich heute Mittag bei der Ankunft in Luzern mein kleiner Geleitsmann dem „weißen Rößli“ abwendig und zu einem Insassen der „Balance“ machen. Allein ich bedeutete ihn, daß ich in der Schweiz nicht auch noch im Gasthofe Aussicht verlange, oder höchstens die auf ein billiges und doch gutes Unterkommen. Seitdem ist es Abend geworden und ich setze mich zu diesem Briefe an Sie, mein Freund, und an Ihre Leser in besagtem Rößli nieder. Wer aber den Vierwaldstädter See kennt, der weiß, daß er unbeschreiblich schön und daß die begeistertste Beschreibung doch höchstens ein Schattenbild ist. Doch es sei!

Mein bewährtes Reiseglück verließ mich nicht, obgleich ich gestern in Zürich bei schlechtem Wetter das Dampfboot bestieg. Die reizende Albiskette zu meiner Rechten verschwand in ihrer obern Hälfte unter dichten Regenwolken und der niederströmende Gewitterregen bedeckte den grünen See mit weißen Glaskugeln, welche wie ein Gedanken-Wetterleuchten im Entstehen verschwanden und im Verschwinden von neuem ersetzt wurden. Ich beschreibe Ihnen nicht den milden Zauber des Züricher See’s, an dessen Gestade, buchstäblich ohne Unterbrechung, gewerbfleißige Gemeinden und einzelne Geschäfte zerstreut liegen, wegen ihrer fast durchgängig weißen Farbe wie weiße Kiesel am Ufer eines Wiesenbaches. Ich beschreibe Ihnen auch den Weg nicht, der mich nach Brunnen an den Vierwaldstädter See führte, Anfangs am hohen Ufergelände des Züricher See’s mit entzückenden Rückblicken auf dessen wieder sonnbeschienenen Spiegel, zuletzt von Schwyz an am Fuße und in der Nachbarschaft berühmter Namen: die Mythen, Lauerzer See, Roßberg, neben der tief unter mir schäumenden Muotta hin. Aber das staunende Entzücken deute ich Ihnen wenigstens an, das über mich kam, als ich in Brunnen plötzlich am Ufer des Vierwaldstädter See’s stand, der vor mir lag in seiner Bergumfassung wie ein Smaragd in einem zackigen Kleinod. Sie wissen, mein Freund, daß ich in der Schweiz das Wasser in’s Auge fassen will und hier traf ich es noch viel klarer und bestimmter als im Zürichsee in der Ausprägung des Alpensee’s. Nach einer unerquicklichen Nacht eines Gasthof-Fehlgriffs bestieg ich heute Morgen das Dampfboot, um links bis Flüelen und dann gleich wieder zurück hinunter bis Luzern zu fahren. Bis Flüelen heißt der See der Urner See und gilt als heimtückischer Sturmwinkel. Heute trug er mich sanft auf seiner Spiegelfläche und ich konnte sorglos an beiden Ufern die senkrecht in sein Wasser eintauchenden Felswände ansehen, welche ja den Tell herausforderten, der Gründer der schweizerischen Freiheit zu werden. Bald kam ich auch an seine „Platte“, wo er den kühnen Sprung aus dem Nachen that. Ihr gegenüber liegt die kleine Gemeinde Isleten und zwischen beiden der Seeboden 1000 Fuß tief unter dem grünen Spiegel. Bis Flüelen ist an beiden Ufern nur selten auch nur ein Fuß breit ebener Boden, um zu landen. Aber das Auge des kundigen oder wenigstens des aufmerkenden Freundes der Erdgeschichte landet an den senkrechten Felswänden, um sich darauf zu ergehen. [513] Nicht weit von der Tells-Platte sieht man an beiden Ufern die einander genau entsprechenden Aufrichtungen, Stauchungen, Windungen und Verwerfungen der übereinander liegenden Schichten der Kreide- und älteren Tertiärformation. Das ist ein geologischer Hörsaal! Da predigt sich in stummer, aber gewaltig eindringlicher Zeichenschrift die Geschichtsperiode jener Zeit, wo es hier bunt herging. Niemand außer mir achtete auf diese Erscheinung, obgleich das Verdeck von Reisenden wimmelte und obgleich die himmelhohen senkrechten Felswände des einen Ufers in den Schichtenlinien die getreuen Abbilder der des gegenüberliegenden waren.

Ich machte zwei Damen darauf aufmerksam und, lachen Sie nicht darüber, daß ich es erwähne, gleich nachher trat ein Herr zu mir und nannte mir meinen Namen, indem er bemerkte, daß er sich in meinem Gesicht nach dieser geologischen Hindeutung vollends wieder zurecht gefunden habe. Er hatte mich vor Jahren über ähnliche Dinge in Mainz einmal öffentlich sprechen hören. Dies gehört aber zu meinen heutigen Reisefreuden, und darum werden Sie mir die Erwähnung wohl erlauben. Beweise davon zu erhalten, daß man nicht vergeblich zu Freunden der Natur von der Natur gesprochen hat, ist der süßeste Lohn für den treuen Jünger derselben.

Bald lag in Flüelen das Ende des Urnersees vor mir und in die Oeffnung des Felsenthales, welches bis hierher der See bis zum Rande ausfüllt, trat der schneebedeckte 9466 Fuß hohe Bristenstock, ein Berg, so schön und so edel in seinen Formen, wie die Schweiz vielleicht keinen andern hat. Nach wenigen Minuten wendeten wir uns zur Umkehr, und ich genoß bis Brunnen in vollen Zügen noch einmal. Die Sonne war eben erst über die Kuppen der Uferberge getreten, von denen kaum einer weniger als 1000–2000 Fuß über dem Spiegel des See’s emporragen mag, und sendete ihre scharfen Streiflichter herab über grüne Matten und dichte Waldung, und entfaltete ein wahres Gaukelspiel der Beleuchtung. Inzwischen schwebten oben um die zackigen Häupter blendend weiße Nebelwolken, denen sich immer neue hinzugesellten, aus den finstern Schluchten an’s sonnig helle Tageslicht hervordrängend. Die mächtige Frohnalp bei Brunnen und die jenseits Brunnen auf demselben Ufer wie ein himmelhohes, steiles Dach aus dem See aufragende Hochfluh umgürteten luftige Wolkenbänder, und warfen doch tiefdunkle Schatten auf dieselben, während gegenüber dem mächtigen Ober-Bauen der Uri-Rothstock mit seinen weißen Zacken hervorlugte. Alles dies schien mir in nächster Nähe neben und hinter einander vor mir zu stehen. Die Klarheit der Luft täuscht gewaltig über die Entfernung und läßt die Alpenlandschaft wie ein frisches, fein ausgeführtes Bild erscheinen. Ja, ich möchte es fast übersättigend nennen, weil der Phantasie kaum etwas zu thun übrig bleibt. Als ich nachher am Ufer von Luzern bald links nach dem Rigi, bald rechts nach dem Pilatus emporblickte, die von hier aus nur in fünf und sechs Stunden zu ersteigen sind, so erschienen mir aus ihrer luftigen Höhe ihre Wände als ein scheinbar ganz nahes Mosaik feinster und doch erkennbarer Art, obgleich ich annehmen konnte, daß sich das feine Mosaik in der Nähe in mächtige Felsenstücke und Gebüsch aufgelöst haben würde. Der Weg des Dampfbootes bog bald rechts, bald links an das Ufer, um Reisende aufzunehmen oder zu entlassen. Die fast überall steil aus dem See aufsteigenden Felsenwände, zwischen denen eine Menge kleiner Einbuchtungen liegen, entfalten ohne Unterbrechung einen überraschenden Wechsel der immer neuen Landschaftsbilder, so daß man oft eine ganz andere Ansicht hat, als man fünf Minuten vorher hatte. Kurz vor Luzern entsendet der See links den Alpnacher und rechts den Küstnacher See, und bildet mit diesen seinen beiden Armen rechts und links je zwei Vorgebirge, auf deren einem rechten der Rigi und auf einem der gegenüberliegenden linken der zackige Pilatus thront. Wir landeten und möglichst schnell entschlüpfte ich meinem empfehlungswerthen „Rößli“ wieder, um mich im Schauen des bezaubernd schönen Seebildes zu versenken. Die sonntägliche Lebendigkeit der Luzerner und das Gewühl der Reisenden umsummte mich, und als ich erst spät am Abend mich losgerissen hatte, fühlte ich nur das eine Bedauern, diesem Briefe nicht ein in glühenden Farben gemaltes Bild beifügen zu können.







Aus einer der höchsten menschlichen Wohnungen Europa’s.

Faulhornhaus, den 27. August.

Aus dem ländlichen Meiringen geleitete mich und drei bald befreundet gewordene Begleiter der Reichenbach mit seinen abgestuften Fällen beinahe unmerklich in die Höhe. Der mittlere und der obere Fall sind auf wahrhaft unwürdige Weise dadurch verunstaltet, daß man sie durch vorgebaute Bretterhäuschen gewissermaßen eingesperrt hat, und man an die unnatürlichen Vormünder der Natur eine Steuer, ein Schaugeld zahlen muß. Ist es nicht eine Schande für die Schweizer, mit ihren Naturschätzen solch’ kleinlichen Wucher zu treiben? Nach fast zweistündigem Steigen gelangten wir an das Rosenlauibad, während zur Rechten, bald zwischen Blöcken, bald in unsichtbar tief ausgehöhltem Bett der Reichenbach schäumend und tosend brausete. Vom Rosenlauibad ist es noch eine Viertelstunde bis zum Rosenlauigletscher, dem schönsten von allen und dem erklärten Liebling aller Reisenden. Rein von allem Moränenschutt liegt die im zarten Blau schimmernde ungeheure Eismasse, zwischen den Engelhörnern und dem Wetterhorn eingebettet, vor dem überraschten und entzückten Wanderer. Senkrechte, tief eindringende Spalten bilden Eiscoulissen, in denen man im reinsten Himmelblau steht und sich in ein Zaubermährchen versetzt glaubt. Tief unter dem Gletscherfuße (dem abschmelzenden Ende des Gletschers) gähnt, von einem dunkelblau durchsichtigen Eisdome überwölbt, ein tiefer Schlund, auf dessen unsichtbarer Sohle das Gletscherwasser abströmt, und nicht weit vom Rosenlauibade mit einem vom Schwarzwaldhorne kommenden Bache sich vereinigend, die unerschöpfliche Quelle der Reichenbachfälle bildet.

Zum ersten Male befand ich mich hier an der Grenze des Knieholzes, und sah mich umringt von den noch zum Theil in Blüthe stehenden Alpenpflanzen. Letztere waren allerdings noch nicht jene niedlichen Gestalten, die ich erst später auf der Spitze des Faulhornes fand. – Weiter ging es nun der großen Scheideck zu; ein langer schmaler Kamm, verbindet sie das Wetterhorn, den Nachbar des Rosenlauigletschers, mit den dem Brienzer See entsteigenden Bergen. Aus der Zinne der Scheideck überblickten wir das herrliche Grindelwaldthal, und von Zeit zu Zeit donnerte es in den Eingeweiden des Wetterhornes und je nach unserem Standpunkte floß bald darauf aus einer sichtbaren oder durch seitliche Stellung unserer kleinen Schaar aus einer verdeckten Bergschlucht eine Lawine herab; floß, sage ich, denn der jetzt auch in der Region des ewigen Schnees auf das geringste Maaß verminderte Vorrath des sich nicht mehr ballenden Schnees bildet reizende Milchkaskaden, und diese streuen ihre sich nach allen Seiten hin leicht ausbreitende Spende als blendendweiße Schuttkegel an dem Aufhaltspunkt ihrer senkrechten Sturzlinie aus. Noch vor dem Uebergang über die Scheideck hing zu unserer Linken der kleine Schwarzwaldgletscher herab. Jenseit des Scheideckkammes folgte ihm das ungeheure Eismeer des großen und das kaum geringere des kleinen Grindelwaldgletschers, deren Firnmulden mit den dahinterliegenden ungeheuern Schneefeldern die Kuppen des Wetterhornes, des Schreckhornes und des Eighers verbinden. Bald aber verhüllten uns aufsteigende Nebel die höheren Kuppen der genannten Horne, und von ihren Nachbarn, von dem Mönch bis zur Blümlisalp sahen wir keine Spur. Nach beinahe fünfstündigem Steigen gelangten wir endlich von der großen Scheideck, zuletzt von Kälte erstarrt, auf der Spitze des Faulhornes an. Etwa die letzten Tausend von den 8261 Fuß seiner Höhe befand ich mich in einem entzückenden botanischen Garten der Alpenpflanzenwelt. War auch die eigentliche Blüthenzeit vorüber, so fand ich doch noch viele Alpenpflanzen in Blüthe, namentlich aus den Gattungen Gentiana, Phyteuma, Saxifraga, Lepidum, Arenaria, Draba, Campanula, Gypsophila. Die Region der Alpenpflanzen machte jetzt auf den Unaufmerksamen den beinahe unerquicklichen Eindruck unserer mit ganz kurzem moosweichen Rasen bedeckten Viehtriften, und man muß den Teppich genau ansehen, namentlich jetzt, wo wenig Blumen zu sehen waren, um die einzelnen moosartigen kleinen Polster der kleinblättrigen Alpenpflanzenstöcke zu erkennen. Etwas weiter unten hatte mich der prächtige blaue Sturmhut, (Aconitum napellus) erfreut, der meist in dichten Trupps in den kleinen Einsattelungen der Bergwände stand.

Um sieben Uhr kamen wir in dichten Nebel gehüllt auf der Spitze an, und mußten an manchen Stellen durch vor einigen Tagen [514] bereits frischgefallenen Schnee waten. In dem behaglich geheizten Zimmer des vor etwa zwanzig Jahren erbauten und höchstens vier Monate lang bewohnten Hauses fanden wir acht Reisegefährten, die seit Mittag vergeblich auf eine Aussicht gehofft hatten. Nach einem fast üppig zu nennenden Abendessen, was man in dieser enormen Höhe nicht erwartet, und dessen Bestandtheile nebst Holz und andern Lebensbedürfnissen täglich von zwölf bis fünfzehn Menschen tausende von Fuß hoch heraufgeschleppt werden müssen, legten wir uns im höchsten Grade ermüdet zur Ruhe. Wir waren zwölf Stunden lang beinahe ununterbrochen gestiegen und hatten dabei dann und wann die stärkende Wirkung eines kleinen Schlückchens Kirschwasser empfunden. Der freundliche Wirth machte uns auf den kommenden Morgen die zuversichtlichste Hoffnung.

Sie hat sich glänzend bewährt, und in diesem Augenblicke schweift mein Blick oft vom Papier durch das Fenster hinüber auf die in strahlender Morgensonne glänzende Kette der schneebedeckten Berner Alpen. Die Jungfrau und ihre Nachbarn, der Eigher, Mönch und die Silberhörner, schließen sich dicht an einander, während mehr links das finstere Schreckhorn und das alle überragende Finsteraarhorn sich mehr vereinzelt geltend machen. Und dabei tritt dies alles in seiner überwältigenden Majestät in der klaren Luft so nahe an uns heran, daß man mit einem Büchsenschuß eine Kugel in die glänzenden Falten des Gewandes der Jungfrau schicken zu können meint. Das Gefühl des Emporgerücktseins über das unruhige Treiben der Welt überkommt Einem hier oben mit unwiderstehlicher Gewalt. Das Auge sucht vergeblich nach dem unsichtbaren inneren Zusammenhange der es von allen Seiten umstarrenden Bergkolosse und dies vermehrt das Gefühl der eigenen Schwäche und zwingt zu Vertrauen in die kundige Führung, welche das Oben an das tiefe Unten durch verschlungene, oft kaum betretene Pfade zu knüpfen weiß. Ich überantworte mich mit meinen drei Reisegefährten dieser kundigen Führung, um mich nach Grindelwald führen zu lassen, dessen Ebene in unerkennbarer Kleinheit ihres Detail tief unter uns liegt. Mein ferneres Ziel sind die Aar- und der Rhonegletscher, welche den Charakter dieses starren Wasserlebens besonders rein ausgeprägt an sich tragen.

Ich schließe meinen Brief, nachdem ich noch einen letzten Abschiedsbesuch auf der Höhe hinter dem gastlichen Hause gemacht habe. Schwerlich dürfte es in Europa ein zweites Faulhorn geben, und meine Erinnerung an den Monserrat Cataloniens hat im Faulhorn einen gefährlichen Nebenbuhler gefunden. Während ich Obiges schrieb, hat sich der Nebel aus den Thälern gehoben und schwebt nur noch an der Nordseite des herrlichen Panorama’s als eine breite Zone lockerer blendend weißer Wolken längs dem jenseitigen Berggelände des Brienzer und des Thuner See’s, deren grüne Spiegel aus der Tiefe heraustauchten. Nach Süden das imposanteste Alpenbild, nach Norden das liebliche Durcheinander niedriger Berge und lachender Alpenseen – da ist das Zaubertheater des Faulhorns.



[583]
Palais des Unteraargletschers.
Den 7. September 1856.

Wie ich zu meinem heutigen Briefe außerhalb des Briefpapierbereiches bin, so bedarf ich auch der Phantasie dazu nicht, weil meine gegenwärtige Lage Dem, der sie nicht mit mir theilt, auch bei der nüchternsten Schilderung phantastisch genug vorkommen wird.

Um sechs Uhr pflückte ich noch einige Alpenblumen vor dem Palais und jetzt, um acht Uhr, liegt bereits zehn Centimeter Schnee, und der tiefe Abgrund vor demselben ist in das leuchtende Dunkel einer Alpenschneenacht gehüllt.

Das „Palais“, von dem ich rede, und in welchem sein Besitzer und Erbauer, Herr Dollfus aus Mühlhausen (im Elsaß), auf dem Heulager bereits im ruhigen Schlummer des Gletschersteigers liegt, ist ein kleines aus Steinen roh zusammengefügtes Haus, 7212 par. Fuß (genauer 2404 Meter) über dem Meere gelegen. Die Tricolore flattert im Schneewinde auf seinem Dache, und nur sie kann morgen, wo Alles unter der Schneedecke begraben sein wird, einem einsamen Wanderer das Dasein des „Palais“ verrathen. Der Wanderer könnte aber höchstens ein Ziegenhirt oder ein passionirter Gletscherbesucher sein, denn andere Menschen kommen wohl niemals hierher.

Aus dem Grimselhospiz (1563 F. tiefer), wo mich mein Reiseglück mit einem heimathlichen Bekannten und dessen Frau zusammenführte, war ich heute Morgen sieben Uhr ausgezogen, um den Unteraargletscher zu besuchen. Kein Gletscher der Welt trägt einen so berühmten Namen, denn auf ihm sind fast alle die Untersuchungen und Beobachtungen angestellt worden, welche das räthselvolle, fast dämonisch zu nennende Walten der Gletscherthätigkeit in neuerer Zeit so sehr aufgehellt haben. Er ist zugleich einer der imposantesten und lehrreichsten, denn alle, sonst nicht bei allen Gletschern immer zusammentreffenden Eigenthümlichkeiten finden sich auf ihm vereinigt.

Am Gletscherfuße angekommen, wo die Aar als geduldiger, vielfach getheilter Bach unter dem furchtbaren Eismeere auf eine weite, vollkommen ebene, von himmelhohen Felsen umstarrte Fläche, den Aarboden, hervorquillt, erwartete uns ein Ziegenhirt, den sich mein Führer als Aushelfer seiner Ortsunkenntniß bestellt hatte. Nun ging es zunächst an das mühevolle Erklimmen der Endmoräne, ein furchtbarer etwa 300 Fuß hoher und noch viel breiterer Wall von Felsentrümmern, welche der abschmelzende Gletscher beiderseits an seinem Ende abladet, Zehrpfennige, welche dem Gletscher von den Zinnen seiner Uferberge mit Donnergepolter zugeworfen werden. Beim Ueberschreiten des Gletschers in seiner ganzen Breite, etwa eine Viertel-Wegstunde, erkannte ich an der geognostischen Beschaffenheit genau die granitische oder Gneißnatur der weiter oberhalb liegenden Uferberge, denn der Gletscher sammelt alle auf ihn fallenden Blöcke an seinen beiden Rändern, und bildet so die Seitenmoränen. Auf der großen Mittelmoräne befestigten eben drei Arbeiter des Herrn Dollfus eine Signalstange genau in der Linie, welche zwei beiderseits an den Uferfelsen angemalte weiße Kreuze bezeichneten. Die Stange soll als Signal zum Abmessen des „Marschirens“ des Gletschers dienen. Die Signalstange, welche genau an demselben Punkte vor 13 Monaten aufgesteckt worden war, sahe ich jetzt ungefähr 300 Fuß weiter unten stehen. Um so viel also ist in der angegebenen Zeit der Gletscher abwärts gerückt. Unser Führer Ziegenhirt führte uns nach etwa halbstündigem Klettern auf der Moräne nach rechts auf den Gletscher selbst, wo ich mit wissenschaftlichem Behagen alle die Dinge mit Augen sah, die ich bisher blos aus Büchern kannte. Jetzt darauf näher einzugehen, würde meinen Brief zu einer wissenschaftlichen Schilderung machen, welches nicht in meinem Plane liegt. Das Gehen auf dem Gletschereise fand ich nicht sehr beschwerlich, weil dieses rauh ist, und dem Fuße ein ziemlich sicheres Auftreten erlaubt. Wir kamen bald an eine in den Gletscher ziemlich weit vorspringende Felsenecke, welche diesen genöthigt hatte, in eine Menge tiefe Spalten und Schründe zu bersten, aus denen uns himmelblaue Abgründe entgegengähnten. Die schmäleren wurden übersprungen, die tieferen umgangen, und so gelangten wir nach beinahe zwei Stunden an dem Palaisfelsen an. Noch 300 Fuß des schwindelfreien Blick und feste Kniee erheischenden Kletterns an der beinahe senkrechten Felswand hinauf, und wir standen vor dem Palais, einem kleinen ehrwürdigen Tempel der Natur, wo seit vierzehn Jahren die Verkünstelung noch keinen Eingang gefunden hat. In der kleinen aus Steinen roh zusammengefügten Küche, wo ein Knecht eben das Mittagsessen für Herrn Dollfuß bereitete, begann ich mit erstarrten Fingern diese Gletscherepistel, und versuchte nachher mit noch geringerem Erfolge, ein Stück Oberfläche des unter mir liegenden Gletschers zu zeichnen. Quer vor mir lag das geheimnißvolle Gletscherfeld und jenseits desselben ragten die gewaltigen Zacken des Grünbergs, der Eschenhörner, des Scheuchzerhornes, Grunerhornes, Oberaarhornes, Altmanns, Studerhorns, des gewaltigen, über 13,000 F. hohen Finsteraarhornes empor. Dann kam der Abschwung, ein Ausläufer der Schreckhörner, an dessen beiden Seiten der Finsteraar- und der Lauteraargletscher aus ihren erhabenen Geburtsstätten herabsteigen, und von hier an zum Unteraargletscher zusammenfließen. Die Linie ihres Zusammenflusses ist von einer mächtigen Mittelmoräne bezeichnet, welche genug Steine bieten würde, um daraus eine kleine Stadt zu erbauen. Ganz rechts endlich schlossen [584] die Hugihörner, die Lauteraarhörner und die Schreckhörner das majestätische Panorama.

Unweit des Abschwunges bezeichnete man mir die Stelle auf der Mittelmoräne, wo einst 1842 das kleine Stegreifhäuschen, Hôtel des Neuchatelois gestanden hatte, (seitdem jedes Jahr 80 Meter vorgerückt), und weiter unten auf derselben den Hugiblock, denn die ungeheure Größe mancher Moränenblöcke berechtigt zu dieser namengebenden Auszeichnung, wie man auch recht gut auf Jahre lang voraus berechnen kann, wann er am Fuße des Gletschers anlangen und dann vielleicht unter dem Chaos kleinerer Blöcke für alle Ewigkeit tief begraben sein wird. Das Abschmelzen des Gletschers an seinem Ende hält am Unteraargletscher nicht Schritt mit dessen Vorrücken, und so tritt dieser schleichende, aber unaufhaltsam vordringende Berggeist immer tiefer in das Thal herab. Aber ein Menschenalter gehört dazu, um es auffallend zu finden. Zwischen mehren der genannten mir gegenüberliegenden Berge stiegen kleinere Gletscher in starker Neigung herab, um sich unten, wie Bäche mit dem Strome, mit dem Unteraargletscher zu vereinigen, der seinerseits, in der Mitte gegen 1000 Fuß dick, auf fast wagerechter, oder wenigstens nur wenig geneigter Fläche ruht. Diese kleineren Gletscher sind der Zinkengletscher, der Grünberg-, Thierberg. und der Silberberggletscher.

Gegen ein Uhr kam Herr Dollfus mit seinem Sohne und einem Diener von einer Gletscherwanderung an, und ihre drei Menschengestalten dienten mir lange als Maßstab für die ungeheure Eisfläche, auf der ich sie nach den Fingerzeigen der übrigen Bewohner des Palais lange Zeit nicht finden konnte. Bald befand ich mich, wenn auch kein Gletscherkundiger, dennoch in vertrauter Berufsnähe an seiner Seite; denn was führt die Menschen schneller aneinander, als gleiche hingebende Liebe zur Natur und ihrer Wissenschaft? Ich theilte im feldlagerartigen Häuschen das kunstlose Mahl, und dann erschloß mir Herr Dollfus in mehrstündiger unterhaltender Belehrung den reichen Schatz seiner Gletscherbeobachtungen, worin es ihm schwerlich Jemand gleich thut.

Das Gemach, zu welchem den Winden, welche hier oben Herren sind, der Zugang nicht ängstlich gewehrt ist, zeigte ein buntes Durcheinander von den Bedürfnissen des Alpenreisenden und des gelehrten Forschers, obgleich Herr Dollfus von Beruf Fabrikant ist. Während der Unterhaltung zeichnete er gelegentlich atmosphärische Beobachtungen in seine Tabellen. Die letzte war, daß von sechs bis acht Uhr Abends zehn Centimeter Schnee gefallen war und das Thermometer genau auf Null stand. Es muß jetzt noch tiefer stehen, denn obgleich ich meine Füße in eine wollene Decke gewickelt und innerlich zweimal durch einen Schluck Kirschwasser einzuheizen versucht habe – denn das Feuer im kleinen Ofen ist längst ausgegangen – so sind mir doch die Finger nachgerade beim Schreiben steif geworden. Ich lege mich darum als Dritter im Bunde auf die Streu, und wahrscheinlich träume ich bald von der Möglichkeit (die ich jetzt noch nicht recht begreife), im tiefen Schnee morgen, früh wieder hinunter auf den Gletscher und vom Gletscher auf das Hospiz zu kommen.






Alte Spuren der Gletscherwirkung.
Wabern bei Bern, den 13. Sept. 1856.

Neben dem Genuß an der landschaftlichen Schönheit wird dem Schweiz-Reisenden noch der Gewinn tieferen Erfassens, sobald er in der Naturwissenschaft einigermaßen bewandert ist. Damit soll keineswegs gesagt sein, daß nur der Naturforscher von Beruf den wahren Reisegenuß habe, wenn auch nicht in Abrede gestellt werden soll, daß mit dem Grade naturwissenschaftlicher Bildung der Genuß an einer Reise in der Schweiz zunimmt. Wohl aber will ich damit sagen, daß mir die Verschuldung unseres naturwissenschaftlichen Schulunterrichts niemals größer erschienen ist, als auf meinen Wanderungen durch das Berner Oberland, wenn ich den Troß der Touristen achtlos an den stummen Zeugen von den gewaltigen Vorgängen früherer Erdzeiten vorbeigehen sah und wenn ich andererseits so glücklich war, Reisegenossen, welchen mich die Laune des Reisezufalles zugesellt hatte, mit wenigen Hindeutungen hier und da ein tieferes Verständniß dessen zu eröffnen, was ohne diese entweder blos den Vorzug des landschaftlich Schönen oder Frappanten oder vielleicht selbst nicht einmal diesen gehabt hätte.

Zu solchen Gedanken gab mir fast Schritt für Schritt der Weg vom Grimselhospiz bis herab in das Haslithal Veranlassung, ein Weg der auch sonst zu den schönsten Tagemärschen des Berner Oberlandes gehört. Diesen Weg in der Zeit von etwa zehn Uhr Morgens bis sechs Uhr Abends, denn diese Zeit erfordert er, bei hellem sonnigen Wetter gemacht zu haben, so daß der gewaltige Aarfall bei der Handeck seinen leuchtenden Regenbogen um die Mittagszeit vor dem trunkenen Blick des Wanderers ausspannen konnte: dies wird jedem Touristen ein unvergänglicher Erinnerungsschatz bleiben.

Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen etwas von diesem Schatze, wenn auch nur in den blassen Farben einer flüchtigen Schilderung mittheile. Ich knüpfe dabei noch etwas über der Grimsel an und dehne meine Schilderung unten bis an das Ufer des Brienzer Sees aus, um den ganzen ersten Lebensabschnitt der Aar, ihre wilde Kindheit, zu umfassen, von ihrem Austritt aus dem Unteraargletscher bis zu ihrem Einfluß in den Brienzer See. Dabei beschränke ich mich jedoch auf eine Schilderung der diesen ganzen Weg entlang sichtbaren Spuren ehemaliger Gletscherwirkung.

In meinem letzten Briefe erzählte ich Ihnen schon, daß ich am Unteraargletscher den berühmten Gletscherforscher, Herrn Dollfus-Ausset aus Mühlhausen, in seinem „Pavillon“ antraf und daß mir nach dem etwa eine halbe Elle betragenden frischen Schneefall schier etwas bange wurde um den Heimweg nach dem Grimselhospiz, denn dieses war in jenen Tagen meine Reiseheimath. Doch ging alles gut von statten. Der Vormittag des 8. Sept. verging mit Einpacken von hunderterlei Geräthschaften, welche der wissenschaftliche Einsiedler während seines Aufenthaltes zu seiner leiblichen und geistigen Nothdurft gebraucht hatte und um zwölf Uhr setzte sich unser Zug von zehn Personen in Bewegung. Zu Herrn Dollfus-Ausset nebst Sohn und mir war noch ein Vierter gekommen, ein kühner Gletscherwanderer, den am vorhergehenden Tage der Schneefall unter dem gastlichen Dache des Pavillon zurückgehalten hatte. Die übrigen Sechs waren die Träger und Palastbediensteten des Gletschermannes, alle mit centnerschweren Packen beladen. Das Hinabsteigen nach dem Gletscher war weniger gefährlich, als mir Abends zuvor erschienen war, denn es wurde dafür ein anderer Abhang gewählt und auf dem Gletscher selbst fand ich meinen Marsch sogar ziemlich sicher, aber – tertianermäßig. Indem ich Schritt für Schritt in die Fußtapfen des letzten der hintereinander gehenden Träger trat, von denen also nur der erste seine heile Haut für alle hinter ihm Gehenden zu Markte trug, fiel mir unwillkürlich die lateinische Redensart „vestigia legere“ ein, denn ich blickte unverwandten Blickes aus die vestigia meines Vorgängers, wie man die Worte „liest.“ Mancher tiefe mit Schnee zugewehte Schrund wurde überschritten oder mit Hülfe des Alpenstockes übersprungen. Ein langes Seil war immer in Bereitschaft, um aus der Noth zu helfen, wenn vielleicht Einer in die Tiefe hinabfahren sollte. Es blieb aber glücklicherweise unbenutzt. Der Gang über das Ende der linken Seitenmoräne war zwar bis auf einen möglichen Beinbruch ungefährlich aber im höchsten Grade anstrengend. Nach beinahe zweistündiger Wanderung auf Gletschereis und Moränenblöcken standen wir endlich unten am Gletscherfuße auf dem „Aarboden,“ einer etwa eine halbe Stunde langen und eine kleine Viertelstunde breiten vollkommen ebenen Fläche, über welche die in viele geschlängelte Arme sich theilende Aar durch niedrige Gletscherthore aus den, von feinem Schutt fast schwarzgefärbten, gegen 200 Fuß hohen Eismassen hervortritt.

Hier glaubt nun der gewöhnliche Tourist am Ende des Gletschers zu sein. Er ist es auch, wenn er nicht daran denkt, daß jeder Gletscher, der eine mehr der andere weniger ersichtlich, blos die Gegenwart, der letzte Zeitabschnitt einer ungeheuer langen Periode der Erdbildung an seiner Stelle ist.

Es fiel mir hier auf, daß die Volkssprache der Schweizer einige Ausdrücke hat, welche unverkennbar darauf hinweisen, daß im Volke ein tieferes Erfassen der Gletscher liegt, als ein blos auf die gegenwärtige Thätigkeit derselben sich beschränkendes. Das Volk, nicht die Wissenschaft, hat den Namen Aarboden, Grimselboden, Rätterichsboden, Hasliboden (letztere drei der ersten ganz gleiche Ebenen) erfunden. Diese Flächen sind unverkennbar in früheren Jahrtausenden „Boden“flächen des Aargletschers gewesen. Das Volk pflegt doch sonst ähnliche Ebenen nicht „Boden“ zu nennen! Unweit dem Austritte der Aar aus dem [585] Gletscher nahe dem rechten Ufer liegen auf dem Aarboden drei „Rollen,“ ein Wort welches nach K. Vogt’s gegen mich ausgesprochener Meinung aus Knollen entstanden ist. Es sind dies freistehende Felsen, von denen der eine mehrere hundert Fuß hoch war und in Norddeutschland ein Berg genannt werden würde. Sir sind in der Richtung der Gletscherbewegung (daß sich jeder Gletscher vorwärts bewegt, habe ich schon früher gesagt) länglich abgerundete, im großen Ganzen halbkuglige oder halbeiförmige, Felsen, welche überall geglättet und abgeschliffen sind. Diese Abrundung und Abschleifung ist das Werk des Gletschereises, welches, wie der Edelsteinschleifer des Smirgels, sich des Schuttes und Sandes bedient. In früheren Zeiten ging der Gletscher über diese Rollen hinweg. Diese drei Rollen, denen theils an der linken, theils an der rechten Seite der ehemaligen Gletscherbahn vor dem Hospiz viele andere folgten, werden an Größe weit überboten von der „Grimsel-“ oder „Spittelnolle.“ So heißt der große kuppelförmige Berg, an dessen Fuß das Hospiz liegt; er ist von anderen Bergen kesselförmig umgeben, und ebenfalls bis auf seinen Gipfel vom Eise abgeschliffen und aller Ecken und Kanten beraubt. Doch ich sollte am andern Morgen vor meinem Hinabsteigen in das reizende Haslithal diese „Eis- oder Gletscherschliffe“ an noch viel höher gelegenen Punkten sehen. Mit äußerster Ausnutzung der Zeit unternahm ich mit fünf anderen Reisenden am Morgen des 9. Sept. von 7 bis 11 Uhr früh noch eine Besteigung des Sidelhornes, welches sich dicht neben der Grimsel bis auf 8525 Fuß erhebt. Es besteht aus einem schönen meist röthlich gefärbten Granit und nach dem Gipfel hin aus einem schwarzgrauen, leicht verwitternden Glimmerschiefer. So weit der Granit reichte und bis höchstens 800 Fuß unter dem Gipfel, den wir des immer dichter werdenden Nebels wegen unerstiegen ließen, fand ich an vielen Stellen den vollkommensten Eisschliff, d. h. große abschüssige Felsflächen, welche vollkommen glatt geschliffen und stellenweise glatt polirt waren. Also bis zu dieser bedeutenden Höhe hat einst die Gletscherbildung ihre glättende Thätigkeit erstreckt! Man wundert sich Anfangs darüber, daß im Verlauf der Jahrtausende diese Flächen, die in der Sonne wie Spiegel glänzten, durch die Verwitterung nicht angefressen oder rauh geworden sind. Allein sie liegen ja den größten Theil des Jahres unter Schnee begraben, und ihre Glätte erlaubt in der übrigen Zeit des Jahres dem Wasser nicht, lange darauf zu haften. Es fließt schnell davon ab, und die Luft trocknet sie schnell wieder.

Nach 12 Uhr hatten wir das Hospiz nicht nur wieder erreicht, sondern auch in der Schnelligkeit nun erst das Frühstück eingenommen, um dann in rüstigem Schritt mit der stürzenden Aar um die Wette thalabwärts zu steigen. Das aufmerksame Auge erkannte unter dem sich bald unterhalb der Grimsel einstellenden Knieholze hier und da mächtige Rollen und an den ungeheuren Granitwänden, die als breite Koulissen in das Aarthal vorspringen, zeigten sich oft die ausgedehntesten Eisschliffe. Bald war der Rätterichs-Boden erreicht, wo die Aar, die jetzt rechts von ihm im tiefen Felsenbette schäumt, einen kleinen See zurückgelassen hat, wie sich ein solcher größerer auch oben neben der Grimselnolle findet. Hölzerne und steinerne Brücken führten uns mehrmals von einem Ufer der Aar auf das andere und immer noch zeigte sich die Aar als „Gletscherbach,“ der sie ja ist, trüb und milchig von dem außerordentlich feinen schlammartigen Sand, den sie mit sich führt. Dieser ist natürlich das Erzeugniß der reibenden Gewalt unter der ungeheuren Eislast des Gletschers. Herr Dollfus theilte mir mit, daß seinen genauen Berechnungen nach die Aar bei großem Wasser, d. h. bei starkem Abschmelzen des Gletschers, in 24 Stunden 5600 Ctr. Schlamm fortführt, was also weit über 200 Pferdelasten zu 25 Ctr. auskragt. Doch ich darf mich nicht so weit von meinem Thema entfernen und ich komme daher zu der „hellen Platte.“ Dies ist eine vielleicht 25,000 Geviertfuß große sanft geneigte Felsenfläche, welche sich als der unverkennbarste Eisschliff zu erkennen gibt. Nicht nur daß sie vollkommen aller und jeder Ecken und Kanten, die jede andere eben so große Felsenwand haben würde, beraubt ist, sondern sie ist auch in der Richtung des Thales, in der sich hier einstmals der Gletscher abwärts bewegt hat, mit dichter oder weitläufiger stehenden Furchen bedeckt, die Spuren der zuletzt darauf hingeschleiften, unter der Wucht des Eises eingeklemmten oder im Eise eingefrornen Steine. Für von dem darüber fließenden Wasser ausgewaschene Rinnen kann man diese Furchen deswegen durchaus nicht halten, weil sie gerade rechtwinkelig auf die Richtung stehen, welche Wasserrinnen haben müßten. „Agassiz’ Eisschliff 1842,“ in den Stein der hellen Platte eingegraben, bezeichnet sie als ein Eigenthum der Wissenschaft. Auch der Achtloseste kann die helle Platte nicht ansehen, ohne nach der Entstehung dieser wie von Menschenhand abgemeiselten und polirten Felsenwand zu fragen. Die eingemeiselte Inschrift sagt es ihm und er versteht diese, wenn er von dem geheimnißvollen Walten der Gletscherbildung wenigstens einige Kunde hat.

Auf der Tschingelbrücke machte ich meine Begleiter auf einen sogenannten „Riesentopf“ aufmerksam. Die Aar stürzt mit betäubendem Getöse durch den hohen Bogen der Brücke, eingeengt von beiden Seiten und in ihrem Bett durch ungeheure Blöcke eines schönen fast weißen Graniten. Einer dieser Blöcke, mit dem rechten Ufer gerade unter der Brücke an der Seite noch zusammenhängend, gleicht einem ungeheuern Topfe von etwa sechs Fuß Durchmesser. Solche Riesentöpfe entstehen durch die Gewalt des Wassers, welches im Wirbel Steine darauf herumdreht und sie so nach und nach aushöhlt, wobei die Steine als Bohrer dienen. Dem fertigen Riesentopf gegenüber steht ein kleinerer, der noch in der Arbeit ist. Die jetzt kleine Aar stand tief unter der nur erst etwa eine Elle tief ausgehöhlten Oberfläche, in welcher der reibende Stein auch noch lag. Ein wenig oberhalb der Brücke war das etwas breitere Aarbett, in welchem sie unbändig schäumte und tos’te, mit großen Granitblöcken erfüllt, an welchen die unablässig leckende Zunge des Wassers dergestalt gewirkt hatte, daß sie runde muschelförmige Flächen zeigten und schmelzenden Eisklumpen glichen, wozu auch die weiße Farbe nicht wenig beitrug.

Wir kamen zur Handeck, einem von wenigen Sennhütten gebildeten Weiler. Hier stürzt die Aar Arm in Arm mit dem von links herkommenden wasserreichen Aerlenbache 200 Fuß tief in eine enge von senkrechten Felsenwänden gebildete Schlucht, deren Boden von den dichten Wasserstaub-Wolken des zerpeitschten Wassers dem schwindelnden Blicke völlig verhüllt ist. Ueber dem Tosen des fürchterlichen Kessels schwebte friedlich der brillanteste Regenbogen, den ich je gesehen, in dem hochaufsteigenden Wasserstaube, Wir waren hier bis auf die Höhe von 4373 Fuß abwärts gekommen. Bald ändert sich mit der Gebirgsart der Charakter der Landschaft. Der Granit wich unter Gutanen dem Gneiß und mit diesem, dessen Schichten stark geneigt und oft fast auf den Köpfen standen, wurden die Felsformen wilder und zackiger. Je weiter wir abwärts kamen, desto mehr erkannte man eine allmälige Klärung des Wassers der Aar, obgleich es noch weit davon entfernt war, die lufthelle Klarheit eines Gebirgsbaches anzunehmen, deren doch unzählige von rechts und links her bemüht waren, den Gletscherursprung der Aar durch ihre eigene Klarheit zu verwischen. Klar wird sie erst bei Thun, nachdem sie in den beiden großen Abklärungsbecken des Brienzer- und Thunersees all’ ihren Gletscherunrath abgesetzt hat, in der bis 2000 Fuß betragenden Tiefe dieser herrlichen Landseen. Ob es gleich nicht eigentlich zu dem Thema meines Briefes gehört, so muß ich doch als einer der Gletscherwirkung ebenbürtigen Erscheinung der ungeheuren Schutthalden gedenken, welche von den Lauinen von rechts und von links her in das enge felsige Aarthal hinabgeführt waren. Dies geschieht in dieser Ausdehnung nur im Frühjahr und Vorsommer und dennoch fand ich an einer Stelle den Lauinenschnee noch nicht ganz weggeschmolzen, sondern einen gewölbten Brückenbogen über die Aar hinweg bildend. Diese Lauinenbahnen sind meist tiefe Felsenschlüchte, ob denen oft der Fuß eines Gletschers oder wenigstens eines mächtigen Schneefeldes herabdroht. Was auf dieser Bahn liegt und nicht niet- und nagelfest ist, muß mit fort, und wären es haushohe Blöcke.

Die Spuren des Gletscherschliffes verließen uns auch unterhalb Gutanen im Gneißgebiete nicht, ja selbst noch tiefer unten fehlten sie nicht, wo mächtige Bänke eines schönen schwarzen weißgeaderten Marmors (der Juraformation angehörend) sich über den Gneiß gelagert finden und zuletzt allein die hohen Felswände bilden; obgleich wegen der größeren Verwitterbarkeit des Kalksteines die Schliffflächen weniger gut erhalten sind.

Von sechsstündigem Herabsteigen auf dem oft äußerst holperigen Saumpfade tüchtig zusammengestaucht kamen wir im Hasliboden, dem unteren Ende des Oberhaslithales an und man erkennt in ihm leicht einen ehemaligen Gletscherboden. Anfänglich [586] sieht man sich verblüfft nach einem Ausgangspunkte der Aar um, denn quer vor das an den Hasliboden sich anschließende Unterhaslithal legt sich ein mächtiger mehre Hundert Fuß hoher Wall, an welchem eine neue in weitausgreifender Zickzacklinie gelegte Straße hinüber nach Meiringen führt, dem Hauptorte des Unterhaslithales. Die Aar hat sich durch diesen Wall an dessen rechter Seite, wo er an die rechte Thalwand sich anschließt, eine tiefe enge Schlucht gewaschen, die „finstere Schlauche“ genannt. Der Wall selbst gibt sich dem aufmerksamen Auge leicht als eine alte Endmoräne von ungeheurer Ausdehnung, und als eine Gruppe von Rollen zu erkennen, über welche einst der Gletscher noch tiefer hinausgegangen ist. Wenn man diesen Wall überschritten hat, welcher rechts vom Hasligrund auch dem Gadmenthal und dem Genthal ein Halt gebietet, in denen ohne Zweifel früher ebenfalls Gletscher ihren langsamen Marsch machten und mit dem Aargletscher zusammen den Wall theils bildeten, theils überwanden, so blickt man in die tischgleiche Ebene des reizenden Unter- oder kurzweg sogenannten Haslithales, welches etwa eine Viertelstunde breit sich 2 1/2 Stunde lang bis Brienz ausdehnt, neben welchem die Aar ihr immer noch nicht völlig entfärbtes Wasser in den See ausgießt. Auch an den himmelhohen Kalkwänden des Haslithales kann man noch leicht die „alten Spuren der Gletscherwirkung“ wahrnehmen, und es war mir, gestützt auf die vor Augen liegenden Erscheinungen, leicht geworden, meine Begleiter davon zu überzeugen, daß sie mit mir von dem Kamme des Sidelhornes bis hinunter in das Haslithal auf der Bahn eines ehemaligen Gletschers gewandert waren. Diese Bahn wird in ihrer oberen Hälfte alljährlich gewissermaßen wieder hergestellt, indem im Winter die wenigen Wanderer, welche über Furca und Grimsel aus dem Wallis nach Meiringen und Brienz gehen, nicht den tief unter Schnee begrabenen Saumpfad wie wir einschlagen, sondern hoch über dem Aarbett über den gefrornen Schnee, welcher dann die Sohle des ganzen so jäh abfallenden Thales ausfüllt, einen geraderen Pfad wählen, so daß dann tief unter ihren Füßen die wilden Wasser der Aar wie eine unterirdische Wasserleitung im Verborgenen sich abwärts wühlen.

Man kann nicht leicht einen lehrreicheren Weg als den eben beschriebenen machen. Mit nur einiger Kenntniß von der Natur der Gletscher gewinnt man durch ihn die Ueberzeugung, daß die Gletscherthätigkeit einen großen Antheil hat an der Oberflächengestaltung der Erde, selbst an solchen Orten, die jetzt weitab liegen von dem beschränkteren gegenwärtigen Schauplatze dieses mächtigen Wirkens der Natur.



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Die internationale Seite an den Schweizreisen.
Friedrichshafen, den 23. September.

Als ich Ihnen vom Faulhorn aus von der geldgierigen doppelten Besteuerung des Besuchs der Reichenbachfälle schrieb, behielt ich mir vor, am Ende meiner Reise einmal die internationale Seite der Schweizbereisung zu beleuchten. Ich benutze dazu ein Abendstündchen am Bodensee, der mich auf seinen meergrünen Wellen eben wieder herüber an Deutschlands Gestade getragen hat. Das man aber von einer internationalen Seite der Schweizreisen reden könne, wird Niemand bestreiten, der sich daran erinnert, daß neben Uhren, den sogenannten Schweizer- und anderen Waaren auch eine bedeutende Menge Reisegenuß aus der Schweiz exportirt und dafür ein schöner Thaler Geld importirt wird. Die 14,500 Gast- und Wirthshäuser (so daß eins auf je 165 Schweizer kommen würde, wenn sie nur für diese bestimmt wären) weisen deutlich genug auf den außerordentlichen Reiseverkehr hin. Von mehreren Schätzungen des diesjährigen Reiseverkehrs, die ich hörte, lauteten die mittleren auf 30,000 Reisende. Auf den Kopf 50 Thaler durchschnittlich ist sicher eher zu wenig, als hinreichend; das macht in diesem Jahre anderthalb Millionen Thaler. Für eine Bevölkerung von etwa 2,300,000 Seelen eine hübsche Position auf dem Ausfuhr-Budget! Man darf sie aber höchst wahrscheinlich getrost auf zwei Millionen erhöhen. Diese Geldeinfuhr kommt ohne einen Abzug recht eigentlich der Bevölkerung zu Gute, fließt nicht in die eisernen Kästen der Kapitalisten; sie verdient mithin in hohem Grade die Beachtung des Bundesrathes, die sich einfach dahin zu richten hat, diese Geldquelle immer reicher fließen zu machen. Dies kann leicht dadurch geschehen, daß das Reisen in der Schweiz möglichst angenehm gemacht werde. Thäte der Bundesrath nichts dafür (was nicht der Fall ist, da mancherlei von oben herab geschieht, um das Reisen zu erleichtern), so hieße das, die nicht schweizerische Reisewelt der Schweiz tributär machen. Ich wiederhole, daß dies nicht der Fall ist, glaube aber, daß noch weit mehr geschehen könne und müsse, bevor die Eidgenossenschaft sagen kann, daß das Tauschgeschäft zwischen Reisegenuß und Reisegeld, würdig der erhabenen Vermittlerin, der Natur, ein internationales im humanen Sinne des Wortes sei. Ich weiß wohl, daß in dem Verhältniß des internationalen Verkehrs neben dem materiellen Vortheil die Humanität in der Regel wenig zu Worte kommt; aber hier ist das Verhältniß, wie sicher keins weiter, ein laut dazu aufforderndes. Die Eidgenossen sind in dem Besitz eines hohen, nicht nach Geldwerth zu schätzenden Gutes, der Schönheit ihrer Alpennatur, an welchem jeder Mensch das Recht des edelsten Mitbesitzes geltend machen kann. Dieser Mitbesitz läßt sich natürlich aber nur vom humanen Standpunkte aus geltend machen, und ist ihm von Schweizer Seite auch auf humane Weise zu begegnen, wobei ich jetzt keineswegs an den sittlichen Gegensatz inhuman denke, wozu kein Grund vorliegt.

Verschiedene Einrichtungen, z. B. die vereideten, geprüften und an eine feste Taxe gebundenen Alpenführer des Berner Oberlandes, zeugen von einer kantonal-, vielleicht bundesräthlichen Fürsorge für die Reisewelt; ich glaube auch annehmen zu dürfen, daß namentlich in dem am stärksten bereisten Kanton Bern im Kantonalrath ein besonderer Ausschuß für diese Seite der Verwaltung bestehe. Ob aber diese Vorsorge für diese Verkehrsfreunde – im geschäftlichen und im humanen Wortsinne – Bundessache sei, habe ich nicht erfahren können. Wenn es wider Erwarten nicht der Fall wäre, so scheint mir nichts näher zu liegen, als das hierin zur Zeit noch Verabsäumte nachzuholen. Man sage nicht, daß dies blos Sache der einzelnen und vorzugsweise bereisten Kantons sei. Die ganze Schweiz genießt die bedeutende jährliche Einnahme an Reisegeld der Ausländer, denn bekanntlich sind gerade die am meisten besuchten Kantons die am wenigsten erzeugenden, weil ihr Alpenboden dem zuwider ist. Die ebenen, nur schnell durchflogenen Kantons, führen ihre Bodenerzeugnisse den besuchteren zu, um sie in deren zahllosen Gasthäusern zu verwerthen. Die Bereisung der Schweiz ist also nicht Kantons-, sondern Bundesinteresse.

Alle Reisehandbücher sagen, daß es in der Schweiz noch große Gebiete gebe, welche noch wenig oder nicht bereist werden, obgleich sie den am meisten bereisten in nichts nachstehen. Man fühlt jetzt im Berner Oberlande recht lebhaft das Bedürfniß, daß sich der Touristenschwarm doch etwas dünner vertheilen möchte. Mache man doch jene noch unbereisten Gebiete zugänglicher! Es würde dadurch die Fluth der Reisenden etwas breiter vertheilt und gleicherweise ihr Geld Mehreren als jetzt zu Gute kommen. Vielleicht sind die betreffenden Kantons oder Gemeinden zu arm, um für sich allein ihre verborgenen Schätze dem Reiseverkehr zugänglich zumachen. Wenn die Eidgenossenschaft den Reiseverkehr in ihrem Lande von dem höheren internationalen Standpunkte auffaßt, so wird dieses Unvermögen einzelner Kantons nicht länger hinderlich sein. Wahrlich es ist ein neidenswerther Vorzug eines Landes, eine reichfließende Einnahmequelle in der malerischen Schönheit seines Bodens zu besitzen. Wer sie einmal geschaut hat, der findet diese Schönheit so groß, daß er vielleicht einen Grund darin gegen die vorgebrachte Mahnung, mehr für die Touristenwelt zu thun, findet, weil die Größe der Schönheit die Beschwerde des Reisens vergessen mache und, was wohl nicht gering anzuschlagen sein möchte, der unbehinderte freie Zutritt zu der Schweiz die Mitbewerbung des benachbarten paßverschlossenen Tirol und Vorarlberg leicht überwinde. Allein für die meisten Touristen – wie ich die Vergnügungsreisenden unterscheidend nennen will, lieben nun einmal eine gewisse Behaglichkeit des Reisens, und je behaglicher es ihnen gemacht wird, desto lieber und öfter reisen sie.

[668] Zu den noch zur Zeit bestehenden Unbehaglichkeiten oder vielmehr Erschwerungen des Reisens in der Schweiz gehört etwas, was im Interesse der zahlreichen Führerschaft zu liegen scheint: der beinahe gänzliche Mangel an Wegweisern auf den eigentlichen, oft sehr schlecht unterhaltenen, Touristen-Pfaden. Mit dessen Beseitigung könnte leicht eine bestimmte Kennzeichnung dieser Pfade verbunden werden, um sie von den zahllosen Senner-Pfaden zu unterscheiden. Ich glaube, daß diese, dem unbemittelten Reisenden sehr dankenswerthen, Einrichtungen den Führern kaum Abbruch thun würden; denn der Reiche nimmt sich dennoch einen Führer, schon um seinen Reisebedarf tragen zu lassen, und der Aermere nimmt auch jetzt keinen, sondern sucht bei seinen Wanderungen in das Fahrwasser einer geführten Karavane zu kommen.

Die Bettelei ist in der Schweiz ein Gegenstand der allgemeinen Klage. Sie tritt einem in den verschiedensten Gestalten entgegen. Unbedingt zu beseitigen ist der unverholene Bettel und sicher von der Mildthätigkeit des Reisenden für ihn ein reichlicherer Zoll zu erheben, wenn in jedem Gasthof frühmorgens bei dem Bezahlen der Rechnung, wobei man in der Regel ganze Schaaren von Abreisenden sich um den Oberkellner drängen sieht, eine amtlich verschlossene Sammelbüchse ausgestellt oder meinetwegen geradezu vorgehalten würde. In diesem Augenblicke gibt jeder gern einige Centimen, und er hat sie dann auch gerade zur Hand. Auf der Wanderung gibt man oft blos deshalb den Armen nichts, weil man entweder keine kleine Münze zur Hand oder die Hände voll Alpenblumen oder Steine hat oder selbst zu bequem und eilig ist, um in der Tasche zu suchen. Ich bin oft von mit einem amtlichen Abzeichen am Hute versehenen Wegearbeitern angebettelt worden, angeblich, aber sicher nicht der Wahrheit gemäß, für die Besserung des Pfades, an dem der Mann eben vielleicht blos zum Schein ein Bischen herumkratzte. Ist die betreffende Gemeinde unvermögend, die Touristenpfade zu unterhalten, so wird jeder Reisende einen in würdiger Form eingeforderten kleinen Beitrag gern zahlen. Am häufigsten erscheint die Bettelei in einer entschuldbaren aber sicher von vielen Touristen nicht begriffener Form. Alle Minuten sieht man ein Kind an einer der Lattenthüren der Umzäunungen stehen, wodurch die Alpmatten nach ihrem Besitze abgegrenzt sind. Dieser Pförtnerzoll ist kaum eine Bettelei, sondern wurde wahrscheinlich blos dadurch nöthig, daß die Touristen diese Thüren offen stehen ließen und dadurch das Weglaufen des Weideviehes veranlaßten.

Das Feilbieten von Alpensträußchen, Früchten, werthlosen Mineralien will ich nicht zur Bettelei rechnen, obgleich das Feilgebotene seinem Werthe nach oft nur als eine Beschönigung des Bettelns erscheint. Aber unwürdig im höchsten Grade ist es, wenn wie z. B. am „Reichenbach“ und am Handeckfall die Zulassung zum Anblick nur gegen ein hohes Eintrittsgeld gestattet und durch unschöne, mindestens störende Vorbaue die Natur geradezu geschändet wird. Allerdings braucht der Besitzer der vor dem mittlen und oberen Reichenbachfall liegenden Alm den Pfad zu ihnen sich nicht als Servitut gefallen zu lassen. Aber dann lasse man ihn an dem Einkommen der in den Wirthshäusern Meiringens, wo man übernachtete, aufgestellten Büchse Antheil haben. Jene drei schmachvollen Bretterbuden, in denen die arme Natur eingesperrt ist, müssen weg! Ich schalte hier eine Stelle aus einem Artikel der Allg. Zeit. ein, welcher vor einigen Wochen über das Bettlerwesen in der Schweiz sprach: „Die widerliche Industrie der Bettlerschaaren, welche der Schweiz bald alle Romantik nehmen und den Fremden das Reisen gründlich verleiden werden, scheint sogar die hohe Protektion einzelner Kantonsbehörden zu genießen. Hier ein Beispiel. Wenn man das Zuger Dampfschiff in Immensee verläßt und den Weg nach Küßnacht einschlägt, so kommt man durch die hohle Gasse, wo bekanntlich Tell den Landvogt Geßler erschossen haben soll. Eine Kapelle, vor zwanzig Jahren restaurirt, steht am Eingange des Hohlweges. Ueber der Thür stellt eine werthlose Freske die Handlung vor; ein schlechter Vers erläutert das Bild. Ehedem war diese tiefe, buchendunkle Gasse mit der einsamen alten Kapelle ein recht geheimnißvoller Winkel, welcher Eindruck auf den empfänglichen Wanderer hervorzubringen geeignet war. Seit aber der Hohlweg aufgefüllt wurde, und die geldgierige Spekulation ein nüchternes, selbst überflüssiges Wirthshaus neben der Kapelle hinkleckste, hat diese Stelle viel von ihrer Romantik verloren. Seit diesem Sommer macht die dort getriebene Bettelindustrie den Platz völlig widerlich. In der Tellskapelle lauert nämlich ein alter Schwyzer, der in gelb und schwarzer Uniform, mit Armbrust und Pfeil bewaffnet, die Reisenden anfällt und mit den Worten begrüßt: „Syd se guet und gänd em alte Wilhelm Tell au es Almuese!“ Macht man ihm Vorwürfe über das Unschickliche der Maskerade, so sagt er keck: „Unseri Herre hän mi g’hieße!“ Sollte dies auch unwahr sein, so viel ist gewiß: die Behörden des Kantons Schwyz kennen diesen Skandal, und dulden ihn trotz der in öffentlichen Blättern wiederholt ausgesprochenen Rüge. Haben die Leute so wenig nationales Ehrgefühl, daß sie die Geschichte ihres Helden auf eine solche Weise lächerlich machen lassen? Es fehlt nur noch, daß dieser Tell den Schiller’schen Monolog einstudirt.“

Die Wirthshaustaxe ziehe ich nicht so unbedingt in das Bereich meiner Klagen, weil ich lieber von der Mitbewerbung als von dem Zwange ein Einschreiten erwarte. Freilich muß die Mitbewerbung sich dann frei bewegen können. Die Gasthäuser sind theuer, aber nicht in dem Grade, wie sie verschrieen sind. Bei den Klagen über theure Wirthshaus-Rechnungen in der Schweiz muß man billig in Anschlag bringen, daß gewiß viele jener Wirthe außer der kurzen Reisezeit, die durchschnittlich kaum mehr als drei Monate dauert, kaum einen anderen lohnenden Erwerb haben mögen. Eigentlich übervortheilt bin ich nur einmal worden, und zwar in einer sogenannten Pension in Interlaken. Diese Pensionen muß man meiden, wenn man nicht geradehin einige Tage ruhig liegen bleiben will. Man zahlt nämlich daselbst eine bestimmte Tagessumme und hat dafür Zimmer, Frühstück, Mittag- und Abendessen. Macht man während der Tage, daß man in einer Pension wohnt, Ausflüge, so zahlt man, wie billig, auch das Versäumte. So ging mir es und ich hätte mich nicht zu beklagen, wenn die Pension sich nicht auch zugleich als Hotel ankündigte. Es hatte den Leutchen gefallen, mich gegen meinen Willen als Pensionär zu behandeln. Die Pensions machen auf diese Weise jedenfalls die besten Geschäfte.

Ich bin weit entfernt, die Gartenlaube zu einer diplomatischen Note hinaufschrauben zu wollen, aber ein Schweizer, auf den seine Landsleute mit Recht stolz sind, hat die Novelle geschrieben: „Kleine Ursachen, große Wirkungen.“ Nützen meine Bemerkungen nichts, so schaden sie auch nichts und dabei bleibe ich: das Schweizreisen hat für die Eidgenossenschaft eine höchst bedeutungsvolle internationale Seite.