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 Ich weiß und habe es von dem erfahrenen Seelsorger, Herrn Pfarrer Löhe, in mich aufgenommen, daß manche Menschen ihr Leben lang am Gängelband bleiben müssen und nie dazu kommen, daß sie eine Führung übernehmen können. Die sollen sich doch in Demut unterordnen. Wer von Natur zum Anlehnen an andere gemacht ist, kommt leicht auf eine falsche Bahn, wenn er allein stehen will.


 Ferien sind dazu gegeben, daß die Diakonisse mit Gott allein ist und ihr Verhältnis zu Gott in Ordnung bringt. Darum sind wir so schwach, weil wir es mit der Pflege unseres inwendigen Lebens nicht genau nehmen.


 Wir müssen darauf halten, daß jedenfalls ein Teil der Ferien im Mutterhaus zugebracht wird. Es ist kein gutes Zeichen für eine Schwester, wenn das Mutterhaus etwa nur eilenden Fußes besucht wird und Begrüßung und Abschied fast ineinander fließen, so daß von einem Eingehen und tieferen Versenken in die Gedanken, welche das Mutterhaus bewegen, gar nicht die Rede sein kann.


 Eine richtige Diakonisse vergißt auch während der Ferien nicht, welch ein kostbares Gut die Zeit ist, welch ein Kapital uns in ihr anvertraut ist, das wir bewuchern sollen.


 Sammlung und Stille, ernste Selbstprüfung, rückhaltloses Aussprechen, Rat und Antwort erholen für manche Fragen, die im Laufe des Jahres aufgetaucht und nicht geklärt worden sind: das ist es wohl, wozu die Ferien dienen sollen.


 Niemand kehre aus dem Mutterhaus ungetröstet zum Beruf zurück! Jede Schwester ziehe reichlich gestärkt fröhlichen Herzens von dannen. Diese Freude wird auch die eigentliche Werbekraft für andere bilden.


Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: So wir im Lichte wandeln. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1959, Seite 36. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_So_wir_im_Lichte_wandeln.pdf/40&oldid=- (Version vom 22.8.2016)